Der Club „Brickhouse“ befindet sich in einem traditionsreichen Ziegelbau im Berliner Stadtteil Weißensee. An diesem Abend ist er Spielstätte für zwei Bands aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich unterschiedlichen Spielarten des Progressive Rock widmen. Zum einen handelt es sich um die noch relativ unbekannte Band Inspierty aus Rostock, die ihre instrumentale Musik dem Post-Rock zuordnet. Zum anderen ist die Band Dawnation aus Neubrandenburg angereist. Sie hat sich in Prog-Kreisen mit ihren beiden Alben und diversen Konzerten bereits einen guten Namen gemacht.

Da sich beide Bands die kleine Bühne teilen müssen, dauert der Soundcheck etwas länger und der Einlass verzögert sich. Doch es dürften durchaus ein paar Leute mehr sein, die gemeinsam mit uns darauf warten, in den warmen Club zu gelangen. Nur langsam füllt sich der verwinkelte Club, bis Addi, Ron, Eric und Basti von Inspierty mit ihrem Set beginnen. Sphärische Keyboardsounds, die vom Notebook kommen, leiten das Stück Prism ein, bevor Schlagzeug und Gitarren die schwebende Nummer dominieren und die Band den Härtegrad deutlich anhebt.

Das Stück stammt vom ersten Album der Band, das den Titel constellation trägt. Der spacige Song könnte der Soundtrack eines Science-Fiction-Films sein, wie viele der folgenden Stücke ebenfalls. Zur Untermalung ihrer Musik lässt die Band Video-Sequenzen laufen, die auf zwei großen Monitoren am rechten und linken Bühnenrand zu sehen sind. Die visionären Videoideen stammen vom Lead-Gitarristen Ron, der sie mit viel Kreativität umgesetzt hat.

In der ersten Hälfte setzt die Band ihre musikalische Reise durch das All fort, bis hin zu dem Stück Journey to the Planets. Immer wieder wechseln sich Keyboardflächen sowie sphärische und verhallte Gitarrenklänge mit teils heftigen Schlagzeugausbrüchen und metallischen Riffs ab. Da viele der Stücke eher melancholisch klingen, wirken die Ausbrüche an den Drums sehr wohltuend. Im Mittelteil ihres Sets präsentieren die Mannen von Inspierty jüngeres Material von ihrer EP Nature. Stilistisch ändert sich nicht viel. Es kommt etwas mehr Elektronik zum Einsatz. Beim Titeltrack der EP sind es Pianoklänge sowie Samples von Grillen, Vogelgezwitscher, Regen und Fluglärm. Das ist nett anzuhören, birgt aber auch die Gefahr der Abhängigkeit von der Technik. Dass die dann eben auch mal mitten im Stück versagt, überspielen die Jungs mit Gelassenheit und Humor. Insgesamt wirkt die Band über die letzten Jahre hinweg gereift und liefert in Berlin einen souveränen Gig.




Nach einer kurzen Umbaupause entern die vier Instrumentalisten von Dawnation die Bühne. Eine markante Bassfigur gibt die Melodie vor, die im Laufe des Abends öfter zu hören sein wird. Gitarre und Keyboards übernehmen das Thema und lassen es zu einem treibenden Rhythmus hymnenhaft ansteigen. Diese kleine Melodie des Stücks Rise frisst sich sofort in die Gehörgänge und bleibt dort haften. Zu den letzten Takten dieser instrumentalen Nummer kommt der charismatische Sänger der Band, Jan Mecklenburg, mit auf die Bühne und saugt die Vibes des Stücks förmlich in sich auf. Das ist großes Kino, von Beginn an.

Mit dem melodiebetonten Song Holes läuft der Film weiter. Aus leisem Gesang zu filigranen Pianoklängen wächst der Song im Refrain zu einer weit ausladenden Melodie heran, getragen von eindrucksvollem Satzgesang. Das macht Spaß, das reißt mit. Eine eindringliche Gitarrenmelodie leitet das Stück Behind the mad ein und lässt es zunächst wie eine Ballade wirken. In der Mitte des Stücks kippt diese melancholische Stimmung und wir erleben grandiose Soli von Keyboards und Gitarre zu einem treibenden Rhythmus, bis der Song mit einer hymnischen Melodie ausklingt. Ihre Mixtur aus klassischem Rock der 70er Jahre und Prog fasst die Band Dawnation selbst unter dem originellen Begriff pOstpRock zusammen. Ja, Einflüsse ihrer Vorbilder wie Deep Purple, Genesis oder Pink Floyd sind in der Musik erkennbar und klingen augenzwinkernd auch immer mal wieder an. Doch haben es die fünf Musiker von Dawnation geschafft, ihren völlig eigenen Klangkosmos zu erzeugen. Das ist nachzuhören auf den beiden Alben der Band, The Mad Behind (2020) und … well for the past (2023). Noch besser ist es, diese fantastische Band live zu erleben, so wie wir heute in Berlin.
An dieser Stelle einige Worte zu den Musikern dieser großartigen Band. Die präzise und druckvoll agierende Rhythmusgruppe verkörpern Robert Reich am Bass und Damian Krebs an den Drums. Damian stieß während der Corona-Pandemie zur Band. Mit ihm erhielt die Band nicht nur einen virtuos aufspielenden Schlagzeuger, sondern auch jemanden, der in Tonstudios hervorragende Arbeit zu leisten vermag.


Sänger Jan Mecklenburg, Keyboarder Bert Wenndorff und Gitarrist Christoph Piel haben schon Anfang der 2000er Jahre in der Band Glistening Dawn gemeinsam musiziert und konnten im Bereich des Progressive Rock mit ihren Alben und Live-Konzerten erste Beachtungserfolge erzielen. Außerdem findet man einige der genannten Musiker auch in anderen Projekten wieder. In den vergangenen Monaten wirkten Bert, Christoph und Damian am Projekt Ant Band mit, bei dem gemeinsam mit weiteren renommierten Musikern aus Deutschland das Album From Genesis to Reimagination realisiert wurde – eine zeitgemäße und hörenswerte Neuinterpretation der Musik der frühen Genesis.


Doch zurück zum Geschehen in Berlin. Dawnation mischen an diesem Abend sehr gekonnt Songs ihrer beiden Alben. Mit Between erleben wir eine unter die Haut gehende Ballade. Den Song Lovely Child widmet Frontmann Jan seiner inzwischen erwachsenen Tochter, die er am nächsten Tag vom Flughafen abholen will, nachdem sie viele Monate in Canada verbracht hat. Auch dies ist ein typischer Dawnation-Song: komplex und eindringlich, getragen von perlenden Pianoklängen und gipfelnd in einem monumentalen Schlussteil, in dem sich Christoph und Bert mit ihren Soli beinahe gegenseitig übertreffen – bis hin zum hymnischen Finale. Mit Cheap Pills legen Dawnation gleich noch eine Schippe drauf. Der Song, der mit einem barockartigen Klavier- und Gitarren-Intro beginnt, entwickelt sich zu einer rockigen Nummer über Medikamentenmissbrauch. Jan Mecklenburg überzeugt erneut als charismatischer Frontmann. Seine ansteckende Euphorie und die sichtbare Spielfreude der Musiker übertragen sich unmittelbar auf das Publikum, das der Performance begeistert folgt.


Das folgende Stück Time nimmt die Melodie des ersten Songs des Abends nochmals auf und könnte zum krönenden Abschluss des Konzerts werden. Doch weit gefehlt. Vielmehr hat Damian Krebs bei diesem Stück Zeit und Gelegenheit, mit einem explosiven Solo sein Können am Schlagzeug zu zeigen. Dafür wird er mit reichlich Szenenapplaus bedacht. Würde Dawnation im Radio laufen, hätte die Band mit Fly zweifellos einen echten Ohrwurm im Programm. An diesem Abend befindet sich mit Momo auch der Protagonist des offiziellen Musikvideos im Publikum. Die Band bedankt sich bei ihm – und Momo wiederum lässt es sich nicht nehmen, ausgelassen zu den Klängen dieses wunderschönen Songs zu tanzen. Das ebenso mitreißende Stück Fall bildet schließlich den Abschluss des regulären Sets. Christoph brilliert zunächst mit einen grandiosen Gitarrensolo, bevor mit eindringlichem Satzgesang die Frage gestellt wird: „Master of war, what have you done?“. Eine Frage, die sich aktuell immer mehr stellt. Und auch dieser Song endet auf der Melodie des ersten Songs Rise und lässt somit Hoffnung aufkommen. Mit der Ballade Worthless und der rockigen Nummer Don’t Bother me schließen sich zwei Zugaben an, mit denen die Band ihr begeistertes Publikum in die Berliner Nacht entlässt. An diesem Abend überzeugen Dawnation mit einem ebenso leidenschaftlichen wie hochklassigen Konzert. Virtuosität, Spielfreude und emotionale Tiefe verschmelzen zu einer Performance, mit der sich die Band überzeugend in die internationale Liga der Prog-Bands einreiht. Mit Spannung erwarte ich ihr Konzert am 3. Mai dieses Jahres beim Empire of Prog Festival in Ramstein. Ich würde mir wünschen, dort schon einen Song ihres kommenden Albums zu hören.
Setlist Inspierty
Prism
Deep Field
Hopeful
Journey to the Planets
Cloudburst
Nature
Kind of Motion
Mechanized Matter
Back to Gravity Faint Color

Setlist Dawnation
Rise
Holes
Behind the mad
The Hypocrite (+ Far Away – Outro)
Between
Lovely Child
Cheap Pills
Time
Fly
Fall
Zugaben
Worthless
Don’t Bother me
