Ganze neun Jahre hat es gedauert, bis Jonas Reingold seine Band KARMAKANIC wieder reaktiviert hat. Bis 2015 wurden fünf Studioalben veröffentlicht. Der damals hauptberuflich bei den FLOWER KINGS angestellte Bassist lebt seine Kreativität seitdem in anderen Projekten aus: BARRACUDA TRIANGLE (Instrumentalprojekt mit Felix Lehrmann und Tomas Bodin), THE FRINGE (Rock-Fusion mit Nick D´Virgilio und Randy McStine) oder THE TANGENT (unter anderem mit seinem langjährigen Kumpel Andy Tillison); vor allem aber seit 2018 unter seinem neuen Chef STEVE HACKETT, dessen Band er als Bassist bis heute fest angehört. Dies führte aufgrund nicht harmonisierbarer Terminkalender dazu, dass er 2023 nach über 20 Jahren bei den FLOWER KINGS ausstieg. Diese Trennung erfolgte im gegenseitigen Einvernehmen; noch heute bezeichnet Jonas Reingold diese Band als seine musikalische DNA, mit der er groß geworden ist. Interessant ist, dass man an manchen Stellen des Albums „Transmutation“ tatsächlich ein Stück weit die Stimmung und den Groove alter Flower-Kings-Stücke wiederfinden kann.
Bei einem Treffen mit Jonas im Sommer 2023 (Interview hier bei STONE PROG nachzulesen) fragten wir ihn eher zufällig nach KARMAKANIC und waren erstaunt, als er kundtat, dass bereits 40 Minuten neue Musik fertig geschrieben sei. Welche Dynamik die Arbeit an dem nun vorliegenden neuen Album danach aufnehmen sollte, war auch für ihn damals wohl noch nicht abzusehen.

Tracklist:
01. Brace for Impact
02. End of the Road
03. Cosmic Love
04. All That Glitters Is Not Gold
05. We Got the World In Our Hands
06. Gotta Lose This Ball and Chain
07. Transmutation
Bevor wir zum Album und zur Musik selbst kommen, müssen wir über Personalien sprechen. Über ein Dutzend Weltstars des Prog musizieren auf diesem Album. Neben dem angezapften Netzwerk befreundeter Musiker der oben genannten Bands (auch Steve Hackett spielt Gitarre auf dem Album) sind hier insbesondere John Mitchell am Gesang und Simon Philips am Schlagzeug zu nennen. Die alten KARMAKANIC-Bandmitglieder, die bis 2015 mitgemacht haben, sind mit Gastauftritten ebenfalls fast alle an Bord. Eine bedeutende Person muss noch hervorgehoben werden: Chris Lord-Alge am Mischpult. Vielen sagt der Mann vielleicht nichts – aber er ist eine absolute Größe in seinem Fachgebiet. Er produzierte allseits bekannte Alben beispielsweise von MUSE, TINA TURNER, BRUCE SPRINGSTEEN, BON JOVI oder ROD STEWART, hat damit bereits ganze sechs Grammys gewonnen und wurde weitere fünfmal nominiert. Die auf seiner Seite nachzulesenden Credits dieser zumeist großen Namen sind schier endlos. Er drückt „Transmutation“ einen wesentlichen Stempel auf; die Produktion und der Sound sind schlicht als herausragend zu bezeichnen. Man hört, dass hier ein begnadeter Profi an den Reglern gesessen hat.
Mit dem instrumentalen Opener „Brace For Impact“ scheint Jonas Reingold sein Auditorium beinahe erschrecken zu wollen. Okay, in etlichen seiner oben genannten Bandprojekte trägt er seine Liebe zu dieser Art Musik zur Schau. Dieser immer noch zugängliche Rock-Fusion-Kracher ist allerdings untypisch für den Rest des Albums. Denn direkt danach folgt mit „End Of The Road“ der in meinen Augen beste Song von „Transmutation“. Der zarte Beginn mit folgendem Gitarre-Bass-dominierten Breitwand-Einschlag wird bei vielen die erste Gänsehaut produzieren. Wie bei allen folgenden Stücken liegt der Fokus auf der Melodie, der Komposition.
Zur Freude aller Fans sei gesagt: Jonas‘ Bass ist ein wesentliches Momentum aller weiteren Stücke, und zwar so, wie man ihn von den besten FLOWER-KINGS-Alben und auch den früheren KARMAKANIC-Alben kennt. Die Melodien sind intensiv und häufig nahe an einem Popsong – insbesondere die Bassgitarre befreit die Stücke von einer gewissen Gefahr der Verflachung. Für die besondere Note bei KARMAKANIC sorgen neben der Arbeit am Bass, gemeinsam mit den herausragenden Drummern Simon Philips, Craig Blundell und Nick D´Virgilio, der wunderschöne, emotionale, brüchige und exakte Gesang von John Mitchell. Als etwas überraschend empfinde ich die tolle Gitarrenarbeit seines alten KARMAKANIC-Kumpels Krister Johnsson, der die Stücke an vielen Stellen mit seinem eigenen Stil prägend mitgestaltet.

So manches Mal beschreiben Progressive-Rock-Künstler eigene Texte lediglich als Transportmittel für den Gesang, also als nicht so wichtig. Jonas Reingold hat aber in seinen komplett selbst kreierten Texten richtig etwas zu sagen. Wenn wir zu „End Of The Road“ zurückkehren – hier liegt dem beschriebenen erfolglosen Kampf um den Erhalt einer Beziehung Autobiografisches zugrunde. „Cosmic Love“ (übrigens als erste Single-Veröffentlichung mit sehr schönem Video bereits auf YouTube zu bestaunen) ist eine gewisse Hommage des Menschen an seinen Heimatplaneten. Um hier nur mal zwei Beispiele herauszugreifen. Das Ganze geht im Stück „Transmutation“ so weit, dass er sehr konkret die aktuelle weltpolitische Lage skizziert: „it only takes one idiot/to lead the deaf and blind/to make an idiocracy“.
Da wären wir also beim 23-minütigen Monster-Titelsong. Die letzten circa sieben Jahre hat Jonas daran kompositorisch gearbeitet und gefeilt. Wie alles auf diesem Album ein Stück, in dem sich der Prog-Hörer wohlfühlen und fallen lassen kann: perfekt gespielt, klasse Sound und nirgends langweilig. Vergleicht man das Stück mit dem großen „God The Universe And Anything Else Nobody Cares About“ vom letzten KARMAKANIC-Album „Dot“, so ist das Stück „Transmutation“ strukturell etwas anders angelegt: Während dort Stücke und Motive komplex gestaltet sind, ineinandergreifen und unterschiedlich verarbeitet werden, entwickelt sich der neue Longtrack eher linear, ohne dass nur lapidar einzelne Teile aneinandergeklebt wurden. Das Werk muss einfach so lang sein! Es enthält auch einen wilderen Fusion-Teil – jetzt macht auch der eigenwillige Anfang des Albums Sinn, an den dieser Abschnitt erinnert. Inhaltlich geht es um die immerwährenden Veränderungen im Leben, Diversität und deren Akzeptanz, ohne missionarisch zu wirken. Nach dem traumhaften pathetischen Ende zum Niederknien ist der Zauber abrupt zu Ende.
Vieles gäbe es zum Album noch zu erzählen. Wir überlassen es an dieser Stelle dem interessierten Hörer, „Transmutation“ kennenzulernen. Das Album wird unabhängig auf Jonas‘ eigenem Label Reingoldrecords veröffentlicht, das heißt, die komplette Albumproduktion, alle Kosten und der Vertrieb liegen komplett in seinen Händen. Allein das sollte dem geneigten Fan die Investition in diese Musik wert sein. Noch zwei gern gegebene Zitate vom Meister zu diesem Album zum Schluss: 1. „Die Besetzung auf diesem Album ist das Real Madrid des Progressive Rock: nur die besten Spieler der Szene in einer Mannschaft“. 2. „Dieses Album wurde komplett KI-frei eingespielt: von echten Musikern auf echten Instrumenten“. Der erfahrene und objektive Rezensent meint: Wir haben hier einen absolut heißen Kandidaten auf einen der ganz vorderen Plätze der Prog-Albumcharts des Jahres 2025.
Wertung 9 | 10
Line Up:
Jonas Reingold (Bass guitars, keyboards, vocals)
John Mitchell (Lead vocals)
Steve Hackett (Lead guitars)
Randy McStine (Lead guitars, vocals)
Simon Phillips (Drums)
Craig Blundell (Drums)
Nick D’Virgilio (Drums)
Desweiteren sind Luke Machine, Roger King, Göran Edman, Tomas Bodin, Lalle Larsson, Andy Tilison und andere auf dem Album zu hören.