Das aktuelle Album „Hüterin der Schriften“ (Keeper of the Scriptures) des Bandprojekts Flaming Row von Melanie Mau und Martin Schnella wurde im Oktober 2025 auf dieser Plattform mit einer umfassenden Rezension gewürdigt. Im November veröffentlichten wir ein Interview mit Melli und Martin, das weitere Informationen zum vierten Album von Flaming Row lieferte. Es erschien in einer Special-4-CD-Edition, die sowohl deutsche als auch englische Versionen enthält. Auf dieser Edition ist auch das Hörbuch in Deutsch und Englisch zu finden, dessen Geschichte die Grundlage des Albums bildet. Um diese fantastische Geschichte den Fans von Melli und Martin bzw. Flaming Row näherzubringen, entschlossen sich die beiden, in kleiner Bandbesetzung gemeinsam mit dem Schöpfer der Geschichte und einem Sprecher musikalische Lesungen zu veranstalten. Eine dieser Lesungen führte sie in die Hansestadt Rostock, aus der auch zwei Bandmitglieder stammen. Wir waren für euch dabei.

Das Peter Weiss Haus in Rostock mit seinen verschiedenen Räumlichkeiten eignete sich hervorragend für diese Lesung, die für die Ausführenden ein Experiment darstellte. Das musikalische Konzeptwerk „Hüterin der Schriften“ ist eine Prog-Metal-Rock-Oper, an deren beiden Versionen 33 Musiker und Musikerinnen mitgewirkt haben. Das lässt sich nicht einfach so auf einer Bühne umsetzen. Doch Martin und Melli sind in der Lage, ihre komplexen Flaming Row-Songs neu für eine kleine Besetzung zu arrangieren, um sie mit ihren beiden treuen musikalischen Mitstreitern Mathias „Matze“ Ruck (Gesang, Percussion) und Andreas „Andi“ Böhm (Bass, Gesang) in reduzierten akustischen Versionen zu präsentieren. Bevor wir jedoch etwas davon hörten, spielten sie zur Einstimmung das wunderschöne Stück „Ljóð í Sand“ (Poesie im Sand) der isländischen Band Árstíðir.

Die Lesung wurde zu einem fesselnden Erlebnis, getragen von der kreativen Kraft des Autors Christian Dolle und der magischen Stimme von Peter C, der bereits die beiden CD-Versionen des Hörbuchs mit Leben erfüllte. Mit jeder Silbe zog Peter C das Publikum unaufhaltsam in die Welt von „Mithila“, einem scheinbar idyllischen Land, in dem es sich gut leben ließ – bis ein habsüchtiger Bauer eine unbekannte, dunkle Macht entfesselte, die das Land und seine Bewohner bedroht. Durch seine intensive, bildhafte Lesart ließ Peter C die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen, sodass sich die Zuhörer unmittelbar in das Schicksal „Mithilas“ hineingezogen fühlten. Melanie, Martin, Matze und Andi spielten danach das Stück „Gandharas Erbe“ (More Than Words) aus dem Album, bevor Christian Dolle uns mit „Nita“ und „Meera“ bekannt machte. Die beiden sind die Heldinnen der Geschichte und werden im weiteren Verlauf mit wichtigen Aufgaben betraut.


Während einer kurzen Pause hatten die Besucher Gelegenheit, das Buch „Hüterin der Schriften” zu erwerben und es sich vom Autor signieren zu lassen. Auch Melli und Martin brachten zahlreiche Tonträger mit, von denen einige den Besitzer wechselten.
Der zweite Teil der Lesung bestand vorwiegend aus Gesprächen zwischen dem Autor, dem Vorleser und dem Publikum. Christian Dolle schilderte, was ihn so sehr an fantastischen Geschichten fasziniert und dass es schon immer sein Wunsch gewesen sei, ein größeres Werk zu schreiben. Peter C wurde zu seiner einzigartigen Stimme und seiner Art zu lesen befragt. Er erläuterte, wie er sich solch einer Geschichte nähert, bevor er sie einliest. Außerdem demonstrierte er, wie eine Geschichte nicht gelesen werden sollte. Peter C, der selbst Musiker ist, berichtete außerdem, dass er die Geschichte schon lange vor ihrer musikalischen Umsetzung durch Melli und Martin kannte und wie begeistert er von dem Ergebnis war und immer noch ist. So hatte es ihm umso mehr Spaß gemacht, die Geschichte mit seiner Stimme lebendig werden zu lassen. Auf Wunsch des Publikums lasen Peter C und Christian Dolle weitere Passagen aus dem Buch, bevor Melanie und die drei Musiker einen größeren musikalischen Block spielten.


Dabei bildete das 27-minütige „The Pure Shine-Medley“ mit Material aus dem gleichnamigen Vorgängeralbum von Flaming Row den Schwerpunkt. Auch dieses Album basiert auf einem Fantasy-Roman. Melanie und Martin ließen sich von Stephen Kings Mammutwerk „Der schwarze Turm“ dazu inspirieren. Mit dem Medley stellten Melanie und ihre drei Kollegen einmal mehr unter Beweis, dass sie nicht nur fantastisch singen können, sondern auch ihre Instrumente meisterhaft beherrschen. Martins Gitarrenspiel fasziniert mich seit jeher. Mathias Ruck gehört schon seit geraumer Zeit zur Live-Band und bereichert deren Sound neben seinem Spiel auf dem Cajón vor allem mit seinem Gesang. Auch Bassist Andreas Böhm ist inzwischen ein festes Bandmitglied. Es machte richtig Spaß, seinem leidenschaftlichen Spiel auf seinem nagelneuen Bass zuzusehen. Nach einem weiteren Song von Flaming Row gaben die vier das flotte Stück „Soulmate“ zum Besten und wollten ihr Programm damit eigentlich beenden. Doch das begeisterte Publikum verlangte mehr. Also entschlossen sich die vier, sich mit ihrem wunderschönen A-cappella-Stück „Wholeheartedly“ von den zahlreichen Gästen zu verabschieden.


Wenn man von den Reaktionen des Publikums ausgeht, kann das Experiment der musikalischen Lesung als gelungen betrachtet werden. Auch im Anschluss kam es noch zu diversen Gesprächen zwischen den Akteuren und ihren Gästen, so dass dieser Sonntagabend auch für uns sehr lang wurde.
Setlist
Poesie im Sand (Árstíðir)
Gandharas Erbe / More Than Words (Flaming Row)
The Pure Shine-Medley (Flaming Row)
Aim L45 (Flaming Row)
Soulmate (Melanie Mau & Martin Schnella)
Wholeheartedly (Melanie Mau & Martin Schnella)
