„Ist die neue Lazuli gut? Lohnt sich die Anschaffung?“ Diese Fragen werden mir häufiger gestellt, wenn das französische Quintett unter Leitung des Hauses Leonetti ein neues Werk in Umlauf gebracht hat. Was einerseits verwundert, da diese Formation auf der Loreley zum häufig vorgezeigten Tafelsilber gehörte und sich nicht zu schade ist, auf unzähligen Bühnen in Deutschland aufzutreten, also durchaus nicht gänzlich unbekannt ist. Andererseits sind diese Fragen nicht verwunderlich, denn Lazuli haben den Ruf, großartige Live-Auftritte zu absolvieren, auf ihren Studio-Scheiben aber deutlich schlechter, nämlich steril zu klingen. Zu überwältigend ist live die sympahtische Ausstrahlung von Mastermind Dominique Leonetti, die auf einer Skala von 1 bis 10 eine 11 verdient hat, zu gut sind die Improvisationen von Keyboarder Romain Thorel auf der Bühne, zu amüsant die Neckereien zwischen den Bandmitgliedern mindestens bei den „9 Hands Around The Marimba“, die sich nicht auf eine Studio-CD übertragen lassen. Und doch ignorieren diese Fragen, dass es der Band seit ihrem 2016er Album „Nos Âmes Saoules“ gelingt, den emotionalen Kern ihrer Musik auch ins Studio zu übertragen. Aber um entsprechenden Fragen vorzubeugen: Ist das neue Album „Être Et Ne Plus Être“ gut? Lohnt sich die Anschaffung? Die Antworten kommen hier.

Tracklist
1. Être Et Ne Plus Être (5:12)
2. Chaque Jour Que Soleil Fait (3:53)
3. Sourire (3:30)
4. Matière Première (3:26)
5. L’Eau Qui Dort (7:05)
6. Une Chanson Cherokee (3:54)
7. Quel Dommage (5:41)
8. L’Instant (3:58)
9. L’Homme Sûr (7:05)
10. Mon Body Se Meurt (4:30)
11. Les 4 Raisons (3:50)
12. Au Bord Du Précipice (8:28)
„Sein und nicht mehr sein“ lautet der Titel dieses 12. Studiowerkes auf Deutsch. Optisch wird dies im Booklet durch ein dahin schmelzendes Eismännchen dargestellt. Das Titelstück liefert auch gleich den Einstieg in dieses Album und präsentiert das, was man als Fan von den fünf Franzosen erwartet: Wohlklang in seiner betörendsten Form. Dominique Leonettis wunderbare Stimme, umspielt von Romain Thorels Tastenstreicheleien, den anderenorts unerhörten Klängen der Léode von Claude Leonetti und Vincent Barnavols unaufdringliches Schlagzeugspiel ziehen den Hörer in den Lazuli-Kosmos hinein. Das klingt nicht neu, das klingt nicht experimentell, das liefert nur exakt das, was keine andere Band in der Lage ist zu erzeugen, nämlich eine unglaublich intensive Vertrautheit mit der Musik.
Wie es startet, so geht es weiter. „Chaque Jour Que Soleils Fait“ (deutsch: „Jeden Tag, den die Sonne macht“) schließt sich hinsichtlich des Musikstils perfekt an, beide Stücke wurden auf Lazuli-Konzerten im vergangenen Jahr bereits gespielt. „Soupier“ (deutsch „Lächeln“) könnte die Begleitmusik zu einem Stummfilm sein (Erinnerungen an „Le Pleureur Sous La Pluie“ vom Vorgängeralbum „Onze“ werden wach) und „Matière Première“ (deutsch: „Rohmaterial“) liefert Tristesse in ihrer schönsten Form. Erhaben und einfühlsam zugleich schließt sich „L’Eau Qui Dort“ („Stille Wasser“) an, das ein wunderbares Zusammenspiel von Akustikgitarre und Tastatur bietet, begleitet vom Bass-Spiel von Arnaud Beyney. Im Folgenden wechseln sich chanson-hafte Stücke („Une Chanson Cherokee“, „L’Instant“) und dramatische Balladen mit den Lazuli-typischen Spannungssteigerungen im Verlauf (u.a. das bereits live gespielte „Quel Dommage“ – „Wie schade“) ab. Und auf „L’Homme Sûr“ (deutsch: „Der zuverlässige Mann“) zelebriert Beyney ein wunderbares Gitarrensolo.
Im Vordergrund steht jedoch stets die Stimme von Dominique Leonetti. Man muss jedoch nicht zwingend Französisch sprechen, um die Stücke genießen zu können, man kann sie mit dem Herzen verstehen. Da macht dieses Album keine Ausnahme. Es wird abgerundet mit „Au Bord Du Précipice“ (deutsch: „Am Rande des Abgrunds“), das ein grandioses Finale eines großartigen Albums liefert.
Im Fazit ist „Être Et Ne Plus Être“ für alle Fans von Lazuli kein „Kann“ und auch kein „Soll“, sondern ein klares „Muss“. Wer bisher kein Fan von Lazuli war, wird es hingegen wohl auch hierdurch nicht werden. Aber: das Argument „Die sind live viel besser als im Studio, also interessiert mich das Album nicht“ zieht hier nicht mehr. Ja, sie sind live besser, aber das heißt nicht, dass sie uns hier kein wunderbares Studio-Album vorgelegt haben.
P.S.:
Das Booklet zum Album enthält den Hinweis, dass das Album garantiert KI-frei ist und dass es von fleißigen, sensiblen und fehlbaren Menschen geschaffen wurde. Was Lazuli so sympathisch macht, dass es schon wieder bühnenreif ist …
Musiker:
Claude Leonetti: Léode
Romain Thorel: Keyboards, Horn
Arnaud Beyney: Gitarre, Bass
Vincent Barnavol: Drums, Marimba
Dominique Leonetti: Gesang, Gitarre
Cover: Dominique & Aline Leonetti , Label: L’Abeille Rôde
