Interview mit Tomas Bodin

Gunter hatte die Möglichkeit exclusiv mit Tomas Bodin zu sprechen, über aktuelle Projekte, seine Zeit bei den Flower Kings, die Vertonung des Stummfilms „Nosferatu“ und vieles mehr. Viel Spaß beim lesen!

Tomas Bodin: Willkommen in meinem kleinen Studio! Ich möchte Dir gleich mal zeigen, woran ich gerade arbeite. Du wirst jetzt die erste Person sein, die sich einen kleinen Auszug von SATIN RED anhört. Aber bitte nicht aufnehmen!

STONE PROG: Oh wow, vielen Dank! Klingt gut! Irgendwie poppig, aber auch verspielt. Nicht so düster wie zuletzt bei BARRACUDA TRIANGLE. Was ist SATIN RED?

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Tomas Bodin: Das ist meine neue Instrumentalband, mit mir am Keyboard, JJ Marsh an der Gitarre sowie den zwei Deutschen Thomas Stieger am Bass und Felix Lehrmann am Schlagzeug. Es macht wirklich Spaß, mit diesen Jungs zu arbeiten. Das wird eine CD-Albumveröffentlichung werden. Ich will sehr bald eine Tomas Bodin Bandcamp Seite kreieren und möchte dort alle CD ́s von mir anbieten. Auch Alben, die ich nicht nur digital veröffentlicht habe wie „She Belongs To Another Tree“. Schön ist auch, dass ich mit Thomas Ewerhardt aus Frankfurt wieder gewinnen konnte, um das Cover für SATIN RED zu gestalten. Er hat zum Beispiel das Cover für mein Album „I A M“ gemacht. Ich habe gerade so viele Projekte in der Pipeline, zum Beispiel denke ich daran, eine Art „Cinematograaf II“ zu veröffentlichen. Solange Musik fließt ist es gut!

STONE PROG: Wow, wirklich toll zu hören, dass du gerade wieder neu im Musik kreieren versunken bist. Denn manchmal war es sehr ruhig um dich herum, gesehen aus der Sicht deiner Aktivitäten in sozialen Netzwerken.

Tomas Bodin: Ich brauche manchmal irgendwie die Zeit dazwischen, eine Zeit der Abwesenheit von Musik, um meine eigene Musik zu finden, um sie aufzubrechen. Ich denke, meine Fans beginnen zu verstehen, dass ich ein bisschen dies und ein bisschen das mache und dass alles jetzt Sinn macht. Als ich jünger war, suchte ich nach „was ist Tomas Bodins Musik?“. Ich weiß jetzt ziemlich genau, was es ist.

STONE PROG: Wie geht es dir Anfang 2022? Beschreibe doch mal deinen Alltag.

Tomas Bodin: Ich arbeite als Musiklehrer an einer Schule, was mir sehr gefällt und sehr viel Spaß macht. Dies ist ein wesentlicher Teil. Natürlich habe ich auch mein Studio hier. Die Musik ist der zentrale Bestandteil meines Lebens. Besonders das Komponieren macht mir sehr viel Spaß. Ich lebe hier am See in einer kleinen Wohnung, zwei Minuten zum Wasser mit einem perfekten Strand im Sommer. Meine Kinder wohnen in Uppsala in der Nähe. Ich bin so voller Dankbarkeit für alles, was ich vom Leben gelernt habe, voller Dankbarkeit, dass ich all diese Möglichkeiten habe, für die Leute zu spielen und ein Publikum zu haben, die wirklich meine Musik hören wollen. Dafür fühle ich mich demütig. Das ist ein großes Privileg.

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STONE PROG: Was ist in den Jahren passiert, seit du nicht mehr Mitglied der Flower Kings bist?

Tomas Bodin: Ich habe nie eine offizielle Nachricht von Roine Stolt bekommen, dass ich nicht mehr in der Band bin. Ich saß damals von der Arbeit im Zug nach Hause, surfte auf meinem Handy und fand eine Nachricht, dass The Flower Kings auf Tour gehen würden! Ohne mich! Es war ein Schock, als mir das klar wurde. Danach war ich total betäubt. So lange in der Band und jetzt das. Ich war lange völlig am Boden zerstört und voller Alpträume; ein Gefühl, nie wieder etwas mit Musik machen zu wollen. Als ich aus diesem Tunnel kam, hatte ich aus verschiedenen Gründen eine beschissene Zeit. Also ungefähr 3 Jahre voller Dreck. Danach allerdings fühlte ich aber mich wie neugeboren, fühlte mich stark, bei mir selbst. Jetzt weiß ich, dass das das Beste war, was mir passieren konnte. Denn ich musste diesen Schirm von Roine dringend loswerden. Aber es war Cold Turkey, das war ein verdammt schwerer Weg. Ich bin glücklich so wie es jetzt ist. Die Sache ist auch, dass ich bemerkt habe, dass es so viel Liebe von den Fans gibt. Sie vermissen meine Musik und mich auf der Bühne.

STONE PROG: Warum wurde Dein Bandprojekt BARRACUDA TRIANGLE nicht weitergeführt? Damit hattest du damals doch so viel vor.

Tomas Bodin: Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß es nicht wirklich! Vielleicht war die Aufnahme des Albums unter den Fans und die Kritiken etwas seltsam. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es in der Prog-Community auf wenig Interesse stieß, vielleicht zu viel harte Musik. Aber ich habe das Album neulich gehört und denke nun daran, es auf meinen Seiten zu veröffentlichen, weil das auch meine Musik ist. Vielleicht gibt es einige Songs, die wir mit SATIN RED spielen könnten!

STONE PROG: Lass uns über deine aktuelle Arbeit sprechen. Was hat dich dazu bewogen, 2017 das Megaprojekt der Erarbeitung einer Filmmusik zu „Nosferatu“ zu starten? Hast du damals ahnen können, dass es fünf Jahre dauern würde?

Tomas Bodin: Ja, es hat fünf Jahre gedauert, aber es waren keine fünf Jahre mit täglicher Arbeit daran. Die letzten zwei Jahre waren allerdings besonders intensiv. Von Anfang an war ich mir nicht sicher, was daraus werden würde. Es hat eben so lange gedauert, bis ich es hingekriegt habe. Zum Beispiel war es richtig Arbeit, nur das Tempo für eine Szene zu finden. Ich habe zuerst am Klavier komponiert und die Musik erst produziert, als es in diesem Sinne fertig war. Zum Beispiel war es schwer, den Grund für die immer wiederkehrende Asynchronität in Bezug auf die späte Musik zu den Filmszenen herauszufinden. Die Arbeit mit dem Nosferatu-Film war etwas, von dem ich sehr viel gelernt habe. Ich habe insbesondere versucht, meine große Liebe für die klassische Musik und die Herangehensweise klassischer Komponisten an die Musik zu erforschen. In diesem Sinne ist es das vielleicht sinfonischste Musikstück, das ich je gemacht habe.

STONE PROG: Wenn man sich den Film betrachtet, ist die extreme Liebe zum Detail in der Musik beeindruckend anzusehen. Die Musik ist exakt auf Szenen und Charaktere abgestimmt; wiehernde Pferde, zwitschernde Vögel oder knarrende Türen lassen manchmal vergessen, dass wir uns hier eigentlich in einem klassischen Stummfilm befinden!

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Tomas Bodin: Das war mein Ziel. Ich weiß nicht, ob es einen Namen für die Technik gibt, die ich verwendet habe. Einfach die Bewegungen im Film zu analysieren, um damit das Tempo der Musik zu bestimmen. Wenn du dich zum Beispiel an diesen Spaziergang mit dem Sarg auf der Schulter erinnerst. Es hat lange gedauert, bis die Musik im richtigen Tempo dieses Spaziergangs war. Ich habe nach allem gesucht, Bewegungen, Händeschütteln, alles hat einen Rhythmus, der die Szenen umgibt. Vielleicht gibt es ja ein paar eingefleischte Fans, die die Geduld haben, hier tiefer einzusteigen. Ich habe zum Beispiel im ersten Akt das Stummfilmklavier bewußt verstimmt. Je mehr du im Film von „Home Sweet Home“ weg gehst, je näher du Dracula kommst, desto mehr HiFi und Stereo wird es. Meine erste Idee war sogar, die Musik des ersten Akts als Mono Erlebnis zu kreieren, und wenn man ihm dann begegnet, kommen alle Sinne zu einem Stereo-Klangfeld. Der Grad an Wahnsinn in der Musik wird größer, je tiefer man in den Film eintaucht.

STONE PROG: Das habe ich beim anschauen genau so empfunden: du schaltest den Film an, weißt dass du dich in einem alten Stummfilm befindst, und bekommst die Musik die du erwartest. Und je mehr man in die Szenen und den Film rein kommt, desto tiefer wird die Musik.

Tomas Bodin: Weißt du, im Prog Rock haben wir immer versucht, verschiedene Themen zu verwenden und zu wiederholen. Und in diesem Film habe ich das auf ein extremes Niveau gebracht. Ich bin ein großer Fan von sogenannter Programm – Musik, das heißt Musik beschreibt zum Beispiel reale Handlungen oder Gefühle. Im 19. Jahrhundert hatte man erstmals die Idee, ein Thema oder einen Klang mit einer Person oder einem Gefühl zu verknüpfen. Sie haben das oft in Filmen verwendet. Das bekannteste und offensichtlichste Beispiel dafür ist „Star Wars“. In Nosferatu zum Beispiel war das Glockenspiel mit ihr verbunden, das verstimmte Klavier war mit ihm verbunden und der Flügel war mit Dracula verbunden.

STONE PROG: Was du als Program Music bezeichnest, habe ich schon als Kind im Musikunterricht in der Schule gelernt. Ich erinnere mich, wie der Lehrer uns „Peter und der Wolf“ von Prokofjew vorstellte. So wurde mir gelehrt, wie Musik funktioniert. Besondere Musik und Themen für besondere Charaktere.

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Tomas Bodin: Du erwähnst Prokofjew: Er und Schostakowitsch gehören zu meinen Lieblingskomponisten. Beide sind große Inspirationen für mich. Wenn ich Musik komponiere, habe ich viele Prokofjew-Gedanken im Kopf.

STONE PROG: Eine sicher wichtige Frage rund um Ihre Arbeit mit dem Nosferatu-Film: du hast so viel Arbeit hineingesteckt. Der Film steht frei auf youtube zur Verfügung. Warum versuchst du nicht, damit Geld zu verdienen, zum Beispiel per Streaming nach Bezahlung?

Tomas Bodin: Der Film selbst ist öffentlich frei verfügbar, außer in deinem Land. Deutschland ist das einzige Land der Welt, das hier ein Urheberrecht hat. Bram Stokers Familie brachte die Angelegenheit 1925 vor Gericht und der Film verlor. Dieser Prozess war in Deutschland, die Anwälte sagten, dass das Urheberrecht bis 2049 oder so in Deutschland bleiben wird. Also kann ich die Musik nicht mit dem Film veröffentlichen, weil das in Deutschland eine Menge Ärger machen würde. Hier habe ich viele Fans, und das würde auf jeden Fall passieren. Ich dachte auch daran, die Musik für sich zu veröffentlichen, aber das macht keinen Sinn. Rein musikalisch gesehen finde ich gewisse Stellen richtig gut. Nun habe ich die Idee, einige Teile zu „rockifizieren“, es also zu Progressive Rock umzuschreiben, ein Album daraus zu machen und es „Nosferatu Excerpts“, „Nosferatu in Rock“ oder so zu nennen. Das wäre sinnvoll und vielleicht eine gute Idee.

STONE PROG: Zurück zu SATIN RED: Willst du mit dieser Band touren?

Tomas Bodin: Ja, das ist natürlich mein absoluter Traum. Wenn ich jetzt meine Musik höre, zum Beispiel „Sonic Boulevard“ oder „Pinup Guru“, gibt es so viele Songs, die sich auch gut für eine Tour mit SATIN RED eignen. Ich habe mit Felix und Thomas gesprochen und sie hätten nichts dagegen, mit diesem Material zu touren.

STONE PROG: Du hast gesagt, dass du all deine alten Platten als Re-Releases auf Bandcamp stellen willst. Denkst du darüber nach, vielleicht ein Box-Set davon zu machen?

Tomas Bodin: Es wäre machbar. Dafür muss ich die Fanbase noch ein bisschen aufbauen. Eine gute CD-Box zusammenzustellen ist nicht gerade das Billigste. Ich habe auch die Idee, eine Patreon-Seite zu starten weil ich weiß, dass es da draußen viele Musiker gibt, die fragen wollen: wie geht es dir? Wie erschafft und arbeitet man mit solchen Sounds und all dem Zeug. Aber diese Bodin Box zu machen ist vielleicht eine gute Idee! Solange es Geist gibt, gibt es Hoffnung für die Musik!

STONE PROG: Es ist gut zu sehen, dass du wieder in der Musik bist, damit du deine ganze Energie und Kreativität für das einsetzen können, was du gerne machst. Und ich bin froh, dass es dir gut geht, nach allem, was in den letzten Jahren mit dir passiert ist. Danke für deine sehr interessanten Ansichten zu dir und deiner Musik. Ich freue mich auf das Album und hoffe, euch mit SATIN RED unterwegs zu sehen.

Tomas Bodin: Ja, ich auch. Tschüss bis bald!

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