Interview: Arjen Lucassen – Auf Kollisionskurs?

Kein Jahr ohne ein neues Album des Holländers Arjen Anthony Lucassen. Nach einigen Nebenprojekten folgt nun ein Soloalbum, in dem er einen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde schickt. Auch wenn viele Fans sich vielleicht eher ein neues Ayreon-Album gewünscht hätten, auf einem Kollisionskurs mit seinen Anhängern befindet sich Arjen sicherlich nicht, von daher wird sich der Albumtitel “Songs No One Will Hear” sicher nicht bewahrheiten. Renald Mienert unterhielt sich mit dem Multitalent.

Nachdem du mit “Supersonic Revolution” den Hard und Glam Rock der Siebziger gewürdigt hast, folgte mit “Plan Nine” ein Album von dir und Robert Soeterboek, das Material enthielt, das in den Neunzigern entstand, aber damals nicht veröffentlicht wurde. Nun ein Soloalbum. Wie triffst du die Entscheidung, was du als nächstes machst?

Ich treffe nicht wirklich eine Entscheidung. Ich fange an und sehe dann, wohin es führt.  Gäbe es eine bewusste Entscheidung, dann würde ich mir selbst Grenzen setzen. Ich will allen Ideen freien Lauf lassen. Ich nehme sie dann mit meinem Handy auf und höre sie mir an und frage mich dann, was könnte dazu passen – Ayreon, ein neues Soloalbum oder ein weiteres Nebenprojekt. So arbeite ich normalerweise. Dieses Mal war es aber auch wirklich an der Zeit für ein neues Soloalbum. Ich meine, es gab Supersonic Revolution, dann Plan 9 und das Album mit Simone Simons. Es waren eben Alben für andere Künstler, für Robert und Simone und ich dachte, es wird mal wieder Zeit etwas für mich zu machen. Etwas egomanisches, hundert Prozent ich.

pic: (C) Lori Linstruth

Als wir uns das letzte Mal unterhielten, hast du ein Projekt mit einer Sängerin erwähnt, von der du aber den Namen nicht nennen darfst. Das war Simone Simons?

Ja, das war sie.  Das Album heißt „Vermiliion“ und ich bin sehr stolz darauf. Es unterscheidet sich von dem, was ich sonst mache, aber auch von dem, was sie sonst mit Epica macht. Es ist fast Industrial, viele elektronische Elemente, viele Synthesizer.

Dein neues Album erzählt eine Geschichte, deren Grundidee schon in vielen Science Fiction Büchern und Filmen aufgegriffen wurde.

Tatsächlich habe ich viele dieser „Ein Asteroid zerstört die Erde“ – Filme geschaut, als ich die Idee zu dem Album hatte. Sie waren schrecklich, keiner hat mir gefallen. Und üblicherweise erscheint dann am Ende ein Held, der die Erde rettet. So eine Geschichte wollte ich nicht. Ich wollte eine Geschichte darüber, wie sich die Menschen verhalten, wenn sie wissen, sie haben noch fünf Monate zu leben. Es geht nicht um den Asteroiden, es geht um die Menschen. Ich glaube, jeder verhält sich unterschiedlich. Leute drehen durch, Leute sind traurig, die einen machen Party, andere bringen sich um. Und einen solchen Film konnte ich nicht finden, na ja, einer ging zumindest in die Richtung.

Es gibt da diese Figur des Dr. Slumber. Die gab es auch auf dem letzten Soloalbum.

Tatsächlich ist es die gleiche Person. Auf  „Lost In The New Real“ erzähle ich ja die Geschichte eines Menschen, der erkrankt, dann eingefroren wird und nach fünfhundert Jahren zurückgeholt wird und man ihn heilen konnte. Aber die ganze Welt hat sich verändert.  Und da war diese Company „Dr. Slumber“, die eine Sterbehilfe-Einrichtung betrieb. Das war etwas schräg, weil der Song („Dr. Slumber’s Eternity Home“, Anm. d. Red.) war von der Musik eher lustig, obwohl es um so ein ernstes Thema ging.  Die Menschen konnten dort auf eine schöne Art ihr Leben beenden. In dieser Geschichte schlägt der Asteroid auf einer Insel namens „Sanctuary Island“ ein, und Dr. Slumber organisiert Busreisen auf diese Insel. Es ist ein Weg, Leute zusammenzubringen,  die sehen können, wie der Asteroid sich der Erde nähert und schließlich zerstört.  Das Ende der Geschichte, kein Schmerz, kein Leid, nur der schnelle Tod.

Aber das Album endet mit einem Cliffhanger…

Die Stimme, die diese Zeile spricht, ist die Stimme von „Forever“, dem Wesen aus dem Ayreon-Album von 1998 „Into The Electric Castle“. Und wie wir ja aus dem Album „01…“ wissen, haben sie ja früher bereits einen Kometen auf die Erde geschickt, um die Dinosaurier auszulöschen und den Weg frei für die Menschen zu machen. Das war im Song „Ride The Comet“.  Es hängt also alles zusammen.

Aber wenn es doch diese inhaltliche Verknüpfung zum Ayreon Universum gibt, warum wurde es dann ein Soloalbum?

Es hätte ein Ayreon-Album werden können. Aber ich hätte dann vermutlich mindestens zehn Sänger einladen müssen und die entsprechenden Charaktere entwickeln. Aber dieses Mal wollte ich das nicht. Wie ich anfangs schon sagte, wollte ich ein Egomaniac-Album machen.

Und gibt es eine Fortsetzung?

Ich  habe nicht darüber nachgedacht. Ich eine, am Ende zerstört der Asteroid die Erde. Man hört das deutlich an der Explosion. Es wäre schwer einen Nachfolger zu machen, bei dem es immer noch Menschen gibt. Aber natürlich könnte man einen Weg finden. Vielleicht gibt es doch Überlebende. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit. Und die Zeit ist auch reif für ein neues Ayreon-Album. Die Fans fragen auch schon danach.

Du arbeitest wieder mit einem Sprecher, wenn auch weniger wie ein Erzähler, sondern wie ein Radiomoderator.

Als Kind liebte ich diesen Einsatz eines Sprechers.  Ich hörte so etwas zum ersten Mal bei „War Of The Worlds“ , da sprach Richard Burton. Oder „Journey To The Centre Of The Earth“ von Rick Wakeman, da sprach David Hemmings. Ein guter Sprecher ist fantastisch, ein schlechter furchtbar und man schaltet ab. Aber viele mögen das nicht. Auf „Transitus“ konnte ich meinen Lieblingsdarsteller von Doctor Who für diesen Part gewinnen, Tom Baker. Er hat eine wunderbare Stimme und ich liebte es, aber für einige war es zu viel. Deshalb veröffentliche ich dieses Mal zwei CDs, eine mit und eine ohne Sprecher. So ist hoffentlich jeder zufrieden.

pic: (C) Lori Linstruth

Wer ist eigentlich der Sprecher?

Das ist Mike Mills, ein guter Freund von mir. Er wirkt seit langem an den Ayreon-Alben mit, ich glaube seit „The Theory Of Everything“. Seitdem ist er auf jedem Album dabei und auch bei den Live Shows. 2015 spielte er den Part von Devin Townsend bei The Theater Equation. Ich möchte ihn auf jedem Album dabei haben, für mich ist er einer der besten Musiker der Welt.  Auf dem neuen Album ist er Sprecher, sogar das kann er! Ich habe ihm zwar einige Ideen gegeben, aber im Prinzip hat er seinen Text alleine geschrieben. Seine Band ist Toehider. Ich bin über einen YouTube-Clip auf ihn aufmerksam geworden, als er „Thick As A Brick“ spielte. Jethro Tull sind nicht einfach zu covern, die Musik ist schwierig. Aber er machte einen großartigen Job. Ich habe das dann kommentiert. Er hatte bereits meine Musik und schrieb zurück. Es hat auf Anhieb funktioniert, wir haben den gleichen Humor, lieben Sachen wie Monty Python und haben den gleichen Musikgeschmack. Ich werde wohl immer mit ihm arbeiten.

Glaubst du, nach so vielen Jahren in der Szene, ist deine Musik  vorhersehbar?

Ich glaube nicht. Die Leute sagen oft, das klingt wie Ayreon – aber was klingt wie Ayreon? Ayreon ist “Valley Of The Queens”, Ayreon ist aber auch “Dawn Of An Million Souls“. Das eine ist eine wunderschöne Ballade mit Flöte, das andere ein bombastischer Heavy-Track.  Ayreon hat so viele Facetten. Und auch die Nebenprojekte von mir unterscheiden sich.  Aber natürlich entwickle ich einen eigenen Sound, ich mag die Hammondorgel, mag einen speziellen Gitarren  – oder Drumsound.

Im September gibt es ja wieder dein traditionelles jährliches Live-Event in Tilburg. Ihr steckt aktuell sicher mitten in der Vorbereitung.

Da ist wirklich viel zu tun. Heute Morgen zum Beispiel haben wir an der Lichtshow gearbeitet. Es wird wunderbare Visualisierungen geben, einen riesigen Flatscreen. Wir proben viel, die letzten waren mit den klassischen Musikern an Violine, Cello und Flöre. Man muss das Merchandise organisieren. Und es dauert nicht mehr lange hin. Am Anfang hast du ein Jahr Zeit und denkst, oh noch so lange, und plötzlich sind es nur noch zwei Monate. Aber natürlich haben wir ein Produktionsteam und jeder hat seine Aufgaben.

pic: (C) Lori Linstruth

Wirst du auch Songs von deinem  aktuellen Album live spielen?

Ich bin nicht der große Performer. Ich fürchte mich davor, live zu singen. Ich mache es bei den Ayreon-Shows, aber ich habe furchtbares Lampenfieber.  Aber einzelne Songs spielen wir bei den Ayreon Shows, zum Beispiel Pink Beatles in Purple Zeppelin. Aber ich verrate noch nicht, welche Lieder wir spielen.

Wenn du nicht so gerne live spielst, besuchst du Konzerte anderer Künstler?

Auf Konzerten bin ich sehr selten, vielleicht einmal im Jahr! Wenn jemand spielt, den ich unbedingt sehen will, oder ein Freund. Ich bin ziemlich langweilig. Ich bin wie ein Einsiedler. Ich verlasse mein Haus nur selten, zum Einkaufen oder um mit dem Hund spazieren zu gehen. Ich habe einen drei Jahre alten Papillon. Auf dem Cover des neuen Albums sieht man mich mit meinem Hund am Strand sitzen.

Na ja, du hast ja auch viel zu tun…

Das stimmt. Ich habe mein eigenes Studio. Ich mache viele Dinge selbst, und bei denen, die andere machen, bin ich ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich mache ja nicht einmal Urlaub.

Aber gute Musik!

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