Das Festival hat die Tradition, dass täglich am Nachmittag vor dem Beginn auf der großen Bühne in Revislate ein Vorprogramm im „Forum 19“ im Nachbarort Veruno stattfindet. Zumeist werden hier italienische Bands präsentiert, die uns weniger interessieren. Wir entspannen lieber ein bisschen in der Sonne und genießen das italienische Flair. Heute Nachmittag machen wir aber eine Ausnahme und fahren circa 5 km durch italienischen Wald und Flur, um Kristoffer Gildenlöw live zu sehen. Der Eintritt ist übrigens frei. In einem typisch italienischen Dorf wirkt der modern eingerichtete Live-Club erst mal wie ein Fremdkörper, was zwar ungewöhnlich scheint, uns aber natürlich nicht stört. Mitten im Konzert hört man draußen plötzlich einen Traktor vorbeifahren.
Kristoffer Gildenlöw
Kristoffer Gildenlöw präsentiert eine knappe Stunde seine etwas ruhigere und abwechslungsreiche Musik in einer 3er-Besetzung mit seiner Frau Lilo Hegt am Bass und Paul Coenradie an der Gitarre. Bass und Schlagzeug kommen aus der Konserve, was nur Puristen stört, die hier nicht anwesend zu sein scheinen. Dieses kleine Konzert ist durchaus auch aufwendig inszeniert, denn es wird von einer Video-Show unter anderem mit Lyric-Videos der dargebotenen Songs begleitet. Kristoffer Gildenlöw ist gerne hier, spielt schon zum zweiten Mal im Rahmenprogramm im „Forum 19“, nachdem er vorher schon einmal auf der Hauptbühne spielen durfte. Zum Schluss hin spielt er ein neues Stück namens „The Almosts“ vom in Arbeit befindlichen neuen Album, was wieder rockiger werden soll.

Bevor es in Revislate weitergeht, haben wir noch etwas Zeit, um uns der Geschichte des Festivals hier in Veruno zu widmen. Ein Freund zeigt uns den ursprünglichen Festival-Spielort hier mitten im Dorf. Unglaublich, dass sich hier auf einem kleinen Parkplatz für nicht mal 30 Autos eines der renommiertesten Prog-Festivals Europas entwickelt hat. Er kennt und begrüßt noch das Personal der lokalen Pizzeria 50 m entfernt. Staunend setzen wir uns wieder ins Auto, um wieder zurück zum zweiten Festivaltag zu fahren.
Setlist Daniel Gildenlöw
Like Father, Like Son
Fleeting Thought
Time To Turn The Page
Saturated
Empty
The Almosts
Nothing Stays The Same Rust
Alphataurus
Das Abendprogramm auf dem Hauptcampus eröffnet mit Alphataurus eine klassische italienische Prog-Band. Klassischer italienischer Prog hat ein besonderes Pathos in Komposition, Arrangement und vor allem im Gesang. Der recherchierende Unwissende findet heraus, dass die Jungs bereits seit 1973 Musik machen. Von der Originalbesetzung sind immerhin noch Pietro Pellegrini an den Keyboards und Guido Wassermann an Gitarre und Gesang dabei. In diesen sage und schreibe 53 Jahren gab es längere Pausen bei Albumveröffentlichungen und Aktivitäten. 2024 veröffentlichen sie nach 12 Jahren Pause erst ihr viertes reguläres Studioalbum.

Mit Sicherheit ist es für das lokale Publikum ein Hochgenuss, dieses offenbar besondere Konzert zu erleben. Diese Band mag dazu beigetragen haben, dass der Samstag als einziger Tag mit „ausverkauft“ bekannt gegeben wird. Beim gesamten Festival werden verschiedene Videobilder hinter die Musizierenden auf die Leinwand geworfen – bei Alphataurus sind es zum großen Teil sogar eigens erstellte Filme. Auch wenn die untergehende Sonne und eine späte Tageshitze etwas von der Szenerie ablenken – dem Publikum gefällt’s.
Setlist Alphataurus
Gocce
Pista 6
Viaggio Nel Nulla
Flashback
Wormhole
La Mente Vola
Ars Nova
Die exotische Perle des Festivals folgt jetzt und heißt Ars Nova. Auf der Bühne erscheinen vier in rot-schwarze Kimonos gewandete Japanerinnen. Es wird landestypisch gelächelt und gelacht – und postuliert, hier auf der Bühne die einzige Prog Band der Welt mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern zu sehen. Vor lauter Schreck kann ich dem gar nicht widersprechen. So jung, wie sie tun, sind diese Mädels aber nicht, was besonders später am Merch (wo sie übrigens auch am Folgetag noch zu finden sind) in den Gesichtern der Protagonistinnen zu sehen ist.

Gegründet wurde Ars Nova bereits 1983, wenn auch nicht sofort als rein weibliche Band. Der aufmerksame Leser wird wahrscheinlich schon bemerkt haben, dass Ars Nova auch 2010 beim 5. Night-Of-The Prog-Festival bei uns auf der Loreley aufgetreten ist. Als die staunenden Münder wieder geschlossen sind, hören wir einen sehr speziellen Prog, fremd und exotisch auch für geübte Ohren. Eine Gitarre suchen wir vergebens, dafür gibt es zwei Keyboarderinnen. Besonders Akiko Takahashi am Schlagzeug hat hier Spaß bei der Arbeit. Ab und zu gibt es auch Gesang, der nicht selten in sehr hohen Sopran-Tönen wandelt. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir viel verfrickelte Instrumentalmusik hören. Leider muss kritisch bemerkt werden, dass die Perfektion des Zusammenspiels an einigen Stellen zu wünschen übrig lässt. Ars Nova ist später noch lange Gesprächsthema unter den Fans. Man liebt sie, hasst sie, belächelt sie. Eins kann man aber nicht: Ars Nova ignorieren. Dafür sind sie zu besonders.
Setlist Ars Nova
Parade
Fata Morgana
Transi
Horla Rising
Kali
Morgan
Succubus
Agitation Free
Auch die dritte Band des heutigen Tages ist nicht mehr wirklich frisch. Die Berliner Unternehmung Agitation Free beschreibt ihre Gründung bereits 1967. Heute stehen mit Lutz Ulbrich (Gitarre), Michael Hönig (Keyboard) und Burghard Rausch (Drums) noch drei Leute auf der Bühne, die mit Agitation Free bereits 1972 bei den Olympischen Spielen in München einen Teil des Rahmenprogramms mitgestaltet haben.

Nach langen Pausen in der Bandgeschichte greifen sie aktuell noch einmal an, im Jahr 2023 erschien ihr aktuelles Studioalbum „Momentum“. Ihre Musik empfinden wir als am Krautrock orientiert. Zwei Gitarren umspielen sich melodiös, ein perlender Bass untersetzt den psychisch-sphärischen Ansatz der Musik. Perkussion und Drums versprühen einen leicht orientalischen Charme. Das Live-Video von der Kamera wird mit psychisch-klassischen Farbspielen unterlegt. Die Bühnenshow ist statisch und findet de facto nicht statt. Ich empfinde das Ganze als langweilig und bin froh, als es vorbei ist. Aber Geschmäcker sind Gott sei Dank verschieden, wir haben auch Fans getroffen, für die Agitation Free das Highlight des Tages war.

Setlist Agitation Free
Noveau Son
Lilac
You Play For Us Today
In Da Jungl
Ala Tul
Nightwatch
Nomads
Shibuya Nights
Laila
Momentum
Rücksturz
2 Part 2
Colosseum
Colosseum hier vorzustellen wäre wie Eulen nach Athen zu tragen, denn wohl jeder erfahrene Prog-Fan hatte mit diesen Langzeit-Heroen in den letzten Jahrzehnten irgendwann einmal Kontakt. Obwohl sie eigentlich keinen Prog im engeren Sinne spielen, eher prog-orientierten Blues Rock, sind sie heute in Revislate als Headliner dieses ausverkauften Samstages sehr willkommen. Die Fans vermissen die bereits verstorbenen John Hiseman am Schlagzeug (2018), Dick Heckstall-Smith (2004) und Barbara Thompson (2022) am Saxofon. Doch all die Nackenschläge hat Colosseum verdaut. 2025 sind sie wieder voller Energie, veröffentlichen sie mit „XI“ ein neues Studioalbum und sind ordentlich unterwegs.

Ihr Sänger Chris Farlowe, seit 1970 kontinuierlich in der Band, ist vom lieben Gott wahrlich nicht mit körperlicher Schönheit gesegnet worden – dafür aber mit einer expressiven und ausdrucksstarken Stimme. Auch heute gibt er an so mancher Stelle den Vulkan am Mikrofon. Das Rennen um den 2025 ältesten noch agierenden Live-Musiker im Prog-Bereich gewinnt er knapp gegen Manfred Mann, der im Oktober 1940 geboren ist.

Chris Farlowe ist gerade mal eine Woche älter. Colosseum gibt heute ein mitreißendes Konzert. Saxofon, Bass und die alte Hammond (ja, sie ist wieder auf die Bühne gewuchtet worden) bestimmen den Sound. Alle Musiker beweisen ihre Qualitäten in einzelnen Solos, die über das gesamte Konzert verteilt sind. Das Highlight stellt zweifelsohne die Aufführung des vor 55 Jahren erstmals aufgenommenen Klassikers „The Valentyne Suite“ dar, wo alle auf der Bühne in den reichlich 15 Minuten des Werkes brillieren können. Die Fans schmelzen dahin und sind begeistert. Ein wirklich großartiger Festivalbeitrag!
Setlist Colosseum
Not Getting Through
First In Line
No Pleasin´
Need Somebody
Valentyne Suite
Ain´t Gonna Moan No More
Morning Story
Stormy Monday Blues
Lost Angeles
Theme For An Imaginary Western
Hier erfahrt ihr mehr über den dritten Festivaltag:
