Neun Jahre nach Noise Floor melden sich die Amerikaner endlich mit einem neuen Studioalbum zurück. Und wie! Noch nie klangen Spock’s Beard ohne Neal Morse so sehr nach Spock’s Beard mit Neal Morse wie auf „The Archaeoptimist“. Renald Mienert sprach mit Sänger Ted Leonard
Es war lange ruhig um eure Band, ich hatte schon befürchtet, es würde kein neues Studioalbum von euch geben.
„Noise Floor“ war ein ziemlich schwieriges Album. Der Entstehungsprozess trug nicht gerade dazu bei, die Moral in der Band zu heben – und das ist vermutlich noch die freundlichste Art es auszudrücken. Wir entschieden uns zunächst, es danach bei Liveaktivitäten zu belassen, ein paar Kreuzfahrten oder Tourneen. Aber als wir dann 2024 auf Tour waren, hatte sich unser Mindset geändert. Jeder hatte Spaß und wir erkannten, dass wir wieder ein neues Album machen mussten. Ryo hatte bereits einiges Material geschrieben, er arbeitete ja mit Michael Whitemann als Co-Schreiber. Es ging ziemlich schnell. Ryo stellte uns die Stücke zur Verfügung, und wir spielten unsere Parts ein.

Und das Album ist richtig gut geworden. Es klingt deutlich mehr nach den frühen Alben mit Neal.
Ryo liebt diese Retro-Sounds, Orgel und Mellotron. Aber auch die Songstrukturen erinnern stark an die alten Alben. „Afourthougthts“ zum Beispiel greift ja sogar dieses Motiv von „Thoughts“ von „Beware Of Darkness“ wieder auf. Aber es gibt auch viele andere Momente auf dem Album, die eine Referenz zu den frühen Spock’s Beard bilden. Und ich denke, das war beabsichtigt. Ryo war nicht so stark in das Songwriting eingebunden, als wir zum Beispiel „Noise Floor“ geschrieben haben. Ich denke, er wollte die Band wieder zu ihren Wurzeln führen, vielleicht auch Fans zurückgewinnen, die wir verloren haben, als Neal die Band verlassen hat. Und was mich angeht, ich liebe die ersten sechs Alben von Spock’s Beard, speziell die vom zweiten bis fünften. Ich mag auch die Art, wie Neal schreibt, also sich zurückbesinnen ist definitiv nichts Schlechtes. Ryos Art zu schreiben ist anders, er ist mehr von Jazz und Fusion beeinflusst. Es war eine große Herausforderung, aber auch viel Spaß für mich, die Gesangsmelodien zu diesen abgefahrenen Kompositionen zu schreiben.
Du hast schon angesprochen, dass ihr die “Thoughts” – Reihe fortgesetzt habt.
Ja, und dann gab es ja auch noch „Afterthoughts“ auf „Brief Nocturnes and Dreamless Sleep“, wobei Neal auch an dem Lied mitgeschrieben hat. Aber ich liebe es, wenn aus einem Song eine Art Tradition wird.
Wie kam es dazu, dass Ryo auf dem neuen Album als Hauptsongwriter agiert?
Ich habe einen Fulltime-Job. Ich schreibe nicht sehr viele Songs, wenn es gut läuft, ein Stück oder eine Sektion in drei oder vier Monaten. Und dann landen ja auch Songs von mir bei „Pattern Seaking Animals“, auch wenn John dort das meiste schreibt. Und Al hat auch an seinem Soloalbum gearbeitet, also wird das, was er schreibt, dafür genommen. Es ist also nicht wie bei Neal, der jede halbe Stunde ein Stück komponiert.

Ihr arbeitet erneut mit einem Co-Writer, aber nicht mehr mit John Boegehold von Pattern-Seeking Animals, sondern mit Michael Whiteman von I Am The Manic Whale. Es mag Stimmen geben, dass eine Band ihre Songs selbst schreiben sollte.
Wenn man mit Künstlern länger zusammenarbeitet, dann entwickeln diese ein Gespür dafür, welche Kompositionen zu unserem Sound passen. Es kümmert mich also nicht weiter. Das Album trägt Ryos Handschrift, Alan hat Texte geschrieben, ich Texte und Gesangslinien, auch wenn wir eine Co-Writer haben, ist es immer noch das Album einer Band.
Du und Dave spielt ja auch in Pattern-Seeking Animals. Gibt es da eine Art Interessenkonflikt?
Ich glaube nicht. Die Band hat jetzt fünf Alben in fünf Jahren veröffentlicht und arbeitet am sechsten. Aber sie hat zumindest jetzt noch längst nicht den Ruf oder Namen wie Spock‘s Beard Jimmy und Dave gehören zu meinen allerbesten Freunden, wir haben ja auch zusammen auf in einer Coverband gespielt, wir standen hunderte Mal zusammen auf der Bühne. Vielleicht klang das erste Album wie „Oblivion Particle“, es gibt ja sogar Leute, die sagen „Oblivion Particle“ war das erste Album von Pattern Seeking Animals. Aber mittlerweile hat die Band einen deutlich eigenen Sound. Auch wenn man natürlich immer noch den Bass von Dave heraushört. Was ich an der Band liebe, hier bin ich der Gitarrist, sonst bin ich der Sänger, der Gitarre spielen kann.
Der Titelsong des neuen Albums ist über zwanzig Minuten lang!
Als ich den Song bekam, war er bereits vollständig aufgenommen. Als ich dann für die einzelnen Abschnitte die Texte schrieb, und ich im Kopf eine Story hatte, hat die Musik praktisch vorgegeben, was der jeweilige Text sagen sollte. Es war ein sehr organischer Prozess. Vielleicht machen wir ja auf dem nächsten Album einen zweiten Teil.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Michael Whiteman?
Ich glaube, er hat viele Texte für das letzte Soloalbum von Ryo geschrieben. Ich habe ihn einmal kurz in London getroffen, da wusste ich aber noch nicht, dass wir gemeinsam an einem Album arbeiten. Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten. Viele wären nicht begeistert, wenn jemand kommt und sagt, ich schreibe den Song um. Aber für ihn ist das OK, er sagt, mach es so, dass es für dich passt. Wir sprechen zwar die gleiche Sprache, aber es gibt im Englischen und Amerikanischen schon unterschiedliche Formulierungen, die ich dann so ändern musste, dass es sich für mich natürlich anfühlt.
Es gibt ja Alben, bei denen man ewig über die Titel diskutiert uns dann doch nicht alle glücklich sind.
Bei „Noise Floor“ gab es diese Momente, nicht beim aktuellen Album. Ryo hat mich gebeten, den ersten Teil von „The Archaeoptimist“ etwas softer zu singen. Al spielte einen brillanten Bass wie es jeder von ihm erwartet, die Gitarren waren perfekt. Die einzigen Diskussionen gab es bei den Texten. Ich finde, die Texte auf dem Album sind großartig. Aber einer der Texte von Michael Whiteman gefiel mir nicht, ich sagte also, ich schreibe ihn um. Die Antwort war, ok, du hast vier Tage. Es war also ziemlich stressig, aber ich habe es geschafft. Und dann hat der Mix einen Monat gedauert.
Wie fühlst du dich mit dem neuen Album?
Ich könnte nicht zufriedener mit dem Album sein. Jeder Song packt dich. Das Album hält das Energielevel konstant hoch. Ich habe mal zu den anderen Bandmitgliedern aus Spaß gesagt, unsere Fans werden immer älter, wir müssen aufpassen, dass sie sich bei dieser Musik nicht ihre Hüften brechen. Wir haben in den letzten Jahren vielleicht Momentum verloren, aber Spock’s Beard ist immer noch ein Name in der Szene und ich glaube, die Fans geben dem Album eine Chance.

Im Februar kommt ihr nach Europa auf Tour und spielt auch drei Gigs in Deutschland, wie zu erwarten auch im Colos-Saal in Aschaffenburg.
Ich liebe den Colos-Saal. Dort habe ich einige meiner besten Gigs gespielt, sogar die Umkleideräume sind cool. Ich habe viele gute Erinnerungen an diesen Ort, sogar mit Enchant haben wir dort gespielt.
Apropos Enchant, existiert die Band noch?
Offiziell haben sich Enchant nicht aufgelöst, aber es gibt praktisch keine Aktivitäten. Wie gesagt, ich habe einen Fulltime-Job, Spock’s Beard sind wieder aktiv, dann ist da Pattern Seeking Animals, ich glaube, selbst wenn die anderen wieder an mich herantreten würden, hätte ich nicht die Zeit dazu.

Und wenn ihr jetzt wieder Fahrt aufgenommen habt, wollt ihr den Ball am Rollen halten?
Ryo schreibt schon an neuem Material. Al hat sein Soloalbum veröffentlicht, so dass vermutlich das, was er jetzt schreibt, für die Band ist. Und vielleicht gehe ich irgendwann in den Ruhestand und habe mehr Zeit zum Schreiben.
Aber bitte nicht in den Ruhestand mit Spock’s Beard!
