Interview: AVKRVST – Zurück in der magischen Hütte

AVKRVST aus Norwegen waren 2023 vermutlich DIE Newcomer im Progressive Rock, jedenfalls sorgte das Debüt „The Approbation“ für reichlich Furore. Jetzt veröffentlicht man „Waving At The Sky“, Grund genug für Stone-Prog, sich mit den Bandleadern Simon Bergseth und Martin Utby zu unterhalten, wobei der Lead Vocalist Simon allerdings deutlich gesprächiger war, als Drummer Martin.

Euer Debüt war eine der Überraschungen des Jahres 2023 in der Prog-Welt. Hat das die Arbeit am Nachfolger erschwert?

Simon: Unser Ziel ist es ja, einfach nur gemeinsam Zeit zu verbringen und die Musik zu machen, die wir mögen, nicht sich auf irgendeinen Druck oder Erwartungshaltungen zu fokussieren. Aber da das Debüt so erfolgreich war, ist da natürlich auch irgendetwas in unseren Köpfen, das dann doch einen gewissen Druck erzeugt.

Martin: Wir haben versucht, nicht so viel auf andere zu hören. Der Songwritingprozess war derselbe wie beim ersten Album. Aber ja, etwas Druck war da.

pic (C) Kristian Rangnes

Ihr habt euch für das Schreiben des Debüts in eine einsame Hütte zurückgezogen, jetzt also wieder?

Simon: Tatsächlich entstand  die Musik in der gleichen Hütte wie das Debüt. Die Leute haben schon angefangen, sie die „magische“ Hütte zu nennen.  Etwas passiert dort, wenn Martin und ich unsere SWAT-Pants anziehen, das Equipment aufbauen und einen Aquavit trinken, den norwegischen Kartoffelschnaps.  Wir haben dort nur einen einzigen Nachbarn, sind also ziemlich isoliert, was den kreativen Prozess wesentlich verbessert.

Wenn wir in Deutschland von einem Nachbarn reden, dann lebt der nur ein paar Meter entfernt. Wie ist das bei eurer Hütte?

Simon: Hier sind es tatsächlich auch nur fünfzig Meter. Unser Nachbar dort gehört zur Familie und lebt dort. Bis zur nächsten Farm sind es aber tatsächlich einige Kilometer.

Beide Alben von euch sind Konzeptalben. Wird es auch in der Zukunft dabei bleiben?

Simon: Ich denke, nichts ist in Stein gemeißelt, wenn Martin und ich beginnen, Musik zu schreiben. Aber fast alle großen Progalben sind Konzeptalben. Wenn es um die Texte geht ist es wesentlich einfacher eine Geschichte zu erzählen, die man  dann auf die einzelnen Songs aufteilt. Das neue Album ist eine Art Prequel zum ersten. Da ging es ja um diesen einsamen Mann in dieser Hütte, und er kommt auch auf dem neuen Album vor.

AVKRVST – Waving At The Sky

Die Geschichte von „Waving At The Sky“ ist ziemlich starker Tobak…

Simon: Ich versuche mal nicht zu sehr ins Detail zu gehen.  Als wir jünger waren, gab es tatsächlich diesen Fall in einer kleinen Stadt hier in Norwegen, wo zwei Familien, die sehr nah beieinander lebten, ihre Kinder missbrauchten. Irgendwann bekamen sie mit, dass sie beide das taten und begannen die Kinder untereinander auszutauschen. Das ist die grausamste Geschichte, die man sich vorstellen kann. Wir waren damals vielleicht zehn Jahre oder noch jünger und verstanden noch gar nicht, was dort passierte. Immer wenn wir in die Hütte fahren, dann hole ich Martin von der Arbeit ab. Wir wollten uns intensiver mit diesem Fall beschäftigen, also hörten wir die entsprechenden Hörbücher, in denen Opfer ihre eigene Geschichte erzählen. Wir hörten das während der Fahrt zur Hütte, und das hat sowohl das Songwriting als auch die Texte beeinflusst. Unsere Geschichte gibt aber nicht exakt wieder, was damals geschah.

Ihr setzt gelegentlich auf Growls, etwas, das nicht gerade sehr  populär bei Proggies ist.

Simon: Wir kümmern uns ja nicht darum, was andere mögen oder nicht. Wir versuchen ja nicht einmal in erster Linie Prog zu machen. Wir kommen aus Norwegen, wir sind mit Black Metal aufgewachsen. Auf dem Debüt hatten wir ursprünglich auch nicht vor, mit Growls zu arbeiten, auf dem zweiten auch nicht. Aber es fühlte sich tatsächlich so an, sowohl musikalisch als auch textlich, dass an bestimmten Stellen es einfach diese Growls sein mussten. Beim Debüt gab es zwei Songs mit Growls, jetzt sind wir bei drei. Beim nächsten gibt es vermutlich nur Growls.

Das dürfte Inside Out dann wohl doch nicht gefallen…

Simon: Aber vermutlich Century Media. Ich weiß, dass Thomas Waber da nicht so begeistert ist, aber auf der anderen Seite, wenn es funktioniert, dann funktioniert es.

pic: (C) Kristian Rangnes

Ihr zwei seid die kreativen Köpfe von AVKRVST, welche Rolle spielen die übrigen Bandmitglieder?

Simon: Wir sind eine Band. Die anderen Bandmitglieder sind auf dem Album zu hören, sie spielen was sie wollen und schreiben ihre eigenen Parts. Aber viele Köche verderben den Brei, die Grundideen zu den Songs stammen immer noch von Martin und mir. Aber wir verbringen viel Zeit  mit den anderen zusammen und es fühlt sich wie eine Band an.

Martin: Vielleicht werden die übrigen Bandmitglieder beim nächsten Album etwas mehr eingebunden. Aber schon jetzt hinterlässt jeder von ihnen sein Markenzeichen.

Könnt ihr eigentlich auch Musik schreiben, wenn ihr nicht in eurer Hütte seid?

Simon: Keine Ahnung, wir haben es noch nicht probiert! Das gesamte Material wurde neu für dieses Album geschrieben. Von den Arbeiten zu „The Approbation“ haben wir keine Songs übrig behalten. Wir begannen ja mit dem Schreiben schon, bevor das Debüt erschienen war.

Ihr habt ja mittlerweile auch Live-Erfahrungen gesammelt, und das nicht nur in eurer Heimat.

Simon: Wir haben in Deutschland und Holland gespielt und auch ein Festival im UK. Und demnächst steht Portugal auf dem Programm. Martin ist ja auch Drummer bei  Magic Pie und ist mit denen unterwegs. Es war schon etwas Besonderes, mit AVKRVST Live zu spielen, denn die Band ist ja sozusagen mein und Martins Baby. Reisen ins Ausland machen sehr viel Spaß, wir hängen zusammen ab. Die anderen Bandmitglieder sind alle tolle Typen. Die Gigs liefen auch gut. Beim ArcTanGent Festival in England spielten wir um 12:30 Uhr. Auf der Hauptbühne. Wir dachten, na ja, vielleicht kommen zwanzig Leute um diese Uhrzeit. Aber es kamen ein paar Tausend, es war fast voll. Als wir als letzten Song „The Approbation“ gespielt haben, hatten wie Gänsehaut und fast Tränen in den Augen.

MIDWINTER PROG FESTIVAL 2025 pic: (C) Andreas Tittmann

Eure Väter machen ja auch Prog…

Simon: Wir leben den Traum, den sie leben wollten.  Die meisten ihrer Alben sind von Inside Out. Und dass wir nun diese Musik machen, die auch sie so lieben und darüber hinaus noch bei Inside Out unter Vertrag stehen, macht sie sehr stolz.

Und das völlig zu Recht!

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