Review: Frost* – Day And Age

Üblicherweise liebe ich Produktionen die so abmischt sind, daß Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug getrennt zu hören und idealerweise in eigenen Linien in den Songs zu verfolgen sind. Genau das ist bei FROST* nicht der Fall, trotzdem habe ich die Band besonders in den letzten Monaten mit seinem Gesamtwerk lieb gewonnen. Jem Godfrey, Kopf des Ganzen, hat aus seiner Liebe zu keyboardbetonter Rockmusik eine Band gegründet, die sich von vorn herein mit Sound und Geschwindigkeit der Stücke vom oft üblichen Einheitsbrei vieler Independent-Neo-Prog-Bands seiner englischen Heimat unterscheiden sollte. Dies ist ihm wahrhaft gelungen und wird bis heute fortgelebt. Jem Godfrey und der aus etlichen Bands und Projekten bekannte John Mitchell (z.B. Arena, It Bites, Kino, Lonely Robot) sind bis heute die einzigen beiden Konstanten dieser Unternehmung. Die bisher drei Alben, die mit unterschiedlichen Konzeptansätzen und Erfolgen zwischen 2006 und 2016 erschienen sind (FROST* galt in diesem Zeitraum mehrfach als aufgelöst), zeichnen sich vielfach als keyboardbetonten Hochgeschwindigkeits-Prog aus, in welchem die Sounds in den Stücken trotz klarem Konzept zu einer einheitlichen Welle verschmelzen. Nicht nur die Gitarren, selbst Gesang und Schlagzeug werden im Sinne dieses Gesamteindrucks zumeist verfremdet und ziehen sich in diesen Sound zurück. Diese Welle trifft den Konsumenten mit voller Wucht, man läßt sich von dieser genußvoll überrollen und häufig fällt der Unterkiefer vor Erstaunen runter. Der interessierte Freund progressiver Rockmusik kann einfach nicht anders als diese Klänge zu mögen.

Die Arbeiten an dem im Mai 2021 erschienenen Album “Day and Age” beginnen bereits 2019. Mit dem Ausstieg des langjährigen Drummers Craig Blundell machte man aus der Not eine Tugend und verpflichtete drei Trommler für das Album, unter anderem den großen Pat Mastelotto (z.B. King Crimson). Die EP “Others” (als einzelne EP ausschließlich digital, als CD im 8CD Artbook “13 Winters” im November 2020 erhältlich) durchaus als Teil dieser Arbeiten von “Day and Age” zu bewerten. Eigentlich sollte ursprünglich eine Doppel CD erscheinen. Hört man beide Werke unmittelbar gemeinsam, fallen zunächst bei “Others” in starken Einzelsongs eine oft hohe Geschwindigkeit mit extremen Dynamiksprüngen (“Fathers”, Exhibit A”) oder aufwändige und detailverliebte Sampeleien (“Eat”) auf, die sogar an artfremdes wie YELLO oder ART OF NOISE erinnern. Es erscheint also als logisch und albumkonzeptionell sinnvoll, diese Songs herauszunehmen und gesondert zu veröffentlichen.

So werden auf “Day and Age” manche vielleicht die von bisherigen Alben vertrauten Soundexperimente und Überraschungen auf dem Album etwas vermissen. Dafür hat das Werk einen starken musikalischen Fluss, den ein gutes Prog Album immer haben sollte. Beispielsweise sind die letzten 3 Songs musikalisch so fest verbunden, dass man beim Hören nachschauen muss, in welchem Stück man sich gerade befindet. So ist hier der Teil “Kill the Orchestra” nach meinem Dafürhalten das stärkste Stück des Albums. Balladesk beginnend stehen wir plötzlich vor einer unerwarteten und kurzen Wall of Sound, während im hinteren Teil Motive anderer Songs eingebaut auftauchen und somit das ganze Album abbinden. Die allgemein auf sehr vielen guten Prog-Alben befindlichen ein oder zwei auffüllenden Songs, denen eine gewissen Qualität und Notwendigkeit fehlt, kann ich auf “Day and Age” nicht finden.

Herauszuheben sind noch zwei weitere Songs. Erstens den Titelsong “Day and Age”. Das youtube Video dazu ist gut, ist aber mit seinen 4 Minuten nur auf den Rockopop-Teil beschränkt. Ich empfinde es als höchst eindrucksvoll, wie mit fortgesetztem stampfenden Rhythmus im längeren hinteren Teil der elfeinhalb Minuten Album Version musikalisch variiert wird. Nur in ganz wenigen mir bekannten Stücken des Progressive Rock gelingt es so gut, einen an sich langweiligen 4/4-Takt so variabel zu bauen, so dass es Spaß macht dieser Entwicklung zuzuhören. Im Gegenteil, wenn am Ende ausgeblendet wird, wünscht man eigentlich, dass das noch eine Weile weiter gehen möge.

“The Boy Who Stands Still” ist in den ersten zweienhalb Minuten durch einen Erzähler geprägt, der in ziellose Musik eingebaut ist. Das beginnt irgendwann zu nerven. Genau an diesem Punkt fällt der Song in sich zusammen, um dann mit geordneten musikalischen Mitten wieder Fahrt aufzunehmen und so ein großartiges Gänsehaut-Feeling zu erzeugen. Ein ungewöhnlich und hervorragend strukturierter progressive Rock Song!

Das Album beginnt mit einer Erzähl-Einleitung einer Kinderstimme “Hello und willkommen im Rest deines Lebens. Bevor wir die kurze Reise beginnen…” Das führt bereits auf die textliche Thematik des Albums hin: Verarbeitung unerfüllter Träume in der zweiten Lebenshälfte, Midlife Crisis (“Repeat to Fade”), Nicht-wahr-genommen-werden (“The Boy Who Stands Still”) oder Frust über zunehmendes Desinteresse der Menschen an richtiger Musik (“Kill the Orchestra”). So führt auch der Albumtitel erstmal ins Leere, aber wenn man dann in den Lyrics das Wortspiel zwischen “Day and Age”, Dying Age” und DNA erkennt macht das Ganze wieder Sinn.

Einen Minuspunkt muss ich dem Album für ein in meinen Augen uninspiriertes Artwork geben. Die in dunklem Licht gehaltenen Normalfotografien von Megafonen mit Menschen (oder umgekehrt?) sind kreativ dünn. Der Eindruck eines an sich sehr guten und ausgereiftem Albums wird dadurch gestört, zumal man in der Kreativabteilung bei FROST* bei den anderen Werken besser drauf war und jedes Album sogar mit de facto eigenem Logo präsentieren konnte.

Nichts für ungut, wir haben hier ein rundes und ordentliches Progressive Rock Album vorgelegt bekommen, auf dem es nach den ersten Hördurchläufen noch viel zu entdecken gibt.

Wertung 8,5/10 Punkten

Tracklist:

1. Day and Age

2. Terrestrial

3. Waiting for the Lie

4. The Boy Who Stands Still

5. Islands Life

6. Skywards

7. Kill the Orchestra

8. Repeat to Fade

FROST* 2021:

Jem Godfrey (keyb, voc)

Nathan King (bass, keyb, voc)

John Mitchell (git, bass, voc)

Guests: Pat Mastelotto, Kaz Rodriguez, Darby Todd (drums)

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