Review: Kaipa – Urskog (2022)

Bei den schwedischen Prog-Urgesteinen von KAIPA soll vor der Rezension ihres aktuellen erschienenen insgesamt 14. Albums zunächst einmal die Historie der Band dargestellt werden. Denn in dem Wirrwar zwischen alten KAIPA, neuen KAIPA und KAIPA DA CAPO hat so mancher von Euch vielleicht die Übersicht verloren: was und wer gehört denn nun wohin?

Tracklist:

1.In The Frozen Dead Of Night

2. In A World Of Pin

3. Urskog

4. Wilderness Excursion

5. In The Wasteland Of My Mind

6. The Bitter Setting Sun

KAIPA wurde 1973 gegründet. Die klassische Besetzung mit Hans Ludin, Roine Stolt (damals zarte 17 Lenze alt), Ingemar Bergmann und Thomas Eriksson veröffentlichte 1975 ihr erstes Album. Die Musik könnte man beschreiben mit von schwedischem Folk geschwängerter Progressive Rock. Nach dem zweite Album stieg Thomas Eriksson aus, nach dem dritten Roine Stolt. 1982 löste sich das Unternehmen nach fünf Studio-Alben auf. Die Band hatte damals in der schwedischen Szene einen Kultstatus erreicht, den man hierzulande mit vielleicht Grobschnitt oder Stern-Combo Meissen vergleichen kann. Im Jahr 2000 reformierten Hans Ludin und Roine Stolt KAIPA neu. Der Stil hatte sich stark verändert und modernisiert, die kräftige Prise schwedischer Folk blieb. Nach dem dritten Album der neuen KAIPA im Jahr 2005 stieg Roine Stolt erneut aus. Seitdem ist KAIPA ein Studioprojekt von Hans Ludin, welches mit gewisser Regelmäßigkeit etwa alle zwei bis drei Jahre ein neues Studio-Album veröffentlicht. Die Kreativabteilung besteht dabei aus ihm selbst; auch die Produktionen stammen von Hans Ludin. Obwohl Studioprojekt, arbeitet er als Keyboarder immer mit den gleichen Leuten zusammen: Patrick Lundström und Aleena Gibson (jeweils Gesang), Per Nilsson (Gitarren), Jonas Reingold (Bass) und Morgan Agren (Drums).

Man kann mutmaßen, dass KAIPA für Roine Stolt zu modern geworden sein könnte. Jedenfalls reaktivierte er Mitte der 2010er Jahre seine KAIPA-Ur-Kollegen Thomas Eriksson und Ingemar Bergmann und hob KAPIA DA CAPO aus der Taufe. Ein Studioalbum wurde veröffentlicht, welches sich stark am Sound von KAIPA aus den 70er Jahren orientierte. Unterstützt durch Michael Stolt und Max Lorentz spielten sie das alte KAIPA- und das neue KAIPA-DA-CAPO Material live und beglückten dabei nicht nur das schwedische Publikum: 2016 gab es einen Auftritt auf der Loreley Bühne zum „Night Of The Prog“-Festival, und eine Europa Tour im Februar 2017 führte zu drei Vierteln durch deutsche Klubs. Von dieser Tour gab es dann auch ein Live-Album. Im Moment liegt KAPIA DA CAPO wegen der zahllosen anderen Aktivitäten von Roine Stolt auf Eis. Man fragt sich, warum Hans Ludin dieser Unternehmung nicht beigetreten sein möge. Denn nach allem was man von der Ferne hier urteilen kann, sind die Herren der Kaipa-Urbesetzung aus den 70er Jahren trotz heutiger musikalischer Differenzen bis heute freundschaftlich verbunden. Offenbar will Hans Ludin partout nicht mehr live auftreten, weshalb auch die heutigen KAIPA trotz der Erfolge nicht auf den Bühnen Schwedens und dieser Welt zu finden sind.

Das aktuelle Album „Urskog“ erschien am 29.04.2022 und hatte pandemiebedingt einen recht langen Entstehungsprozeß von 2019 – 2021. Personell liest man erstaunt, dass Morgan Agren am Schlagzeug nicht mehr dabei ist. Aufgrund anderweitiger Verpflichtungen trennte man sich friedlich und verpflichtete nun Darby Todd. „Uskog“ heißt auf schwedisch „unberührter Wald“. Dieser Wald ziert auch das Cover, und auch das Bandfoto bildet KAIPA vor diesem Wald ab. Das alles passt, denn wir haben hier ein Konzeptalbum vorliegen, welches die Schönheit der Jahreszeiten und der schwedischen Natur preist. Die sechs Stücke des Albums beinhalten als Rahmen zwei Longtracks von jeweils knapp 20 Minuten. Am Anfang ist „The Frozen Dead Of Night“. Wir hören von Freude, dass der lange und harte skandinavische Winter zu Ende geht. „Nature ́s ready to open a brand new start again“. Wir genießen es, von der Autobahn abzufahren und in die Welt der Kiefern einzutauchen („In A World Of Pines“). Es folgt der in schwedisch vorgetragene Titelsong, in welchem das wunderbare Bild des Album-Covers in Worte gefasst wird: „…wenn die schlafende Essenz des Urwaldes wieder zum Leben erweckt wird“. Bemerkenswert ist auch das neunminütige „Wilderness Excursion“, wo komplett auf Texte verzichtet und auf die reine Wirkung der Musik gesetzt wird. Das Album endet mit „A Bitter Setting Sun“, in welchem nun nicht Trauer einzieht dass es wieder kalt wird, sondern Schönheit des Herbstes gepriesen wird. Das bunte Herbstlaub tanzt durch die Straßen, Erinnerungen an einen tollen Sommer sind noch frisch, „where the sun refused to set“. Eine wunderschöne Textzeile, die jeder, der schon mal im Sommer in Skandinavien war, sehr gut nachvollziehen kann.

An Text haben wir auf dem gesamten Album aber überschaubar wenig, man läßt hier mehr Musik und Emotionen sprechen. Wenn wir zunächst beim Gesang bleiben: über die geniale Stimme von Patrick Lundström muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Der weibliche Gegenpart Aleena Gibson hat ein hohes, klares und in Ansätzen auch mal etwas verruchtes Organ; beide ergänzen sich hervorragend und bringen durch ihren Stil seit Jahren große gefühlvolle Bögen in den KAIPA Sound. Musikalisch standen auf vergangenen Alben oft schwer durchkompomierte Longtracks im Mittelpunkt, die schön anzuhören sind, aber ab einem gewissen Punkt manchmal ermüden. Auffällig war dort, dass das scharf abgemischte Keyboard, die Gitarre und sogar die Violine dort häufig auf ähnlich getrimmt und abgemischt wurden. Hier gibt es auf „Urskog“ erfreuliche Weiterentwicklungen. Man gönnt dem Hörer Pausen von den Keyboard-Kolloraturen, die Instrumente sind klarer getrennt eingespielt und abgemischt. Die Geige klingt wie eine Geige („In The Wastelands Of My Mind“), wuchtig-treibende Elemente („In The Frozen Dead Of Night“) tun gut, wie auch mal ein Gitrarren Riff („The Bitter Setting Sun“). Alles wird wohlwollend umspielt durch die hervorragende Arbeit von Jonas Reingold am Bass.

„Urskog“ ist ein sehr gutes Album geworden. Mir macht es Spaß; es ist das beste KAIPA Album seit Langem.

Wertung: 8.5 / 10 Punkte

KAIPA 2022:

Hans Ludin (keyb, voc)

Per Nilsson (git)

Jonas Reingold (bass)

Darby Todd (dr)

Patrick Lundström (voc)

Aleena Gibson (voc)

Special Guests:

Elin Rubinsztein (Violin)

Olof Åslund (Saxophone)

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