Livereport: POLIS – Bergkeller Reichenbach, 02.10.2022

Die besondere und insbesondere überregional noch weitgehend unbekannte Prog Band POLIS ist im sächsischen Plauen beheimatet. Besonders ist bei POLIS auf den ersten Blick, dass die Band viel klassisches analoges technisches Instrumenten- und Verstärker-Material angesammelt hat, mit Hilfe dessen Musik erzeugt wird. Laut Aussage des Sängers Christian Roscher nicht zum musealen Selbstzweck, sondern weil Musik auf neuerem Equipment einfach nicht so gut klingt.

Alle die schon mal im Bergkeller Reichenbach waren, kennen den besonderen und familiären Charakter dieser Spielstätte. Nach Betreten des Raumes konnte man darüber hinaus zum Beispiel einen London City Amp, ein Fender Rhodes Piano, einen Mini Moog und eine zum Publikum hin offene, verstaubte und mit Röhren bestückte Hammond Orgel im Konzertaufbau bestaunen. Ein Riesen-Gong hinter dem Schlagzeug! Marius Leicht musste unter seinen Tasteninstrumenten hindurch krabbeln, um seinen Arbeitsplatz zu erreichen. Schon diese gesamte Szenerie allein war es beinahe schon wert, die Reise nach Reichenbach zum Besuch dieses Konzertes angetreten zu haben.

Die Mitglieder von POLIS begegnen uns als fünf hippieske Typen, die optisch scheinbar Anfang der 70er stehen geblieben sind. Die Gewande sind älteren Datums oder aus dem Alltagsschrank entnommen, ein Teil der Band bewegt sich konsequent barfuß, Haare und Bärte werden mit Begeisterung getragen. Ausnahme ist hier Bassisten Andreas Sittig, der sich barhäuptig nicht nur äußerlich von seinen Kollegen unterscheidet, sondern auch im Konzert der Ruhepol von POLIS ist.

Aber belassen wir es hier mit der Beschreibung von Äußerlichkeiten und widmen uns der Musik von POLIS, die es wirklich wert ist entsprechend gewürdigt zu werden. Denn diese ist nun wirklich nicht in den 70ern stehen geblieben ist. Zwar arbeitet sie mit klassischen Grundzügen aus dieser Zeit, zeigt sich aber als angenehm abwechslungsreicher und moderner Prog. Riffbetonte Stücke wechseln sich zu gleichen Teilen mit Keyboard schwangeren, instrumental betonten Parts, die leidenschaftlich vorgetragen werden. Auf der letzten CD „Weltklang“ von 2020 beschreibt die Band ihre Musik wie folgt: „Dieses Album stellt einen weiteren Versuch dar, das Gewand dieses allzu modischen, kleinen Zeitalters abzulegen und die Saat eines größeren in das Herz seiner Hörer zu legen“ und bringt damit das Anliegen von POLIS auf den Punkt. Der eigenwilligen, gehobenen Poesie der konsequent in Deutsch vorgetragenen Texte fernab von Alltagsgeschichten und seichter Unterhaltung muss man bewusst folgen, und wenn man das tut, eröffnet sich ein Kopfkino und spannende Welten in oben beschriebenen Sinne.

Hervorzuheben ist die klasse Gitarrenarbeit von Christoph Kästner, die sich vor großen Namen der Szene nicht verstecken muss. Unbedingt natürlich auch der Keyboarder Marius Leicht, der in einem ersten Soloalbum und im Internet veröffentlichten Stücken und seinem oben beschriebenen klassischen, ja historischen Instrumentarium die Berliner Keyboard-Schule der 70er und 80er Jahre a la Tangerine Dream oder Klaus Schulze wiedererwecken zu scheinen möchte. Vielen ist sein Solo Konzert auf dem Art-Rock-Festival in Reichenbach 2021 noch in sehr angenehmer Erinnerung.

Das Konzert dauerte dreieinhalb Stunden ohne Pause, bis hin zum Ende mit dem dämonischen Stück „Mantra“, welches im ersten Teil als Satzgesang ohne Mikrofone präsentiert wurde. Man muss kein großer Rechner sein um zu konstatieren, dass damit die drei bisherigen Studioalben im Prinzip vollständig vorgetragen wurden. Die Band zieht alle Register und überzeugt auf allen Ebenen. Man wünscht Polis allgemein ein größeres Publikum und mehr Aufmerksamkeit; mein Eindruck ist aber, dass dies der Band gar nicht so sehr wichtig ist. Ihre Musik, ihre Poesie und ihr historisches Equipment steht für die fünf Leute von POLIS im Mittelpunkt. Mein Gefühl ist, dass kein klassisches Rockkonzert stattgefunden hat, sondern ein dreieinhalbstündiger beeindruckender künstlerisch-musikalischer Vortrag. Mich haben sie an dem Abend als Fan gewonnen, und ich bin schon gespannt den weiteren Weg von POLIS zu verfolgen.

POLIS:

Christian Roscher (Gesang)

Christoph Kästner (Gitarre, Satzgesang)

Marius Leicht (Tasteninstrumente, Satzgesang)

Andreas Sittig (Bassgitarre, Satzgesang)

Sascha Borrmann (Schlagzeug)

Setlist:

Kreis

Tropfen

Gedanken

Flüstern

Mutter Gaia

Einsamkeit

Leuchtfeuer

Sehnsucht/Gebet/Steig herab

Einsamkeit

10.000 Jahre

Zwei Frauen und ein Mann

Abendlied

Sag mir

Leben

Danke

Blumenkraft

Mantra

Zugabe:

Schwester Abenddämmerung

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