Livereport: Porcupine Tree – Berlin, 21.10.2022, Max Schmeling Halle

Am 21. Oktober 2022 war es endlich soweit. Dieses Konzert, nun schon vor einem Jahr angekündigt, haben viele Fans herbeigesehnt. Schließlich hatte die wohl bedeutendste Prog Band der Nuller Jahre für viele unerwartet im Herbst 2021 ihre Wiedervereinigung bekannt gegeben. Gleich die allererste Station der 12 Konzerte umfassenden Europa-Tournee fand in Berlin statt. Die Max-Schmeling-Halle, vielen Prog Fans als Konzert-Arena bisher unbekannt, begrüßte uns als große, aber doch kompakte Halle und damit diesem Konzert in Art und Größe als angenehm und angemessen. Letztlich sollen es etwa 10.000 Fans vor Ort gewesen sein (Zahlen variieren je nach Quelle), womit das Haus letztlich doch ausverkauft war.

Alle hatten ihre Plätze eingenommen, knisternde Erwartung auf den Konzertbeginn lag in der Luft. Das Saal-Licht verdunkelte sich, das modern angehauchte musikalische Hintergrund-Geräusch ging pünktlich 20 Uhr in klarere Klänge über und so wurde das, im original eigentlich kurze, „Stupid Dreams“ zum Intro verlängert, und die Band betrat unspektakulär gemeinsam die Bühne. Spektakulär und euphorisch war aber die Begrüßung durch das Publikum! Als erstes Stück brach „Blackest Eyes“ über das Auditorium herein. Überraschend, und doch irgendwie logisch, denn dieser vielleicht kompakteste Kracher der Bandgeschichte wies gleich die Richtung, in welche die Musik heute Abend gehen sollte: die Riff- und Metal-betonten, aber komplexen Stücke der Bandgeschichte stehen im Vordergrund des Sets. Das tun sie auch auf dem aktuellen Album Closure/Continuation (unsere Rezension unter „Reviews“ ist hier auf den Stone Prog Seiten zu finden), deren Stücke alle im Konzert präsentiert werden.

Hinter der Band unterstreicht eine große Videowand optisch das Anliegen vieler Songs. So begegnet uns gleich am Anfang der schon auf dem Albumcover „In Absentia“ befindliche dämonische Kopf bewegt als Film und zieht einen sofort in das Konzert hinein. Leider gab es hier noch etwas Probleme mit einem etwas faden Sound, die aber schnell verschwinden sollten. Die Projektionen waren beeindruckend, real oder surreal. So manches Stück kam auch ohne Begleitfilm aus, auch die Scheinwerfer-Kompositionen waren toll und diesem besonderen Konzert angemessen.

Trotzdem des insgesamt sehr guten Lichts stand bei der Präsentation immer die Band im Mittelpunkt. Die Bühne war groß, man konnte jeden einzelnen der fünf Beteiligten sehr gut bei der Arbeit beobachten. Ein besonderer Genuss war, Gavin Harrison, einem der anerkannt besten Schlagzeuger der Welt, zuzusehen. Er hat einen Geradeaus-Groove und zeigt sich darin noch verspielt und experimentell. Wahnsinn der Kerl. Richard Barbieri steuerte seine Sounds im Hintergrund in bewährter Art zurückhaltend in die Stücke ein. Nathan Navarro (Bass) fügte sich als „Neuer“ sehr gut ins Bandgefüge ein, Randy McStine harmonierte besonders im Gesang hervorragend mit Steven Wilson und bekam auch seine Solo-Parts an der Gitarre. Und Steven Wilson höchstselbst? Auffällig war, dass er sich im Gegensatz zu seinen Solo-Konzerten immer wieder spürbar ins Bandgefüge fallen lies. Regelmäßig ging er zu seinen Bandkollegen, ließ auch mal Gitarre und Gesang einen Moment schweigen, um die Parts an Randy McStine zu übergeben. Dabei lächelte man sich auch mal zu, was z.B. bei Konzerten von Steven Wilson kaum zu beobachten war. Wohlgefühl in der Band oder Kalkül? Schwer zu sagen, jedenfalls ließ PORCUPINE TREE nach der Show beim Abschied und Baden im letzten Beifall das Bandgefühl vermissen.

Alle Alben seit „Stupid Dream“ (veröffentlicht 1999) wurden mit mindestens einem Titel gestreift, außer „The Incident“ (2008). Ich hätte mir „Time Flies“ schon gewünscht, aber wahrscheinlich passte es der Band nicht in das Konzept des Konzertes. Während im ersten Set das neue Album und überraschenderweise „In Absentia“ im Mittelpunkt standen, war es im zweiten Set ihr bisher vielleicht bestes Album „Fear Of A Blank Planet“. Die Darbietung des 18minütigen „Anesthetize“ plus dem Schlusskracher „Sleep Together“ empfanden viele als beinahe atemberaubend.

Das ganze drei Stunden dauernde satt gefüllte Konzert ging schnell vorüber. Es sollte die letzte Tour von PORCUPINE TREE gewesen sein. Wertet man die Worte von Steven Wilson zur Band in den Jahren ihres Schweigens aus, dann wettet man darauf Stand heute keinen Pfifferling. PORCUPINE TREE ist 2022 mit neuem Album erfolgreich, die großen Hallen sind ausverkauft, was aktuell nun wirklich keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Warum aufhören? Eigentlich sind wir sicher das wir die Band im nächsten Jahr wiedersehen werden …

Setlist:

1. Intro / Band: Stupid Dream (Stupid Dream)

2. Blackest Eyes (In Absentia)

3. Harridan (Closer / Continuation)

4. Of The New Day (Closer / Continuation)

5. Rats Return (Closer / Continuation)

6. Even Less (Stupid Dream)

7. Drown With Me (In Absentia)

8. Dignity (Closer / Continuation)

9. The Sound Of Muzak (In Absentia)

10. Last Chance To Evacuate Planet Earth Before It Is Recycled (Lightbulb Sun)

11. Chimera´s Wreck (Closer / Continuation)

Pause:

12. Fear Of A Blank Planet (Fear Of A Blank Planet)

13. Buying New Soul (Recordings)

14. Walk The Plank (Closer / Continuation)

15. Sentimental (Fear Of A Blank Planet)

16. Herd Culling (Closer / Continuation)

17. Anesthetize (Fear Of A Blank Planet)

18. Sleep Together (Fear Of A Blank Planet)

Zugabe:

19. Collapse The Light Into Earth (Steven Wilson & Richard Barbieri) (In Absentia)

20. Halo (Deadwing)

21. Trains (In Absentia)

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