Über den Wiedereinstieg von Mike Portnoy bei Dream Theater mögen sich viele Fans gefreut haben, er hat aber auch dazu geführt, dass gemeinsame Projekte mit ihm und Neal Morse aktuell zumindest auf Eis liegen. Aber Neal Morse wäre nicht Neal Morse, wenn er keine Alternativen finden würde, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Renald Mienert sprach mit einem der produktivsten Köpfe der Szene.
Du hast in kurzem Abstand zwei Alben veröffentlicht. “No Hill For A Climber” mit Neal Morse and The Resonance und “Deep Water” mit Cosmic Cathedral.
Ja, in der einen Band bin ich mit Abstand der Älteste, in der anderen der Jüngste.

Wie kam es dazu?
Das sind einfach Dinge, die passieren. Ich fühle einfach, dass ich das machen muss, und es kommt auch von Gott. Ich suche immer danach, etwas Neues zu machen, aber 2024 ganz besonders. Also habe ich dafür gebetet. Es hat auch viel damit zu tun, dass Mike Portnoy wieder bei Dream Theater eingestiegen ist. Er war so eine wichtige Figur in vielen meiner Projekte, sowohl im Studio als auch live. Also habe ich Gott gefragt, mit wem ich nun spielen soll. Meine Frau hatte dann die Idee für das Album mit den jungen Künstlern, welches dann als erstes erschien. Aber beide Projekte entstanden fast gleichzeitig, beide kamen das erste Mal im Januar 2024 zusammen. Phil Keaggy hatte Probleme mit seinem Daumen, also begannen wir mit „The Resonance“.
Die Musik entstand also parallel?
Es war wirklich lustig. Ich hörte eine Voice-Memo, wo ich das Motiv zu “No Hill For A Climber“ gesungen hatte, und unmittelbar danach kam etwas von „Deep Water“. Ich hatte gar nicht realisiert, dass alle diese Ideen gleichzeitig entstanden.
Und wie kam es zur Besetzung von Cosmic Cathedral? Gerade Drummer Chester Thompson ist ja in der Progszene bekannt.

Es begann tatsächlich bei einem Steve Hackett Konzert hier in Nashville. Chester war da, weil er viele Jahre für Steve gespielt hatte und wir haben uns getroffen. Und danach hatte ich das Gefühl, etwas mit ihm machen zu müssen. Und ich bin so dankbar, dass ich in diese Richtung geführt wurde. Wir haben zusammen gegessen, gejammt und es war wie Magie. Wir holten Phil und Byron dazu und der Rest ist Geschichte, jetzt hört man das Ergebnis.
Was gibt es zum Gitarristen Phil Keaggy und Bassisten Byron House zu sagen?
Byron hat in Robert Plant’s Band Of Joy gespielt. Er hat viele verschiedene Dinge gemacht, auch viel Bluegrass. Und er hat ein Jam-Album mit Phil Keaggy gemacht. Phil ist eine sehr interessanter Musiker. Er ist bekannt in der christlichen Szene, aber er hat auch sehr viel instrumentale Musik gemacht. Für mich ist er wie ein Proggie, er ist sehr kreativ und lässt sich nicht in eine Schublade stecken.
Für “Deep Water” habt ihr viel gejammt…
Viel Musik entstand gemeinsam in einem Raum, etwa die Hälfte. Aber wir sind nicht einem bestimmten Muster gefolgt. Es sind auch Songs auf dem Album, die ich geschrieben habe und wir haben sie einfach gespielt. Aber jeder bringt seine persönliche Note ein. Spock’s Beard haben auch wie Spock’s Beard geklungen, auch wenn ich die Songs geschrieben habe.
Wie geht es mit den Aufnahmen weiter, die bei so einer Jam-Session entstanden sind?
Jerry Guidroz und ich haben das Material dann gesichtet und die Teile ausgewählt, von denen wir glaubten, sie sind wirklich besonders. Viele Bands arbeiten so, zum Beispiel Marillion. Pete hat mir gesagt, dass sie auch mit jemandem zusammenarbeiten, der nach dem Jammen bei der Auswahl der besten Parts unterstützt.
Du veröffentlichst Soloalben, oder Alben als Neal Morse Band oder jetzt als Neal Morse and The Resonance. Da wird dein Name verwendet, bei Flying Colors oder auch jetzt Cosmic Cathedral nicht.
Da hat es auch eine Rolle gespielt, dass ich mit Inside Out noch einen Deal für ein Neal Morse Album hatte, aber es hat sich nicht nach einem neuen Soloalbum angefühlt. Ich hatte ja auch gerade diese beiden „Joseph“ Alben veröffentlicht, wo ich so viel alleine gemacht habe, und ich wollte das nicht schon wieder machen. Bei „Cosmic Cathedral“ spielen so viele bekannte Musiker mit, da macht es keinen Sinn, es Neal Morse zu nennen. Bei den jungen Musiker weiß noch keiner in der Prog-Welt wer sie sind – bis jetzt.

Wie geht es mit der Neal Morse Band weiter? Jetzt wo Mike Portnoy wieder bei Dream Theater eingestiegen ist? Ist er so wichtig für die Band?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube ja. Und wir warten, bis er der Meinung ist, es ist die richtige Zeit, wieder bei uns einzusteigen.
Mit Neal Morse and The Resonance warst du mittlerweile in Europa gemeinsam mit den Flower Kings auf Tour.
Wir spielten auch die Pre-Cruise-Party in Miami. Diese jungen Musiker haben in verschiedenen Orten des Landes gespielt, aber noch nie vor so vielen Leuten. Und viele waren noch nicht in Europa. Es ist so eine Freude, diese Musiker in die Progwelt zu bringen.
Du veröffentlichst sehr viele Alben. Und egal unter welchem Namen, man erkennt dich natürlich. Für manche Hörer könnte das zu viel sein…
Ich mache ständig Musik, ob es die Vocals für meine Singer-Songwriter-Stücke sind oder die Proben für The Resonance. Für mich ist das großartig, ich liebe es kreativ zu sein, Musik zu machen und mit Leuten zu interagieren. Ich bin ein Kind der Siebziger. Sieh dir nur an, wann das „Yes Album“, „Fragile“ und „Close To The Edge“ veröffentlicht wurden . Elton John hat “Don’t Shoot Me I’m Only the Piano Player” im Januar 1973 veröffentlicht und” Goodbye Yellow Brick Road” im Oktober 1973. Großartige Alben, die innerhalb eines Jahres herauskamen. Und bei den Beatles war es auch so. Und ich muss ja auch von der Musik leben. Beim Touren verdient man nicht mehr viel, das ist so teuer geworden, dass nicht viel übrig bleibt. Solange Gott mir die Ideen gibt, werde ich die Musik veröffentlichen.


Bei “Deep Water” spielt dein Glaube wieder eine sehr große Rolle.
Cosmic Cathedral ist eine christliche Band, alle Mitglieder sind sehr gläubig.
Im Zentrum von “Deep Water” steht die Suite gleichen Namens.
Ich wusste, dass es gut wäre, einen Longtrack auf dem Album zu haben. Ich kenne mein Publikum. Aber es hat sich dann einfach so entwickelt. Da waren in den Jams so viele coole Parts, die man für diesen Longtrack weiterentwickeln konnte.
Wie kommt es zu der Entscheidung, was du als nächstes machst?
Ich bete und frage Gott. Ich richte mein Leben danach, was er will.
