Review: YES – The Quest (2021)

Üblich ist, dass die Ankündigung eines neuen Albums einer bedeutenden Band mit großer Vorfreude und viel Spannung aufgenommen wird. Es ist schon verdammt selten, dass die Fans dies mit so viel Zurückhaltung und Skepsis quittieren wie die Ankündigung des neuen YES Albums „The Quest“, welches am 1. Oktober 2021 erschienen ist. Die Band, die allgemein als Grundsäule des Progressive Rock gesehen wird, hat aber auch das ihrige zu dieser Skepsis beigetragen. Denn die in den letzten 20 Jahren vollzogenen Personalwechsel bringen die Band nicht wirklich voran, die wenigen veröffentlichten Alben in dieser Zeit enttäuschten oder waren so la la.

Tracklist CD1

1. The Ice Bridge a) Eyes East b) Race Against Time c) Interaction

2. Dare To Know

3. Minus The Man

4. Leave Well Alone a) Across The Border b) Not For Nothing c) Wheels

5. The Western Edge

6. Future Memories

7. Music To My Ears

8. A Living Island a) Brave The Storm b) Wake Up c) We Will Remember

CD2 Bonus Tracks

1. Sister Sleeping Soul

2. Mystery Tour

3. Damaged World

Ok, legen wir das alles mal beiseite und versuchen unvoreingenommen und mit positiver Grundstimmung uns die neue Musik auf die Ohren zu tun. Ein ruhiges und entspanntes „The Ice Bridge“ mit einer angenehmen Länge von sieben Minuten und einem schönen Instrumentalen Outtro steht am Anfang. Uns begrüßen hier vertraute Yes-Klänge in Gitarre und Bass, die das gesamte Album wohlwollend tragen. Es folgt das Highlight des Albums, das balladeske „Dare to know“. Ein Orchester ist gleichwertiger Begleiter zum Rock-Instrumentarium, und ja, als das Orchester im Mittelteil das vorher von der Band vorgestellte Motiv übernimmt, was dann von Howe ́s Steel guitar abgelöst wird, macht schon mal ein Gänsehäutchen. Es folgen direkt noch zwei weitere Songs mit integriertem Orchester und später mit „Future Memories“ ein balladeskes Stück ohne Schlagzeug. Alles ist in freundlicher und positiver Grundstimmung gehalten, auf die man sich gerne einlassen kann. Die Texte erscheinen sphärisch und abgehoben, frei von lyrischem Pandemie- Blues, obwohl auch hier die Zeit das Entstehen des Albums massiv beeinträchtigt hat.

Schaut man über das gesamte Album, so ist das Ganze recht wenig dynamisch. Alles plätschert so dahin, es gibt kaum besondere Ausbrüche von Emotionen, den großartige Songs oder beispielsweise ein außergewöhnliches Solo beim Lauschen provozieren würde. Gerade das lieben doch die Fans so an den Yes-Werken! Auch Jon Davidsons Gesang ist gleichförmig und ruhig, an manchen Stellen wirkt sein Beitrag sogar schüchtern. Man kann „The Quest“ als ein Werk alternder Musiker empfinden: solide gemacht, keine Frage, aber alles klingt irgendwie zu entspannt, gereift und zufrieden. Bezeichnend ist dass ausgerechnet der Song mit dem Namen „Music To My Ears“ der vielleicht schwächste der CD1 ist. Über die drei „Bonus Tracks“auf CD2 kann man komplett den Mantel des Schweigens decken. Das ist Durchschnitt, da bleibt nichts im Ohr, schlicht belangloses Material, auf das man hätte komplett verzichten können.

Steve Howe hat das Album produziert. Er ist ein begnadeter Gitarrist; einer von vielleicht einer Handvoll im Universum, deren Handschrift man an bereits wenigen Tönen erkennt. Sehr gefällig sind auf diesem Album klingt seine Akustikgitarre beispielsweise am Anfang von „The Living Island“. Gerne darf er sich in den Vordergrund spielen, was er aber nicht wirklich tut. Billy Sherwood füllt die übergroßen Fußstapfen seines Vorgängers und Freundes Chris Squire gut und erfüllt dessen letzten Wunsch, Yes mit seinem Bass Spiel weiter leben zu lassen. Ich empfinde aber trotzdem eine gewisse Zurückhaltung oder Respekt im Spiel, ist es doch das erste Album ohne Chris Squire in der über 50jährigen Bandgeschichte. Jon Davidson hält sich wie beschrieben zurück; Alan White spielt wie immer dynamisch, aber songdienlich. Unbeantwortet bleibt der Beitrag von Jay Schellen zu dem Album, der zwar als sechstes Mitglied der Band offiziell geführt wird, aber in keinem der Songcredits genannt ist.

Die Ansätze auf dem Album sind da, die Herren können oder wollen diese aber nicht so ausarbeiten, dass dabei richtig tolle Musik entsteht. Alles bleibt irgendwie introvertiert. Ein geniales Meisterwerk a la „Close To The Edge“ oder „Relayer“ war bei allem Optimismus natürlich eh nicht zu erwarten, aber das Album geht grundlegend in Ordnung. Objektive Kritiken sind Geschmackssache; Häme ist aber unangebracht. Das Kollektiv um Steve Howe traut sich wenigstens, nochmal neue Musik unters Volk zu bringen, entgegen den ebenfalls weiter existierenden Grundsäulen des Progressive Rock wie Genesis oder King Crimson. Wörterbücher übersetzen „The Quest“ mit „Suche“ oder „Streben“. Und so sollte man das Album auch sehen: als Suche oder Versuch ein YES Album in neuer Besetzung im Spätherbst der Band anzubieten.

Ok, YES mag nur noch die Hälfte Wert zu sein, nachdem ihr Kopf Chris Squire 2016 verstorben ist. Der von vielen Ur-Fans als Seele der Band bezeichnete Jon Anderson scharrt aber schon eine Weile mit den Füßen bezüglich einer Neuaufnahme in die Band. Angeblich hat er bereits sechs neue Stücke für ein Yes Album fertig komponiert. Vielleicht legen die Herren Howe und Anderson ja doch noch ihren Altersstarrsinn beiseite bevor es zu spät ist, und finden für ein abschließendes Album zueinander. Überraschende Konzept- und Personalwechsel gab es in der Bandgeschichte ja schon zuhauf. Ein tolles letztes Yes Album mit Jon Anderson am Mikrofon fehlt einfach noch. Es würde die vielen Fans sicher milde stimmen, und damit könnte die Diskografie der Band wohlwollend geschlossen werden. Es sieht derzeit zwar nicht danach aus, aber man wird ja noch träumen dürfen.

Wertung: 7/10 Punkten

pic: (C) gottlieb bros

YES 2021

Steve Howe (git)

Billy Sherwood (bg)

Jon Davison (voc)

Alan White (dr)

Geoff Downes (keyb)

Jay Schellen (dr)

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