Livebericht: Prog At Sea – Stena Line 31.08.-01.09.2019

Nach den Jahren erfolgreicher Editionen von Prog Rock Kreuzfahrten in Übersee wird nun auch der erste Versuch unternommen, etwas vergleichbares in Europa auszuprobieren. Dabei erscheint das Konzept von PROG AT SEA, sich für diese Veranstaltung auf einer Linienfähre einzubuchen, wohldurchdacht. Denn genau diese Route wird von vielen Norwegern sowieso in nicht unerheblichem Maße als Einkaufs- und Vergnügungsfahrt genutzt. Damit geht keiner der Beteiligten ein kommerzielles Risiko ein. Das Venue auf dem Schiff begrüßt den Gast in Gestalt einer großen Bar mit Ledersitzgruppen und weichem Teppich, die bequem Platz bietet für 150 bis 200 Zuhörer.

Pünktlich um 21 Uhr beginnen WINDMILL mit ihrer eher einfach gestrickten, am Neoprog angelehnten Musik. Sicher ein guter Opener, um anzukommen. Spannender ist da jedoch der Auftritt von MAGIC PIE, die dem deutschen Publikum (wie auch WINDMILL) von ihrem Auftritt beim „Night Of The Prog“ Festival auf der Loreley bekannt sein dürften. Und die Norweger hauen dann gleich mal ihr frisch erschienenes Album „Fragments Of The 5th Element“ inclusive des 20-Minuten-Longtracks „The Hedonist“ an einem Stück raus. Die Mischung aus defacto allen möglichen stillen des Prog im Retro Gewand machen großen Spaß.

Um Mitternacht starten die FLOWER KINGS ihr Set. Gesetzt als Headliner des Festivals, erlebt man mit ihnen nach ihrer überraschenden Rückkehr 2018 gerade deren dritten Frühling. Die neuen Bandmitglieder Zach Kamins am Keyboard und Mirkko de Mail an den Drums fügen sich sehr gut ein, und die klassischen Longtracks aus der Hochphase der Band werden mit großer Spielfreude und Perfektion dargeboten!

Einige hartgesottene Cruiser lassen sich vorm Schlafen gehen mit der Kapelle AN EVENING WITH DREAM THEATER nochmal in Wallung bringen, und zwar mit dem an einem Stück gespielten DT Klassiker „Scenes From A Memory“! Ok, eine Sängerin als James LaBrie Ersatz ist Geschmackssache, und eine Bassgitarre mit sage und schreibe sieben (!) Saiten hat für den geneigten Prog Fan eher optischen als akustischen Wert. Allerdings wird das schwierige Material in hervorragender Qualität gespielt und fesselt den Fan bis ca 3.30 Uhr morgens in die Sitze.

Der zweite Tag beginnt mit einer Überraschung. PREHISTORIC ANIMALS sind nicht mal dem skandinavischen Fachpublikum ein Begriff. Sie absolvieren hier erst den dritten Gig ihrer Bandhistorie (!) Begeistern aber mit melodiösen, zupackenden und leidenschaftlich gespieltem Prog, der mich an Bands wie Sound of Contact und Deam the Electric Sleep erinnert. So geht das pressfrische erste Album für 200 Norwegische Kronen am Merch weg wie warme Semmeln.

Es folgt mit KAIPA DA CAPO ein skandinavischer Act mit Kultcharakter. Die Mannen um Roine Stolt (drei der vier Original Kaipa Mitglieder aus den 70ern sind heute dabei) überzeugen mit ihren getragenen und zugleich zielgerichteten Kompositionen, ganz gleich, ob die Stücke aus den Siebzigern oder vom 2016er neuen Album „Darskapens Monotoni“ stammen.

HASSE FRÖBERG & MUSICAL COMPANION sind ob ihrer geringen live Präsenz in den letzten Jahren der vielleicht an sehnsüchtigsten erwartete Act an Bord. Vielleicht der eigentliche Festival Headliner? Die Hälfte des Konzerts besteht aus Material ihres brandneuen Albums „Parallel Life“. Und allein schon der 20-minütige Titeltrack zeigt die Band ausgereifter, austarierter im Sound und mutiger in der Instrumentierung der Stücke als je zuvor.

Leider muss dieser Gig (wie fast alle anderen auch) gekürzt werden. Das nächste Mal sollte es vielleicht eine Band weniger sein, oder man verlängert das Festival auf ganze 48 Stunden. Außerdem etwas verwaschenen in Licht und den zum großen Teil in skandinavischen Sprachen erfolgten Ansagen (offenbar wurde kaum mit internationalem Publikum gerechnet) gibt es an der Veranstaltung jedoch kaum etwas auszusetzen. Ob es eine Fortsetzung geben oder bei diesem Testballon einer europäischen Prog Rock Kreuzfahrt bleiben wird ist übrigens noch nicht geklärt. Die Anreise aus Deutschland zu diesem Ereignis hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.

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