Review: Carmine Capasso – Assenza Di Gravita

Der italienische Gitarrist und Multiinstrumentalist Carmine Capasso ist in der europäischen Prog-Szene längst kein Unbekannter mehr. Einen Namen machte er sich vor allem durch sein Mitwirken bei The Samurai Of Prog und als Gitarrist der italienischen Prog-Legende The Trip. Bei der Neueinspielung ihres Albums Caronte 50 Years Later, trat er auch als Produzent in Erscheinung. In Italien ist er aufgrund seines virtuosen Gitarrenspiels als Session-Musiker äußerst gefragt. Nun legt er mit Assenza di gravità sein erstes Soloalbum mit acht von ihm komponierten Stücken vor.

Die meisten der Instrumente spielte er selbst ein, holte sich jedoch auch Unterstützung von einer Vielzahl italienischer und internationaler Künstler, wie Marcus Eaton (David Crosby) oder Adrian Shaw (Hawkwind), um nur zwei zu nennen. Das Album ist ein sehr atmosphärisches Werk, das mal verträumt, manchmal Pop lastig und dann wieder prog-rockig daherkommt. Es ist als eine Art Konzept gedacht, bei dem sich alles um Carmines Träume dreht, in denen er sich in der großen, komplexen Welt zurechtfinden muss. Er entschwindet dabei in eine Realität ohne Schwerkraft (Assenza di gravità) und findet sich an einem Ort wieder, an dem ein Gefühl der Leichtigkeit den Rahmen bildet. Sechs gesungene Songs sind eingerahmt in zwei instrumentale Traumsequenzen (Sogno pt. 1 und Sogno pt. 2). Der erste Traum wird begleitet von einer verspielten Piano-Melodie, die mit schwelgerischen Streichern und Flöten sowie mit dezenten Gitarrenklängen unterlegt ist. Der abschließende Traum ist dann weitaus aufwühlender. Auch wenn er zunächst sehr sanft mit einer kleinen Synthesizer-Melodie beginnt, entwickelt sich Sogno pt. 2 zu einer heftigen Rocknummer, die mit einem fantastischen Gitarrensolo endet. Das Stück reißt einen garantiert aus jedem Traum.

Bei den gesungenen Stücken ändert sich das Szenario von Song zu Song. Die gradlinige Rock-Nummer Assenza di gravità ist für meinen Geschmack musikalisch etwas belanglos. Inhaltlich führt uns der Song jedoch geschickt zu den anderen Geschichten zwischen Traum und Realität. In der wunderschönen Ballade In un posto che non c’è nimmt uns Carmine mit an einen traumhaften Ort, voll von Blumen und Sternschnuppen, den es jedoch real nicht gibt. Er selbst taucht an diesem Ort hinab auf den Grund seiner Gedanken. Neben dem zweistimmig gesungenen Refrain, mit Unterstützung von Elisa Montaldo (Il Tempio delle Clessidre), besticht der Song durch einen schönen Saxofon-Part, gespielt von Salvatore Santella, und ein erstes, von Carmine virtuos gespieltes Gitarrensolo. Es folgen die Stücke Immobile (Regungslos) und Neve Nera (Schwarzer Schnee), in denen sich Carmine inhaltlich mit dem Thema Krieg auseinandersetzt. Die Songs sprechen aber auch von Hoffnung. Carmine träumt seinen Traum von Frieden und einem Leben in Freiheit weiter. Immobile endet mit einem opulenten Orchesterarrangement, das ein wenig an A Day In A Life von den Beatles erinnert. Der Song beeindruckt mich auf ganzer Linie.

Ebenso herausragend ist der Song Una valigia di perché (Ein Koffer voller Gründe). Es ist ein Stück Musik, wie es wohl nur Italiener schreiben können, voller Leichtigkeit und mit einer Melodie, die sofort in den Gehörgängen haften bleibt. Auch das letzte Gesangsstück Milano già lo sa (Mailand weiß es schon) kommt mit dieser Leichtigkeit daher. Ein gefälliger Pop-Song über die Hauptstadt der Region, in der Carmine Capasso lebt, inklusive Hammond- und Gitarrensolo. Carmine Capasso legt mit Assenza di gravità ein vielschichtiges Album vor, das sich bei jedem Hördurchlauf mehr und mehr erschließt. Es ist ein Werk, voll von Harmonien und Melodien, die für die italienische Musiktradition so typisch sind. Die Konzept-Idee mit den instrumentalen Traumsequenzen als Rahmen, und den inhaltlich beschriebenen Träumen dazwischen, halte ich für besonders gelungen.

Wertung: 6 / 10 Punkte

pic: (C) carmine capasso promo

Tracklist:

Sogno pt.1

Assenza di gravità

In un posto che non c’è

Immobile

Neve nera

Una valigia di perché

Milano già lo sa

Sogno pt.2

Musiker:

Marcus Eaton (David Crosby)
Alessandro Saltarelli
Adrian Shaw (The Bevis Frond, Hawkwind)
Jenny Teresa Puertas (Agusa)
Francesco Di Pietro
Sasha Torrisi (Timoria)
Tony Alemanno (The Trip)
Salvatore Santella
Costantino Taglialatela
Antonio Liccardi
Emilio Verrillo
Danilo Sesti
Elisa Montaldo
Roberto De Rosa (Bugo)
Oscar Federico Fuentes Bills (Days between Stations)
Marco Bernard (The Samurai of Prog)
Ivan Santovito (Isproject)
Kimmo Pörsti (The Samurai of Prog)
Andrea Taddeo

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