Review: Neal Morse Band – Innocence & Danger (2021)

Neal Morse hat 2012 eine kluge Entscheidung gefällt. Seine Hauptaktivitäten läßt er ab diesem Zeitpunkt nicht mehr unter seinem Namen, sondern unter „Neal Morse Band“ laufen. Mit den da als feste Bandmitglieder rekrutieren Musikern arbeitet er noch heute zusammen. Allein Adson Sondré schied nach dem ersten Band Album und Tour aus. Diese Musiker haben sich seitdem neben dem Meister innerhalb dieser Band enorm entwickelt. Ok, über Randy George am Bass (nebenbei Organisator vieler Dinge und Schöpfer der regelmäßigen „Making of“ – Filme aller größerer Aktivitäten seines Chefs) und Mike Portnoy am Schlagzeug (vieldiskutierte und trotzdem geniale Ikone der Szene) muss man keine Worte mehr verlieren. Bill Hubauer ist zwar der stille Gentleman im Hintergrund, dessen Musikalität an Keyboard und auch mal am Saxofon immer mehr Einfluss auf die Band nimmt. Mich beeindruckt besonders seine warmen, emotionalen und teilweise extrem hoch ausgesungenen Parts. Eric Gilette wird von vielen schon als Nachfolger von Neal Morse gehandelt. Es ist wunderbar zu beobachten, wie sich sein multiinstrumentales Können, seine Spielfreude und Professionalität über die Jahre immer weiter vorwärts bewegt. All diese Herrschaften haben diesmal die Grundideen geliefert, die dann in einer gemeinsamen einwöchigen Studiosession zum vorliegenden Doppelalbum zusammengeführt worden sind.

Nähern wir uns dem Album über seinen Namen. „Innocence & Danger“. „Unschuld & Gefahr“ CD1: Innocence: acht kürzere, eher eingängige Rocksongs mit verschiedensten Einflüssen und progressiver Prägung. Leichter zugänglich, überschaubar, die Stücke machen bei jeden Hördurchgang mehr Spaß! Und, ja, das Ganze strahlt zum großen Teil ein bißchen Unschuld aus. CD2: Danger: zwei Monstertitel mit einer Gesamtdauer von ca. 50 Minuten, das war ́s. Dies stellt zumindest für den ungeübten Hörer schon eine gewisse Gefahr dar. 🙂 Auf so eine geniale Idee der Strukturierung eines Albums muss man erstmal kommen. Diese zieht sich bis ins Artwork mit der weißen und schwarzen Maske hinein, die dann auch auf den CD ́s direkt abgedruckt sind.

Von Anfang an klingt die Neal Morse Band hier frischer und lebendiger als je zuvor. Bereits „Do it all again“ (Hauptmotive von Bill Hubauer) besticht mit gleichmäßig auf drei Sänger verteilte Gesangsparts, eine vordergründigere Gitarre und etwas versteckte Streichinstrumente, die später auf dem Album noch eine größere Rolle spielen sollen. Die lockere Perfektion wird in den folgenden Songs fortgesetzt: in „Bird On A Wire“ getragen von einem schmierigen Retro-Keyboard, in „Your Place In The Sun“ von einem Reggae-Groove (auf den Schluss achten!), in „Another Story To Tell“ wird es schon fast bluesig, wonach es dann voluminös und direkt in das balladeske „The Way It Had To Be“ übergeht. Hier findet auch der Albumname sein Zitat. Übrigens ein Stück, wo Eric Gilette weitgehend alleine singen darf und die Stimme von Neal Morse mal überhaupt nicht in Erscheinung tritt.

Einen musikalischen Bruch erlebt die CD1 ab dem instrumentalen Gitarren-Solo-Stück „Emerge“, von Neal Morse komponiert. Der 6-Saiter klingt roh, ungeschliffen mit Reibungspunkten und trotzdem eindringlich und melodisch. Das Ganze geht wieder nahtlos über in das balladeske „Not Afraid pt. 1“, schlicht begleitet und mit wunderbarem Satzgesang vorgetragen.

Einige Fragen stelle ich mir bei „Bridge Over Troubled Water“. Hat es eine so kreative Band nötig, einen gecoverten Welthit auf ein Haupt-Album aufzunehmen? Wäre es besser gewesen, ihn vielleicht einfach weg lassen und auf eines der vielen Cover-Alben oder eine Bonus CD zu setzen? Dann würde CD1 eben balladesk enden. Aber hier ans Ende gestellt macht es diese CD richtig rund und zu einem eigentlich in sich geschlossenen Album. Hier haben wir ein Stück im vertrauten Neal Morse Stil, vom Sound und von der Struktur her. Spannend ist schon, das im ersten Teil der Song von Neal Morse Spielereien so verschleiert wird, dass man den Oldie nicht erkennt, obwohl das Original jedem Kind auf dieser Welt vertraut ist. Im zweiten Teil ein schlichter Teil, der beinahe das Original übernimmt, welcher mit Streichern eingeleitet in einen dritten pathetischen Teil mit großen prog-sinfonischen Bögen das Stück und die erste CD zum Ende bringt.

Der vertraute Neal Morse Stil findet nach dem CD-Wechsel auf „Danger“ in „Not Afraid pt. 2“ eine tolle Fortsetzung. Ein Longtrack, zu dem der geübte Neal Morse Hörer schnell Zugang findet. Eine musikalische Weiterführung von Teil 1 auf CD1 kann ich übrigens trotz konzentrierten Hörens nicht erkennen, wohl aber eine lyrisch dunklere Fortsetzung der Angstfreiheit, die eben auf die „Gefahr“-CD, nicht auf die „Unschuld“-CD gehört. Anders ist der Halbstünder „Beyond The Years“ gebaut. Die Band findet tatsächlich musikalische Mittel, die man meint auf bisherigen Alben mit Beteiligung des Großmeisters in den vielen Jahren noch nicht gehört zu haben. Der Einstieg, wo Bill Hubauer den Reigen beginnt und alleine von Streichern begleitet wird. Später läßt ein kurzer „Bouzouki-Teil“ aufhorchen. Aus dem Nichts taucht plötzlich ein a cappela Neal Morse Band Chor auf. Ein Bass Solo von Randy George! Um ein paar Beispiele überraschender Momente anzureißen. Die verschiedenen Teile werden am Schluss durch eine großsinfonische Wiederholung abgerundet. Das schöne Anfangsmotiv wird in seiner Wiederholung am Schluß vom Orchester völlig überraschend nicht zum Ende geführt wird, sondern nach über 30 Minuten zusammenhängender Musik durch den Studioschneider abgeschnitten wird. Das wirft Fragen auf, die wahrscheinlich gar nicht beantwortet werden wollen.

Die Band wollte erreichen, dass das neue Album anders wird als seine beiden monströsen, zusammenhängenden Doppel-Konzept-Alben zuvor. Es sollte eine Einzel-CD werden, und auch inhaltlich wollte man sich von dem Pilger-Thema dieser beiden Werke lösen, wo thematisch Mut gemacht wird, sich von alten, eingefahrenen Wegen zu lösen, und nach dem teilweise schmerzhaften Erfahrungen auf neuen Wegen zufrieden wieder bei sich ankommt. Das erste Ziel ging nun aufgrund der überbordenden Kreativität der Band schon mal voll daneben. Die Pilger Themen ist man aus meiner Sicht auch nicht los geworden. Also ist alles anders gelaufen was die Band eigentlich wollte. Auf diesem Album ist das aber alles zu verzeihen.

Wir haben hier das beste Album der Neal Morse Band und eines der absoluten Top-Alben des Jahres 2021 vorliegen. Dass man das nach den -zig großartigen Neal Morse geführten Alben sagen kann ist die wohl größte Überraschung im Zusammenhang mit „Innocence & Danger“. Ein Konzeptalbum, was keines sein will, aber doch eins ist. Spielfreude, Frische, musikalische Genialität perfekt vorgetragen und abgemischt. Wo soll diese Kreativität in den nächsten Jahren noch hinführen? Der geneigte Prog-Rock-Fan genießt es mit Freude.

Wertung: 9/10 Punkten

Tracklist:

CD1 (Innocence) • Do It All Again • Bird On A Wire • Your Place In The Sun • The Way It Had To Be • Emergence • Not Afraid pt. 1 • Bridge Over Troubled Water

CD2 (Danger) • Not Afraid pt. 2 • Beyond The Years

Neal Morse Band:

Neal Morse (keyb, git, voc)

Mike Portnoy (dr, perc, voc)

Randy George (bg)

Bill Hubauer (keyb, voc)

Eric Gilette (git, voc)

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