Mit „Letters“ veröffentlicht das Projekt von Ørnulv Snortheim und Johanne Kippersund nun schon das dritte Album. Auch wenn Johanne mit der Band „Meer“ gerade in der Progszene einen exzellenten Ruf hat, mit Paper Crown bewegt sie sich in eher poppigen Gefilden, aber auch das absolut hörenswert. Renald von Stone Prog sprach exclusive mit dem sympathischen Duo.
„Paper Crown“ ist ein sehr schöner Name für euer Projekt. Er lässt viel Raum für Interpretationen.
Johanne: Wir haben das Projekt 2018 gestartet und zunächst einfach ein paar Songs geschrieben. Dann waren die Songs da und wir dachten, oh, wir sind jetzt eine Band, wir sollten einen Namen haben. Wir hatten jede Menge Vorschläge.
Ørnulv: Wir haben sie auf kleine Zettel geschrieben und auf den Boden gelegt. Es waren mehr als hundert!
Johanne: Einige der Vorschläge stammten von Texten, die wir selbst geschrieben hatten. Es gibt da eine Zeile “Dancing In The Ditch With Paper Crowns”. Etwas gefiel uns daran. Wir sind lustige Leute, und was ist der kürzeste Weg, um eine Party zu starten? Setz dir eine Papierkrone auf, und schon hast du eine! Und dann ist da natürlich auch dieser Kontrast. Eine Krone hat etwas Teures, Solides, Königliches – aber eine aus Papier ist das komplette Gegenteil. Der Name schien zu dem musikalischen Universum zu passen, das wir schaffen wollten.

Folgt ihr beim Songwriting einem bestimmten Muster?
Johanne: Wir schreiben die Songs zusammen, aber die Herangehensweise und Verantwortlichkeiten sind unterschiedlich. Mal hat Ørnulv eine Idee und wir beide überlegen dann, was für eine Art Song daraus entstehen könnte. Dann schreibe ich ein paar Texte dazu und gehe damit zurück zu ihm, es geht so hin und her. Oder ich spiele auf der Gitarre und singe etwas dazu, manchmal schicke ich auch nur einen kleinen Soundclip. Und dann komme ich ins Studio und er hat dazu schon etwas Großes dazu arrangiert. Wir arbeiten wirklich viel zusammen.
Ørnulv: Wir treffen uns oft hier in meinem Studio, häufig schon in einer sehr frühen Phase des Songwritings. Johanne schreibt alle Texte.
Johanne: Und Ørnulv kümmert sich um die Arrangements. Er ist Produzent und spielt auch die meisten Instrumente.
Johanne kennt man natürlich vor allem durch ihre Arbeit mit „Meer“, Ørnulv, wie sie sieht es mit deiner musikalischen Vergangenheit aus?
Ørnulv: Ich habe fünfunddreißig Jahre in Norwegen als Sessiongitarrist gearbeitet. Seit ich sechzehn war. Ich habe also viele Alben veröffentlicht, aber als Person im Hintergrund, als Studiomusiker und auf Tour. Ich habe auch Film – und TV – Musik gemacht und auch Pop-Songs geschrieben.
Jetzt bist du nicht mehr im Hintergrund!
Ørnulv: Jetzt stehe ich im Rampenlicht – mit einer Papierkrone!
Wie sieht es mit eurem Publikum aus? Sind das vor allem Meer-Fans? Oder entdecken durch Paper Crown auch Nicht-Proggies Meer?
Johanne: Ich weiß es nicht. Generell glaube ich, sowohl bei Meer als auch bei Paper Crown ist unser Publikum ziemlich offen. Und wir sind es auch. Wir sagen ja nicht, wir machen ein Popalbum oder ein Countryalbum. Wir sind von vielem beeinflusst. Das Mindset ist also ähnlich, aber vielleicht hat Paper Crown das Potenzial, auch andere Hörer zu erreichen. Man sieht zum Beispiel an den Spotify-Statistiken, dass es bei uns viel mehr weibliche Hörer gibt. Bei Meer sind es um die achtzig Prozent Männer. Keine Ahnung warum. Aber es ist schön, wenn ich auf der Tour mit Paper Crown Leute treffe, die uns durch Meer entdeckt haben, und denen unsere Musik gefällt, auch wenn sie nicht proggy ist.

Popmusik ist heute oft überproduziert, sehr elektronisch. Ihr seid da fast schon retro…
Ørnulv: Es ist nicht so, dass wir ein Album machen wollen, das klingt, als wäre es aus den Siebzigern. Aber wir übernehmen die Art und Weise, wie damals Alben gemacht wurden. Wir verbringen wirklich viel Zeit im Studio, bis auch jedes noch so kleine Stück so klingt, wie wir es wollen. Da haben wir schon was von Perfektionisten.
Johanne: Ein Lied muss auch funktionieren nur mit einer Gitarre am Lagerfeuer. Dieses Gefühl wollen wir in unsere Musik bringen, auch wenn die Songs dann voll instrumentiert sind oder wir auch digital arbeiten.
Ich glaube, ein Vorteil für euch ist es auch, dass ihr ohne jeden Druck arbeiten könnt.
Johanne: Wir sind für alles selbst verantwortlich. Wir müssen keine Rücksicht nehmen, was irgendwelche anderen Leute davon halten. Wir kommen dem Ziel immer näher, dem, was wir mit dem Projekt ausdrücken wollen. Wir sind mit dem neuen Album sehr zufrieden. Jetzt planen wir zu touren, ich habe große Erwartungen.
Steht jeder Song bei euch für sich selbst?
Johanne: Jeder Song hat seine eigene Geschichte. Aber wenn ich an einem Album arbeite, kommt es oft vor, dass die Stücke fertig sind, und man merkt, okay, da ist doch etwas wie ein roter Faden. Wir arbeiten sehr lange an den Melodien und ich überlege dann, welcher Text könnte dazu passen. Am Ende soll es klingen, als ob Text und Musik schon immer zusammengehört hätten.
Ørnulv: Es funktioniert aber auch andersherum. Wenn ich dann ihre Texte lese, dann verändert sich die Musik. Es geht Hand in Hand.
Was sagen denn eigentlich die Mitglieder von Meer zu eurer Musik?
Johanne: Sie hassen es! (lacht) Nein, sie unterstützen es sehr. Meer ist ja eine Band mit sieben Leuten und alle haben verschiedene Projekte, es macht wirklich Spaß zu hören, was sie alle machen. Åsa Ree, unsere Violinistin, hat ein eigenes Soloprojekt, das ist mit die schönste Musik, die ich je gehört habe.
Warum gibt es eigentlich in Skandinavien so eine kreative Musikszene? Liegt das am schlechten Wetter?
Johanne: Da steckt glaube ich etwas Wahres drin. Wir haben zwei Wochen Sommer, da ist jeder draußen und keiner macht Musik. Aber die restliche Zeit, kann man nichts anderes machen…
Die skandinavische Musik hat für viele hier in Deutschland etwas ganz besonderes….
Ørnulv: Ich glaube, wenn wir Musik aus Deutschland oder Frankreich hören, dann empfinden wir diese auch als besonders. Bei unserer Musik sind wir uns dessen gar nicht bewusst. Du sagst, ihr klingt skandinavisch, aber wir haben keine Ahnung, was du meinst.
Johanne: Es liegt vielleicht auch daran, dass Skandinavien keine so große Geschichte in Sachen Rockmusik hat. In den Sechzigern oder Siebzigern gab es keine coole Musik in Norwegen.

Ørnulv: Nur aus Amerika übernommene Einflüsse…
Wie sehen eure Live-Erfahrungen denn bisher aus?
Johanne: Wir haben in den letzten Jahren als Duo viel in Norwegen gespielt. In kleinen Clubs, Cafés..
Ørnulv: Oder auch in Plattenläden!
Johanne: Als Duo können wir praktisch überall spielen. Aber zum Beispiel auf größeren Festivals spielen wir auch als komplette Band. Die Songs, die wir spielen, klingen nie gleich. Es ist immer auch eine Frage des Umfelds. Wir improvisieren auch immer etwas, mehr wie Jazzmusiker als Künstler aus dem Pop. Unser Drummer Børre Flyen, der auch auf unseren Studioalben dabei ist, ist immer dabei. Es muss dabei sein. Ansonsten ist nichts gesetzt. Wir haben gute Freunde, auf die wir zurückgreifen können. Da können wir also flexibel sein.
Wie würdet ihr eure musikalische Entwicklung beschreiben?
Ørnulv: Da ist eine Art Pfad, auf dem wir uns immer weiter bewegen, um uns als Sängerin und Gitarrist ausdrücken zu können.
Johanne: Zunächst waren wir etwas zurückhaltend. Wir kannten uns noch nicht so gut. Jetzt sind wir viel selbstbewusster.
Ihr wart also anfangs etwas schüchtern?
Johanne: Genau, jetzt sagen wir, komm machen wir es einfach.
Eure Musik gibt es nicht nur digital oder als CD…
Ørnulv: Alle unsere Alben gibt es auch auf CD und Vinyl. Damit verdient man kein Geld, aber es ist eine Art Statement, um das jeweilige Projekt abzuschließen.
Johanne: Die Leute sind auch gelangweilt vom digitalen Zeitalter. Sie haben wieder an den physischen Formaten Interesse. Es ist interessant zu sehen, dass junge Leute wieder CDs kaufen. Vor ein paar Jahren war das anders.
Ein Thema, das ich aktuell in fast jedem Interview anspreche ist AI.
Johanne: Es ist besorgniserregend. Durch die Kunst etwas zu kreieren und zu kommunizieren, ist etwas, was uns als Menschen ausmacht. Und das den Maschinen zu überlassen, macht Angst. Auch wenn man daran denkt, wie schwer es für Künstler ist, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen. Aber ich bin noch voller Hoffnung. Für mich ist der wichtigste Aspekt bei der Musik live zu spielen. Menschen wollen immer zusammen kommen, auch wenn die AI die größten digitalen Welten kreiert.
Ørnulv: Die Menschen wollen echte Geschichten und echte Gefühle von echten Menschen hören.
