Livereport: Trasim3no Prog Festival 2022 – Castiglione del Lago (IT), 25. – 28.8.2021

Als ich im November des vergangenen Jahres den Besuch des Trasimeno Prog Festivals in Umbrien auf meine ToDo-Liste setzte, hatte ich noch keine Vorstellung, wann ich dieses Vorhaben tatsächlich umsetzen kann. Zwei Festivals in Italien liegen nun hinter mir, die sehr unterschiedlich verlaufen sind. Über das 2 Days Prog +1 Festival in Veruno/Revislate berichtet mein Kollege Roland für Stone Prog. Meine folgenden Zeilen schildern Erlebnisse und Eindrücke, die ich, eine Woche vorher, während des Trasim3no Prog Festivals in Castiglione del Lago, in der Region Perugia gewonnen habe.

Wie die Schreibweise Trasim3no Prog Festival vermuten lässt, handelt es sich um die dritte Ausgabe des Festivals, das ursprünglich an drei Abenden stattfinden sollte. Doch den Veranstaltern von der Trasimeno Prog Association, mit il presidente Massimo Sordi als dem Hauptverantwortlichen, gelang es, bereits im Vorfeld des eigentlichen Festivals einige Veranstaltungen zu organisieren. Schon am Dienstag, den 23. August, stellte PFM-Bassist Patrick Djivas im Theatersaal von Castiglione die von ihm autorisierte Biografie Via Lumière über sein Leben als Musiker bei den Bands Area und PFM vor. Zwei Tage später fand in Umbriens Hauptstadt Perugia eine Art Vorpremiere zum Festival statt. Die einheimische Band L’estate di San Martino, die bereits 1975 gegründet wurde, präsentierte bei einem gut besuchten Konzert ihr neues Album Kim. Zu beiden Events kann ich keine Details liefern, da wir uns zu dieser Zeit noch auf der Anreise nach Italien befanden.

Am Freitag, dem ersten regulären Festivaltag, hatten wir vormittags einen Termin mit dem sympathischen Massimo Sordi, der sich erfreut darüber zeigte, dass wir als deutsches Musikmagazin über sein Festival berichten wollen. Mit seiner dritten Ausgabe steckt dieses Festival ja quasi noch in den Kinderschuhen, wenn ich es mal mit den 2 Days Prog + 1 in Veruno vergleichen darf. Die Macher vom Kulturverein Ver1 Musica in Veruno begannen schon im Jahr 2004, ihr erstes Festival zu planen. Der vielbeschäftigte Massimo Sordi nahm sich die Zeit, und führte uns über das fantastische Festivalgelände innerhalb der Rocca del Leone, während ständig sein Telefon klingelte. Die Rocca del Leone ist eine mittelalterliche Burganlage mitten in der Altstadt, die auf einem Hügel gelegen ist. Von den Mauern der Burg hat man einen herrlichen Ausblick auf den Trasimeno-See und die umliegende Gegend. Des Weiteren gab mir Massimo Gelegenheit, Drucke einiger meiner Fotos an einem Stand auf der zweiten Schallplatten Messe zu präsentieren, die im Rahmen des Festivals in Castiglione stattfand.

Für deutsche Verhältnisse spät am Abend, um 21:00 Uhr, begann das erste Konzert des Festivals mit der Band von Giorgio ‚Fico‘ Piazza. Fico machte sich in Italien einen Namen als Bassist von PFM, denen er Anfang der 1970er Jahre angehörte. So war er an der Einspielung der ersten beiden PFM-Alben, Storia di un minuto (1972) und Per un amico (1973) sowie Prime Impressioni (1976), beteiligt. Kein Wunder also, dass er und seine Band sich ausschließlich dem Songmaterial dieser beiden Alben widmeten. Die PFM-Klassiker Appena un po‘, Per un amico oder La carrozza di Hans (um nur einige Songs zu nennen) erklangen in neuen, interessanten Arrangements, inklusive eines Battles der beiden Tastenspieler bei dem Stück Il banchetto. Fico hat sich mit kompetenten jungen Musikern umgeben, u.a. mit Schlagzeuger Marco Fabbri, den man von The Watch kennt. Er selbst spielte seine Bassläufe sehr souverän. Alles stand unter dem Motto Per Fare Musica (um Musik zu machen) und gipfelte in dem bekannten PFM-Hit È festa (Celebration). Das hinreißende Konzert wusste zu gefallen und führte zu einer obligatorischen Zugabe. Mit dem Spencer Davis Klassiker Gimme some lovin‘ beendeten Giorgio ‚Fico‘ Piazza und seine Band ihren gelungenen Festivalauftakt.

Giorgio ‚Fico‘ Piazza

Als zweiter Act des Abends stand das Richard Sinclair Trio auf dem Programm. Der britische Musiker Richard Sinclair, bekannt aus seinem Wirken bei Bands wie Caravan oder Camel, lebt seit einigen Jahren in Italien und widmet sich dort hauptsächlich der Landwirtschaft. Doch lässt ihn die Musik auch hier nicht los, so dass er häufig mit italienischen Musikern auf der Bühne steht, wie an diesem Abend in Castiglione. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Angelo Lo Sasso und dem Flötisten Gian Luca Milanese spielte Sinclair einen Querschnitt bekannter Canterbury-Klassiker von Caravan, wie In The Land Of Grey And Pink, Golf Girl, For Richard oder seine Komposition Felafel Shuffle. Sinclair ließ für sich und seine beiden Mitstreiter jede Menge Raum für Improvisationen. Er selbst spielte mal die Gitarre und mal den Fretless-Bass seines doppelhalsigen Instruments, und sang dazu. Das Trio harmonierte perfekt. Trotz allem vermochte das Konzert bei mir nicht zu zünden.

Richard Sinclair Trio

Die italienische Band Odessa beschloss den ersten Festivaltag. Die Band wurde mir von meiner italienischen Prog-Freundin Marina wärmstens ans Herz gelegt. Marina ist großer Fan von Odessa und unterstützte die Band an diesem Abend gemeinsam mit ihrem Ehemann, indem sie das Merchandising für die Band übernahmen. Odessa veröffentlichten bereits drei Alben. Ihr jüngstes Werk L’alba della civiltà erschien im März dieses Jahres. Keyboarder und Sänger Lorenzo Giovagnoli ist Kopf der Band und zeichnet für nahezu sämtliche Kompositionen verantwortlich. Auch bei Odessa saß Marco Fabbri hinter dem Schlagzeug. Wie bei Konzerten von The Watch trat er im Kilt auf und entblößte während der Show seinen Oberkörper. Relativ neu in der Band ist Flötist Gian Luca Milanese, den wir kurz vorher schon mit Richard Sinclair auf der Bühne erlebt haben. Odessa spielten einen typischen Italo-Prog, der sich durchaus an landeseigenen Vorbildern orientiert. Viel Pathos und Melodienreichtum steckten in den eigenen Songs. Doch leugnet die Band ihre Vorbilder nicht. So coverten sie zum Schluss ihres Konzerts Songs von The Trip (Caronte), von den New Trolls (Miniera) und von I Pooh (L’anno, il posto, l’ora). Weit nach Mitternacht endete die Show dieser interessanten Band.

Odessa

Der Festival-Samstag stand unter dem Motto I know what I … Lake, und war der Musik von Genesis gewidmet. Dazu fand bereits am Mittag eine Veranstaltung im mittelalterlichen Palazzo della Corgna in Castiglione statt, auf der sich verschiedene Künstler präsentierten und über ihr Verhältnis zu der britischen Band berichten. Der Jazzpianist Francesco Gazzara hat zahlreiche Genesis Songs für Klavier transkribiert und auf CD veröffentlicht. Außerdem verfasste er das Buch Genesis von A bis Z, in dem er das musikalische Schaffen und Aspekte des Privatlebens der Musiker beleuchtet. Er las Passagen aus seinem Buch und spielte am Flügel die Stücke The Lamia und One for the vine, was vom anwesenden Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurde. Auch der Autor Mino Profumo stellte sein neuestes Buch The Lamb vor, welches das letzte Album mit Peter Gabriel anhand von Geschichten und Bildern beschreibt. Richard MacPhail, der jahrelang als Manager, Fahrer und Techniker ein wichtiger Bezugspunkt für die Musiker von Genesis gewesen ist, war ebenfalls Gast der Veranstaltung. MacPhail stellte hier die italienische Ausgabe seines Buches Mein Leben mit Genesis vor. Als Besitzer der deutschen Version kann ich dieses unterhaltsame Buch allen Fans von Genesis wärmstens empfehlen.

Der Beginn der Konzerte am Abend verzögerte sich aufgrund eines heftigen Gewitters. So begannen die Mannen des Projekts The Progressive Tales ihr Konzert erst gegen 22:00 Uhr. Die Band um den toskanischen Gitarristen Corrado Rossetti sieht sich als Open Project und widmet sich in verschiedenen Besetzungen italienischen und anglo-amerikanischen Prog-Klassikern. Und auch hier spielte Marco Fabbri Schlagzeug. Die Band widmete sich neben einem Stück von PFM, vor allem Material bekannter internationaler Prog-Bands wie Yes, Emerson, Lake & Palmer und King Crimson. Auch einen eigenen Song gab es zu hören. Musik von Genesis wurde im Programm von The Progressive Tales jedoch nicht berücksichtigt.

The Progressive Tales

Das holten schließlich The Watch nach. Die Band ist zweifelsfrei eine der besten Genesis Coverbands in Europa. Doch schreibt The Watch auch eigenes Material im Stil ihrer Vorbilder. Mittlerweile umfasst die Discografie der Band neun Alben. An diesem Abend hieß es jedoch, The Watch plays Genesis. So hörten wir Klassiker wie Supper’s Ready, Firth Of Fifth, The Cinema Show und viele andere. Sänger Simone Rossetti kam mit seiner Stimme und mit seiner Art zu singen, verblüffend nahe an die Stimme des jungen Peter Gabriel. Der Sound der Band klang sehr authentisch nach den frühen Genesis, nahezu eine perfekte Kopie. Mit The Musical Box verabschiedeten sich The Watch weit nach Mitternacht von einem begeisterten Publikum. Schließlich bedankte sich die Band bei ihrem ehemaligen Schlagzeuger, Marco Fabbri, der 15 Jahre zum Team gehörte. Inzwischen ist er jedoch vielseitig beschäftigt, wie man an den beiden Festivaltagen sehen konnte. Der neue Schlagzeuger, Francesco Vaccarezza, der an diesem Abend erst seinen zweiten Gig mit The Watch hatte, zeigte sich als würdiger Nachfolger für Fabbri.

The Watch

Am Sonntag, dem letzten Festivaltag, hatten wir uns im Rahmen des Festivals viel vorgenommen. Zum Relaxen blieb kaum Zeit. Schon vormittags um 11:30 Uhr zog es uns wieder in den Palazzo della Corgna. Hier fand eine Gesprächsrunde mit dem Pianisten Patrizio Fariselli statt, der in den 1970er Jahren der italienischen Jazz Rock Formation Area angehörte, gemeinsam mit Patrick Djivas. Fariselli berichtete über die Anfangsjahre der Band. Dazu sahen wir ein Video vom ersten Fernsehauftritt der Band vor 50 Jahren, bei dem die Musiker Playback spielen mussten. Fariselli präsentierte schließlich noch zwei Kompositionen am Flügel. Der gut aufgelegte und äußerst bodenständige Musiker würde am Abend mit seiner Band Area Open Project Headliner des Festivals sein.

Patrizio Fariselli

Den nächsten Termin hatten wir am frühen Abend im Darsena Live Club, direkt am Trasimeno See gelegen. Dort gab es ein Konzert mit Bernardo Lanzetti, Mitgründer der historischen Band Acqua Fragile und kurzzeitig Sänger bei PFM. Ich kannte den charismatischen Sänger Lanzetti bisher nur aus seiner Zeit bei PFM und von dem CD-Projekt Cavalli Cocchi – Lanzetti – Roversi. Im Darsena Club erlebte ich ihn als einen herausragenden Entertainer. Gemeinsam mit dem Pianisten Luca Giuliani bot Lanzetti ein dramaturgisch geschickt aufgebautes Konzert quer durch internationale und italienische Rock- und Popmusik. Songs von Cat Stevens, Jimi Hendrix, Bob Dylan, U2 oder CCR sorgten zunächst für gute Stimmung im Club. Anhand der Songs A Whiter Shade Of Pale und Salty Dog von Procol Harum, gesungen in Italienisch, erläuterte Lanzetti, wie sich italienische Künstler in den 60er und 70er Jahren internationaler Hits bedient hatten, um diese in Italien bekannt zu machten. Mit seiner außergewöhnlichen Stimme intonierte Lanzetti schließlich weitere Pop- und Rock-Klassiker, begleitete sich auf der Gitarre, spielte die Blues-Harp und traktierte seine Stimmbänder mit einer Monsterkralle, die einen Synthesizer ansteuerte. Lanzetti, ein bekennender Bob Dylan Fan, und sein virtuos spielender Pianist, sorgten für eine Stunde gutes Feeling, auch ohne progressive Klänge. Der Zufall ergab es, dass uns Lanzetti zwei Tage später in sein Haus in Castiglione einlud, wo er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin – der Designerin Amnerys Bonvicini – über mehrere Monate im Jahr lebt. Dort durften wir erstaunt feststellen, dass Bernardo Lanzetti nicht nur ein begnadeter Musiker ist, sondern auch ein hervorragender Maler. Als Geschenk überreichte er mir schließlich ein Exemplar seiner CD Electiclanz, verpackt in eine Hülle aus Stoff aus einem seiner Gemälde, quasi ein Unikat. Grazie Bernardo!

Bernardo Lanzetti

Ab 21:00 Uhr begannen in der Rocca del Leone die letzten beiden Konzerte des Festivals. Zunächst standen Alex Carpani und seine Band auf der Bühne. Carpani spielte vorrangig Stücke seines aktuellen Konzeptalbums Microcosm. Die englischsprachigen Songs mit Elementen aus Jazz, Rock und Pop wurden von der Band druckvoll und solide gespielt. Jedoch hätte ich mir von Carpani etwas mehr Bühnenpräsenz gewünscht. Außerdem machten sich bei ihm leichte Intonationsprobleme bemerkbar. Doch dem Publikum gefiel das Konzert von Alex Carpani und seiner Band.

Alex Carpani Band

Was sich bereits am Vormittag andeutete, bewahrheitete sich zum Abschluss des Festivals. Das Area Open Project, mit Patrizio Fariselli an den Keyboards, mit Sängerin Claudia Tellini, mit dem Bassisten Marco Micheli und dem Schlagzeuger Walter Paoli, spielte ein außergewöhnliches Konzert. Bereits der erste Song Cometa Rossa, ein älteres Area-Stück, gab die Richtung vor. Feinster Jazz Rock bei dem vor allem Sängerin Claudia Tellini die volle Bandbreite ihres Könnens zeigen konnte. Mit urwüchsiger Power wusste sie ihre Stimme zu variieren. Ihre Performance sorgte für magische Momente. Patrizio Fariselli, ein Virtuose an den Tasteninstrumenten, und die beiden Musiker der Rhythmusfraktion sorgten für einen komplexes Soundgerüst, mal mit viel Drive und jeder Menge Improvisationen auf den Keyboards, mal mit ganz dezenten Klängen. Die Band spielte diverse ältere Kompositionen, u.a. ein Medley von bekannteren Area-Songs, aber auch neue Stücke. An den Reaktionen des Publikums merkte ich, das die Band nicht nur mich begeisterte. Das Jimi Hendrix Stück The Wind Cries Mary gab es zum Abschluss in einer ganz eigenen, angejazzten Version als Zugabe.

Area Open Project

Als Fazit muss ich sagen, dass wir ein sehr schönes und abwechslungsreiches Festival in Castiglione del Lago erlebt haben. Der Schwerpunkt lag dabei auf Prog aus Italien, was ich besonders zu schätzen weiß. Doch hätten ein bis zwei schwergewichtigere Acts dem Festival gutgestanden, ebenso wie weitaus größeres Publikum. Das wird sich im Laufe der kommenden Jahre sicherlich ändern, wenn es sich weiter rumspricht, dass man auch am Trasimeno See ein Prog-Festival erleben kann. Mein ausdrücklicher Dank geht an Massimo Sordi und Alfredo Buonumori und deren Orga-Team, die sich alle sehr freundlich um uns Gäste aus Deutschland gekümmert haben.

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