Livereport: Godspeed You! Black Emperor

Wenn man von Independent Rock Bands spricht, gibt es kaum ein besseres Beispiel als die Kanadier GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR. Sie werden seit Jahren als weltweit federführend und stilprägend im Bereich Post Rock gewertet, obwohl sich die Band gegen diese Einordnung wehrt. Ihre Instrumentalmusik ist durch zumeist lange Stücke gekennzeichnet, die sich oft sehr langsam entwickeln und auf ihren Höhepunkten dann als hochemotionale Wellen auf den Hörer einfluten. Am 27.09.2022 gastierte die Band im Felsenkeller Leipzig.

Ich begleite die Band mit entsprechenden Pausen inzwischen seit 20 Jahren. Alle paar Jahre tauchten überraschende Konzertankündigungen auf. Erfreulicherweise war auf den Touren zumeist irgendeins der allgemein seltenen Konzerte hier in der Region dabei. Am Merch war dann immer ein neues Album zu finden. Musik von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR war lange Jahre nirgends bestellbar. Informationsführende Internet-Präsentationen gab es nicht, eine eigene Homepage ist auch aktuell nicht zu finden. Facebook Einträge werden äußerst selten vorgenommen. Inzwischen kann man die Alben der Band im Netz bestellen, beispielsweise auf einer eigenen Bandcamp-Seite. Am Merch in Leipzig konnte man alle Studioalben als CD oder Vinyl erwerben.

Die Mystik der Kapelle wird weiter dadurch gesteigert, dass auf den allgemein sehr schlichten CD-Covern ein Band- oder CD-Name, Titelbezeichnungen, Bandmitglieder oder Credits entweder gar nicht oder nur verschleiert zu finden sind. Dafür aber oft unscharfe Bilder und scheinbar Handgeschriebenes, die auf politische Aussagen abzielen. Die Alben haben entsprechende Konzepte, die sich dann auch in den Titelbezeichnungen niederschlagen. Obwohl es natürlich schwierig ist Konzepte in rein instrumentaler Musik zu transportieren. Auf jeden Fall stehen diese Konzepte und die Musik im Mittelpunkt, nichts soll davon ablenken.

Als Support Act ist Tashi Dorji angekündigt. Es erscheint ein introvertierter Herr mit Corona-Gesichtsmaske auf der Bühne und improvisiert über 40 Minuten am Stück auf seiner Gitarre. Er bearbeitet dabei sein Instrument unter anderem mit Metallstäben auf und einem Drumstick hinter den Saiten, arbeitet teilweise mit Loop Station. Der Gitarrenhals wird auf den Boden gestampft oder über den Boden gestrichen. Teilweise sind auch Sektionen und Strukturen erkennbar, und die Musik führt in der Grundstimmung schon auf den Hauptact hin. Ich muss aber konstatieren, dass ich das Ende des Sets doch herbei sehnte.

Pünktlich 21 Uhr waren die letzten Checks auf der Bühne abgeschlossen und es setzte ein leiser Bass-Ton ein. Das Licht verdunkelte sich nur leicht, das Publikum murmelte weiter. Die wenigsten dürften mitbekommen haben, dass das Konzert gerade angefangen hatte. Tatsächlich sollte diese Szenerie noch weitere sieben Minuten anhalten, bis sich das Licht weiter verdunkelte, zwei Musiker*innen (ja es war eine Frau dabei) die Bühne betraten und über diesen Basston den ersten Song zu entwickeln begannen, der dann eine halbe Stunde andauern sollte. Nach und nach hatten acht Musiker Platz genommen: drei Gitarristen, zwei Bassisten (wovon einer zeitweise einen Kontrabass bediente), zwei Drummer und eine Violonistin. Das Ganze spielte sich in einem dem Publikum zugewandten Halbkreis ab. Die Musiker spielten introvertiert, größtenteils sitzend, kommunizierten nicht mit dem Publikum (es gibt keinerlei Mikrofon auf der Bühne) und kaum mal über Blickkontakt innerhalb der Band. Man meinte, Zeuge einer Art Generalprobe zu sein oder die Band im Probenraum zu beobachten.

Trotzdem: Die Band war perfekt eingespielt. Jeder Ton, jeder Sound stimmte, nichts geschah zufällig. Die Sounds die da erzeugt werden sind nicht erklärbar und auch mit aufmerksamen Verfolgen der spielenden Musiker oft nicht nachvollziehbar. Klar muss man sich auf Länge und Langsamkeit der Musik einlassen können, aber wenn man das tut erzeugt das Ganze eine enorme emotionale Sogwirkung, der man besonders im Climax der Stücke sich kaum entziehen kann. Die Setlist kann kaum nachvollzogen werden, wegen der generellen Schwierigkeit Stücke überhaupt von den CD ́s her zu erkennen, und offenbar wurden in der Show auch noch Elemente verschiedener Songs zu neuen Stücken verwoben. Ich meinte fünf Stücke wahr genommen zu haben, das erste mit 30 und vier weiter mit jeweils 20 Minuten Länge. Es liegt wohl im Interesse der Band, derartig analytische Ansätze zu erschweren, zu verschleiern, und nur die Musik an sich wirken zu lassen. Gefreut habe ich mich aber, dass mit „Rockets Fall On Rocket Falls“ es ein Longtrack meines Lieblingsalbums „Yanqui UXO“ auf die Setlist in Leipzig geschafft hat.

Ein Bühnenlicht fand praktisch nicht statt. Die einzige Beleuchtung kam von vier analogen Schmalfilmprojektoren hinter dem Publikum, welche nach- und nebeneinander Filmschnipsel auf die Bühnenleinwand projizierten. Die Schmalfilme waren gut sichtbar vor und nach dem Konzert neben den Projektoren aufgehangen. Diese „Beleuchtung“ diente dazu, das konzeptionelle Anliegen der Musik zu unterstreichen und von den Musikern auf der Bühne abzulenken.

Als der letzte schwere Akkord aufgebaut war, verließen die Musiker wieder einzeln die Bühne. Jeweils ein kurzer Blick und das Heben der Hand dem Publikum zum Gruß. Zwei von ihnen kamen zurück, um den Sound langsam an den Reglern wieder abzubauen. Das Saal-Licht ging an, keine Zugabe, das Publikum zeigte sich erstaunt wegen des eigenartigen Abschlusses und beeindruckt vom gerade zu Ende gehenden musialischen Erlebnis. Man wußte nicht, sollte man jetzt applaudieren? Kommt noch was? Ich ging nach einem wirklich ungewöhnlichen, aber tollen Konzert zufrieden nach Hause mit dem Wissen, das nächste Mal wieder dabei sein zu wollen, sollte es wieder GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR in der Gegend geben.

Setlist:

1.Hope Drone

2.Job ́s Lament

3.First Of The Last Glaciers

4.Bosses Hang

5.Cliff ́s Gaze

6.Rockets Fall on Rocket Falls

7.The Sad Mafioso

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