In den Wäldern Thüringens versammeln sich auch 2025 wieder tausende Hippies in der kleinen Gemeinde Waffenrod. Für die meisten ist es nicht das erste Mal. Seit 21 Jahren wächst das Woodstock Forever unter der Regie der Familie Memm. Bereits am Dienstag stürmen die Massen die ansässigen Wiesen mit Blick ins Tal. Kein Verschnaufen für das Team am Einlass. Wir sind diesmal auch schon am Mittwoch ins Auenland angereist, denn schon der Eröffnungstag lockt mit einem dreiteiligen Voll-Programm. Als wir am frühen Nachmittag auf Waffenrod zufahren werden wir mit einem bereits vollen Camp überrascht. Nicht nur uns hat das Programm zur Frühanreise animiert, sondern viele andere auch, besonders Tagesgäste, die durch einen Sonderpreis vielleicht zum ersten Mal reinschnuppern wollen.

Mittwoch – „Schuld“ mag hier auch die diesjährige Planung sein. Anstatt des obligatorischen Jams am ersten Abend, gibt es dieses Jahr noch zwei Bands obendrauf. The Double Vision eröffnen als Trio den ersten Abend an der Scheunenbühne unter reichlich musikhungrigen Ohren. Der Thüringer Gitarrist und Bandleader Stephan Graf trifft als Lokalmatador mit seiner Interpretation von Rory Gallaghers Musik und eigenen Kreationen genau den Nerv des Festivals. Ist der Mittwoch in dieser Üppigkeit also in Zukunft Pflichtprogramm?
Es folgt die altbekannte Sixty Amp Fuse – Jam Session. Fast drei Stunden rotieren verschiedenste Musiker über die Bühne, covern Klassiker und genießen die Magie des teils Ungeplanten. Von Schülerin bis zum Altgedienten ist jeder unter dem Motto „Make Music, Not War“, vertreten. Im Finale darf auch Stephan Graf nochmal glänzen. Eine schöne Tradition organisiert von Veranstalter Michael Memms Schwiegersohn Ralf.
Richtung Mitternacht folgt als dritte Attraktion des Abends Franck Carducci & The Fantastic Squad. Der Franzose ist dank seiner wechselnden kreativen Outfits und Doppelhals-Gitarre mit Bass und integrierter 12-Saiter Gitarre bereits von weitem gut zu sehen. Ähnlich bunt wie der Name ist auch der musikalische Blumenstrauß, den er und sein musikalisches Team hervorzaubern. Rock’n‘Roll meets progressives Musical. Mary Reynaud erweitert sein Universum nicht nur stimmlich, sondern auch mit einem mit LEDs gespicktem Kleid samt Schmetterlingsflügeln. Ein Gesamtkonzept, das so weiter begeistern wird. Wer noch wach genug ist, darf anschließend neben der Bühne bei DJ Bunzel seine Tanzfähigkeiten demonstrieren. Die neue Mittwochsplanung zeigt sich als großer Gewinn für das Festival. Also für 2026 einen Urlaubstag mehr reservieren!
Donnerstag – Für die nächsten drei Tage darf nun zwischen den drei Bühnen auf dem Areal rotiert werden. So beginnt oben auf der Waldbühne mit der phänomenalen Fernsicht die Finnin Erja Lyytinen. Schnell wird es vor der Bühne voll. Ordentlicher Bluesrock von der Gitarristin und Bandleaderin, die bereits ihr halbes Leben in diversen Rollen in der Musikindustrie verbracht hat. Sie tourt als Quartett mit aktuellem Album, spielt auch einige Titel davon.

Ein paar Schritte weiter hinunter geht es da deutlich leiser zu, wenn Namirí aus Argentinien die Liftbühne eröffnet. Dieses Mal neu von unten nach oben zum Hang ausgerichtet, können noch mehr Augen auf die Bühne schauen. Ein weiterer Aspekt, den man dieses Jahr optimieren konnte. Im Gras liegend, fliegen die Klangteppiche, Akustikgitarren und Perkussion von Multiinstrumentalist Esteban Ariel Guiragossian umher. Dank Looping-Station gelingt ihm auch alleine eine Reise zwischen Natur und Elektronik.
Unten auf dem Festivalgelände angekommen wird es dann wieder deutlich lauter, denn als Starter für die Scheunenbühne gibt es einen Frank Zappa Tribute, gespielt von der Formation Frank Out!. Damit sind sie nach FiDO nicht die erste Coverband dieser Gattung beim Woodstock Forever. Die sechs deutschen Musiker stehen ihren Kollegen dabei in nichts nach und beweisen, dass Zappas Musik noch lange erhalten bleiben wird. Zur gleichen Zeit spielt sich auf im Camp in einem unscheinbaren weißgelben Zelt eine ganz andere musikalische Geschichte ab. Klassiker der Rockgeschichte ertönen über Stunden, gespielt von einer Band aus Festival-Gästen und in Eigenregie organisiert. Eine geheime vierte Bühne für alle, die den Weg vom Schlafplatz zum Gelände noch nicht gewagt haben.
Wer sich aber wirklich bewegen will, der sollte die nächsten anderthalb Stunden bei Unojah verbringen. Die Freiburger sind keine Neulinge auf dem Festival und wollen mit ihrer Mischung aus Reggae und Weltmusik gute Schwingungen verbreiten. Ähnlich wie bei Bukahara oder The Magic Mumble Jumble soll die Musik hier nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper zelebriert werden. Das klappt selbst bei sommerlichen 30 Grad ohne Probleme. Kurz werden gar Erinnerungen an Seeed wach. Bassist Joshua Hengstler fällt für den Auftritt zwar aus, aber auch zu dritt verschmelzen sie Einflüsse allerlei Länder und Kulturen. Unojah feiern eine Vielfalt, die für sie essenziell für ein Zusammenleben ist. Eine Botschaft, die selten so relevant war wie heute. Mit Sänger Chaldun Schrades Worten: „Wir möchten hier nicht nur Musik machen, wir möchten auf die Reise gehen… und den Planeten in all seinen schönen Farben feiern“.
Rockiger geht es anschließend mit Karin Rabhansl weiter. Einst im ruhigeren Duo Fischer & Rabe schon auf hiesiger Bühne, bringt sie dieses Mal noch zwei weitere Bandmitglieder mit. Ihre eigenen Werke sind, punkig-frech, stets humorvoll und mit niederbayerischem Dialekt versehen. Eine charmante Attitüde. Textlich geht es dabei in Songs wie Außeinander, um laut streitende Nachbarn, die Karin einst abhielten ihr Buch weiterzulesen. Auf das diese sich doch nun bitte trennen sollen für ihren eigenen Seelenfrieden. Optisch verbunden ist das Quartett durch hochgezogene buntgestreifte Socken, die auch zum späteren Merch-Angebot gehören. Marktlücke! Gitarrist Joschi Joachimsthaler macht seinem Ozzy-Shirt alle Ehre und schreddert gekonnt durchs Set. Eine besondere Überraschung stellt die Interpretation von Aphrodite´s Childs The Four Horsemen dar. Dem 53 Jahre alten Stück wird hier reichlich neues Leben eingehaucht. Der Zeitplan verhindert zwar weitere Zugaben, doch dafür zieht es viele zum Merchandise, wo eine fröhliche Karin Rabhansl schon wartet.
Ein wenig weiter aus dem Süden kommen die fünf nächsten Musiker. Die Ellis Mano Band aus der Schweiz, fand ihren Namen durch Sänger Chris Ellis und Gitarrist Edis Mano. Beiden lässt sich beim Thema Bluesrock nichts vormachen. Aber hier darf jeder mal glänzen. Ob Schlagzeug, Bass oder Orgel-Solo: Es bleiben steht‘s Freiräume in den Stücken. Manch ruhigere Passage im Set mag den Drive etwas verzögern, aber wenn aufgedreht wird, zeigt sich die Spielfreude der fünfköpfigen Band. 2016 gegründet, sind sie heute sichtlich gut eingespielt. Dabei liefern sie mit der letztjährigen Platte Live: Access All Areas ein Werk, dass sie genauso präsentiert, wie sie heute in freier Wildbahn anzutreffen sind.

Während die Dunkelheit sich über das Gelände legt, wird oben auf der Waldbühne ein großer Name in den Topf geworfen. The Watch Plays Genesis sind ein Quintett aus Italien, die die Ära von Peter Gabriel und Steve Hackett wiederaufleben lassen. The Watch starteten dabei nicht als Tribute-Band. Als Sänger Simone Rossetti jedoch seine stimmliche Ähnlichkeit zu Gabriel feststellte, erwuchs das heute erfolgreiche Prinzip einer Tribute Show. Dabei sind sie in der Prog-Szene auch für ihre Vielzahl eigener Werke bekannt, die sich auch in die Live-Shows einschleichen. Die auf Deutsch einstudierte Begrüßung wird dankend angenommen. Die musikalischen Fähigkeiten der Band stehen außer Frage, Klassiker werden punktgenau nachgespielt. Bei emotionalen Titeln wie Carpet Crawlers bremst die technische Berechenbarkeit aber das eigentlich entscheidendere aus: Gefühl! Dennoch beeindruckend, wie die fünf Musiker im Scheinwerferlicht die siebziger Jahre über den Wald regnen lassen.

Mitternacht. Die Zeit zum Schwelgen ist vorbei. Drei Niederländer warten schon, während das Leslie der Hammond-Orgel trügerisch still vor sich hin rotiert. DeWolff sind eine Dampflok, die per Zeitmaschine ihre Mischung aus Bluesrock, Soul und Psychedelisch über die Schiene prügelt. Bei ihrem ersten Plattenvertrag 2008 war das Trio grade einmal zwischen 14 und 17 Jahren alt. Luka und Pablo van de Pol liefern dabei bis heute an Schlagzeug und Gitarre, samt Gesang, ab. Orgel-Oktopus Robin Piso stellt dabei nicht nur die Hammond-Sounds, sondern navigiert mit seinen vier Gliedmaßen auch noch sämtliche Basslines. An Power mangelt es ihnen gewiss nicht. Orgel und Gitarre liefern sich Duelle, eh sie zusammen wieder Bewegung in die Beine der Zuschauer bringen. Dank ruhiger Momente und guter Dynamik ermüdet sich das Konzept kaum. Auch das heimliche Highlight War Pigs zu Ehren des kürzlich verstorbenen Ozzy Osbourne steht ihnen verdächtig gut. Dafür gibt es heute nur eine Zugabe. Das Geheimnis: Rosita erstreckt sich auf die nächsten dreißig Minuten, inklusive Pablos Besuch in den ersten Reihen des jubelnden Publikums. Alle Register sind gezogen. Feierabend! Die Orgel atmet durch, die Röhren im Verstärker kühlen ab.
Schon ist es Freitag. Zu weiteren Improvisationen im weißgelben Zelt kommt langsam Leben in die Camper. Pünktlich um 12:30 Uhr eröffnen The Wake Woods den dritten Tag. Ein weiteres Power-Trio, dieses Mal aus heimischen Landen. Ausgezeichnet mit einer Aufnahme beim WDR-Rockpalast und als einstige Vorband von The Who sind die Erwartungen hoch. Auch hier sind mit Ingo und Helge Siara wieder zwei Brüder auf der Bühne. Ingo an Bass und Gesang ist dabei die treibende Kraft hinter der Handarbeit aus Blues, Boogie und schmutzigem Rock´n´Roll. Beide wechseln immer wieder ihre Instrumente. Laut Ingo hatten sie ihre Corona-Prämie in neue Gitarren und Bässe investiert und die müssen natürlich auch gezeigt werden. „Jetzt, da sie das Geld wieder zurückzahlen müssen, dürfe man sich aber gerne melden, wenn man eins der Schmuckstücke kaufen wolle.“ Schlagzeuger Merlin Niklasch ist erst seit wenigen Monaten Teil der Band, sichtlich routiniert und konzentriert. Trotz Neuling-Status sitzt jeder Schlag und die Last fällt am Ende sichtbar von ihm ab. Ob sie an diesem Tag tatsächlich ihre Instrumente verkaufen werden, bleibt unklar. Dafür gehen einige Tonträger über die Theke neben der Bühne.

Alle wach? Dann kann es an der Liftbühne weitergehen. Bei der Restposten Bluesband geht es mit entspanntem Blues-Rock weiter. Seit 1999 in wechselnder Besetzung, bringen die drei erfahrenen Musiker heute noch Sänger Larry Doc Watkins und Hans Raths am Saxophon perfekt ins Spiel. Die Mittagshitze hält viele Zuschauer im Schatten, viel Stimmung machen die Restposten trotzdem, begeistern die Zuschauer ähnlich wie bei der Schweizer Ellis Mano Band.
Abhilfe zur Hitze schafft der neue Eisstand. Wieder eine gelungene Ergänzung auf dem Gelände, das kulinarisch auch noch einiges zu bieten hat. Von Pizza aus dem legendären Hippie-Pizza-Tank über frischer Suppe, Grillgut und Knoblauchbrot bis zum ansässigen Restaurant, findet hier jeder etwas. Die Händlermeile ist abwechslungsreich und passend zum Festival, wer ein wenig stöbern will, kann das hier samt netten Gesprächen tun. Auch zwei kostenlose Wasserstellen wurden eingerichtet.
Mit weiteren ausgefeilten Interpretationen bekannter Kompositionen geht es bei B.I.R.D. weiter, hier allerdings mit sechs Pfälzer Musikern. Sie sind schon lange Vertraute des Veranstalters Michael Memm und so gewährt er ihnen immer wieder gerne einen warmen Platz auf seiner Scheunenbühne. Psychedelische Klassiker bis in die 60er-Jahre finden ihren Höhepunkt in Peter Framptons Do You Feel Like I Do. Besonders Philipp Graf und Marko Burkhart an den Gitarren schmeißen sich zusammen mit Markos Bruder Philipp Burkhart an den Keys Soli um die Ohren. Familie wird in dieser Festivalausgabe wirklich großgeschrieben. Dank straffen Basslines von Viersaiter Jonas Jenet, bleibt aber immer die notwendige Führung vorhanden. Eine geforderte Zugabe gibt es hier nicht. Der neue Drummer ist mit seinem Erlernten am Ende. Auch gilt es ja den Zeitplan einzuhalten. Memm verspricht: „Sollten B.I.R.D. in zwei Jahren wieder hier stehen, gibt es endlich auch eigene Songs zu hören.“
Wer sich nach kreativerem sehnt, der eilt nun weiter zur Waldbühne zu La Forestería. Hier fusionieren elektrische Klänge mit lateinamerikanischen und afroamerikanischen Wurzeln. Ein Trip, der auch mit Percussions vom Band überzeugt. Normalerweise spielen sie diese auch zu fünft live. Heute treten sie jedoch als Quartett mit Keys, Gitarre, Bass und Saxophon auf. Sängerin Toni Volpen und Multiinstrumentalist Tuto Petruzzi gelingt es, ihre Nähe zur Natur von Argentinien bis auf die Woodstock-Bühne zu bringen. Der Auftritt gleicht einem ruhigen Ritual, wird dann immer tanzbarer, beschwört gar Santanas Gitarrensound und ebbt zurück in die Entspannung.

Am alten Lift wird bei Among The Waves hingegen aufgedreht. Angelehnt an selbigen Pearl Jam Song schreiben die Sachsen eigene Werke im Bereich Alternative Rock und Post-Grunge. Dabei sind zwar nicht alle klanglichen Stellschrauben fest, die Truppe ist aber grundsympathisch. Sänger Lukas Tischendorf steigt auf den brüllenden Combo-Verstärker seines Gitarristen und animiert das neugierige Publikum. Spaß vermitteln sie ohne Probleme. Wenn sie live ihren zwei bisher veröffentlichten Singles noch näherkommen, kann hier Großes wachsen.
Weiter unten an der Scheunenbühne macht sich schon die technisch versierte Yasi Hofer bereit. Wer ihren Namen kennt, kennt sicher auch ihre Verbindung zu Steve Vai. Er entdeckte die Gitarristin aus Ulm und lud sie zu sich auf die Bühne ein. Da war sie 14. Heute ist die 1992 geborene Yasmin Ines Hofer eine eigene Größe im Gitarren-Kosmos und tritt im Trio auf. Erste neugierige Gesichter stehen schon längst in den ersten Reihen und das Areal füllt sich blitzschnell. Ihre Songs sind teils Instrumental, aber teils auch durch ihre nuancierte Stimme veredelt. Durch den sehr direkten und trockenen Gitarren- und Basssound wirkt der Einstieg noch etwas verhalten. Aber mit Spielfreude des Trios nimmt das Konzert schrittweise bis zum fulminanten Abschluss ordentlich Fahrt auf. Yasi strahlt ins Publikum, erreicht mit ihrem virtuosen Können auch die letzte Reihe auf dem Berg. Ihre Spielfreude fliegt zu Bassist Steffan Knauss und Drummer Christoph Scherer. Es wird hochgeschaltet. Yasi und ihre hochgezüchteten Ibanez-Gitarren zaubern Akrobatik am Instrument. Blitze ziehen auf. Hat jemand Bier geworfen? Nein, der Regen hat das Festival gefunden. Riesige Tropfen ergießen sich vor die Bühne, bis nach mehreren Minuten alles vorbei ist. Die zweite Hälfte im Set gewinnt noch an Charakter. Was anfangs noch wie einzelne Zutaten wirkte, ist jetzt ein überzeugendes Rezept. Kein Wunder, dass am Merch noch lange signiert werden darf.

Mit Tryo steht nun eine Band aus Chile auf der Waldbühne. Zuhause weitaus bekannter als bei uns, blicken dennoch gespannte Augen auf die Bühne. Eine geplante Video-Projektion entfällt aufgrund des angekündigten starken Windes. So stehen die Fünf nun alleine im Fokus. Ihr Progressive-Rock-Konzept soll auch chilenische Rhythmen in die Welt tragen. Genretypisch spielen sie lange Kompositionen, die kurz Pink Floyd atmen, dann wieder deutlich jazziger und vertrackter werden. Alles ist auf den Punkt gespielt und man spürt wie gut geölt die Gruppe ist. Kein Wunder, gibt es die Formation doch schon seit Mitte der 90er. Erinnerungen an die Flower Kings werden wach, die vor einem Jahr auf dem gleichen Bühnenboden standen. An deren Zauber mögen Tryo nicht immer heranreichen. Eine Empfehlung für Genre-Freunde ist aber dennoch selbstverständlich. Bonus-Applaus gibt es für eine Ansage auf Deutsch.

Finale für Heute. Das Quintett Pristine entknotet nun die Köpfe der nachtaktiven Zuschauer. Hardrock oder Bluesrock? Auf alle Fälle Retro. Frontfrau Heidi Solheim gründete die Band 2006 und war schon letztes Jahr auf dem Festival als Gast bei der Hamburg Blues Band dabei. Die Stimmung bei der norwegischen Truppe ist ausgezeichnet, nicht zuletzt dank des leidenschaftlichen Teams hinter den Kulissen. Die Stimmung überträgt sich sofort auf das Areal und es folgt eine kurzweilige zweistündige Reise in die 70er Jahre. Auch hier wird der musikalische Hut vor Ozzy mit einer weiteren starken Interpretation von War Pigs gezogen. Sie bedanken sich für den Aufenthalt beim ganzen Team und stellen sicher, dass auch der Soundtechniker am Bühnenrand seinen Applaus einfahren darf.

Viele Vinyls haben sie nicht mehr, freuen sich dafür aber genauso über Umarmungen. Grundsympathisch! Während die ersten nach der Zugabe zurück zum Camp aufbrechen, kündigt Veranstalter Memm überraschend an, dass der Keyboarder noch ein Solo hinlegen würde. Wenig später ist von einem ganzen Song die Rede. Die Bühne wird freigegeben. Stille. Köpfe drehen sich wieder um. Dann betreten Heidi Solheim und Gitarrist Espen Elverum Jakobsen erneut die Bühne. Schon 28 Jahre spielen die beiden zusammen. Jakobsen greift zur grün-goldenen Gitarre und setzt zu einem langsam stampfenden Riff an. Mit Don´t Save My Soul verschmelzen er und Heidi Solheim zu einer Einheit. Pur und mit allem, was sie noch in sich haben. Aus der Gitarre tropft der Blues schon fast auf den Boden. Die Rückkopplung schreit. Erst als jeder mögliche Ton Saiten und Stimmbänder verlassen hat, endet der Titel mit einem Lächeln in Heidi Solheims Gesicht.

Samstag – Der letzte Tag. Heute schallt Smoke On The Water aus dem weißgelben Zelt nebenan. Bewusst wird wieder der erste Slot um 12:30 Uhr auf der Waldbühne stark besetzt. Birth Control gibt es schon seit bald 60 Jahren. Diskographie und Mitgliederliste füllen entsprechende Zeilen. Die aktuelle Inkarnation liefert gnadenlos guten Classic Rock. Angeführt vom Hutmacher und Sänger Peter Föller wird gejammt, dass auch der letzte sich aus seinem Zelt erhoben haben müsste. Klassische Orgel-Gitarren-Duelle, Talkbox… der frühe Vogel wird verwöhnt. Drummer Manni von Bohr liefert, wie sonst bei Bröselmaschine und Randy Hansen, den Druck hinterm Kessel. Auch Bassist Hannes Vesper darf in seinem Solo zeigen, wie man sämtliche Spieltechniken und einen Delay-Effekt kombinieren kann, ohne den Groove außen vor zu lassen.

Die anschließend nötige Erholung gibt es bei der 32-jährigen Singer-Songwriterin Luisa Laakmann. Es darf in der Wiese geträumt werden, während sie allein mit Gitarre und Percussions mit der Sonne strahlt. Dazu gibt es charmante gute Laune, Texte aus eigener Feder. Hippie-Spirit ohne Zweifel.
Die größere Scheunenbühne braucht das Sextett der Leif De Leeuw Band. Zwei Schlagzeug-Sets und eine Armada aus Verstärkern werden aufgetürmt. Southern Rock aus den gar nicht so fernen Niederlanden. Namensgeber Leif De Leeuw ist bereits mehrfach als Bluesrock-Gitarrist ausgezeichnet worden und sein Kollege Sem Jansen gewann als Sänger ein TV-Format. Nichts aber geht ohne die groovenden Basslinien von Boris Oud. Das fällt vor allem auf, als sein Verstärker sich zu einem Wackelkontakt entschließt. Dafür folgt wie aus Trotz einen Song später mit Gumbo Man ein bassgetriebener Song samt ausgiebigem Solo. Ein guter Tag für Bassisten. Wer Fan von den The Allman Brothers ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Zwei Schlagzeuger in absoluter Symbiose gibt’s gratis dazu. Die Stimmung so gut rüberzubringen sei hier auch denkend einfach, gibt Leif De Leeuw anschließend selber zu: „It´s easy on a festival like this“.

Besuch aus Japan gibt es nicht oft. Tō Yō heißt die nächste Band und besteht aus vier Musikern, die ihre Musik selbst als Jam-Rock einstufen. Der Einstieg ist wie eine Reise durch das Universum. Lange Instrumentals voller Hall und Echo wabern bis sie, zumindest musikalisch, explodieren. Das Wah-Pedal wird durchgetreten, Basslines und Schlagzeug verdoppeln ihre Geschwindigkeit. Äußerlich wirken die Japaner eher kontrolliert und zurückhaltend. Doch ihr gekonntes Spiel treibt sie immer weiter an und entlockt ihnen doch noch ein paar Regungen. Eine Zugabe wird laut gewünscht, doch ergibt sich leider nicht mehr. Statt CDs gibt es am Merchandise ein ausgemustertes Effektpedal der Band zu kaufen. Mal was anderes.

The Dynamite Daze sind auf der Liftbühne mit starkem Bluesrock das Verbindungsglied zur lang erwarteten Hamburg Blues Band. Ehrlicher, reduzierter Blues mit gesteigertem Mundharmonika-Anteil und dazu Theuderich Metzgers rauer Gesang, der aus irgendeiner rauchigen Garage entkommen sein muss. Viele lauschen andächtig, andere bereiten sich bereits auf drei Stunden Non-Stopp Bluesrock und noch zwei weiteren Bands auf den großen Bühnen vor. Alles geht!
Die vorherigen zwei Sets wurden etwas kürzer gehalten, um der Hamburg Blues Band den notwendigen Raum zu geben. Denn natürlich haben sie auch in diesem Jahr wieder Ehrengäste mitgebracht. Liedermacherin Dani Wilde spielt zunächst mit Akustikgitarre und sorgt für Abwechslung. Wie immer startet dann die Besetzung um Chef Gert Lange kompakt. Routiniert geht es durch die typischen Blues-Gefilde. Die Spannung steigt nun langsam. Als Stephan Graf (The Double Vision) Bad Penny anstimmt und sich mit Entertainer Krissy Matthews duelliert, sieht es schon anders aus. Noch einen Ton härter wird es dann mit Vanja Sky am Mikro.

Derweil ist das Gelände nun vollständig mit Gästen geflutet. Dann betritt mit Inga Rumpf, eine Ikone der 70er, die Bühne. Mit Bassist Reggie Worthy spielt sie schon seit 50 Jahren und mit Gert Lange und Schlagzeuger Eddie Filipp immerhin 40. Sie fühlen sich sichtlich wohl und genießen den großen Jam unter Freunden und Gleichgesinnten. Zu Stevie Wonders Superstition wird es voll auf der Bühne, die Stimmung steigt weiter und das zeigt die Stärke der Hamburg Blues Band deutlich. Dafür gewährt der Security am Bühnenrand einem Vater mit Kind auf den Schultern sogar einen Ehrenplatz an seiner Seite. Das Allstars Programm ist zurzeit die Wirbelsäule ihres Programms, das geht erneut voll auf.

Ähnlich voll ist es auf der Waldbühne bei Tommy Who!. Die Formation aus sechs Münchener Profis fokussiert sich auf die namensgebende Rockoper, spielt aber auch weitere Hits von The Who. Dabei wirkt der Auftritt eher modern und gut einstudiert. Das mag auch am Background der Band beim Deutschen Theater München liegen. Mit drei wechselnden Gesangsstimmen und zeitgemäßer Technik fühlt es sich nicht zwingend wie eine Reise in die Vergangenheit an. Dafür sind alle Musiker stets gut in Pose und liefern eine sprichwörtliche Show, die Stimmung macht. Da ist auch das Übersingen vom Bass-Solo bei My Generation fast verziehen. Bassisten hatten ja schon einen guten Tag, wir erinnern uns.

Bevor Physical Graffiti das Ende einläuten, bittet Familie Memm noch einmal alle helfenden Hände auf die Bühne. Das ist so Tradition. Selten gibt es Veranstalter, denen der Zusammenhalt und die ausführlichen Danksagungen so am Herzen liegen. Es wird Imagine von John Lennon angestimmt. In einer leisen Hoffnung auf eine friedlichere Welt stimmen alle mit ein bis die Bühne wieder freigegeben wird für Physical Graffiti. Sie sind nicht zum ersten Mal der Abschluss für das Woodstock Forever. Wie der Name erwarten lässt, beschwören die fünf Musiker aus vier Nationen den Geist der legendären Led Zeppelin. Golden ist nicht nur die Mähne von Frontmann Andrew Elt, sondern auch seine Stimmbänder. Auch seine Bewegungen auf der Bühne sind ein exaktes Replika von Robert Plant. Gitarrist Daniël Verberk packt den Geigenbogen aus, der anschließend ein Souvenir für einen begeisterten Fan in der ersten Reihe wird. Mit No Quarter spielen sie sich gegen 01 Uhr erst richtig warm und schütteln noch eine weitere Stunde Klassiker aus dem Ärmel. Der lässige Dave Harrold am Bass lässt sich dabei weder aus der Ruhe bringen, noch weicht das Lächeln je aus seinem Gesicht. Mit letzterem geht es dem Publikum ähnlich. Wer jetzt noch immer Energie hat wird wieder zum nächtlichen DJ-Set weitergeleitet. Der Rest verabschiedet sich in die letzte Nacht unter dem Sternenhimmel von Thüringen. So schnell verfliegt das Wochenende. Mit sinnvollen neuen Ideen und altbekannt guten Buchungen wird es sicher auch 2026 weitergehen. Sollte der Andrang so bleiben, empfiehlt sich wohl der Vorverkauf. Zu wünschen ist es dem Team hinter den Kulissen in jedem Fall.
