Die Brasilianer von Maestrick haben kürzlich mit “Espresseo Della Vita: Lunare” das vielleicht interessanteste Prog Metal Album des Jahres abgeliefert. Renald Mienert sprach mit Sänger Fábio Caldeira.

Euch gibt es seit 2006 und ihr habt bisher drei Alben veröffentlicht. Die aktuelle Scheibe “Espresso Della Vita: Lunare” ist der zweite Teil des 2018 erschienenen “Espresso Della Vita: Solare”. Die schnellsten seid ihr nicht…
Unsere erste Idee war es tatsächlich, ein Doppelalbum zu veröffentlichen. Das war vor dreizehn Jahren. Wir haben diesen Ansatz aber verworfen, als wir merkten, dass wir länger brauchen als wir es ursprünglich wollten. Unser erstes Album erschien 2011 und wir wollten mit dem zweiten dann nicht so lange warten, also veröffentlichten wir zunächst „Solare“ und später „Lunare“. Die Pandemie hat den Prozess ziemlich schwierig gemacht, wir konnten ja nicht gemeinsam spielen. Ich glaube, das war der Hauptgrund.
Na ja, aber zwischen dem Debüt “Unpuzzle!” aus dem Jahr 2011 und dem zweiten lagen ja auch schon sieben Jahre, und da gab es keine Pandemie.
Wir sind ziemliche Perfektionisten, da dauert es eben, bis wir wirklich von einem Stück völlig überzeugt sind. Die Lieder erfordern viel Übung und viel Aufwand. Wir wollten halt das Beste und sehr stolz auf das Album.
Dazu habt ihr auch allen Grund. Drei Alben, drei Plattenfirmen, mittlerweile seid ihr bei Frontiers.
Das Debüt erschien bei einem deutschen Label, Power Prog, das es allerdings nicht mehr gibt. Das zweite bei Marquee/Avalon aus Japan.
Die Geschichte hinter den beiden “Espresso Della Vita” Alben ist sehr interessant. Eine Tagesreise mit dem Zug als Metapher für das Leben eines Menschen. Woher kam die Idee?
Ich habe mit meiner Mutter Kaffee getrunken und wir haben über das Leben geredet. Mein Großvater war vor einigen Jahren gestorben. Mein Großvater hat bei der Bahn gearbeitet und meine Mutter kam dann mit dieser Idee, dass das Leben wie eine Reise mit einem Zug ist. Mir gefiel sie sofort und ich habe den anderen Bandmitgliedern davon erzählt. Wir entwickelten dann dieses Konzept, bei dem jeder Song eine Stunde eines Tages darstellt.

Musikalisch ist euer Album eine richtige Wundertüte. Die Musik reicht bis hin zu Musical und Kabarett – Einflüssen – man nehme “Ghost Casino”.
Ich bin tatsächlich ein großer Fan von Andrew Lloyd Webber. Aber der Song funktioniert sehr gut, Wir versuchen immer das Gleichgewicht zu finden zwischen der Botschaft und den musikalischen Elementen. Die Texte auf dem neuen Album sind teilweise sehr hart, mit solchen Stücken sorgen wir dann dafür, dass das Album in seiner Gesamtheit nicht düsterer wirkt, als es sein soll. So ist das auch bei „Boo“, es geht um Missbrauch, also ein sehr ernstes Thema. Da gibt es auch diese Passage mit Satzgesang, das bringt eine gewisse Erleichterung.
Und eine Vorliebe für Horrorfilme scheint ihr auch zu haben!
Ich liebe Filme, besonders den deutschen Expressionismus – Das Kabinett des Doktor Caligari, Metropolis oder Nosferato. Das Video zu „Boo“ ist total von dieser Atmosphäre inspiriert.
Ihr konntet für euer Album prominente Gäste gewinnen, als da wären Roy Khan (ex-Kamelot, ex- Conception), Jim Grey (Caligulas Horse) und Tom S. Englund (Evergrey).
Eigentlich waren wir zu Beginn 2023 schon fertig, aber wir mussten bis zu dem Zeitpunkt warten, den das Label für den günstigsten Erscheinungstermin hielt. Wir nutzten diese Zeitspanne, um Kontakt mit den Gastmusikern aufzunehmen, die uns allen sehr vertraut waren. Natürlich musste es musikalisch und kommerziell passen. Die Idee dazu kam von unserem Manager.

Es gibt auch weiblichen Gesang, und zwar auch sehr schönen. Allerdings ist es mir nicht gelungen, den Namen der Sängerin herauszufinden….
Ihr Name ist Giulia Nadruz. Sie hat für Disney gearbeitet und ist hier eine sehr bekannte Sängerin und Schauspielerin, speziell im Musiktheater. Sie singt auf Mad Whitsches, der Song hat schon viel vom Broadway. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde, über die der Kontakt zustande kam. Sie ist überragend.
Brasilianische Folklore spielt auch eine Rolle, sogar mit portugiesischem Gesang.
Ja, hier singt Jim Grey von Caligulas Horse. Er macht einen super Job, obwohl es das erste Mal war, dass er portugiesisch gesungen hat. Bei diesem Stück werden wir auch von der Percussiongruppe Baque Mulher unterstützt. Sie spielen Maracatu, einen traditionellen brasilianischen Musikstil.
Und mit einem Chor habt ihr auch gearbeitet…
„Dance Of The Hadassah“ ist ein Song über den Holocaust, dort wirkt der jüdische jüdischer Chor „Sharsheret“ mit.
Wie kamt ihr auf dieses Thema?
Manchmal fährt der Zug durch Orte, die nicht gut sind. Unsere erste Tour durch Europa war 2018 und wir besuchten Auschwitz-Birkenau. Der Besuch in diesem Museum hat mich total mitgenommen. Ich ging zurück zum Bus und schrieb ein paar Wörter, ich hatte sofort das Bedürfnis, etwas darüber zu schreiben.
“Die göttliche Komödie” hat euch auch inspiriert…
Wir haben jedes Album in drei Abschnitte geteilt. „Solare“ beginnt mit „Paradise“, dann folgt „Purgatorio“ und zum Schluss „Inferno“. „Lunare“ bei Lunare ist es dann genau anders herum – „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradise“. Die italienischen Worte haben wir als Referenz zu dem Dichter Dante Alighieri gewählt. Das letzte Wort des Albums ist „Good By, Dante“. Das bezieht sich sowohl auf die Hauptperson als auch auf den Hörer. An einem gewissen Punkt sind wir alle Dante….

Heute ist es ja oft so, dass die Mitglieder einer Band an verschiedenen Orten leben und man viel virtuell arbeitet. Wie ist das bei euch?
Wir leben im selben Ort und treffen uns regelmäßig. Und zuallererst sind wir gute Freunde. Seit 2019 ist das Lineup konstant, es gab nur einen Wechsel beim Gitarristen. Alle Bandmitglieder sind Musiklehrer.
Ihr seid auch live sehr aktiv!
Im Oktober letzten Jahres haben wir auf dem Prog Power Festival in Baarlo in Holland gespielt. Und zwei Tage nach Erscheinen des Albums waren wir auf dem Bangers Festival, dem größten Metal Festival in Brasilien. Und wir haben mit Roy Khan auf der Bühne gestanden. Wir lieben es, Live zu spielen. Wir haben Live einen Keyboarder und eine Backgroundsängerin, bis auf ein paar Soundeffekte und die Orchestrierung ist alles live. Wir spielen dann doch die amerikanische Version von Prog Power. Musik ist für mich eine Mission, sie ist mehr als Unterhaltung. sie hat so viel Macht. Der richtige Song zur richtigen Zeit kann das Leben verändern.
Und wann kommt das vierte Album?
Wir arbeiten daran. Aber ich verspreche, es dauert nicht wieder sechs oder sieben Jahre.
Wir nehmen dich beim Wort!
