Livereport: 2 Days Prog + 1, Veruno 2025 – Tag 3

Nach dem heutigen Betreten des Sportplatzes Revislate schlendern wir zunächst zum Festival-Merch, um zu schauen, was die heutigen Bands denn so anbieten. Staunend bleiben wir an einer CD in zwei Versionen stehen. Diese klemmt zwischen zwei edel gebeizten Holzbrettern, die mit starken Magneten zusammengehalten werden, wobei die CD auf einem Tray sicher dazwischen liegt. Darauf sind die sechs Balken des Logos der römischen Band Terra. Keine Songs oder weiteren Informationen sind hier nachzulesen, nur ein kleiner Originalitätsaufkleber ist noch drauf. Später erfahren wir, dass dieses Layout komplett von der Band in Heimarbeit erstellt worden ist: Das Beizen des Holzes, das Einkleben des Trays, das Einschrauben der Magneten. Solch ein teures und eigentlich konsumfeindliches CD-Layout zeugt von enormem Selbstbewusstsein und hohem Anspruch an die eigene Musik-Kunst. Wir ziehen hier schon mal tief den Hut, bevor wir die erste Note von Terra überhaupt gehört haben.

Terra

Dabei ist die Musik auch noch spannend! Wir würden das als Prog-Metal mit perkussiv-exotischem Einschlag beschreiben. Auf der Bühne stehen vier echte Typen im sommerlichen Schlabber-Look. Der Drummer ist auch der Sänger und hat sein Mikro frei hängend vor sich angebracht. Links und rechts werden große Trommeln von Gitarrist und Bassist bedient, der Mann an der zweiten Gitarre in der Mitte hat manchmal auch eine Tabla in der Hand.

Breit aufgestellte Perkussion mit Metal ist mir neu und klingt richtig spannend. Die beiden anfangs beschriebenen CD-Versionen sind übrigens eine Metal- und eine Akustik-Version ihrer Debut-CD. Wir kommen später mit den Jungs von Terra am Merch ins Gespräch. Die sind richtig nett und freuen sich wie die Prinzen über jedes lobende Wort. Terra sind ganz klar die Entdeckung des Festivals, und wir würden uns sehr auf ein Wiedersehen auf einer Konzertbühne im mitteleuropäischen Raum freuen.

Setlist Terra

Intro

Create Mutate Erase

Father

This Scent

Walking On Sand

The Sea

XII

Rise

Slowfall

Teardrop

Close Enough

Outro

Red Sand

Red Sand präsentieren in Revislate ihr heute offiziell frisch erscheinendes neues Album „The Sound Of Silence“. Es ist immerhin schon das zwölfte der 2003 gegründeten kanadischen Band. Red Sand spielen melodiös-eingängigen klassischen Neo-Prog. Die Fans freuen sich, das pressfrische Werk am Merch erwerben zu dürfen.

Zwei Songs des Albums schaffen es auf die Setlist, für den besonderen Auftritt auf diesem Festival greift man dann doch lieber in die Bandhistorie. Auch mit dem neuen Sänger Michel Renaud, seit 2022 in der Band, bleiben dessen punktuellen Masken und Verkleidungen, welche die Red Sand Auftritte würzen, erhalten. Red Sand spielt mit Spaß und Leidenschaft, es gibt nichts zu meckern.

Setlist Red Sand

The Sound Of The Seventh Bell part 1

Watcher

Lost Fantasy

Children Memory

Time

Breaking Wings

Blame

Very Strange

Lifesigns

Der angekündigte Auftritt von Lifesigns war damals der letzte Anlass zu der Entscheidung, die lange Reise hierher anzutreten. Trotz der Qualität der Engländer ist Lifesigns ein Hobbyprojekt insbesondere von John Young, welches er selber in Eigenregie unabhängig von Marktzwängen betreibt. Entsprechend selten sind die Konzerte, in den 15 Jahren ihrer Existenz haben sie es bisher auch nur zu drei Studioalben geschafft.

Ich denke auch, dass die Band wird den heutigen Auftritt nicht vergessen wird, denn während ihrer Show hier in Revislate gibt es ein astronomisch besonderes Ereignis: die Band schaut auf eine totale Mondfinsternis, die sich für die Jungs direkt hinter dem Publikum abspielt. Die Fans, die es wissen, können sich manchmal nicht entscheiden, ob sie nach vorne oder hinten schauen sollen. Die Band tut gut daran, dieses Ereignis nicht auch noch von der Bühne zu verkünden, damit nicht noch einem Großteil der Festivalbesucher die Entscheidung schwer gemacht wird, wohin sie denn ihre Aufmerksamkeit wenden sollen. Dazu gibt es auch keinen Grund, denn Lifesigns spielen ihren wunderbar ruhigen und trotzdem anspruchsvollen Prog als Hochgenuss in der heutigen lauen Sommernacht.

Am Schlagzeug sitzt heute Frank von Essen; aktuell hat Lifesigns keinen festen Drummer. Auffällig ist, dass David Bainbridge heute nicht nur Gitarre spielt, sondern auch einen ordentlichen Keyboard-Turm zur Unterstützung seines Chefs aufgebaut hat. Jon Poole am Bass fegt wieder über die gesamte Bühne und ist damit das Gegenstück von John Young, der in der Bühnenmitte als Sänger entspannt noch seine Keyboard-Tasten bedient. Irgendwann in der Mitte des Sets kündigt John Young mit „After All“ ein nagelneues Stück an, welches sehr balladesk wirkt und seinem im letzten Herbst verstorbenen Bruder gewidmet ist. Die Songs des letzten Albums „Altitude“ kommen spät im Set, und mit „The Last One Home“ ist das nicht mal 90 Minuten lange Konzert auch schon vorbei. Schade.

Setlist Lifesigns

N

Open Skies

Different

At The End Of The World

Impossible

After All

Gregarious

Shoreline

Fortitude

Last One Home

Nektar

Als Headliner des letzten Tages wird mit Nektar ein musikalisches Urgestein gewählt. Leider sind bis auf den heute auf der Bühne stehenden Bassisten Mo Moore alle Gründungsmitglieder, die die Band 1969 aus der Taufe gehoben haben, schon verstorben. Diese personellen Tiefschläge steckt die Band immer wieder weg und greift 2024 mit ihrem 14. Studioalbum „Mission To Mars“ wieder an.

Nektar sind prädestiniert für ihren Mix aus Prog, Psych und Hard Rock. Fließende Farbspiele auf der Leinwand unterstützen die Musikpräsentation. Es wird viel über Gitarre und Keyboard improvisiert, das Ganze wird aber durch das Geradeaus-Spiel von Bass und Schlagzeug melodisch zusammen gehalten. Maryann Castello am Mikrofon wirkt fast ein bisschen schüchtern, teilt sie sich doch den Gesang mit dem Gitarristen Ryche Chlanda und dem Nektar-Urgestein Mo Moore.

Mit diesem eher unaufgeregten Act geht die 2025er Edition des „2 Days Prog + 1 Festivals“ zu Ende.

Setlist Nektar

One Day Hi One Day Lo

Cryin´ In The Dark / King Of Twilight

Skywriter

Preacher / Nelly The Elephant / Marvellous Moses / Smile / Let It Grow

Mission To Mars

Long Lost Sunday

I´ll Let You In

Remember The Future part 1

I´m On Fire

Fidgedy Queen Good Day

Fazit:

Schaut man von außen auf das Festival, so fällt natürlich als Erstes der de facto fehlende Eintritt ins Auge. Die 4 € pro Tag gehen alleine schon für den Ausdruck der Tickets und vielleicht noch als Salär für die Helfer drauf, die am Drucker sitzen. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Festival-Organisatoren ein festes und hinreichendes Förderbudget zur Verfügung haben müssen, mit dem sie fest planen und welches sie komplett ausgeben können. Angstschweiß in der Vorbereitung, wie viele Leute denn kommen, was an Ticketeinnahmen rumkommt und was ggf. unterm Strich übrig bleibt, gibt es offenbar nicht. Die Organisatoren lassen deshalb auch anstelle eines griesgrämigen Ganges über das Festivalgelände entspannte Freude spüren, wenn man sie beobachtet.

Diese entspannte Freude spricht sich offenbar auch unter den Prog-Acts herum, die offenbar alle irgendwann hier spielen möchten. Denn wie eingangs berichtet, spielte hier schon so manche Band, die man ansonsten nirgendwo erleben kann.

Ebenfalls als sehr entspannend empfindet es der gemeine mitteleuropäische Fan, dass das Festival täglich erst 18 Uhr beginnt und nur vier Bands pro Abend spielen. Die Organisatoren können besser Qualität auswählen und müssen nicht mit kleineren Bands „auffüllen“, um die Kosten im Griff zu haben. Auch im Publikum kann man sich so besser auf die auftretenden Bands fokussieren. Hier starten ja Festivals hierzulande zumeist schon mittags mit meist sechs Acts pro Tag, sind dann unterm Strich sehr anstrengend, und der Fan wählt für seine Pause vielleicht die falsche Band aus.

Der Sachverhalt, dass mit diesen Förderbudgets Fans hergeholt werden, die in Hotels und anderswo auch Geld dalassen, das ansonsten nicht kommen würde, ist eine Milchmädchenrechnung, die verantwortliche Entscheider im Rahmen großer Konzerte und Festivals hierzulande üblicherweise nicht begreifen wollen oder können. So vieles ist anders als bei vergleichbaren Ereignissen in Deutschland und darüber hinaus, was wir hier vor Ort als angenehm empfinden und was danach schreit, auch kommendes Jahr wieder nach Revislate zu fahren. Was dagegen spricht, ist aber die enorme Distanz bis Norditalien, die viel Überwindung bis zu der Entscheidung braucht, diese Reise tatsächlich anzutreten. Wer sich dazu entschließt, wird es allerdings nicht bereuen. Wir können da schon mal motivieren: für 2026 werden von den Organisatoren auf der Bühne mit Samurai Of Prog und Voyage 35 bereits Bands angekündigt, die auf der Bühne in hier Revislate dann die jeweils ersten Konzerte ihrer Bandexistenz geben werden.

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