Review: Tomas Bodin – Nosferatu (Soundtrack)

Der Name Tomas Bodin wird vielen Prog Fans als Gründungsmitglied und Keyboarder der Flower Kings bekannt sein. Während seiner Zeit als Bandmitglied brachte er zusätzlich sieben allesamt spannende Solo-Alben heraus, davon fünf als Keyboard-Instrumental-Werke. Die Alben verzeichneten in hohem Maße einen eigenen Stil, Seele und Musikalität und wurden mit teilweise sehr großem Aufwand eingespielt. Vor diesem Hintergrund schmerzte vielen Fans sein Ausscheiden bei den Flower Kings 2018. Tomas Bodin zog sich zurück, blieb aber in seinem eigenen Studio aktiv. Ein Großteil seiner Eigenproduktionen sind, kann man sagen, „cineastisch“ angelegt. Sie erzeugen auch mit Hilfe teilweise phantasievoller Titelbezeichnungen ein Kopfkino beim Hörer, in denen man seine eigenen Gedanken freien Lauf lassen kann.

Ziemlich überraschend tauchte auf youtube am 23. Februar 2022 eine Vertonung des Gruselklassikers „Nosferatu“ mit Musik unter seinem Namen auf. Tomas Bodin hat diesen Film also mit einem kompletten 90 minütigem eigenen Soundtrack versehen. Die Veröffentlichung erfolgt damit ziemlich genau am 100. Jahrestag der Erstaufführung am 4. März 1922. Den Film „Nosferatu“ kann mit Fug und Recht als Mutter aller Gruselfilme bezeichnen. Wir haben hier erstmal einen erstmal klassischen Stummfilm ohne gesprochenes Wort oder gespielter Musik, der damals als nicht autorisierte Adaption von Bram Stokers Dracula entstanden ist. Er sollte laut Wikipedia bereits 1925 nach verlorenem Urheberstreit mit allen Kopien vernichtet werden. Wurde er auch, aber eine einzige Kopie wurde gerettet, woraus die heute verfügbaren unzähligen Schnittversionen gewonnen wurden und die heute bekannten restaurierten Fassungen entstanden sind.

Die Arbeit an dieser Musik begann Tomas Bodin 2017. Sie zog sich ganze 5 Jahre hin. Im Abspann kann man lesen, dass er den Film im Alter von 7 Jahren zum ersten Mal gesehen, seitdem bei ihm zahlreiche Alpträume kreiert hat und somit in seinem Kopf nach einer intensiven Aufarbeitung dessen geschrien hat. Warum dieses Projekt? „Ich kann das nicht wirklich sagen, aber wahrscheinlich wollte ich Möglichkeiten ausloten, mit modernem Equipment alte Sounds zu neu kreieren.“ meint Bodin in einem youtube Clip.

Setzt man sich in seinen Fernsehsessel und schaltet man den Film ein, dann muss man konstatieren, dass ihm das sehr gut gelungen ist. Eigene Sounds hauchen dem Film ein ganz spezielles Eigenleben ein, was er vorher vielleicht noch nie hatte. Ok, vor Tomas Bodin gab es schon andere Vertonungen mit orchestraler Instrumentierung, die aber nicht die Tiefe erzielen wie die besonderen, von Tomas Bodin in wirklich mühevoller Kleinarbeit kreierten Sounds. Einen kleinen Eindruck von dieser selbst auferlegten Sysyphus-Arbeit bekommt man, wenn man den 10 minütigen Clip „Bodin says 3“ auf youtube aufruft.

Die Musik erscheint extrem detailverliebt. Jeder Szene, jeder Stimmung, ja jedem Charakter ist eigene Musik zugeordnet und ist genau auf die Szenen und Schnitte getrimmt. Man hört Türknarren, Vogelgezwitscher oder Pferdewiehern und vergißt, dass man eigentlich in einem Stummfilm ist. Natürliche oder naturnahe Instrumente wurden imitiert, wobei das sehr auf alt getrimmte Piano bewußt in den Mittelpunkt gestellt worden ist. Das sind keine Spielereien, das ist Musik die die Filmszenen klar unterstützt und deren Inhalte dadurch heraushebt. Die Musik versprüht am Anfang des Films eine positive verspielte Atmosphäre, später bei der Begegnung mit Dracula werden diese düster, verstörend, erschreckend bis hin zu stellenweise schmerzend. Alte Liebhaber von Tomas Bodin ́s Musik werden ihre Freude an diesem Werk haben. Denn man erkennt vieles von seinen Soloplatten, ja auch seine Sounds der alten Flower Kings Alben wieder. Man wird eindrucksvoll daran erinnert, was für ein besonderer und eigenständiger Musiker der ehemalige Flower Kings Keyboarder ist.

Tomas Bodin hat mit beispielsweise „Cinematograaf“ oder „She Belongs To Another Tree“ Alben gemacht, die Filmen nachempfunden sein könnten. Nun hat er in Weiterentwicklung dieses Stils einen kompletten, aufwändigen 90minütigen Soundtrack zu einem klassischen Stummfilm geschaffen. Die Musik könnte durchaus für sich alleine stehen, gemeinsam mit dem Film entfaltet sie aber eine bei Tomas Bodin noch nie da gewesene Wirkung seiner Musik. Musikfreunde, die die Alben von Tomas Bodin einmal geliebt haben und vielleicht immer noch lieben, müssen sich diesen Film unbedingt ansehen!

(Ohne Wertung, da die Musik für sich alleine nicht stehen kann)

Hier könnt ihr schon mal reinschauen:

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