Es ist schon sehr ungewöhnlich, wenn ein Sechzehnjähriger beginnt, ein Prog-Album zu schreiben. Gut Ding will eben Weile haben, aber nach zehn Jahren ist das Ergebnis mit „The Passing“ mehr als beachtlich. Jacob stand Renald Rede und Antwort.
Du bist jetzt siebenundzwanzig und hast mit sechzehn die Arbeiten für das aktuelle Album „The Passing“ begonnen. Das ist nicht gerade die typische Musik für einen Teenager. Was lief falsch?
(lacht) Ich stimme zu. Es war schon lustig. Als ich begann, die Musik für das Album zu schreiben, wusste ich nichts über Progressive Rock. OK, vielleicht doch ein wenig. Ich habe einiges von Pink Floyd und Rush gehört, und diese Songs haben mich dann dazu inspiriert etwas Verrücktes zu probieren, etwa zu versuchen, einen wirklich langen Song zu komponieren. Da waren Titel wie „2112“ oder „Echoes“. Mit sechzehn habe ich angefangen, den Titeltrack zu komponieren und nach einem Jahr war etwa die Hälfte oder zwei Drittel fertig. Meine Haupteinflüsse liegen woanders, bei Iron Maiden oder den Beatles, sogar bei den Beach Boys. Mit achtzehn oder neunzehn entdeckte ich dann den Prog, Künstler wie Steven Wilson, eine Menge von Genesis und Yes und von da an bewegte ich mich zu hundert Prozent in Richtung Prog.

Haben dich deine Eltern musikalisch beeinflusst?
Ich weiß, dass meine Eltern auch Rush gehört haben, aber wir haben nie gemeinsam Rush gehört, das waren eher Bon Jovi oder Metallica, auch Linkin Park und Disturbed. Ich mag aber auch Filmmusik oder sogar die Musik zu Videospielen.
Zehn Jahre für ein Album sind eine lange Zeit. Und mittendrin war ja auch noch Corona. Hattest du mal Zweifel, ob du es durchziehen würdest?
Ich habe immer davon geträumt, ein Album zu veröffentlichen, war aber nicht sicher, ob es klappen würde. Es braucht nicht nur viel Zeit, es ist auch eine Menge Geld, besonders für eine Person alleine. Einen Großteil der Zeit war ich ja noch in der Schule, dann hatte ich ein paar Teilzeitjobs. Während der Pandemie habe ich dann mit YouTube-Videos angefangen. Aber gleich nach Corona bekam ich ein paar gute Verträge, die mir die Möglichkeit gaben, diese Platte zu machen.
Das heißt, du lebst von der Musik?
Tatsächlich habe ich meinen ersten Vertrag bekommen, als ich zwölf oder dreizehn war. Es war für ein Musical. Und seit etwa sechs Jahren mache ich nur noch Musik.
Wenn Teenager beginnen Musik zu machen, dann meist in einer Band, und nicht als Soloprojekt. Wolltest du keine Band gründen?
Doch. Als ich mit sechzehn begann, die Musik für das Album zu schreiben, war ich in einer Band. Wir haben klassischen Hardrock gespielt, Led Zeppelin und AC/DC und hatten auch ein paar eigene Songs. Anfangs waren meine neuen Kompositionen für die Band gedacht, aber wir stellten schnell fest, dass sie nicht dafür geeignet waren, sie waren zu progressiv, nicht das, was wir bisher gespielt hatten. Ein paar Jahre später habe ich es noch einmal probiert. Zusammen mit Freunden, die alle in der gleichen Situation waren wie ich. Sie alle wollten Prog machen, waren aber in Bands, in denen die anderen das nicht wollten. Ich schrieb damals „Empty Traces Part One“ und „The Long Way Home”, aber wir haben nur zwei Shows gespielt. Und dann dachte ich mir, ok, dann mache ich es eben alleine.

Du hast einen Großteil des Albums selbst gemacht, hast dir aber auch Verstärkung geholt. Unter anderem auch Musiker aus der Klassik. Warum?
Es war wichtig für mich. Ich wollte einen möglichst epischen Sound, mit viel Orchestrierung. William Gaboury spielt ja nicht nur Gitarre und Bass, er hat das Album ja auch produziert. Er komponiert auch Filmmusiken, er hat viel Erfahrung mit virtuellen Instrumenten. Aber ich wollte auch dieses natürliche Gefühl. Also haben wir die meiste Zeit die klassischen Instrumente mit den virtuellen gemischt. Ich hatte ja nur drei Musiker – Geige, Cello und Trompete – und nur damit diesen wirklichen Orchestersound zu kreieren, wäre vielleicht möglich, hätte sich aber auch irgendwie falsch angefühlt. Wir haben die natürlichen Instrumente etwa dreimal übereinander gelegt, und darunter dann die virtuellen Instrumente, um diesen vollen Sound zu erzeugen.
Man vergleicht deine Musik oft mit den üblichen Verdächtigen, sei es nun der klassische 70er Prog, aber auch mit zeitgenössischen Bands. Dennoch klingt deine Musik recht eigenständig.
Ich meine, die Ouvertüre zum Titelsong ist hundertprozentig von Neal Morse beeinflusst, da gibt es nichts dran zu deuteln. Aber ansonsten liegt das wohl daran, dass ich so lange an dem Album gearbeitet habe und von so vielen Dinge beeinflusst worden bin. An manchen Songs habe ich mehrere Jahre gearbeitet. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, jetzt wo ich meinen musikalischen Platz gefunden habe. Ich möchte nämlich nicht, dass das nächste Album von der gleichen Musik beeinflusst wird. Das heißt, ich muss mich zwingen, Musik zu hören, mit der ich im Prog noch nicht so vertraut bin. Ich habe das Gefühl, wenn ich Musik höre, die mir fremd ist, dann triggert das etwas in mir und es entsteht etwas, das sonst nicht entstanden wäre.
Die Reaktionen auf dein Album sind durchweg positiv. Hast du damit gerechnet?
Ich habe überhaupt keine Reaktionen erwartet. Ich habe das Album vor allem für mich gemacht, natürlich mit William. Ich habe kein Label, ich habe so gut wie keine Promotion gemacht, das einzige was ich getan habe war emails an einige YouTuber zu verschicken, und das hat wirklich perfekt funktioniert. Ich hatte ursprünglich nur hundert CDs bestellt, hauptsächlich für Verwandte und Freunde. Aber schon im ersten Review, das erschien, stand, das ist das beste Progalbum seit „Solo Scriptura”, welches wiederum eines meiner Lieblingsalben aller Zeiten ist.
Wer kümmert sich eigentlich um das Geschäftliche?
Das mache ich alles alleine. Ich habe gerade wieder eine Lieferung an Just For Kicks geschickt, sie haben mich um signierte Alben gebeten. Andere Verkäufe laufen über Bandcamp oder meine Webseite. Es ist viel Arbeit.

Worin besteht die Verbindung zwischen den beiden Teilen von „Empty Traces“?
Das Hauptthema von Teil eins kommt am Piano Solo am Ende von Teil zwei vor, und es ist auch in der Mitte von Teil zwei, aber ziemlich versteckt. Die Songs ähneln sich auch von der Struktur, sie haben nicht wirklich einen Refrain. Und es gibt auch einen textlichen Zusammenhang.
Der Titelsong ist dreißig Minuten lang. War das eine große Herausforderung?
Es hat zumindest länger gedauert, ihn zu schreiben.. Ich glaube es ist schwerer, alle diese progressive Inhalte in einen fünf oder sechs Minuten Song zu packen als in einen Longtrack. Rush haben diese Phase in den Siebzigern durchlaufen. Da waren diese Longtracks auf „Hemisphere“ oder „Farewell To The Kings“ und dann kam „Permanent Waves“ und sie versuchten in fünf Minuten Songs all das zu packen, was sonst in einem 18 Minuten Track vorkam. Das ist schwer, aber es ist natürlich auch schwer einen dreißig Minuten Song zu schreiben, bei dem die Hörer aufmerksam bleiben. Wenn man diese musikalischen Themen hat und sie zueinander passen, dann kann man das vielleicht etwas steuern, aber es bleibt schwer.
Worum geht es in dem Song?
Bei dem Titeltrack geht es um die fünf Phasen der Trauer. Dazu habe ich mich ziemlich früh entschieden. Da sind diese fünf Phasen und zu jedem passt ein gewisser musikalischer Stil, zum Zorn passt zum Beispiel Metal und harte Riffs, zur Depression etwas gedämpfte und traurige Klänge. Dieses Konzept hat mir wirklich beim Schreiben des Songs geholfen.
Du bist noch sehr jung. Deine Fans sind vermutlich in der Regel mehr als doppelt so alt….
(lacht) Ich bin daran gewöhnt. Viel Musik, die ich vor diesem Album gemacht habe, war vom Stil her Sechziger Jahre. Der frühe Elton John, die Beatles oder auch Frank Sinatra. Mein Publikum war also schon immer eher alt, es hat sich also nicht viel verändert.
Du hast ja auch mit deinen Coverversionen auf Youtube für Beachtung gesorgt…..
Ich habe damit zu Beginn der Pandemie angefangen. Der erste Song war „Why My Guitar Gently Weeps”, allerdings habe ich das Arrangement leicht verändert. „Bohemian Rhapsody“ war eine Herausforderung, aber während Corona hatte ich ja nichts zu tun. Und ich dachte, wann, wenn nicht jetzt. „Carry On Wayward Son“ und ein paar weitere Stücke folgten dann noch. Ich würde gerne mehr davon machen, aber jetzt fehlt mir einfach die Zeit.

Wenn wir schon bei YouTube sind. Heutzutage läuft ja viel über Social Media. Ist deine Jugend da ein Vorteil für dich?
Das kann sein, aber was ich dort mache, kann eigentlich jeder tun. Ich bin nicht übermäßig aktiv auf Social Media, das sind andere deutlich aktiver. Was mir geholfen hat, dass ich wirklich auf fast jedem YouTube Prog Channel aktiv war, sich in dieser Prog-Community etablieren und Freunde finden, das war wichtig.
Deine Musik live zu präsentieren dürfte ziemlich schwer sein….
Tatsächlich habe ich passende Musiker gefunden und habe auch schon zwei Shows gespielt, eine zur Veröffentlichung des Albums. William, der auch auf dem Album spielt, ist auch mit dabei. Das Problem ist eher, hier ein Publikum für diese Musik zu finden. Das Album läuft in Europa viel besser als in Kanada.
Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als nach Europa zu kommen….
Das müsste ich wirklich tun, aber dazu brauche ich ein größeres Team. Hier in Kanada kann ich die Locations buchen, ich glaube nicht, dass ich das für Europa könnte.
Hast du eigentlich auch an eine Veröffentlichung auf Vinyl gedacht?
Ich denke ständig daran. Aber ich glaube, dafür brauche ich wirklich ein Label. Sollte ich das alleine machen, müsste ich eine Platte für hundert Dollar verkaufen, und das würde keiner bezahlen. Außerdem ist das Album aktuell nicht für eine LP strukturiert, das heißt, ich müsste Passagen kürzen. Ich glaube, heute geht man von maximal 21 Minuten pro Seite als maximale Spielzeit aus. Ideal wäre es, ein Label für das zweite Album zu finden, das dann auch das erste als Vinyl veröffentlichen würde.
Hast du eigentlich versucht, eine Plattenfirma zu finden?
Ich habe auch für das Debüt zwei Plattenfirmen angeschrieben, aber nie etwas gehört. Ein Record Deal wäre schon von Vorteil.
Was sind deine nächsten Pläne?
Ich arbeite jetzt an neuen Songs, aber nur ein Teil meiner musikalischen Ideen schaffen es auf das Album, es soll nur meine beste Musik enthalten. Wenn es sich dann tatsächlich in die Richtung entwickelt, wie es sich jetzt andeutet, wird es wohl etwas mehr Metal geben.

Wird es wieder ein Soloprojekt oder versuchst du es noch einmal mit einer Band?
Ich werde mit Soloalben weitermachen, allerdings mit mehr Gastmusikern arbeiten. Auf dem nächsten Album soll es einen oder auch mehrere Gast-Drummer geben. Ich glaube, das tut der Musik gut, viele können das besser als ich. Genau wie bei der Gitarre. Ich bin ein ganz passabler Gitarrist, aber hier brauchte ich jemanden, der viel besser war als ich. Und es hat sich bezahlt gemacht, die Soli auf dem Album sind unglaublich.
Na ja, nicht nur die Soli!
