Livereport: Marillion Weekend Stockholm 2022

Marillion-Weekends sind schon etwas Besonderes, vor allem für die echten Fans, die der Band seit fast vierzig Jahren die Treue halten. Mit großer Freude wurde die Information des Managements der Band aufgenommen, dass 2022 wieder Weekends in verschiedenen Ländern stattfinden sollen, insbesondere nach zwei Jahren Pandemie bedingtem Verzicht auf Events dieser Größenordnung. Łódź, Stockholm, Leicester, Lissabon und Montreal standen auf dem Programm. An einem Wochenende wollten auch wir dabei sein, wenn Gleichgesinnte die Musik ihrer Lieblingsband an drei aufeinanderfolgenden Abenden genießen können.

Wir entschieden uns für Stockholm, schließlich wohnen wir als Rostocker ja quasi in Südschweden, wenn man sich die Ostsee mal wegdenkt. So hieß es, Tickets zu ordern, Fähre und Hotel zu buchen, und dem Ereignis entgegenzufiebern. Es würde unser zweites Treffen auf Marillion in diesem Jahr werden. Bereits auf der Cruise To The Edge durften wir die Live-Präsentation des aktuellen Albums der Band erleben, ein Konzert, das im ersten Teil hervorragend verlief, bei den Zugaben jedoch nicht mehr überzeugen konnte. Darauf gehe ich später noch näher ein. Marillion hatten den Circus Arena in Stockholm für ihr Weekend gebucht. Das nicht gerade preiswerte Hotel Hasselbacken, direkt danebengelegen, wurde von vielen Fans als Unterkunft auserwählt. Wir fanden eine günstigere Alternative mitten auf Stockholms wunderschönen Altstadt-Insel Gamla Stan. Mit der Fähre kommen wir von dort schnell zum Veranstaltungsort, wo wir viele Freunde aus den verschiedensten Ländern treffen. Es sollen Fans aus zwanzig Nationen nach Stockholm gekommen sein.

Freitag, 20. Mai 2022

Der Freitagabend wird von der Band OAK aus Norwegens Hauptstadt Oslo eröffnet. Die vier Musiker spielen ein kurzes, stimmungsvolles Set mit Songs ihrer beiden Alben. Die meisten Stücke besitzen eine nordisch düstere Grundstimmung, weisen aber auch Melodien auf, die im Ohr bleiben. Ich hätte der Band an diesem Abend mehr interessierte Fans gegönnt. Der Saal füllt sich erst zum Beginn des Marillion Konzertes.

Euphorisch wird die Band von ihren Fans begrüßt und überrascht mit einer Titelauswahl, die nach und nach Partystimmung aufkommen lässt. Between You And Me, This Town und How Can It Hurt halten das Tempo von Beginn an hoch. Lords of the Backstage vom Album Misplaced Childhood reißt die ersten Fans von ihren Stühlen. Am linken Bühnenrand sitzt eine Gruppe Fans aus Norwegen, die völlig aus dem Häuschen zu sein scheint. Ob es nur an der Musik liegt, vermag ich nicht zu sagen. Woke Up von Happiness Is The Road sorgt wieder für etwas mehr Gelassenheit. Es bleibt bei einigen Uptempo-Nummern, bis die Band bei Cannibal Surf Babe das Tempo wieder anzieht. Ich erlebe eine ausgelassene Band auf der Bühne, die gleich am ersten Abend alles gibt.

Bei einem glasklaren und druckvollen Sound sowie einer fantastischen Light-Show kommen die energiegeladenen Songs mit einer schier unglaublichen Spielfreude von der Bühne und treffen die Fans mitten ins Herz. Frontmann Steve ‚h‘ Hogarth agiert mit gewohnter Theatralik und hält die Zügel dabei voll in der Hand, auch wenn man ein leichtes Kratzen in seiner Stimme wahrnehmen kann. Ein kleiner Zwischenfall am Mischpult sorgt kurz für Verwirrung. Einer der Jungs aus der Truppe der lautstarken Norweger soll dem Vernehmen nach in ein Rack am Mischpult gestürzt sein. Doch Stammtonmann Phil Brown hat die Situation voll im Griff und die Regler schnell wieder in der richtigen Position. So kann die Party weitergehen, die mit Incommunicado ihren regulären Abschluss finden sollte. Doch so schnell lassen sich die aufgeputschten Fans nicht abspeisen. Drilling Holes und Cover My Eyes als Zugaben stimmen die Fans dann, trotz des insgesamt recht kurzen Sets, versöhnlich.

Samstag, 21. Mai 2022

Am Samstag erkunden wir das wunderschöne Stockholm. Gleiches tun auch Bassist Pete Trewavas, der allein durch die Stadt zieht, und Keyboarder Mark Kelly samt Familie. Bis zum Abend ist ja noch viel Zeit. Zum Glück bin ich abends pünktlich im Saal, denn der Support-Act entpuppt sich als Überraschung. Die junge Band Dim Gray, ebenfalls aus Oslo, zieht die Anwesenden sofort mit ihrer sehr eigenen Musik in ihren Bann. Die Mischung aus Indie-Folk und Kammer-Pop übt eine immense Faszination auf mich und wohl auf alle anderen aus. Die meisten Stücke stammen vom Debutalbum Flown. Doch präsentiert die Band auch schon Songs ihres im September erscheinenden Albums Firmament. Die drei Musiker Oskar Holldorff (Keyboards und Gesang), Håkon Høiberg (Gitarre und Gesang) und Tom Ian Klungland (Schlagzeug) haben sich für ihren Auftritt noch den Bassisten Kristian Kvaksrud sowie Keyboarder und Gitarrist Milad Amouzegar in die Band geholt. Der Auftritt der fünf jungen Musiker sorgt mehrfach für stehende Ovationen. Selten habe ich eine Vorband erlebt, die das Publikum so begeistern konnte. Diese fabelhafte Band Dim Gray wird im September mit Big Big Train in Europa unterwegs sein. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Der Schwerpunkt des Marillion Konzerts liegt an diesem zweiten Abend auf dem aktuellen Album An Hour Before It’s Dark. Dieses von Kritikern hoch gelobte Album gewinnt live nochmals an Kraft. Druckvoll kommen Be Hard On Yourself und Reprogram The Gene aus den Boxen. Die Textzeilen „Locked Down, Knocked Down, Country In Tiers…“ werden lautstark vom Publikum mitgesungen. Das eingängige Murder Machines wird von h voller Inbrunst gesungen. Doch was sich am Vorabend schon bemerkbar machte, zeigt sich bereits bei diesem Song ganz deutlich. Steve Hogarths Stimme ist brüchig und er hat Schwierigkeiten, die höheren Töne zu treffen. Bei den eher ruhigeren Stücken The Crow And The Nightingale und Sierra Leone hat h Gelegenheit, seine Stimme etwas zu schonen. Die Emotionalität dieser beiden Songs kommt durch eine beherzt spielende Band und durch Steve Rotherys Gitarrensoli noch besser zum Ausdruck. Der letzte Song des Albums Care gerät zum glanzvollen Highlight des Konzerts. Der Longtrack steckt voller Emotionen, die sich live stärker entfalten. Die letzten beiden Teile des Songs mit den wunderschönen Gitarrensoli und der hymnischen Abschlussmelodie erzeugen pure Gänsehaut bei mir.

Der fantastische Sound und die ausgefeilte Lichtshow tun ihr Übriges, bis mich die Textzeile „An angel here on earth came down here to carry me home” wieder in die Realität zurückholt. Einfach grandios… Leider gestaltet sich der Zugabenteil überhaupt nicht mehr grandios. Die Band spielt das gleiche Set wie auf der Cruise To The Edge, also The Invisible Man, Power und Neverland. Liegt ein Fluch über der Songauswahl oder ist sie nur zu anspruchsvoll? Auch in der Karibik gab es bei den Zugaben Probleme. Die ersten beiden Stücke funktionieren in Stockholm noch einigermaßen. Doch bei Neverland versagt Hogarths Stimme vollends. Während h auf der Cruise lediglich sein Mikrofon zu Boden schmiss und mit einem „Fuck off“ von der Bühne rannte, verliert er in Stockholm völlig frustriert die Selbstbeherrschung. Er schmeißt eine Wasserflasche über die Bühne, greift sich (nach Hörensagen) das Handy eines Fans, der ihn gerade filmt, und wirft es in den Saal, Schellenring und Mikrofon werden auf den Boden geworfen, und er verlässt wütend die Bühne. Steve Rothery versucht, die Situation mit einem ausgedehnten Gitarrensolo zu retten. Dafür ernten er und seine drei Kollegen stehende Ovationen. Doch auch den Musikern auf der Bühne sieht man den Ärger über den Wutausbruch ihres Frontmanns an. Während die gesamte Band ein fantastisches Konzert an diesem Abend spielte, wird die Aktion von Mister Steve ‚h‘ Hogarth im Gedächtnis haften bleiben. Das verdirbt wahrscheinlich nicht nur mir die Freude über das ansonsten großartige Konzert. Da hilft auch nicht, dass sich h zu Schluss noch mal kurz auf der Bühne blicken lässt, barfuß, in Alltagskleidung und mit einem reumütigen Gesichtsausdruck.

Sonntag, 22. Mai 2022

Am Sonntagabend gibt es statt einer Vorgruppe eine Gesprächsrunde mit der Band, zumindest mit vier Bandmitgliedern. Der Platz auf der Couch für Steve Hogarth bleibt demonstrativ leer. Er muss seine Stimme für das Konzert schonen. Managerin Lucy Jordache moderiert die teils recht witzige Plauderei. Wir erfahren, aus welchen Nationen Fans nach Stockholm gereist sind. Manche Länder sind stärker vertreten, aus anderen Nationen sind nur ein-zwei Fans im Saal. Trotzdem ist es eine bunte Vielfalt an Marillion-Fans, auf die man an diesem Wochenende trifft. Ein schwedischer Fan hat die Titel aller Marillion-Alben in seine Muttersprache übertragen und die Band muss raten, welche Alben gemeint sind. Was bei Fugazi noch recht einfach ist, gestaltet sich das bei Sounds That Can’t Be Made oder An Hour Before It’s Dark schon etwas schwieriger. Mark Kelly punktet mit den meisten richtigen Antworten. Er ist es auch, der das Statement abgibt, dass es die Band möglichst immer geben soll. Ein Fan hat ein Foto gemeinsam mit der Band gewonnen. Enttäuschend ist, dass auf diesem Foto der Frontmann fehlt, weil der sich noch ausruhen muss. Hätte Mr. Hogarth hier nicht über seinen Schatten springen müssen?

Heute ist Albumabend. Season’s End, das Debut mit Steve Hogarth steht auf dem Programm. Und h wird die Songs singen (müssen). Er wird wissen, dass er sich der gesanglichen Unterstützung der Fans sicher sein kann. Und es funktioniert natürlich. Die textsicheren Fans umjubeln ihren Frontmann und singen. Steve Rotherys Gitarrenspiel ist wie immer faszinierend. Man merkt der gesamten Band die Erleichterung an, dass es läuft. Das dynamische The King Of Sunset Town wird das erste Highlight des Abends. Der kleine Patzer von Rothery zum Beginn des nächsten Stücks Easter wird mit einem Lächeln abgetan. Den gleicht er mit seinem unter die Haut gehenden Solo aus, von dem die Fans jeden Ton kennen.

Die positive Stimmung steigert sich von Stück zu Stück. Band und Fans verschmelzen in ihrer Euphorie. Kleine Fehler, wie Petes Griff zum falschen Bass, werden mit Humor hingenommen. Berlin mit einem Saxophonsolo, gespielt von dem schwedischen Jazzmusiker Jonas Wall (Nils Landgren, Mezzoforte), ist für mich ebenso ein Highlight wie das Stück The Release, damals B-Seite der Single Easter.

Der rockige Kracher Hooks In You endet jazzig. Kurz wird die Rock’n’Roll Nummer Memphis, Tennessee gejammt. Die Jungs auf der Bühne haben wieder Spaß zusammen und die Fans genießen die Show. Mit The Space endet die Präsentation des Albums sehr eindrucksvoll. Gaza als erste Zugabe kommt sehr stark rüber. Das wichtige Thema um den Nahostkonflikt überzeugt durch die Performance von Steve Hogarth und der Band sowie durch die Lichtkonzeption zu diesem Stück. Nicht nur hier leistet Lichtdesigner Yenz Nyholm ganze Arbeit. Die Band setzt am gesamten Wochenende auf sein Können und verzichtet bewusst auf Hintergrundprojektionen.

The Leavers hat sich mit seiner hymnischen Melodie beim letzten Part des mehrteiligen Longtracks zum dauerhaft krönenden Schlusspunkt eines gelungenen Marillion Konzerts entwickelt. Die Textzeile „We’re All One Tonight“ sagt eigentlich alles aus, was die Band und ihre riesige Fangemeinde verbinden. Es ist nicht nur die Liebe zur Musik. Vielmehr ist es das Gefühl, unter Freunden und Gleichgesinnten zu sein, gemeinsam schöne Stunden und Tage zu verbringen. Und die fünf Musiker, Pete Trewavas, Mark Kelly, Ian Mosley, Steve Rothery und Steve Hogarth, wissen um die Treue ihrer Fans und verausgaben sich bei ihren Konzerten mit Hingabe und Leidenschaft. Dass ein Sänger mit zunehmendem Alter dabei an seine Grenzen stößt, ist nachvollziehbar. Dass er sich nicht unter Kontrolle hat, wie am Samstag, kann ich als Fan jedoch nicht hinnehmen. So bleibt ein kleiner Wermutstropfen, trotz drei ansonsten fantastischen Konzertabenden.

Zu dem Zeitpunkt, wenn diese Zeilen veröffentlicht werden, hat die Band ihre Konsequenzen gezogen. Es wird künftig weiterhin Marillion Conventions geben, sogar ein Weekend in Deutschland ist für 2023 geplant. Jedoch will die Band dann maximal zwei aufeinander folgende Konzerte spielen. Ich denke, das ist eine gute Entscheidung.

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