Lange, viel zu lange, hat es gedauert, dass wir Moon Safari einmal wieder auf einer deutschen Konzertbühne begrüßen dürfen. Wir erinnern uns und recherchieren den 5. September 2013 in Pressath als letzten Termin vor der langen Bandpause. Für uns Musikfans ist es manchmal schwer zu verstehen, wenn sich eine herausragende und erfolgreiche Progband ohne äußerlich ersichtlichen Grund zurückzieht, im Leben andere Prioritäten setzt wie Job oder Familie, um dann unvermittelt plötzlich so wieder da zu sein, als hätte es die lange Pause nicht gegeben. Genau das ist hier bei Moon Safari passiert. Zwischen ihren Albumveröffentlichungen „Himlabacken Vol. 1“ und „Himlabacken Vol. 2“, die ja alleine schon vom Albumtitel zwei Teile eines Ganzen sein sollen, liegen ganze 10 Jahre. Wir hatten um die aktuelle Albumveröffentlichung herum zuletzt die Gelegenheit, Moon Safari zweimal im Ausland zu erleben (wir berichteten auf Stone Prog) und uns von der weiter fortbestehenden Faszination ihrer Konzerte zu überzeugen. Mit mittelschwerer Begeisterung werden wir heute nach dem Konzert auch Rüsselsheim wieder verlassen. Aber dazu gleich.

Bereits beim Betreten des „Rind“ nach dem Einlass staunen wir, die Bandmitglieder unmittelbar vor Konzertbeginn inmitten der Leute im Saal stehen zu sehen. Es ist so, als wären sie nie weg gewesen; man kommt mit ihnen ins Gespräch. Es werden mit den Jungs und anderen Fans Erinnerungen an die hiesigen Konzerte vor 12 bis 15 Jahren ausgetauscht sowie Begeisterung ausgedrückt, heute endlich mal wieder ein Konzert von Moon Safari erleben zu können. Während sich die meisten Bands vor Beginn ihrer Show backstage in ihr Sauerstoffzelt zurückziehen, um sich abgeschieden mental und körperlich auf ihre Darbietung vorzubereiten (was völlig in Ordnung ist), stehen die Moon Safari’s bis fünf vor acht am Merch zum Quatschen und Verkaufen ihrer eigens mitgebrachten Sachen. Aber es waren nur fünf der eigentlich sechs Bandmitglieder Vorort, Sebastian Akesson hat sich eine Auszeit genommen, er ist junger Vater, und hat sich für das Touren mit der Band erst einmal herausgenommen. Er gehört noch zum Lineup, aber Live tritt er vorerst nicht mehr mit auf. So mussten bestimmte Parts auf die anderen aufgeteilt werden.


Die Show beginnt dann pünktlich 20 Uhr mit dem fetten „198X (Heaven Hill)“ und der Textzeile „Same old sound – same old thrill“. Besser und emotionaler kann der Abend nicht beginnen. In dem Stück wie in den gesamten folgenden 140 Konzertminuten: perfekter Satzgesang, blumiger Pop-Prog mit wunderbarer Melodieführung, aber satter und zupackender als vor 13 Jahren. Dieses Kräftigere verglichen mit damals zeugt von einer klaren Weiterentwicklung. Wesentlich verantwortlich dafür dürfte der neue Schlagzeuger Mikael Israelsson sein, der auf die Felle haut, als gäbe es kein Morgen. Überhaupt tragen die Jungs ihre Musik voller Inbrunst und Leidenschaft vor. Spätestens hier muss auch das Publikum hervorgehoben werden, das ich euphorisch erlebe wie selten bei Prog-Konzerten. Die Songs bohren sich als Ohrwürmer ins Hirn, sind aber bei Weitem nicht belanglos.


Gleich zwei Stücke über 20 Minuten haben die Jungs in ihr Programm aufgenommen. Man spürt deren Länge nicht; wie die kürzeren Stücke klingt alles schön und für den Prog-Fan höchst unterhaltsam. An den Instrumenten brilliert insbesondere Pontus Akesson an der Gitarre. Sein Instrument ist zugunsten der Melodien etwas nach hinten gemischt, um ihre Struktur nicht zu stören. Man muss ein bisschen hinhören, aber seine Arbeit ist à la bonne heure! Petter Sandström an Mikrofon und Akustik- Gitarre zieht die Show an sich. Manchmal mimt er den großen Rocker, was aber zur Musik gar nicht so richtig passen will. Der große Simon Akesson an den Keyboards brilliert als zweiter Lead-Sänger, und der großgewachsene Jonas Westlund am Bass, dem 2003 die Gründungsinitiative für die Band zugeschrieben wird, hält sich mit seiner Arbeit eher im Hintergrund.


Plötzlich verabschieden sich die Protagonisten von der Bühne. Tatsächlich sind schon beinahe zwei Stunden Konzert wie im Fluge vergangen. Allerdings kommt gleich noch ein Zugabenteil, der sich gewaschen hat. „Lovers End pt. II“, damals der Schlusssong des ursprünglichen „Lovers-End“-Albums aus dem Jahr 2010, wurde noch nie live aufgeführt. Bis gestern, dem ersten Tag der aktuellen Tour. Er dient aber nur als Intro zum großen Finale: dem 25-minütigen „Lovers End pt. III“, für mich auch heute noch dem besten Stück, welches Moon Safari bis heute aufgenommen haben. Danach ist das Konzert eigentlich zu Ende, und doch kommt noch das, worauf die langjährigen Fans alle gewartet haben: Alle fünf postieren sich um ein Mikrofon und kredenzen ihr A- cappella-Stück „Constant Bloom“. Totenstille im Saal. Alle sind berührt und ergriffen, um dann in einem finalem Beifallssturm zu explodieren.

Egal, mit wem man nach dem Konzert spricht oder was man in den Netzwerken liest, alle Konzertbesucher scheinen durchweg begeistert. Ok, vereinzelte Stimmen sprechen von schlechtem Sound. Wenn es ihn gegeben hat, wird dieser allerdings für meine Ohren durch ein herausragendes Konzert überspielt. Ein Freund beschreibt treffend: „Ist das Konzert denn schon zu Ende? In meinem Kopf spielt die Musik immer noch.“ Bei mir wie bei vielen Anwesenden des heutigen Konzertes werden Tage mit Moon Safari in Dauerschleife aus dem Player folgen. Ihre Musik wird als Ohrwurm das Hirn nicht verlassen wollen.


Viele hochzufriedene Fans sehnen sich nach dem heutigen Abend danach, Moon Safari so bald als möglich wiederzusehen. Bei aller Euphorie darf man aber skeptisch sein. Nach der langen Pause finden nur drei Konzerte in Kontinentaleuropa statt. Als Klubs wurden hier von der Band die Lokalitäten ausgewählt, in denen sie sich zwischen 2010 und 2013 am wohlsten gefühlt haben dürften. Dem Himmel sei Dank gehört „Das Rind“ in Rüsselsheim dazu. Wird es weitere Konzerte in naher Zukunft geben? Plant die Band neue Musik? Wir wissen es aktuell nicht und können nur hoffen. Das heutige Konzert wird den meisten Anwesenden jedenfalls lange wohlig in Erinnerung bleiben.
Setlist
198X (Heaven Hill) – (Himlabacken Vol.2)
A Kid Called Panic – (Lover´s End)
Between The Devil And Me – (Himlabacken Vol.2)
Blood Moon – (Himlabacken Vol.2)
The World´s Best Dreamers – (Lover´s End)
A L)ifetime To Learn How to Love – (Himlabacken Vol.2)
Teen Angel Meets The Apocalypse – (Himlabacken Vol.2)
The Ghost Of Flowers Past – (Blomljud)
Mega Moon – (Himlabacken Vol.1)
Heartland – (Lover´s End)
Zugaben
Lovers End pt. II – (Lover´s End)
Lovers End pt. III (Skelleftea Serenade) – (EP Lover´s End Part III)
Constant Bloom – (Blomljud)
