Livereport: Cruise To The Edge 2022

Dieses jährliche Mega-Event des Progressive Rock gibt es nun seit knapp 10 Jahren. Beinahe seitdem beobachteten wir neidvoll die begeisterten Berichte und Fotos in den sozialen Medien, ohne uns wirklich mit dem Gedanken zu beschäftigen, daran teilzunehmen. Denn der Aufwand (finanziell, langer Flug, ggf. Urlaub zusätzlich nehmen) sprach immer dagegen. Für 2022 passte aber alles inklusive einem praktisch unschlagbarem Lineup teilnehmender Bands. So hatte sich ein Teil der Stone-Prog-Redaktion ein Herz gefasst und reiste gemeinsam zu diesem Ereignis. Die Preise pro Person in einer Standard-Doppelkabine sind etwa zwischen 1.000 und 2.000 US-Dollar (ein üblicher Preis für Kreuzfahrten) angesiedelt und können über einen längeren Zeitraum in drei Raten entrichtet werden. Dieser Preis schließt alle Konzerte, Speisen in großer Auswahl sowie Wasser und künstliche Limonade aus dem Speiseraum ein. Mag man auf weiteres verzichten, ist das bereits der Endpreis für das Vergnügen.

RIVERSIDE – POOLSTAGE pic: (C) bodo kubatzki

DIE VORBEREITUNG

Bereits im Juni 2021 buchten wir unsere Kabine. Dabei waren wir weiß Gott nicht die ersten. Denn diese Cruise war 2020 Covid-bedingt verschoben und für 2022 auf einem größeren Schiff neu organisiert worden. Die ersten Buchungen dieser Teilnehmer fanden also bereits 2019 statt! Obwohl Anfang 2022 klar wurde, dass das Ereignis tatsächlich stattfinden würde, hing doch bis zum letzten Moment alles am seidenen Faden. Die Fluggesellschaft verlangte zur Einreise in die USA einen tagesaktuellen Corona-Negativtest, genau wie die Kreuzfahrtgesellschaft. Damit war ein zweiter Test in den USA erforderlich, der vorher selbst als Schnelltest kostenpflichtig gebucht werden musste. Übrigens auch für alle Musiker und deren Crews! Die Akzeptanz deutscher Testzertifikate war unklar und nach Kommunikation mit der Kreuzfahrtgesellschaft stark in Frage zu stellen. Das Worst Case-Szenario war dabei, dass genau dieser Test positiv ausfällt. Man kann dann bestenfalls das Schiff noch abfahren sehen, ohne an Bord zu dürfen. Wenige einzelne Fans und auch eine Band hat das wohl auch getroffen. In unserem Bekanntenkreis ging alles gut, ein Riesen-Stein fiel uns mit dem negativen Testergebnis vom Herzen. Und das erst in den USA, am Nachmittag vorm Ablegen des Schiffes. Die lange lange Vorfreude hatte ein Ende, wir konnten wirklich an Bord und an dieser Traumreise teilnehmen!

DIE PRE-CRUISE-PARTY

Die Veranstalter hatten am Abend zuvor zu einer Pre-Cruise-Party geladen, was bei vergangene Kreuzfahrten bereits gute Tradition war. Alle Reisenden wurden angeschrieben und konnten im Vorfeld ihr Ticket kostenfrei buchen. Allerdings musste man sich da beeilen, denn die Tickets waren limitiert und letztlich schon nach 2 Tagen alle.

Auf dem Weg zum Venue musste ein Pool-Bereich durchlaufen werden, wo schon bei jenseits von 25 Grad bei lauter Prog-Musik abgefeiert wurde (was für eine verrückte Atmosphäre!). Es begrüßte uns eine bereits sehr gut gefüllte große Halle mit vielleicht 600-800 Sitzplätzen. Eine Stunde nach Einlassbeginn begannen nach kurzer Anmoderation durch die Cruise-Organisatoren TYSON LESLIE & WILL DAUGHTY ihre Piano-Battles. Wir fanden das wilde Gespiele wenig interessant, es war breiig gemischt, und eventuell adaptierte Prog Stücke waren kaum erkennbar. Besser dann schon bei ALAN HEWITT & ONE NATION. Der Keyboarder von MOODY BLUES überzeugte mit seiner Band durch gefälligem Prog. Beide Acts konnten dann auch mit weiteren Konzerten auf dem Schiff bestaunt werden.

ALAN HEWITT & ONE NATION pic: (C) bodo kubatzki

Der wirkliche Kracher des Abends war PROGJECT. Diese zusammengewürfelte Truppe von Prog Heroen (Michael Sadler, Ryo Okumoto, Matt Dorsey, Mike Kineally, Jonathan Mover) bekam man alleine schon von den Namen her wäßrige Augen. Die US Tour der Herren endete mit diesem Konzert. Man glitt in der Setlist in Blöcken durch das bekannteste und beste von Yes, Genesis, Bill Bruford oder ELP. Das Konzert war richtig gut, die Jungs zeigten bei der komplexen Musik große Spielfreude. Ok, das Nachspielen eines Best-Of-Sammelsuriums von Prog Songs durch eine Cover Band mag Puristen stören, aber als Einstimmung auf die bevorstehende Reise, passte das schon, und auf jeden Fall war dieses Konzert eine Prog Party, welche dieser Bezeichnung vollends gerecht wurde. Zufrieden liefen wir in unser benachbartes Hotel zurück und verbrachte noch einige Stunden mit Freunden draußen in lauer Nacht. Dach diesem musikalischen Auftakt, allsamt negativ verlaufenen Tests hatte die lange Vorfreude damit ihren Höhepunkt erreicht. Morgen geht es wirklich los!!!

PROGJECT pic: (C) gunter dressler

AN BORD

Nach langwierigem und etwas nervigem Check-in durften wir uns endlich in den Bauch des Mega Schiffes begeben, welches wir uns gemeinsam mit knapp 3800 weiteren Gästen und 1200 Menschen als Personal für eine knappe Woche teilen durften. Klingt nach viel Gewusel, aber das Schiff war so groß, dass wir es als nirgends überlaufen empfanden. Viel gab es zu entdecken. Wo wird gespielt? Wie sind die Kabinen? Wo kann man essen? Eine Fülle von Bands und Interpreten warteten nun die nächsten Tage darauf, das Kreuzfahrt-Publikum zu bespielen. Auf den Ankündigungen waren genau 42 Acts angekündigt!

Zunächst gab es aber die Laminates in Empfang zu nehmen. Diese sind attraktive rote oder blaue Plastik-Karten in A6-Größe, für jeden Kreuzfahrer einzeln mit Platznummer für den Sitzplatz ausgefertigt. Ziel des Ganzen ist ein praktisches: im Haupt-Veranstaltungs-Saal wird so garantiert, dass jedem Gast ein Sitzplatz für ein Headliner-Konzert (in dem Falle TRANSATLANTIC, MARILLION und ALAN PARSONS) garantiert wird. Ohne das bestünde die Gefahr, dass man durch „schnelle“ Fans und solche, die ihren Headliner zweimal sehen möchten, draußen bleiben muss. Denn jede Band hatte während der Cruise genau zwei Auftritte, so dass bei den zahllosen Parallel-Konzerten und Überschneidungen jedem Gast die Möglichkeit gegeben wird, die ihm genehme Band mindestens einmal zu sehen. Eine Mammut-Aufgabe in der Vorbereitung für die Organisatoren, wozu noch der Sachverhalt kam, dass richtig viele Musiker in zwei oder gar mehr verschiedenen Bands spielten!

Das „wer-spielt-wann“ wurde bereits eine Woche vorher Tag für Tag an die Kreuzfahrer versendet und gepostet, so dass jedermann rechtzeitig seine Konzertplanungen beginnen konnte. Prioritäten waren zu setzen: wen möchte man auf jeden Fall sehen, vielleicht auch in 2 Konzerten, auf welchen Act war man bereit zu verzichten. Eine gute individuelle Planung war also Voraussetzung für einen intensive, aber trotzdem entspannte Konzertwoche. Täglich gab es aus unterschiedlichen Gründen aber auch Verschiebungen und Verlagerungen, über die man täglich durch tagesaktuelle Flyer oder durch Aushänge an allen Fahrstühlen informiert wurde.

Was sich in den nächsten Tagen an Begegnungen und Beobachtungen abspielen sollte, ist einmalig kann man so nirgends anders erleben. Schließlich sind Bands und Fans gemeinsam auf dem Schiff „eingeschlossen“, müssen gleiche Wege zu ihren Kabinen, zum Essen und zu den Venues gehen. Es sei denn, die Stars schließen sich in ihrer goldenen Kabine ein und lassen sich extra teuer bewirten. Nach unseren Beobachtungen taten das aber niemand. Beispielsweise auch nicht Alan Parsons, Marillion oder ein oft fan-scheuer Mike Portnoy. Alle Musiker wuseln hier und da durch die Menge, sind gut aufgelegt und gerne zu einem Schwatz und zu einem gemeinsamen Foto bereit. Man nimmt sein Frühstück ein, und am Nachbartisch sitzen Riverside oder die Flower Kings und tun das gleiche. Ab vielleicht zweitem oder dritten Tag ist das dann auch nichts besonderes mehr, wenn gefühlt jeder 5. Mensch dem man begegnete ein Bandmitglied oder eine ganze Band ist, die Musik macht, die tief im Herzen des Fans eintätowiert ist. Manchmal ist es einfach nur schön zu beobachten, dass unsere Stars auch nur Menschen sind, die genießen, andere Musiker treffen, ihnen begeistert bei der Arbeit zuzuschauen oder sich gar für künftige gemeinsame Projekte zu verabreden. Oder einfach zwischen ihren Aufgaben auch mal einen Tag Urlaub zu machen wie jeder andere Mitreisende auch.

Ab diesem Punkt lag es an jedem selbst, sich ein Herz zu fassen, die 5 Meter zum Star seiner Wahl auch hin zu gehen und ihn anzusprechen. Oder auch nicht. Für uns war es ein Gebot des Respekts bei unseren Helden den Moment zu bewerten, wann ein derartiger Kontakt entspannt sein sollte oder wann es eine Privatsphäre gab, in der man Steve Hogart oder Neal Morse nicht stören möchte. Man musste für den gewünschten Kontakt auch nicht die erste Gelegenheit verwenden, diese sollte üblicherweise mehrfach in den Tagen wieder kommen. Kam man ins Gespräch, war alles entspannt, man redete gern (auch gerne mal etwas länger), ließ Fotos zu und bekam Autogramme wenn gewünscht.

Neben den Konzerten und spontanen Begegnungen gab es noch weitere Möglichkeiten, seiner Lieblingsband näher zu kommen. Viele Bands gaben sogenannte „Q & A“ – Termine, also Fragen und Antworten. Zumeist saßen die Kapellen im Promenaden-Deck 5 vor einer Bar. Der Fan konnte selbst Fragen an die Band stellen oder einfach nur dem Gespräch zwischen Band und Moderator zuhören. Moon Safari gab hier beispielsweise sogar kurze a cappella Gesangseinlagen! Weiter gab es kostenfreie Fototermine mit vielen Bands. Eigenes Equipment, und Zeit mit den Bands war hier allerdings nicht erlaubt. Anstellen, Foto und fertig. Diese Fotos waren später im Netz erhältlich, kostenpflichtig wenn man Fotoabzüge bestellen möchte, oder kostenfrei zum Herunterladen. Diese Termine sind ein kluger Schachzug, einerseits um den Fans große Nähe zu den Bands zu gewähren, andererseits, um den Musikern an anderer Stelle mehr Privatsphäre zu geben. Denn so manche Frage mussten die Bands dann nicht bei jedem Treffen immer wieder beantworten, und so manches Foto mit jedem einzelnen Prog Nerd musste nicht mehr gemacht werden. Ganze Bands komplett waren normalerweise auf dem Schiff spontan sowieso nicht aufs persönliche Foto zu bekommen.

pics: (C) gunter dressler

DIE VENUES

Neben Piano-Geschichten oder spontanen Happenings in diversen kleinen Bars gab es im wesentlichen vier Stellen, wo die Konzerte stattfanden. Zunächst ist da das Royal Theater zu nennen. Ein eherner Saal mit gepolsterten Stühlen, einem Rang, einer klassischen Theaterbühne und einem Fassungsvermögen von 1.300 Plätzen. Hier fanden unter anderem die oben beschriebenen Headliner Shows statt. Das Studio B ist bei anderen Kreuzfahrten eine kleinere Arena, die für Eislauf-Shows konzipiert ist, und fasst 900 Besucher. Durch die Kompaktheit von Studio B kam hier schon beinahe Klub-Atmosphäre auf. Der Rang auf der Bühnenseite war abgebaut bzw. abgehangen, und die „Eisfläche“ war bestuhlt. Damit sollte Studio B eine Kapazität sogar nahe an der des Royal Theater erreichen. Die Star Longue kann man als großen Bar-Saal beschreiben, mit Tischen, Stühlen und eben einer Bar. Fassungsvermögen vielleicht 300 Plätze. Die Konzerte waren übrigens generell auf eine Stunde, maximal 75 Minuten konzipiert, weshalb wir nirgends wirkliche Zugaben beobachtet haben. Einlass war immer ca. 15 Minuten vor Konzertbeginn. Lange Schlangen der Wartenden wurden organisiert, die oft weit weg vom Eingang endeten. Das war auf den ersten Blick zwar nervig, bedeutete aber einen zügigen Einlass, kein Gedrängel und danach einen schnellen Konzertbeginn. Aufgrund zahlreicher Verspätungen waren Wartezeiten die Regel. Manchmal war es hilfreich, pünktlich auf die Minute da zu sein, da man dann direkt rein konnte. Bei Verspätungen hieß es aber dann doch wieder hinten anstellen.

Und dann war da noch die Pool Stage auf Deck 11. Aufgebaut war hier eine ordentliche Outdoor- Bühne, deren Bestandteile durch einen Riesen-Kran an Ort und Stelle gehievt worden war und dann da auf- und am Abreisetag wieder abgebaut wurde. Man muss sich dabei vorstellen: Deck 11 heißt 11. Stock eines Hochhauses! Die Konzerte hier waren ein schöner regelmäßiger Treffpunkt von Fans, Freunden und Musikern. Beobachten, Prominieren sowie Kontakte während und zwischen den Konzerten suchen bzw. pflegen machte hier richtig Spaß. Das Publikum stand vor der Bühne teilweise in abgelassenen Pools oder lümmelte auf den reichlich herumstehenden Liegen herum. Man konnte auch am Geländer eine Etage höher stehen, dort komplett um die Bühne herum laufen, seitlich oder hinter der Bühne zuhören und nach der besten Fotoposition suchen. Wer wollte, konnte die Konzerte auch in einem der zwei gefüllten Whirlpools genießen. Da diese etwas erhöht standen, war das natürlich der exklusivste Publikumsplatz auf Erden, um ein Prog Konzert zu genießen.

POOL STAGE (KLONE) pic: (C) holger stöckel

Die Konzerte auf der Pool Stage hatten aber auch Schatten-Seiten. Tagsüber war es heiß, was aber weniger störte, da die Konzerte ja recht kurz waren und man sich danach wieder in den Schatten verkrümeln konnte. Problematischer war da schon der meist ziemlich starke Wind. Die Bühne selbst bewegte sich zwar keinen Zentimeter, und auch der Sond war überraschenderweise immer konstant und druckvoll gut. Die Musiker blieben zwar noch gerade stehen, aber deren Haare wehten kräftig im Wind, die abgehängten Bühnenpodeste waren bald nicht mehr abgehangen und die Cymbals der Drums pendelten kräftig. So manche Band hatte dadurch mit technischen Problemen zu kämpfen, aber offenbar eher nur im Rahmen der eigenen Technik. Denn man beobachtete diese Probleme nur, bekam aber rein vom Konzertklang davon kaum etwas mit. Auf jeden Fall war die Atmosphäre auf Deck 11 eine besondere. Hier fühlte man sich wirklich wie auf einem Schiff, genoß seinen Urlaub mit großartiger Prog-Live-Mugge. Viele Bands hatten ein Konzert hier und ein Konzert in einem der drei „richtigen“ Venues. Jeder Cruiser konnte sich also die Konzertatmosphäre seiner Band aussuchen, die ihm gefiel.

DIE KONZERTE

Es liegt uns fern, an dieser Stelle jedes einzelne der vielleicht 30-40 Konzerte zu beschreiben, die wir beide gemeinsam oder einzeln besucht haben. Wir möchten aber doch so ein Dutzend Shows herausgreifen, die uns aufgrund der dargebotenen Besonderheiten und Qualitäten aufgefallen sind.

Zunächst zu den Headlinern. Nachdem TRANSATLANTIC in der „Red“ Show ein 70-Minuten Best-Of ihrer Alben 1-3 darbot (inhaltlich und in der kurzen Gesamtdauer überraschend), spielten sie in ihrer „Blue“ Show ihr 2021er Werk „The Absolute Universe“ am Stück. Damit war dies das mit Abstand längste Konzert der Cruise. Wenn man das Album schon oft im heimischen Sessel gehört hat muss man einfach konstatieren, das beim kompletten Hören die Wirkung dieses geschlossenen 100-Minuten Werkes phänomenal ist. Entsprechend war das hier Prog at its very best; die paar kleinen Verspieler verzeiht man da doch gern.

TRANSATLANTIC – ROYAL THEATER pic: (C) bodo kubatzki

MARILLION spielten ebenfalls in der „Blue“ Show ihr kürzlich veröffentlichtes Album „An Hour Before It ́s Dark“ komplett am Stück, hochemotional und mit einem wie üblich extrovertiertem Steve Hogarth vorneweg. Danach gab es hier noch zwei extra Songs; warum nach einer perfekten Album-Präsentation ausgerechnet hier deutliche technische Probleme auftraten blieb uns schleierhaft.

MARILLION – ROYAL THEATER pic: (C) bodo kubatzki

ALAN PARSONS ist als Producer von THE BEATLES und PINK FLOYD sowie mit den ersten zwei bis drei Alben seines ALAN PARSONS PROJECT in den 70ern eine Legende im Prog-Bereich. Im Konzert seiner Band, welches im Wesentlichen als Pop-Konzert dargeboten wurde, ist er aber als diese Legende heute eigentlich nur noch das Maskottchen, welches wenig zum musikalischen Ganzen auf der Bühne beiträgt. Man war glücklich, diese Legende auf der Bühne und auch persönlich im „Schiffs-Alltag“ erleben zu dürfen.

ALAN PARSONS PROJEKT – ROYAL THEATER pic: (C) bodo kubatzki

Einen besonders Flair versprühte MOON SAFARI. Trotz sie hier ohne ihren Stamm-Sänger Petter Sandström auftraten (der aus familiären Gründen zu Hause geblieben war), legten Sie insbesondere im Studio B eines der besten Konzerte der Cruise hin. Bereits das vierte Mal auf der Cruise auftretend, wurden sie von den Veranstaltern in der Anmoderation liebevoll als die BEACH BOYS des Prog bezeichnet. Knapp die Hälfte ihres einstündigen Sets stellte Material aus ihrem noch nicht erschienenen Album „Himlabacken Vol. 2“, dar, was nach Auskunft der Herren aber auch noch dauern wird; Jobs und Familien der Bandmitglieder bremsen hier den Fokus auf die Musik aus, was man einfach akzeptieren muss. Das neue Material beeindruckte durch einen größeren Härte-Level, der der Band sehr gut zu Gesicht steht und insbesondere die Qualitäten des neuen Drummers Mikael Israelsson zeigte. Für die Präsentation von „Constant Bloom“, DER a cappella Klassiker der Band, gruppierten sich die Jungs auf der Pool-Stage um ein Mikro, um Studio B wurde gar ohne Verstärkung am Bühnenrand gesungen. Ein hochemotionaler Abschluss der jeweiligen Konzerte.

MOON SAFARI – STUDIO B pic: (C) bodo kubatzki

Neben MOON SAFARI lieferten auch KLONE ein phantastisches Konzert auf der Pool Stage ab. Die Franzosen überzeugten mit Stücken von ihren letzten 3 Alben und einem richtig guten BJÖRK-Cover und gewannen viele neue Fans hinzu. Über die sensationelle Stimme von Frontmann Yann Ligner muss man nicht mehr viel sagen, die Band spielte einen hervorragenden Soundtrack zur untergehenden Sonne …

KLONE – POOLSTAGE pic: (C) holger stöckel

PAIN OF SALVATION lieferten insbesondere mit ihrem Auftritt im Studio B den wohl druckvollsten und mit Nebel und viel dunklem Licht den optisch eindrucksvollsten Auftritt der Cruise ab. Mit der Ausnahme eines älteren Songs wurde ein Querschnitt der letzten beiden Alben präsentiert. Über die hervorragende Stimme und die Präsenz von Daniel Gildenlöw muss man ansonsten nicht mehr viele Worte verlieren. Alles in allem einfach ganz großes Kino!

PAIN OF SALVATION – STUDIO B pic: (C) gunter dressler

LIFESINGS bot bei ihrem Auftritt im großen Royal Theater, abweichend zu ihrem vorigen Auftritt auf der Pool Stage, ihr 2021er Album „Altitude“ am Stück mit zwei zusätzlichen Songs dar. Das Theater war sehr gut gefüllt und die Show war perfekt. Wir empfanden diese Stunde besonders die Wärme der Musik und der Atmosphäre, genau wie das große Publikum. Einfach ein Konzert zum richtig wohl fühlen. Wenn man weiß, dass LIFESIGNS sich bewußt von üblichen Vertriebskanälen und von z.B., auch von Spotify fern halten um unabhängig zu sein, allgemein selten Konzerte geben (und wenn dann vor vielleicht wenigen hundert Zuschauern) kann man das Freudentränchen von John Young und seinen dort geäußerten Wunsch, uns alle mit nach Hause nehmen zu wollen, sehr gut verstehen.

LIFESIGNS – ROYAL THEATER pic: (C) gunter dressler

DAVID KERZNER bot mit einem Allstar-Ensemble ein Personal auf, dass uns die Kinnlade runter fiel. Alleine die McBoom-Sisters, allen PINK-FLOYD-Nerds ein Begriff, die auf der Cruise als eigener Act auftraten. Prominentester im Reigen war Billy Sherwood, aktueller Bassist bei YES. Weiter entdeckten wir Randy McStine, Nick D ́Virgilio oder Matt Dorsey. Nach Belieben tauschte er während der Show den einen oder anderen Musiker aus. Stiller Star (nicht nur in dieser Band) war der kräftige Italiener Fernando Perdomo, der die Show an sich riß und zum Konzertende auch mal die Gitarre am Kabel über die Bühne schleifte. DAVID KERZNER spielte ein Songspektrum seiner Mitwirkungen in verschiedenen Prog Unternehmungen der letzten 10 Jahre wie SOUND OF CONTACT, IN CONTINUUM oder seinem eigenen Namen. Unter diesem veröffentlicht er gerade sein drittes Solo-Album.

DAVE KERZNER – STUDIO B pic: bodo kubatzki

MINNEMANN/McSTINE überraschten mit Nick D ́Virgilio, nicht an Schlagzeug und Gesang, sondern an Keyboards und Akustik-Gitarre! Natürlich durfte das Drum-Battle von zwei der ganz großen Prog Drummer hier nicht fehlen, mit dem das Konzert auch dann beendet wurde. Der Hammer war aber die Bassistin Mohini Dey. Was die ablieferte, damit steckt sie so manchen berühmten Namen der Branche in die Tasche. Alleine ihre völlig vertrackten rhythmischen Duelle mit Marco Minnemann lohnten, sich das Konzert anzuschauen.

Mit großem Erstaunen nahm das anwesende Publikum bei JAKKO JACZYK die Ankündigung zur Kenntnis, dass hier seine ersten Solo-Auftritte seit 37 (!) Jahren stattfinden würden. Seinen Drummer Zoltan Czörsz lernte er erst hier auf dem Schiff kennen. Das Mitglied der aktuellen KING CRIMSON Besetzung zeigte tatsächlich eine nicht zu unterdrückende Schüchternheit während des Auftritts, und wurde kräftig von Band und Publikum ermuntert, mutig sein gutes Material weiter zu präsentieren. Diese Schüchternheit ist nur allzu verständlich, wenn JAKKO sich einerseits seine Hausband über Monate auf Touren vorbereitet und alles bis zur Perfektion ausgeprobt wird, er aber andererseits keine wirkliche Möglichkeit hatte, seine Cruise-Konzerte zu proben. Von der Musik empfanden wir die Songs etwas wie KING CRIMSON in seinen ruhigeren balladesken Stücken. Wem das als KING CRIMSON Fan zu seicht war, der ging alternativ zum ADRIAN BELEW TRIO. Dieser Herr gemeinsam mit seinen Begleitern Julie Slick am Bass und Eric Slick am Schlagzeug und bot herrlich abgefahrenes Zeug auf seiner Gitarre und hatte dabei noch einen Riesenspaß bei der Arbeit, was sich entsprechend auf ein begeistertes Publikum übertrug.

JAKKO JACZYK – STUDIO B pic: gunter dressler

pic: (C) holger stöckel

Man traute seinen Ohren kaum, als HAKEN auf der Pool-Stage einen kompletten Set mit Rock- Welthits der 80er Jahre präsentierte. Meinten die das ernst? Beim ersten Auftritt mit neuem Keyboarder? Mit neuem Album aus 2020, dessen Musik noch nie live präsentiert worden war? Ja sie meinten. Wir kennen Leute, die wütend und enttäuscht nach zwei bis drei Stücken das Konzert verlassen mussten. Aber die Band und ihr Publikum hatten Spaß daran, und damit hatten sie alles richtig gemacht. Den Enttäuschten wurde aber später im Royal Theater eine richtige HAKEN Show präsentiert, mit einem Querschnitt der besten und vertracktesten Songs der letzten beiden Alben. Damit war hier auch für sie die Welt wieder in Ordnung.

HAKEN – ROYAL THEATER pic: (C) bodo kubatzki

Das Set der THE FLOWER KINGS war mit besonderer Spannung erwartet worden. Derzeit werden die alten Alben aus den 90ern aus der Hoch-Zeit der Band erstmalig auf Vinyl veröffentlicht. Deshalb hatte die Band angekündigt, 2022 auf den Konzerten besonders Songs aus dieser Zeit zu spielen. Und die Fans wurden nicht enttäuscht, es gab Stücke zu Gehör, die seit über 20 Jahren nicht mehr oder gar noch nie live präsentiert wurden. Roine Stolt hatte sich allerdings eine kräftige Erkältung eingefangen und konnte in der ersten Show praktisch überhaupt nicht singen. Entscheidungen zur Setlist und zur Präsentation wurden erst umnittelbar vor der Show getroffen. Und so kam es dazu, dass Hasse Fröberg auch Dinge singen musste, die er noch nie selbst gesungenhatte, und somit zum Teil die Lyrics nicht auf Abruf hatte. Er machte aber einen insgesamt wirklich prima Job. Vielleicht ein Hinweis an Roine Stolt, ihn künftig mit mehr Aufgaben am Mikrofon zu betrauen? Als Randnotiz ist zu erwähnen, dass besonders in der ersten Show das Studio B proppevoll war, dass angeblich sogar Leute draußen bleiben mussten. Man spielte also vor wohl mehr als 1.000 Leuten! Für die Band und Fans, die die Band seit Jahrzehnten begleiten und die Band in Deutschland zuletzt vor 100-200 Fans in Deutschland spielen sahen, eine große Genugtuung. In der zweiten Show war es mit Roine ́s Stimme dann wieder besser. Sie spielten hier das letzte Konzert der gesamten Cruise, und welchen besseren Abschluss der Konzertwoche kann man sich wünschen, als „Stardust We Are“ in der vollen 25 Minuten Version präsentiert zu bekommen?

THE FLOWER KINGS – STUDIO B pic: bodo kubatzki

Die Musiker zeigten alle allgemein große Begeisterung und Engagement in ihren Bands und fühlten sich dort wohl. Zwei Musiker möchten wir aber hier noch besonders herausstellen. Zunächst ist da MIKE KEANALLY zu nennen. Er spielte in drei Bands (PROGJECT, JAKKO JACZYK, ZAPPA BAND) und zeigte hier bei aller Komplexität der Musik dieser Bands und mit Sicherheit kurzen Zeit der jeweils gemeinsamen Vorbereitung auf die jeweiligen Konzerte eine Begeisterung und Spielfreude, die den geneigten Fan einfach nur erstaunen ließ. Hut ab Herr Keanally! FERNANDO PERDOMO war sogar Mitglied von vier Bands. Er trat unter eigenem Namen sowie mit DAVID KERZNER, den MC BROOM SISTERS und GABRIEL auf. Er zeigte hier neben seinem tollen Spiel eine besondere Begeisterung und Expressivität, die Bandmitglieder und Publikum gleichermaßen mitriß. Mit seiner Körperfülle fegte er über die Bühnen, schmiß seine Gitarre herum oder legte sich auch mal auf die Bühne. Großes Kino der Mann, verbunden mit einer riesigen musikalischen Leistung!

FAZIT

Die Reise und die Cruise hat alle unsere Erwartungen voll erfüllt und übertroffen. Ein besseres uns umfangreicheres Paket an Progressive Rock, Treffen mit Freunden und Urlaub können wir uns nicht vorstellen. Wenn man den Preis für die Reise durch die Anzahl Konzerte dividiert, die man gesehen hat, und dabei das Bett und das Essen inklusive hat, rechnet sich bei den derzeitigen Konzertpreisen die Cruise sogar! Obwohl bei künftigen Cruises die Nervereien mit den Gesundheitsfragen und Nachweisen wohl entfallen werden, sehen wir diese Reise heute als für uns einmaliges Ereignis an. Der zusätzliche Aufwand, um nach Florida zu reisen bleibt. Aber wer weiß?

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