Review: Porcupine Tree – Closure/Continuation

Wie war der Hype groß, als im Herbst 2021 ein neues PORCUPINE TREE Album plus Tour im Herbst 2022 angekündigt wurde. Schließlich war Steven Wilson die letzten reichlich 10 Jahre mit sehr gutem musikalischem Material und überaus erfolgreich auf Solopfaden unterwegs gewesen, nachdem er die Aktivitäten einer der besten und einflussreichsten Bands des Progressive Rock der Gegenwart nach 2009 still beendet hatte. Wir in der Redaktion orakelten aber bereits nach Vorlegen seines bisher letzten Albums „The Future Bites“ im Jahr 2020: wohin soll nun die weitere Reise von Steven Wilson gehen? Auf dem Weg ein Massenpublikum mit anspruchsvollem Pop zu erreichen, hatte er sich musikalisch fest gefahren. Die Verkäufe gingen zurück, und selbst bei eingefleischten Fans erzeugte er mit diesem Album anstelle neuer Begeisterung eher ein enttäuschtes Erstaunen. Für die Live-Präsentation dieses Albums waren 2020 (verschoben nach 2021) richtig große Arenen gebucht, aus bekannten Gründen wurde die Tour letztlich ersatzlos gestrichen.

Tracklist:

01. Harridan
02. Of The New Day
03. Rats Return
04. Dignity
05. Herd Culling
06. Walk The Plank
07. Chimera’s Wreck

Der nächste Schritt konnte nur eine Reunion seiner alten Band sein. Steven Wilson hatte über die Jahre mehrfach auf Nachfragen behauptet, dass PORCUPINE TREE Geschichte sei. Jetzt sagt er, angeblich zum Schutz seiner Solo-Karriere. Das stimmte aber nicht ganz! Denn an dem Material des neuen Albums arbeitete man bereits seit Ende der Aktivitäten der Band. Wenn sich auch die Herren Wilson, Harrison und Barbieri (Colin Edwin war 2012 ausgestiegen) auch sporadisch und ohne Ziel trafen und wohl zunächst nur ein bißchen zum Spaß jammten. Sicher haben die zur Verfügung stehende Zeit in den letzten zwei Jahren dazu beigetragen, im Jahr 2021 dieses in den letzten 12 Jahren entstandene Material zu sichten, zu finalisieren und daraus ein neues PORCUPINE TREE Album zu basteln. Wenn sich der bekannteste und talentierteste Solo-Künstler des Art-Rock der Gegenwart, der vielleicht beste Drummer der Szene und ein begnadeter Soundkünstler an den Keyboards in ihrer alten Band wieder zusammen finden, konnte doch nur ein geniales Album herauskommen… Die Erwartungen waren also extrem hoch, was dazu führte, dass „Closure/Continuation“ auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einstieg, was es seit vielen Jahrzehnten für ein Art- oder Progressive-Rock-Album nicht mehr gegeben hat.

Nun liegt es also vor. Sieben Songs mit einer Spiellänge von reichlich 48 Minuten (die Bonus Tracks sollen hier einmal ausgeklammert werden). Zunächst hat man das Gefühl ein Album zu hören, welches auch unmittelbar nach dem bis dato letzten Album „The Incident“ von 2008 hätte veröffentlicht sein können. Die Kompositionen sind klasse Art-Rock, die gewagten Harmonien vielfach vertraut, und wir hören an so manchen Stellen Gänsehaut-erzeugende Riffs, die Steven Wilson eigentlich nie wieder spielen wollte. Das Ganze ist auch nicht auf glatt produziert, sondern der Hörer hat ein Gefühl, dass vieles rockig hingerotzt und roh ausprobiert auf Tonträger gebannt worden ist.

Das Highlight des Albums steht mit „Harridan“ gleich am Anfang. Eine großartige Komposition, Wilsons Stimme zurück genommen und verfremdet, die Musik rauh, verrucht, anspruchsvoll. Als noch Informationen fehlen rätselten viele, wer wohl die großartige Bass-Linie spielen möge. Jetzt weiß man, dass dies Steven Wilson selber getan hat, den man eher sehr selten auf der Bühne Bass spielen sah. Ein weiterer Beleg des Könnens dieses Ausnahme-Künstlers. Das folgende „Of The New Day“ erinnert in seiner starken Dynamik zwischen balladeskem und hartem Teil stark an das Album „The Incident“. Es bleibt aber abwechslungsreich zwischen den Songs, wie z.B. „Dignity“ seinen balladesken Charme is zum Schluss seiner reichlich acht Minute Spieldauer hält. Auch wenn es zum Schluß etwas lauter wird.

Das Album heißt „Closure/Continuation“, also „Abschluss/Fortsetzung“, der Fan möge sich seines denken. Mit dem Albumtitel im Hinterkopf meint man man in der ersten Hälfte des Albums die „Closure“ zu hören, also den Abschluss der „alten“ PORCUPINE TREE Ära, und in der zweiten Hälfte die „Continuation“. Bei aller Vertrautheit des PORCUPINE TREE Sounds in den Ohren der alten Fans gibt es in den letzten drei Stücken eher neueres, ungewohntes zu hören, die die Hörerschaft der Band fordert und viele Hördurchgänge einfordern. Ein toller Anschluss des Albums ist „Chimera ́s Wreck“ das längste Werk des Albums und eine großartige Prog-Komposition. Der balladeske Beginn und die packende Weiterführung, aber eben irgendwie anders als man es von PORCUPINE TREE meint erwarten zu wollen.

„Closure/Continuation“ will erobert werden. Auch das Artwork, extrem spröde, erstaunt. Etwas mehr Liebe hätte es schon vertragen. Steven Wilson hat immer probiert, seine Musik „anders“ zu machen als es seine Hörerschaft erwartet. In dem Falle ist es aber ungerecht, seinen Namen über den der anderen zu stellen. Alle haben in Interviews hervorgehoben, dass erstmals in der Bandgeschichte die Musik demokratisch entstanden ist, dass alle drei zu gleichen Teilen den Kreativpart übernommen haben. Ein weitere Nachricht, die der interessierte Konsument aus dem Umfeld des Albums mit Erstaunen zur Kenntnis nimmt. Auf die Frage hin, ob und wie es nun mit PORCUPINE TREE weitergeht meinte man, dass man sich weitere gemeinsame neue Musik sehr gut vorstellen könne, denn das gemeinsame Arbeiten an den Songs habe wohl großen Spaß gemacht. Das Flagschiff der Progressive Rock PORCUPINE TREE fährt wieder um die Welt. Man darf sehr gespannt sein, ob und wie lange diese Reise weiter geht.

Wertung: 9/10 Punkte

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