Livereport: Neal Morse Band – Hamburg 2022

Während Bands wie Rammstein, Die Ärzte oder Die Toten Hosen nach zwei Jahren Pandemie bedingter Abstinenz im Frühsommer wieder ausgehungerte Fans in riesige Stadien und auf sonstige Open Air Gelände locken, bekommt auch die Prog-Gemeinde Gelegenheit, in kleinerem Rahmen endlich wieder ihren Idolen zu huldigen. So machte auch The Neal Morse Band (NMB) auf ihrer kurzen Europa-Tour Halt in einigen Locations in Deutschland, um ihr letztes Studiowerk „Innocence & Danger“ endlich live präsentieren zu können. NMB -Fans hatten seit August 2021 Zeit, sich mit den Songs des neuesten Doppelalbums aus dem Hause Morse & Co. vertraut zu machen. Wer schon Konzerte von NMB besucht hat weiß, dass die Band ihre Werke auf Konzerten in voller Länge präsentiert, so auch in Hamburg. Die Markthalle ist an diesem Montagabend erstaunlich gut gefüllt. Fans aus vielen Teilen Deutschlands sind angereist, denn die Band hatte hierzulande lediglich drei Konzerte auf dem Tourplan.

Nach einem kurzen eingespielten Intro startet die NMB erwartungsgemäß mit „Do It All Again“, dem ersten Song der ersten Scheibe ihres Doppelalbums, die mit „Innocence“ tituliert ist. Mit dieser Komposition im Stil des 70er Jahre Progs setzt die Band ein erstes Zeichen virtuosen Könnens und herausragenden Satzgesangs. Das Energiebündel Neal Morse interagiert von Beginn an gut gelaunt mit dem Publikum und seinen Mitstreitern auf der Bühne. Die Fans lassen sich sofort mitreißen, kein Wunder bei den geradlinigen und rockigen Songs. Mich faszinieren nicht nur die unterschiedlichen Gesangsstimmen von Neal Morse, Bill Hubauer, Eric Gillette und Mike Portnoy, die in drei- bzw. vierstimmiger Harmonie eine Gänsehaut erzeugende Wirkung auf mich haben, vor allem bin ich begeistert von Gillettes Gitarrenspiel.

Mal bearbeitet er die Saiten bei seinen Soli sehr gefühlvoll, dann wieder mit nahezu akrobatischer Fingerfertigkeit bei rasant schnellen Läufen. Während der gesamten Performance laufen im Hintergrund animierte Videosequenzen, die ich nicht gebraucht hätte. Mir genügt zu sehen, mit welcher Hingabe die fünf Musiker agieren. Bei der wunderschönen Ballade „The Way It Had To Be“, gesungen von Eric Gillette, webt die Band geschickt einen Auszug aus Pink Floyds „Breathe“ und „Great Gig In The Sky“ ein. Gillette lässt seine Stratocaster dabei verdammt nach Gilmour klingen. Die Nummer bildet einen schönen Kontrast zu den zuvor eher rockigeren Nummern. Nach dem mehrstimmigen „Not Afraid Pt. 1“ bildet die geniale Coverversion des Simon and Garfunkel Klassikers „Bridge Over Troubled Water“ schließlich den krönenden Abschluss des ersten Konzertteils.

Morse begrüßt jetzt ausgiebig das Hamburger Publikum, betont dass es der Band eine große Freude sei, nach so langer Zeit endlich wieder in Deutschland spielen zu dürfen. Bevor sich die Band dem zweiten Teil ihres aktuellen Albums widmet, präsentiert sie mit „Waterfall“ eine sehr schöne Akustik – Ballade mit vierstimmigem Satzgesang und einer brillanten Sopransaxofon-Einlage, gespielt von Bill Hubauer.

Mit den zwei Longtracks der zweiten Scheibe des Albums, die unter der Überschrift „Danger“ stehen, geht es proggiger, vertrackter und auch düsterer weiter als im ersten Teil des Konzerts. Hier kommt nun auch Schlagzeuger Mike Portnoy mehr aus sich heraus. Bisher spielte er für meine Begriffe recht zurückhaltend. Auch Bassist Randy George bekommt im zweiten Teil Gelegenheit für ein Bass-Solo, das mit seinen rasanten Läufen und dem Fingertapping eher dem Spiel eines Gitarristen gleicht. Zusammen mit Portnoys Schlagzeugspiel entwickelt sich das Solo schließlich zu einem atemberaubendem Battle zwischen beiden. Dafür zollen die Fans frenetischen Beifall. Überhaupt enthält der zweite Teil des Doppelalbums längere Instrumentalpassagen, die den Musikern einiges abverlangen. Doch diese überzeugen auf ganzer Linie. „Danger“ steigert sich zum Schluss noch mal in ein rasantes Gitarrensolo zu einer hymnischen Harmoniefolge und endet mit orchestralen Keyboardsounds. Ein geniales Stück Musik, das live umso mehr verzaubert.

Im Zugaben Teil setzt die Band noch eins drauf. Sie spielt ein gut dreißigminütiges Medley von Stücken all ihrer bisherigen Alben, das keine Wünsche mehr offen lässt. Bei der Mitsinghymne „A Love That Never Dies“ rollen Fans ein Transparent mit dieser Textzeile aus. Die Liebe der Fans zu ihrer Neal Morse Band kann man an diesem Abend in Hamburg förmlich spüren, und sie beruht auf Gegenseitigkeit. Mit „Broken Sky / Long Day (Reprise)“ findet das wunderschöne Konzert einen umjubelten Abschluss, Musik über 2 ½ Stunden, die wie im Fluge vergangen sind.

Setlist:

Innocence

Innocence Intro

1. Do It All Again

2. Bird on a Wire

3. Your Place in the Sun

4. Another Story to Tell

5. The Way It Had to Be (With Snippets „Breathe & Great Gig in the Sky“ by Pink Floyd)

6. Bridge Over Troubled Water (Simon & Garfunkel cover)

7. Waterfall

Danger

8. Not Afraid, Pt. 2

9. Beyond the Years

Zugaben:

( Alle Zugaben wurden ohne Pause gespielt )

1. Long Day

2. City of Destruction

3. So Far Gone

4. The Ways of a Fool

5. Welcome to the World

6. The Great Adventure

7. A Love That Never Dies

8. Broken Sky / Long Day (Reprise)

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