Livebericht: 10. Artrock Festival Reichenbach, Freitag, 08.04.2022

Die Art Rock Festivals im Sächsischen Reichenbach/Vogtland sind für den Festival-Freund progressiver und Art Rock-Musik auch in jetzigen schweren Zeiten eine feste und vor allem zuverlässige Größe geworden. Die letzten zwei Jahre hing das Festival pandemiebedingt am seidenen Faden, konnte aber jeweils trotz Verschiebung und zahlreichen Lineup- Änderungen doch stattfinden, im Gegensatz zu de facto allen anderen vergleichbaren Mehrtages-Festivals in Deutschland und Europa. Für viele Konzertfreunde und auch teilnehmende Bands waren dies Inseln der Normalität in einer toten Zeit ohne Konzerte. Da die Sonne allgemein erst gerade wieder über dem Konzerthimmel aufgeht, mussten auch in diesem Jahr gebuchte Bands noch absagen und durch neue ersetzt werden. Fast entschuldigend sagte der Veranstalter in seiner Festival-Ansage, dass es damit diesmal ein ziemlich “deutschlastiges” Festival geworden ist. Fast 50% der dieses Jahr spielenden Bands sind nun aus diesem Land, einfach weil es kaum anders möglich war.

Im Jahr 2022 befinden wir uns nun bereits in der 10 Ausgabe. Ob der Chef und unverwüstliche Organisator des Ganzen, Uwe Treitinger, sich hat Anfang der 90er Jahre träumen lassen, als er die ersten Bands in seine Kneipe für Konzerte holte, dass er später eines der wichtigsten Festivals des Prog Rock in Europa etablieren würde? Wahrscheinlich nicht.

Zu dem in diesem Jahr wieder pünktlich stattfindenden Festival reisen wieder Fans von überall aus Deutschland und Europa an. Ein Segen für die Stadt Reichenbach. Die Hotels sind übervoll, Gaststätten der Stadt und der Region werden in der konzertfreien Zeit besucht, die Fans lassen Geld in der Region. Dafür bedankt sich auch der anwesende Bürgermeister von Reichenbach vor Festivalbeginn bei Uwe Treitinger und allen anwesenden Fans mit wenigen kurzen Sätzen. Es ist angerichtet, die Fans sind da, nun kann es endlich los gehen.

Marius Leicht:

Auf diesen Festival Opener war man bereits im Vorfeld sehr gespannt. MARIUS LEICHT ist von Hause aus Keyboarder bei der Plauener Prog Band POLIS, studierter Pianist und Musikhochschuldozent. Gespannt deshalb, weil er im vergangenen Jahr ein beeindruckendes Keyboard-Solo-Album namens “Weltmaschine” vorgelegt hat, welches mit hohem Aufwand im wesentlichen auf analogem Equipment eingespielt und in Peter Gabriels Real-World Studio in England gemastert worden ist. Nicht nur um dieses Album herum wurden zahlreiche liebevoll gestaltete Videos auf youtube gestellt, die den Konsumenten durch die Ruhe und Entspanntheit, die diese atmen, begeistern.

Pünktlich 18 Uhr erscheint MARIUS LEICHT barfuß und retro gewandet auf der Bühne, die bereits mit umfangreichem Keyboard-Equipment und einem Flügel ausgefüllt ist. Die in der zur Verfügung stehenden Stunde für das Konzert ausgewählten Stücke stammen auch allesamt von dem erwähnten Album, wovon “Nachtblau” und “Die Reise der Örimini” als Piano-Solo-Stücke präsentiert wurden.

Mit diesem Festival-Opener wurden die Besucher schnell aus ihrem Alltag geholt. Nach Konzertbeginn kehrte nämlich schnell beeindruckende Ruhe in den Konzertsaal ein, so dass an den ruhigen Stellen sogar das Blasen der Nebelmaschinen nicht nur durch den Künstler selber als störend empfunden wurde. Marius moderierte seine Stücke mit esoterischen Geschichten an, die er bei der Entstehung der Stücke empfunden hat. Nicht abgehoben und weltfremd, sondern publikumsnah und glaubhaft. Nach dem Konzert ging das durch den Meister selbst signierte neue Album weg wie warme Semmeln. Ein tolles Eröffnungskonzert, welches gefilmt worden ist und wir hoffentlich in einschlägigen Kanälen bald wiederholt anschauen können. Es wird spannend sein zu beobachten, wie MARIUS LEICHT seine Musik weiter entwickelt und ob weitere Konzerte in einem vergleichbaren Rahmen angeboten werden können.

Setlist: Marius Leicht

Nachtblau (Piano)

Satori

Der Prophet

Die Reise der Örimini (Piano)

Weltmaschine

Aphodyl:

APHODYL sind für viele die große Unbekannte des Tages, mit der wohl die meisten anwesenden Fans noch keinerlei Kontakt hatten. Diese deutsche Band aus dem brandenburgischen Zossen, gegründet vor reichlich 10 Jahren, hat sich die Band dem Kraut-/Psychedelic-Rock verschrieben. Eher ungewöhnlich für Art-Rock-Bands sehen wir mit der Sängerin und der Keyboarderin gleich zwei Frauen in der Band, wovon Bine am Keyboard die Bandleitung inne hat.

Wir fanden man muss sich in diese für Proggies eher ungewöhnlichen Klänge erstmal einhören. Das Publikum nimmt zunächst geradeaus gespielte Songs zur Kenntnis, die um ein Motiv kreisen und als Teppich die variablen Spiele von Gitarre und Keyboard stützen. Der Gesang spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle und begleitet nur ca. 50% der dargebotenen Musik.

Diese Kenntnisnahme trifft aber offenbar bei einen Großteil den Nerv des Publikums, denn der begeisterte Beifall nimmt von Titel zu Titel zu. Das Publikum in den ersten Reihen beginnt zu tanzen, was bei Art-Rock-Konzerten aufgrund den hier üblichen Formen der Musik doch eher selten möglich ist. Mich erinnerten die Klänge etwas an die PINK FLOYD in der “Relics”/”Meddle”-Ära, die ja nicht zufällig mit der Hochzeit von Kraut und Psychedelic zusammenfällt. Die Band brachte einen großen eigenen Merch Stand mit, an dem sich die Fans umfangreich bedienten. Ein gutes Konzert, ungewöhnlich für ein Art-Rock Festival, aber ein schöner Farbtupfer, an dem es nichts zu kritisieren gibt.

Setlist: Aphodyl

Memory

Hope

Illusion

Myra

Hypnotic

Fly

Magnet

Daytime

Ritual:

Für so manchen Fan ist dieses Konzert das Highlight des gesamten Festivals. Selten hat man ein Konzert so herbeigesehnt wie dieses. Sage und schreibe 18 Jahre nach ihrem letzten Auftritt im Bergkeller kehren die schwedischen RITUAL 14 Jahre nach ihrem letzten Auftritt in Deutschland für zunächst diesen einen Auftritt hierher zurück. Diese lange Abwesenheit hat nun nichts mit diesem Land zu tun, im Gegenteil. RITUAL liebt Deutschland, der Sänger Patrick Lundström meint im Konzert, dass in der Bandgeschichte wohl mehr Konzerte in Deutschland gegeben wurden als in ihrem Heimatland selbst. Das liegt vielmehr daran, dass sich die Band nach ihrer letzten Tour 2008 stark aus der Öffentlichkeit zurück zog. Patrick sagte uns nach dem Konzert, dass Familien und Alltagsleben im Leben der Bandmitglieder die Oberhand gewonnen hatte. Die Band und die Freundschaft der 4 Herren war aber nie in Frage gestellt. Man hat im Bunker zusammen gespielt und nach seiner Aussage hart an neuem Material gearbeitet, was bis heute außer in Form einer 20minütigen EP immer noch nicht das Licht der Öffentlichkeit gesehen hat.

Aber zum Konzert selbst. Der Sound und die Kraft der RITUAL Songs ist schwer in Worte zu fassen. Egal ob progressive Power oder auf akustischen Instrumenten schwedischer Folk gespielt wird: die Songs sind eingängig, packend und mitreißend und wurden so auch 2022 in Reichenbach präsentiert. Ein Großteil der Faszination geht sicher vom Frontmann Patrick Lundström aus, der immer Freundlichkeit, Power und positive Energie ausstrahlt. Er erschien heute in ein Glitzer-Shirt gewandet, über dem er eine Art Gardinenmantel (wie will man das sonst erklären?) trug. Egal welches exotische Outfit er bei seinen Auftritten mit der Band trägt – er strahlt Kraft und Freude am Auftritt und am Musizieren aus. Neben seinem prägenden Gitarrenspiel muss unbedingt seine geniale prägende Stimme hervor gehoben werden. Diese führte ihn unter anderem als Sänger zu KAIPA (Studioband von Hans Ludin), der er bis heute ist, und als Background Sänger zu keiner geringeren Größe als ABBA. Seine Kollegen Fredrik Lindquist (Bass, Mandoline, Flöte), Jon Gamble (Keyboards) und Johan Nordgren (Drums, Nyckelharpa) stellt er dabei keineswegs in den Schatten. Es macht Spaß, den vier Freunden beim Musizieren zuzusehen. Sie spielen schwieriges und komplexes Material perfekt zusammen und harmonieren, so dass von der langen Auszeit der Band auf der Bühne absolut nichts zu spüren ist.

RITUAL blicken voller Vorfreude in die Zukunft. Zwei zusammenhängende Alben stehen vor der Veröffentlichung, von denen “The Story of Mr Bogd part 1” nach ersten Ankündigungen im Jahr 2020 nun in diesem Herbst diesen Jahres endlich erscheinen soll. Die Hälfte des Sets nahmen entsprechend Songs dieser zu erwartenden neuen Alben ein. Die 4 Stücke der 2020er EP wurden alle gespielt, plus der bisher nirgends gehörte Konzertopener “A Hasty Departure”, der auch das neue Album eröffnen wird. Dazu kamen Bandklassiker wie “Typhoons Decide” (nach früheren Aussagen der Band wird dieser Track vom Debut-Album auf jedem RITUAL Konzert gespielt), das nahezu autobiografische “The Hemulic Voluntary Band” (wo Patrick Lundström das Publikum recht erfolgreich zum Mitsingen animierte) oder das sinfonisch-wuchtige “Big Black Secret”, welches das festivalbedingt kurze Set beendete. Hocherfreut wurde besonders von den neuen Fans registriert, dass außer dem letzten Album die gesamte Diskografie der Band an CD ́s vor Ort zum Kauf angeboten werden konnte, plus zwei klassische CD ́s.

Klappt das mit den Veröffentlichungen nun wie jetzt vorgesehen, wollen RITUAL gerne für Konzerte zügig wiederkommen, wie uns Patrick Lundström nach dem Konzert versprach. Nach dem Konzert wünschen sich dies sicher mehr neue Fans, und auch die gestandenen, denn die Sehnsucht nach RITUAL live erscheint nach dem heutigen Auftritt noch nicht gestillt.

Setlist: Ritual

A Hasty Departure

Mr. Tilly and his Gang

Typhoons Decide

The Mice

The Three Heads of the Well

The Way of Things

Chichikov Bogd

The Hemulic Voluntary Band

Big Black Secret

Stern Meissen:

In den letzten Jahren sind die Art-Rock-Dinosaurier STERN MEISSEN Stammgäste in Reichenbach geworden. Das Küken in der Band, Manuel Schmid, ist nun auch schon 10 Jahre dabei, hat STERN MEISSEN als musikalischer Chef neues Leben eingehaucht und führt als solcher das Unternehmen kontinuierlich und unverwüstlich über die Bühnen vornehmlich ostdeutscher Konzerthallen. Seit 2017 das dritte Mal beim Festival dabei, soll hier nicht weiter auf die inzwischen fast 60jährige Biografie der Band eingegangen werden. Gespannt war man auf die Setlist und ob man es schaffen würde, beim in Reichenbach primär anwesenden Art-Rock-Publikum auch tatsächlich ihren beliebten Art Rock zu präsentieren. Um es vorweg zu nehmen: mit den ausgewählten Songs hat das auch im Wesentlichen geklappt.

In der ersten knapp halben Stunde wurden Songs aus ihrer großen eigenen Adaption “Bilder einer Ausstellung” gespielt, die ja komplett in einer Mega-Aufführung an gleicher Stelle 2017 mit Chor und Orchester dargeboten werden konnte. Die “Nacht auf dem kahlen Berge” wird seit Jahren in nahezu jedem Konzert dargeboten und ist auch jedesmal ein Hochgenuss für den Prog Fan. “Das große Tor von Kiew” mit den von Manuel verfassten Texten haben wir heute das erste Mal seit Kriegsausbruch gehört. Vorher kamen diese Texte uns etwas pathetisch überzogen vor, jetzt schnürt einem das Stück bei Zitaten wie “Das große Tor von Kiew – stehst Du in Flammen” die Kehle zu. Dazu kommt noch, dass der Schreiber dieser Zeilen 2017 bei der Aufführung dieses Werkes mit auf der Bühne in Reichenbach stehen durfte.

Es folgen progressiv angehauchte Werke unter anderem aus dem aktuellen 2020er Album “Freiheit ist”, das die Band trotz einzelner Konzerte hier und da immer noch nicht richtig auf einer Tour präsentieren konnte. Überraschend kam dann aber “Weißes Gold” in einer 25minütigen Version zur Aufführung. Das Werk wurde damals in den 1970er Jahren ebenfalls mit Chor und Orchester für das Album eingespielt und stellt heute vielleicht DEN Art-Rock-Klassiker der ostdeutschen Musikgeschichte dar. Es gibt heute im Konzert nur einen Schnitt zum Original, in welchem der komplette Mittelteil des Albums herausgestrichen wurde. Klug gemacht, denn man bekam so auch als Fan des Werkes ein Gefühl, ein geschlossenes Werk dargeboten zu bekommen.

Inzwischen ist es nach um zwölf, und offenbar genießt die Band nach erneut langer Konzertabstinenz, vom Publikum gebührend gefeiert zu werden. Für unser Gefühl hätte nach dieser Aufführung, spätestens nach “Kampf um den Südpol” Schluss sein sollen. Danach, insbesondere bei den Zugaben, geriet man dann doch noch in den Pop-Bereich hinein, was hätte in meinen Augen nicht sein müssen. Aber ok, warum nicht noch ein bißchen Party und Mitklatschen am frühen Morgen? Ansonsten gab es an diesem Konzert absolut nichts auszusetzen, man hat sich wie erhofft mit der Setlist auf das Reichenbacher Art-Rock-Publikum eingestellt.

Setlist: Stern Meissen

Schloß Rockstein

Die Nacht auf dem kahlen Berge

Das große Tor von Kiew

Freiheit ist

An jenem Abend

Kein einziges Wort

Die Sage

Zeder von Jerusalem

Stundenschlag

WEISSES GOLD (Overtüre – Der Traum – Des Goldes Bann – Die Erkenntnis – Weißes Gold)

Kampf um den Südpol

Also was soll aus mir werden

Encore:

Nimm die Welt in die Hand

Wir sind die Sonne

Samt in neuen Farben

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