Review: Haken – Vector (2018) / Virus (2020)

Der britisch/amerikanisch/mexikanischen Band HAKEN wird oft eine gewisse Nähe zu Dream Theater nachgesagt. Nicht ganz zu Unrecht. Besonders die Zusammenarbeit mit Mike Portnoy und die Mitwirkung der de facto gesamten Band in dessen Live Projekt „Shattered Fortress“ im Jahr 2017 pflegten dieses Image. Dieses Bild wird HAKEN allerdings nicht gerecht. Bereits mit dem ersten Album „Aquarius“ 2010 begann der Aufbau eines eigenen Bandstils, der stetig verbessert wurde. Die krankesten rhythmischen Gebilde und wildesten Instrumentalfahrten dienen nie der Selbstverwirklichung der wirklich genialen Musiker, sondern sind immer Zusammenspiele in der Band, die den musikalischen Bogen des jeweiligen Songs nicht aus den Augen verlieren. Auf jedem Werk achten die Protagonisten auf den gewissen Fluß im Album, auf ein gewisses Albumkonzept. Von Album zu Album wird in Richtung Qualität des Sounds, verwendeter technischer Mittel und eingearbeiteter Ideen eine Schippe drauf gelegt. Der Fan staunt und meint: wo soll das Ganze mit dem nächsten Album denn noch hinführen? Und nicht zuletzt sind im Gegensatz zu Dream Theater trotz des zum Teil verwendeten krachendem Prog Metals alle Instrumente ausgewogen abgemischt und tatsächlich gut zu hören.

Tracklist: Vector

Clear

The Good Docctor

Puzzle Box

Veil

Nil By Mouth

A Cell Divides

Tracklist: Virus

Prosthetic

Invasion

Carousel

The Strain

Canary Yellow

Messiah Complex

I. Ivory Tower

II. A Glutton for Punishment

III. Marigold

IV. The Sect

V. Ectobius Rex

Only Stars

Als mitten in der ersten Welle der Pandemie im Spätwinter 2020 HAKEN ein neues Album mit dem Titel „Virus“ ankündigt, dachte man zuerst an Fake News, später an einen Marketing Gag. Denn die Band läßt sich schließlich immer ein cooles Konzept einfallen, um das „Virus“ (g) von neuem Material gezielt im Netz zu verbreiten. Tatsache war allerdings, dass bereits im Rahmen der Arbeiten an „Vector“ seit 2018 an einem Konzept und an Material gearbeitet wurde, welches über zwei Alben reicht und für zwei getrennte Veröffentlichungen vorgesehen war. Beim zweiten Album kam dann das richtige Virus dazwischen, hier ausnahmsweise eher mit positivem Effekt. Mit beiden Alben kehrt eine angenehme Grundhärte in die Musik zurück, die man nach dem zweiten Album „Visions“ etwas verlassen hatte. Das aber dann mit größerer Wucht und technisch fortgeschrittener als je zuvor.

Aber beginnen wir von vorn. Die Geschichte der beiden beschriebenen Alben beginnt gewissermaßen bereits 2013. Der Song „The Cockroach King“, drittes Stück auf „The Mountain“, über die Jahre eine Hymne der Band geworden und wohl in keinem der vielen Live-Konzerten fehlend, ist Ausgangspunkt der Grundidee der beiden Alben. Uns wird von einem Kakerlaken König berichtet, der auf seinem Thron sitzt und ein Königreich auf List und Gier erbaut. Im Text wird weiter eine Sehnsucht beschrieben, ein Schüler dieser Kakerlake zu sein. „Die große Illusion winkt mit dem Versprechen zu betrügen“. Ein Schelm wer einen tieferen Sinn hinein interpretiert.

Diesen Wahnvorstellungen soll nun ein Ende bereitet werden. So wird uns anderthalb Alben später auf VECTOR nach dem Intro nämlich „The Good Doctor“ namens Dr. T. Rex vorgestellt. Dem Patienten verschreibt der Arzt eine Elektroschock Therapie (Arztrezept im CD Inlay), um ihn von seinen Wahnvorstellungen zu heilen. Die Lyrics sind mit Schreibmaschine oder handgeschrieben im CD Inlay auf vergilbten Zetteln z.B. als Arztrezepte um einen Krankenhaus Plan herum abgedruckt. Dieses Artwork setzt sich in „Virus“ fort, nur die Farbe und das Album Logo sind anders. Der Name der Nervenklinik am „Mountpath view“ (das Album mit „Cockroach King“ heißt „The Mountain“) sind auf beiden Alben die gleichen; und letztlich ist am Ende des CD Inlays von „Virus“ auch eine tote Kakerlake zu sehen. Ist der Patient damit geheilt? Jedenfalls wird es umso spannender und tiefgründiger, umso mehr man sich mit diesem Gesamtkonzept befasst, auch auf die Gefahr hin, selbst nervenkrank zu werden.

Das psychotischste Stück des psychotischen genialen „Vector“ ist das Instrumental „Nil by mouth“ ist der vielleicht verrückteste Ritt der bisherigen HAKEN Geschichte, auf dem man diese Psychose beinahe körperlich selbst empfindet.

Auf „Virus“ geht der Spaß dann weiter, denn es begrüßt uns mit dem Opener „Prosthetic“ gleich mal das vielleicht härteste Brett, das HAKEN je gemacht haben. Die Härte wird dann im Laufe dieses Albums aber ganz gezielt eingesetzt. So sind die weicher gebauten Stimmungswechsel in den Titeln eins bis fünf einfach genial und zwingen nicht nur zu einem Grinsen. Musikalische Motive wiederholen sich im Album oder albumübergreifend. So entdeckt man beispielsweise spät, dass das Motiv der Outtro Song „Virus“ („Only Stars“) in verschiedenen Stücken und Härtegraden bereits auf „Vector“ zu finden ist.

Spätestens hier ist unter all den Spitzenmusikern in dieser Kapelle der Keyboarder Diego Tejeida einmal herauszuheben. Ich sehe ihn als einen der innovativsten Keyboarder unserer Tage. Was der Mann über die Jahre an zeitgemäßen Keyboards entdeckt und auf dieser Basis besondere Sounds entwickelt hat ist einfach genial. Er hat den vielleicht größten Anteil am sich ständig weiter entwickelnden HAKEN Sound. Auch das Besondere der harten Passagen wird durch seinen Einfluss teilweise eher verstärkt als weich gespült!

Leider entdecke ich auf „Virus“ das erste Mal in der HAKEN Diskografie längere Passagen, die mir emotional ins Leere gehen. Ok, „The Strain“ zündet nicht. Kommt bei einem Song schon mal vor. Aber dass dies ausgerechnet beim groß angelegten zweiten Teil des Albums „Messiah Complex“ ebenfalls passiert ist doch überraschend. Ja, es werden Motive verschiedenster Songs der beiden Alben, letztlich auch von „The Cockroach King“ verarbeitet und bilden damit einen großen Bogen nicht nur über die beiden rezensierten Alben. Man ist gefordert, diese Motive zu erkennen und zu entdecken. Aber die Spannung kann über diese 20 Minuten im Gegensatz zu den anderen Killer-Longtacks der Bandgeschichte nicht gehalten werden. Es werden hier die Experimente in Sound und Rhythmus zurück genommen, die der geneigte Fan über die Jahre lieb gewonnen hat. Es sprechen über das gesamte Werk an sich durchgehend klassische Metal Gitarren und Härte. Hier ist mir auch die Dosis Dream Theater zu groß.

HAKEN sind heute eine der tragenden Bands des PROG und des PROG Metal. Jedes Album war bisher spannend. Es wird eine Freude sein, was die Jungs weiter präsentieren werden, und die Band wieder auf live Bühnen abzufeiern. Die ersten Deutschland Konzerte sind nach langer Pause für Februar 2022 angekündigt, hoffen wir dass es klappt.

Wertung: Vector 9 / 10 Punkte

Wertung: Virus 8.5 / 10 Punkte

Haken:

Conner Green (bass)

Charles Griffths (git)

Raymond Hearne (dr)

Richard Henshall (git)

Ross Jennings (voc)

Diego Tejeida (keyb)

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