Review: Reflection Club – Still Thick As A Brick

Im März 2021 erscheint nach ganzen 4 Jahren der Vorbereitung relativ unauffällig mit „Still Thick as a Brick“ ein bemerkenswertes Konzeptalbum auf dem deutschen Markt. Die Musik ist zunächst durch einen sonoren tieferen Gesang und durch Flöte und Gitarre gekennzeichnet. Das Werk besteht aus 48 Minuten Musik in 11 Stücke geteilt, aber gestaltet als ein Stück im Ganzen zum Hören am Stück.

Tracklist:

Part 1: Prelude

Part 2: Time out

Part 3: Years on the Fast Track

Part 4: Rellington Town

Part 5: The Club of Hopeful Pinions

Part 6: The Foray of the Sharks

Part 7: Sentimental Depreciation

Part 8: Neversoothers

Part 9: The Geat Dance around the Golden Calf

Part 10: Bedlam

Part 11: Look across the Sea

Thick as a Brick? Sonorer tiefer Gesang? Querflöte? Da war doch was… Richtig! Die Parallelen zu einem der bedeutendsten Alben des Progressive Rock („Thick as a Brick“ von JETHRO TULL) sind durchaus beabsichtigt. Auch beim Klassiker haben wir ein komplettes Stück auf zwei LP Seiten verteilt. Klar ist das Erstwerk von REFLECTION CLUB mit seinem Vorbild vergleichbar, und Puristen werden sicher gelangweilt abwinken. Schaut man aber genauer hin, so findet man ein sehr eigenes Werk im Retro – Gewand, was aktuelle Themen in seinen umfangreichen Lyrics aufgreift.

Das gesamte Album klingt wie eine musikalische Erzählung. Klassischer Strophe-Refrain-Aufbau fehlt, die einzelnen Stücke haben fließende Übergänge. Es wogt leicht auf und ab, die Wellen tragen den Hörer angenehm durch die Musik. Versucht man sich den Lyrics zu nähern, so geht es in der inhaltlichen Klammer „Time Out“ und „Look across the Sea“ um Sehnsucht nach Ausbruch, nach Veränderung und Fragen nach der Sinnhaftigkeit des täglichen Strebens nach mehr Geld. Die fiktive Stadt Rellington ist dabei der Ort dieser Sehnsüchte „Rellington Town“. Sonst wird in den Texten das Leben geldgieriger Finanzmogule beschrieben und deren Machenschaften angeklagt. So soll der Co-Autor George Boston, großer Finanz-Mogul von Rellington, gemeinsam mit seinem alten Kumpel und Vater des Projekts Lutz Meinert die Story und die Lyrics geschrieben haben, was dem Album einen gewissen autobiografischen Touch (zumindest aus Sicht von George Boston) gibt. Im JETHRO TULL-Urwerk soll die dortige Geschichte ja ein 8jähriger Schuljunge Gerald Bostock geschrieben haben, die nächste bewußt gezogene Parallele.

Die DVD ist nochmal ein völlig anderes Erlebnis. Der 5.1 – Sound klingt im gewählten DTS Format deutlich und angenehm satter als auf der CD und klar, Raumklang ist nochmal etwas ganz anderes zum Genießen. Für die Visualisierung der Musik werden Fotos als Diashow verwendet, die genau zu dem passen , was man gerade hört. Bilder von Instrumenten oder Szenerien, die genau darauf getimt sind, was gerade in den Lyrics stattfindet. Das Ganze ist so detailreich, so dass beispielsweise ein kleines eingebautes Glöckchen durch eine ganz kurze Fotosequenz mit einem Glöckchen optisch untermalt wird. Viele Ideen zaubern mir einfach beim Schauen immer wieder ein Grinsen auf die Lippen. Darüber hinaus werden die Texte als Untertitel in 5 Sprachen (!) angeboten! Das Mitlesen der deutschen Übersetzung sowie die Diashow erleichtern den Zugang zum Inhalt des Werkes natürlich enorm.

„Still Thick as a Brick“ ist völlig in Eigenregie (Madvedge Records) entstanden und wird auch unabhängig vermarktet. Umso bemerkenswerter ist auch deshalb das Layout. Das Werk gibt es neben LP- und Download – Versionen ausschließlich (!) als Buchform mit CD und DVD. Das Buch soll eine Hardcover – Version des fiktiven Musikmagazins „Rellington Stone“ darstellen und enthält auf ganzen 70 Seiten mega viel Text mit Bildern illustriert. Da sind wir bei der nächsten bewußten Parallele zum Prog-Rock-Klassiker „Thick as a B rick“; damals ist die LP im Layout einer Zeitung erschienen. Der hier vorliegenden Hardcover-Ausgabe des „Rellington Stone“ liegen angeblich die beiden Tonträger kostenlos bei – alles eine Frage der Ansicht. 🙂

Beim Durchblättern und Lesen spürt man überall leisen Witz und Augenzwinkern ob der Inhalte. Komplett in Englisch wird dargestellt, dass das REFLECTION – CLUB – Album als Titelstory der aktuellen Ausgabe des Magazins dient, unter anderem mit Infos zu Hintergründen. Über die Webseite wird ein Download mit einer deutschsprachigen Übersetzung angeboten. Die Texte des Werkes sind unterstützend zum musikalischen Erzählstil der Musik in Blockform als Zeitungsartikel abgedruckt. Gespickt ist das „Magazin“ mit weiteren fiktiven Dingen wie Berichten oder Kultur-Werbung für Plattenläden aus Rellington, aber auch mit Rezensionen von fiktiven Musikern oder anderen Projekten . Es ist eine Freude, diese Kreativität zu spüren und in diesem Buch zu blättern, selbst wenn man die Musik gerade mal nicht aufgelegt hat! Das Buch mit der Musik und der Surround-DVD mit der Diashow als Visualisierung macht das Ganze über das reine Konzept-Album hinaus zu einem definitiven Gesamtkunstwerk, bei dem man die Orientierung am klassischen Vorbild von JETHRO TULL nicht wirklich braucht. Egal auf welcher Ebene man sich dem Werk nähert, man staunt nur ob der enormen Kreativität, die hier an den Tag gelegt worden ist.

Beim REFLECTION CLUB wirken auch alte Bekannte mit. Der Sänger Paul Forrest klingt nicht nur wegen seiner stimmlichen Nähe zu Ian Anderson vertraut, er ist mit Martin Barre und seiner JETHRO TULL EXPERIENCE bereits durch deutsche Clubs getourt. Und die Gitarre von Nils Conrad ist vielen Fans bereits bei CRYSTAL PALACE vertraut. Über allen steht aber Lutz Meinert, dem es eine Herzensangelegenheit war, sich für dieses Mega – Projekt vier Jahre Zeit zu nehmen und uns Prog – Rock – Fans jetzt vorzulegen. Ich wünsche dem Projekt ganz viel Erfolg, den es definitiv verdient hat. JETHRO-TULL- Fans, die auch offen für Neues sind, sollten hier unbedingt zugreifen. Für die , die zunächst probieren möchten – der viereinhalb Minuten lange youtube-Albumtrailer gibt einen sehr guten ersten Einblick in dieses Werk.

Wertung: 9 / 10

Reflection Club:

Paul Forrest (Gesang, Akustik Gitarre und Querflöte in Part 2)

Nils Conrad (Elektrische Gitarre)

Ulla Harmuth (Querflöte)

Lutz Meinert (Background Gesang, alle anderen Instrumente, Mix, Master, Surround Sound)

Komposition, Arrangement und Produktion : Lutz Meinert

Texte : Lutz Meinert gemeinsam mit George Boston

Order: www.madvedge.de

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