Es mag Progfans geben, die haben schon im Kindergarten am liebsten King Crimson gehört. Bei mir war das nicht so. 1975, ich war vierzehn, kaufte ich mir von dem Geld, das ich zur Jugendweihe geschenkt bekam, mein erstes Kofferradio und einen Kassettenrekorder – das Radio, Stern Party 2 mit Kurz – und Mittelwelle, der Rekorder, nicht das in der DDR gebaute Gerät, sondern eine Teil aus Polen. Na ja. Gehört wurden Radio Luxemburg und Deutschlandfunk – Hitparade, Schlagerderby und der Aktuelle Plattenteller, aber auch die Ostsender mit Sendungen wie Notenbude, Beatkiste oder DT 64. 1976, ein Jahr später also, hatte John Miles seinen Welthit mit “Music”, den hier jeder kennen dürfte und in dem er singt “Music was my first Love”. Auch ich hatte meine erste Liebe, zumindest was die Musik angeht, gefunden – “Sweet”. Und ich hätte damals nicht im Traum daran gedacht, dass ich fast 50 Jahre später ein Interview mit Andy Scott führen würde.
2024 erschien mit “Full Circle” ein neues Studioalbum mit hauptsächlich neuem Material von euch. Die Arbeiten dafür begannen schon 2019, gerieten dann aber ins Stocken und ihr nahmt “Isolation Boulevard” auf, mit Neuaufnahmen vieler eurer Klassiker.

So um 2019 sprach Sony uns bezüglich eines neuen Albums an. Wir hatten aber nicht wirklich neue Songs, lediglich älteres Material von mir, das bisher ungenutzt war. Dann kam die Pandemie und wir hatten damals ja zwei neue Mitglieder. Wir hatten schon einige Shows gemeinsam gespielt, sie waren also mit den Songs, die wir auf der Bühne spielten, vertraut. Aber sie kannten die neuen Stücke nicht. Außerdem hatten wir alle, mich eingeschlossen und ich nehme seit über fünfzig Jahren Alben auf, keine Erfahrung damit, wie es funktioniert, wenn jeder sein Material in seinem eigenen Haus aufnimmt. Ich liebe es, jemandem in die Augen zu schauen, wenn man Ideen austauscht. Wir haben dann also zwölf Songs ausgewählt, die wir live spielten. Für die Drums mussten wir auf ältere Aufnahmen und Outtakes zurückgreifen, weil Bruce kein eigenes Studio hatte und keiner reisen durfte. Aber alle anderen hatten diese Möglichkeit und Tom Corey, unser Sound Engineer und einer der Neulinge in der Band, war sehr geschickt darin. Er hatte ein Programm und so konnte ich auch sehen, was er mixte. Aber er war auch Teil meiner „Blase“, er konnte zu mir kommen und wir konnten zusammen arbeiten. Als uns klar war, was wir wollten, ging es dann ziemlich schnell. Und dann wurden die Einschränkungen schrittweise gelockert, es konnten sich bis zu sechs Leute treffen und wir konnten zusammen die Dinge finalisieren. Ich finde „Isolation Boulevard ist ein fantastisches Album geworden. Wir hätten damals vielleicht nicht unbedingt ein Best Of Album veröffentlicht, und der Titel ist ja eine Anspielung auf „Desolation Boulevard“. Ich nenne das Album eine nicht perfekte Perfektion.
“Full Circle” ist dann bei Metalville erschienen, die jetzt auch die “Isolation Boulevard“ nochmals auf den Markt gebracht haben, nachdem es hier zunächst nur schwer erhältlich war.
Damals sind die Sony Mitarbeiter von München nach Berlin gegangen. Das Team, das Bands wie uns betreute, Heritage Bands, wollte eigentlich nicht, aber sie hatten keine Wahl. Ich dachte, die Zusammenarbeit wäre vorbei, und wir haben sogar überlegt, “Full Circle” in Eigenregie zu veröffentlichen, aber ich sagte das ist nicht der Plan für dieses Album. Es ist vielleicht unser letztes Studioalbum, es braucht die beste Unterstützung, die es bekommen kann. Aus dem Nichts gelang es dann aber unserem deutschen Management- Team, das sich um die digitale Vermarktung kümmert, einen Deal mit Sony zu machen. Aber wir hatten noch immer keine Label, das auch „richtige“ Produkte auf den Markt bringen wollte, CDS oder ein Box-Set und Vinyl. Sony sagte, solange ihr nicht 10.000 Platten verkauft, sind wir nicht interessiert. Ich sagte, wir können 10.000 Kopien verkaufen, wir haben 5.000 von „The Lost Singles“ verkauft, und das nur, weil Sony noch Platz für 5000 Schallplatten hatte und jemand sagte, nehmt Sweet dafür. Warum sollen wir nicht über einen etwas längeren Zeitraum 10.000 Einheiten verkaufen? Wir haben jetzt einen Vertrag mit Metalville, die mit vielen Rock Acts zusammenarbeiten, so wie Doro, Deep Purple oder Alice Cooper, wir sind also in bester Gesellschaft. Vielleicht ist es nicht der lukrativste Deal, aber wir haben jetzt diese Dinge wie CDs, Vinyl oder das Box-Set. Wenn es etwas gibt, worüber sich die Sweet Fans oft beschwert haben, dann darüber, dass nicht ausreichend CDs oder Schallplatten verfügbar waren. Dieses Mal kann ich euch versichern, dass es genug davon gibt.

Auf “Full Circle” gibt es den Song “Destination Hannover”, in dem dann auch diverse andere deutsche Städte zitiert werden.
Ich war sehr lange in Hannover, zusammen mit Steve Mann, der in den Neunzigern in der Band war. Ich habe Monate dort verbracht und mit ihm im Studio gearbeitet. Deutschland ist eine Art zweite Heimat für mich. Was die Deutschen angeht, sind wir ähnlich denkende Leute. Die einzigen Deutschen, die ich nicht leiden kann, sind die Security Mitarbeiter an den Flughäfen. Sie behandeln uns, als gehörten wir nicht mehr zusammen, dank unserer idiotischen Regierung. Aber ansonsten fühle ich mich in Deutschland sehr wohl, ich weiß, wie Deutschland funktioniert. Unsere Shows dort sind fast immer ausverkauft und wir haben dort sehr viele Fans. Ich hoffe, unser neues Album wird es in die deutschen Charts schaffen.
Es gibt zwei Songs auf dem Album, die nicht neu sind.
„Defender“ erschien bereits als Single und „Everything“ erschien ursprünglich auf dem Album „Sweetlife“. Aber ich hatte immer das Gefühl, der Song hätte etwas besser sein können. Wir nahmen dann die Original Tapes, ersetzten die Keyboards und einige Gitarrenparts, nicht die Soli, weil mir die so wie sie waren gefielen. Die Drums von Bruce waren schon da, und auch der Bass wurde neu eingespielt. Die neue Version ist viel besser, wir haben sie dann auch als Single veröffentlicht und erreichten damit Platz Eins in den Heritage Charts im UK. Ich war mir nicht sicher, ob wir auch „Defender“ auf das Album nehmen sollten, aber ohne den Track hätte etwas gefehlt. Geschrieben wurde der Song von einem Songwriter aus New York, der auch einen Grammy gewonnen hat. Der Song hat einen wirklich guten Refrain.
Der Titel “Full Circle” legt die Vermutung nahe, es ist euer letztes Album. Aber das kann man sich nicht vorstellen. Wenn ich mir das Motto eurer Tourneen so anschaue, da was “Final”, dann “Encore”, “Still Got The Rock”, “The Final Chapter Part One”, dann Teil zwei – ihr könnt doch gar nicht aufhören!
Krankheit und Krebs können deine Gedanken verändern. Aber ich habe erkannt, etwas zu tun, vielleicht nicht mehr so viel, aber immerhin etwas, ist immer noch besser, als nichts zu tun. Ich habe in Interviews und auch zu unserer Plattenfirma gesagt, das könnte unser letztes Album sein, und das könnte es wirklich. Aber nicht, dass es das sein wird. Ich weiß nicht, was im nächsten Jahr passiert. Wenn die Jungs in der Band mit Ideen kommen und sie mir gefallen, vielleicht.

Du hast deine Krebserkrankung angesprochen. Du bist jemand, der sehr offen damit umgeht.
Ich hatte zwei Möglichkeiten. Ich konnte weglaufen und mich verstecken, und genau das habe ich anfangs auch gemacht, weil ich noch nicht wusste, wie ich mit der Krankheit umgehen sollte. Als ich merkte, da ist Licht am Ende der Straße, habe ich mit jemandem von der Men’s Health Organisation gesprochen und er gab mir diese Aufnäher mit den kleinen Figuren. Ich habe sie an meine Freunde verteilt und gesagt, lasst euch testen. Wenn ihr etwas spürt und lasst euch nicht testen, drei Jahre später kann es zu spät sein. Ich hatte Glück, ich habe mich untersuchen lassen, hätte ich das nicht gemacht, wäre ich jetzt nicht mehr hier. Da sind einige sehr wichtige Dinge. Da ist zunächst meine Frau, sie hat alles im Blick. Ich möchte auch wissen, was passiert, aber meine Frau schreibt sich alles auf, druckt Sachen aus. Und dann trafen wir einen Professor aus Bristol, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er nimmt keine neuen Patienten mehr und arbeitet nur mit einer Handvoll und ich hatte das Glück, einer davon zu sein. Und dann sind dann in dem Umfeld noch einige Urologen. Du brauchst Leute mit Verständnis. Das Thema betrifft halt einen Teil deines Körpers, über den man nicht reden will. Wenn man Leute anspricht, reagieren sie oft passiv. Und so sollte es nicht sein, es sollte sein: Hier ist ein Problem. Wir können es lösen.
Reden wir noch etwas über die Vergangenheit. Als ich begann, Musik zu hören, war gerade “Fox On The Run” angesagt. Eure erste Single, die nicht von Nicky Chinn und Mike Chapman geschrieben wurde.
1974 passierte sehr viel, besonders im Vereinigten Königreich. Es gab Streiks, es gab Stromabschaltungen von 20 Uhr abends bis früh um 6 Uhr. Bei der BBC wurde gestreikt, es war einfach keine gute Zeit. Wir hatten “Teenage Rampage” zu Beginn des Jahres veröffentlicht und dann im Sommer “The Sixteens”. Danach kam “Turn It Down”, ein Song, der von der BBC gebannt wurde. Er war in England kein Hit, kam gerade mal in die Top 40, in Deutschland und einigen anderen Ländern war er aber erfolgreich. Zu dieser Zeit gingen Nicky und Mike nach Amerika. Ich hatte mit Mike über ein paar Sachen geredet und ich bekam mit, warum er nach Amerika wollte. Er wollte einfach weg von Nicky. Aber Nicky ging auch und sie lebten sozusagen nur zehn Minuten voneinander entfernt. Sie haben dann ja auch noch eine Weile weiter zusammen gearbeitet. Wir hatten damals “Sweet Funny Adams” und danach “Desolation Boulevard“ veröffentlicht, und die einzige Single darauf, die Erfolg hatte, war “The Sixteens”. Auf dem Album ist eine Version von “Fox On The Run”, nicht so poppig und etwas rockiger. Jemand von der Plattenfirma rief mich an und meinte, was ich davon halte, „Fox On The Run” als Single zu verwenden. Ich sage, ich mag den Song, weiß aber nicht, ob er als Single funktioniert. Er meinte, wir glauben, wenn ihr ihn neu aufnehmt, kann es ein Hit werden. Wir waren dann in einem älteren Studio, in dem ich früher schon gearbeitet hatte, das aber gerade von Ian Gillan von Deep Purple übernommen wurde. Ich habe dort zum ersten Mal Dio getroffen, noch mit seiner Band Elf, Ian war da und auch Roger Glover. Wir trafen dort auch unseren Sound Engineer Louis Austin, mit dem wir dann für viele Jahre arbeiten sollten. Wir fragten, wann wir kommen könnten, und bekamen einen Termin kurz vor Weihnachten. Keiner wusste davon, das Studio war ziemlich abgeschottet, keiner konnte uns stören, es war unsere Zeit. Uns so entstand “Fox On The Run Mark Two”. Die Idee war ursprünglich von mir. Es gibt eine Demo des Songs von mir mit Akustikgitarre. Ich singe ganz leise, weil ich oft Demos gemacht habe, als der Rest der Familie im Haus schlief. Der Text, den ich sang, war niemals gedacht, der finale Text zu werden. Aber keinem fiel etwas Besseres ein. Wir haben ihn also beibehalten, und selbst als wir die Chance hatten, den Song neu aufzunehmen, blieb es dabei. Ich glaube, Mike Chapman war überrascht, denn es wurde ja schließlich weltweit unser größter Hit. Unser ursprünglicher Produzent Phil Wainman kam dann zu mir mit einigen Songvorschlägen und sagte, damit können wir weitermachen. Aber ich entgegnete, wir machen so weiter, mit mir als Produzent. Wir müssen das nächste Album alleine machen. Wir hatten diese Ideen mit ziemlich harten Riffs und haben dann im Musicland in München mit Reinhold Mack “Give Us A Wink” aufgenommen. Er hat ja später unter anderem auch für Queen gearbeitet. Wir hatten eine prima Zeit und es wurde ein wirklich gutes Album und das erste komplett von uns produzierte.

Danach folgte “Off The Record”, eine Platte, die mit “Windy City” einen meiner absoluten Lieblingssongs von euch enthält, auch wenn er nicht so bekannt ist.
“Windy City” hätte perfekt auf “Give Us A Wink” gepasst, genau wegen dieses harten Riffs, aber der Song wurde irgendwie nicht fertig. Als wir mit den Arbeiten zu “Off The Record” begannen, haben wir auch auf ältere Ideen geschaut und diese wieder verwendet. Aber ich kann mich nicht erinnern, warum der Song damals nicht fertig wurde. Vielleicht lag es ja daran, dass man damals nur zwanzig Minuten pro Seite für ein Album zur Verfügung hatte.
Ihr habt dann euer altes Label RCA verlassen und seid zu Polydor gewechselt. Mit “Love Is Like Oxygen” von “Level Headed” gab es dann noch einmal einen großen Hit.
Der Schritt damals, von RCA zu Polydor zu gehen, schien vernünftig. Es hatte sich viel bei RCA verändert. Slade waren auch bei Polydor, aber die gingen dann zu RCA. Es war eine verrückte Zeit. Aber ich hatte dann das Gefühl, die Leute bei Polydor würden uns nicht so verstehen, wie bei RCA. Sie haben eine Menge Geld für uns bezahlt, und es hat bestimmt eine Weile gedauert, bis sie es zurück hatten.

Mittlerweile ist die Medienlandschaft eine komplett andere, Internet, Social Media, Streaming…
Zumindest am Anfang war das Internet keine Hilfe. Jetzt mag es sich geändert haben, weil die Leute einfacher deine Musik hören können. Aber ich bin kein Fan von Spotify, solange die Künstler nicht anständig bezahlt werden.
Ihr habt 2012 mit “New York Connection” auch ein Album mit Coversongs veröffentlicht, das im April auch von Metalville neu veröffentlicht wird. Unter anderem covert ihr auch “New York Groove” von Hello, ein Song, der es auch in eure Live Setlist geschafft hat.
Als wir das Album veröffentlichten, wurde dieser Song sogar im Radio gespielt und auch bei einigen TV Shows. Ich traf Russ Ballard, als wir zusammen mit Rainbow in London im O2 gespielt haben. Ich hatte ihn jahrelang nicht gesehen, und er meinte, eure Version ist fantastisch. Und ich antwortete, wir hätten ihn in den Siebzigern spielen sollen.
Dafür spielt ihr ihn in der Gegenwart. Und hoffentlich auch, wenn ich euch das nächste Mal live sehe!
