Livereport: The Grand Jam | Rudolf-Harbig-Stadion Dresden, 05. Juli 2025

Was macht ein Redakteur, wenn er nicht für Stone Prog auf Konzerten unterwegs ist oder neue Musik hört, um darüber zu schreiben? Er singt! 🎶 Ja, unser Gunter – bekannt für seine Livereports, Rezensionen und Interviews – ist auch leidenschaftlicher Sänger. Zum einen engagiert er sich im Wilandes Chor, geleitet von Helmar Fedorowski, einem der renommiertesten und erfolgreichsten Tonmeister der ehemaligen DDR. Eine Hörprobe gibt’s im Stone Prog Podcast #37. Zum anderen singt Gunter auch gerne privat mit Freunden – wie hier beim Grand Jam in Dresden. Was er dort erlebt hat? Das könnt ihr hier nachlesen. (Holger)

GESCHICHTE UND VORWORT

Ich möchte heute eure Aufmerksamkeit auf eines der größten musikalischen Ereignisse richten, die sich ein Musikfan vorstellen kann. Trotz seiner Größe ist The Grand Jam vielen Leuten noch unbekannt, was an der Positionierung von Werbung und Ticketverkauf der Veranstaltung liegen kann, die etwas abseits der üblichen Kanäle läuft.

The Grand Jam wurde als „Rockin’1000“ im Jahr 2015 in Italien geboren. Die Idee entstand aus dem Wunsch, die Foo Fighters in die Provinz nach Cesena zu holen. Eine Gruppe von Musikbegeisterten hatte die verrückte Idee, 1000 Musiker zusammenzubringen, um gemeinsam den Foo-Fighters-Song „Learn to Fly“ zu spielen und aufzunehmen. Das daraus resultierende Video erreichte im Netz über 32 Millionen Aufrufe und erfüllte tatsächlich den Traum: Die Foo Fighters wurden auf das Video aufmerksam und spielten daraufhin ein Konzert in Cesena.

In der Corona-Zeit kam Patrik Meyer, CEO des Deutsche Bank Park Frankfurt (früher Waldstadion, Spielstätte des Fußballvereins Eintracht Frankfurt), mit seinem Team auf die Idee, dieses Event als The Grand Jam nach Deutschland zu holen. Das erste Event im Deutsche Bank Park in Frankfurt 2023 war ein überwältigender Erfolg. Dieser Start legte den Grundstein für die weitere Expansion des Projekts. Die 2025er-Edition in Frankfurt sorgte für einen neuen Weltrekord: 1.231 Musiker versammelten sich auf der Bühne vor fast 20.000 Zuschauern. Die Vielfalt der Teilnehmer war von Anfang an bemerkenswert: 600 Sängerinnen und Sänger, über 150 Schlagzeuger, rund 200 Gitarristen, 80 Bassisten und zahlreiche andere Instrumentalisten aller Altersgruppen und musikalischen Hintergründe. Dieser inklusive Ansatz ist ein Kernprinzip von The Grand Jam.

Nach dem Debüt in Frankfurt gab es 2024 die erste Edition im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion. Diese Show hatten wir mit ein paar Verwandten und Freunden als Zuschauer gesehen und waren fasziniert, welche musikalische Wucht von dieser Mega-Band aus den Boxen kam. Aber nicht nur das: Wir sahen eine spektakuläre Show mit Pyrotechnik, Akrobatik und vielem mehr. Die begleitende Werbung, als Musiker an einer nächsten Edition teilnehmen zu können, brachte uns mit einer kleinen Gruppe eng befreundeter Sängerinnen und Sänger auf die Idee, bei der am 05. Juli 2025 stattfindenden Show The Grand Jam in Dresden aktiv mitzuwirken.

Die Registrierung zur Teilnahme und die Vorbereitung waren über das Internet nicht schwer. Unsere Zuhause verwandelten sich in persönliche Übungsstudios. Das Team von The Grand Jam stellte dafür alle Ressourcen zur Verfügung: Lehrvideos und Playbacks für jeden Song und jedes Instrument. Als Singende verließen wir uns besonders auf die Tutorials als Sing-Alongs. Dieser akribische Ansatz stellte sicher, dass wir für die 20 zu meisternden Songs effektiv und präzise üben konnten. Eine gewisse Scheu oder Zurückhaltung legte sich schnell, nachdem wir den ersten gemeinsamen Probentermin unserer kleinen Gruppe absolviert hatten. Nach mehreren Wochen intensiver Vorbereitung auf die aufzuführenden Stücke fühlten wir uns mit dem Material fit und waren gespannt, was nun auf uns zukommen würde.

TAG 1: ZUSAMMENFINDEN UND ERSTE PROBEN

Ab 14:00 Uhr beginnt der Check-in aller gebuchten Musiker. Die Bluetooth-Kopfhörer werden entgegengenommen, die die nächsten drei Tage das wichtigste Kommunikationsmedium sein werden. Die gesamte Musik wird darüber gesteuert, Anweisungen werden auf diesem Wege mitgeteilt. De facto wird ständig mit uns gesprochen, was allen Musikern ein Gefühl der Sicherheit und das Gefühl gibt, ein Teil eines großen Ganzen zu sein.

Alle Instrumentalisten, besonders die Drummer, hatten vom ersten Moment an voll zu tun, um ihr Instrumentarium und ihre eigene Technik aufzubauen. Uns „Vocals“, wie wir ab jetzt immer benannt werden sollten, wird es dabei leicht gemacht, denn die Mikrofone sind alle schon vorbereitet. Beim ersten Betreten des Stadion-Innenraumes bestaunen wir das schiere Ausmaß der Operation: Acht Lastwagen lieferten 40 Tonnen Ausrüstung, darunter beispielsweise 500 Bühnenplattformen zum Schutz des Fußballrasens. Alle 500 Mikros für uns sind hier schon komplett mit den Mischpulten verkabelt. Die Gesamtlänge der dafür verwendeten Kabel in Kilometern ist leider nicht zu recherchieren.

Um 16:00 Uhr beginnen dann nach ersten Anweisungen die Proben für uns Sängerinnen und Sänger in einem großen Raum auf dem Stadiongelände. Die Kraft von 500 Sängern, die gemeinsam singen, ist vom ersten Moment an beeindruckend. Richtig geil wird es aber dann ab 18:30 Uhr im Stadion-Inneren bei der ersten gemeinsamen Probe aller. „Jammers get ready“ – so klingt es uns im Ohr, jedes Mal, wenn ein Song beginnt. Auch bei den vorbereitenden Tutorials im Netz war das bereits so. Der Tag endet um 20:30 Uhr in einem „Get-Together / Jammers‘ Party“, einem zwanglosen Zusammensein aller Beteiligten mit Essen und Trinken for free. Die durchaus vorhandene Anspannung weicht, die Begeisterung und Vorfreude wachsen, das Ganze in zwei Tagen über 10.000 Zuschauern im Stadion gemeinsam präsentieren zu dürfen.

TAG 2: INTENSIVPROBEN

Der Freitag wird ein harter Tag. Wir nehmen um 10:00 Uhr die Aufbauten und Proben wieder auf und tauchen tiefer in die Nuancen jedes Songs ein. Die Sommersonne ist heute ein treuer Begleiter, die Wetter-Apps zeigen Temperaturen nahe 30 Grad. Größere Pausen für das Mittagessen (12:30 Uhr) und Kaffee (16:00 Uhr) bieten dringend benötigte Erholung, die es uns ermöglicht, unsere Akkus wieder aufzuladen, bevor wir weitermachen. Besonders die Stücke mit Performance, also mit gemeinsam koordinierter Bewegung, sind eine Herausforderung für alle Sängerinnen und Sänger. Die Stücke zu singen und dazu gleichzeitig zu „tanzen“ ist für einen Laien echt schwierig, selbst wenn diese Bewegungen eigentlich nicht schwer einzuüben sind. Die Coaches wissen das und legen in allen Proben der Sängerinnen und Sänger darauf großen Wert. Denn diese Moves sind ein entscheidendes Momentum und Beitrag der singenden Gilde dieses Events, damit das Publikum von der Show mitgerissen wird. „Geht aus euch raus, übertreibt das!“ Darauf gilt es, sich die letzten Stunden vor dem Konzert intensiv vorzubereiten.

Die technische Probe um 16:30 Uhr ist dann entscheidend. An den Pulten muss alles so zusammengemischt werden, dass es klanglich sauber aus den Boxen kommt. Uns Vocals wird im Laufe der Tage mehrfach bekundet, dass tatsächlich alle Mikrofone an den Mixern ankommen und auch für den Klang verwendet werden. Die Texte der Stücke werden im Stadion auf LED-Bändern eingeblendet. Der notwendige Vorlauf wird noch feinjustiert, sodass diese eingeblendeten Texte auch tatsächlich von uns an den Mikrofonen mitverfolgt werden können und im Konzert hilfreich sind. Nach dem Abendessen um 18:00 Uhr gipfelte der Abend in der Generalprobe um 20:00 Uhr, beginnend mit dem Einlauf aller teilnehmenden 1000 Musiker. Es folgt eine genaue Simulation der eigentlichen Show, bei der wir das gesamte Set durchspielen und die Kraft unseres vereinten Klangs durch das Stadion hallen spüren. Auch beispielsweise Pyrotechnik, Licht und Rhönrad-Performance werden ausprobiert.

Mit dem Gehörten und Gesehenen scheinen Manager und Coaches des Events sehr zufrieden und verkünden, dass am Folgetag nur noch punktuell geprobt werden muss. Der Probenstart wird um anderthalb Stunden nach hinten geschoben. Geschafft, aber glücklich und zufrieden werden wir um 23 Uhr in die wohlverdiente Nachtruhe entlassen.

Während dieser zwei intensiven Probentage ist man als Teilnehmer von The Grand Jam beeindruckt von der nahtlosen Logistik. Jedes Detail, von der Bereitstellung der Ausrüstung bis zur Einhaltung des Zeitplans, funktioniert, sodass wir Musiker uns ausschließlich auf die Musik konzentrieren konnten. Diese professionelle Unterstützung verwandelte ein potenziell überwältigendes Unterfangen in ein überraschend reibungsloses und angenehmes Erlebnis.

TAG 3: LETZTE PROBE UND KONZERT

Die letzten Proben beginnen um 14 Uhr in sengender Mittagshitze. Wir sind sehr froh, dass nur noch ein paar Songs angestimmt werden müssen und nach einer reichlichen Stunde das Ganze schon abgeschlossen ist. Im Schatten können wir noch einmal die Beine hochlegen, in umliegenden Gastronomien etwas zu uns nehmen und die Zeit vertreiben, bis es dann endlich losgeht.

Um 18:00 Uhr öffneten sich die Stadiontore für das Publikum, und die ersten Zuschauer strömten auf die Tribünen. Nicht wenige Musiker begrüßen in einer „Mixed Zone“ Bekannte und Freunde, die gekommen sind, um ihre Lieben als Teil dieses Mega-Events bestaunen zu können. Während drinnen das Publikum durch ein kleines Vorprogramm „angeheizt“ wird, nehmen die 1000 Musiker draußen an der Lenné-Straße vorm Stadion in langer Reihe Aufstellung für den Einmarsch in vorher festgelegter Reihenfolge. Dabei fühlen wir uns froh, euphorisch und natürlich ein ganzes Stück aufgeregt. Wann hat man denn schon mal als Laiensänger die Möglichkeit, vor 15.000 Zuschauern zu performen? Der „kleine Mann im Ohr“ gibt dabei immer kleine Anweisungen und Hilfestellungen. So wird für uns Musiker Sicherheit ausgestrahlt – wichtig, um nicht von der gewaltigen Atmosphäre im Stadion überwältigt zu werden.

Endlich geht es los. Die Tore öffnen sich für uns. Bass-Gebrumm und ein großer Countdown lassen uns noch einen letzten, kaum auszuhaltenden Moment warten. Das Betreten der Innenfläche des Rudolf-Harbig-Stadions als riesige Bühne ist dann ein gewaltiger Moment. Wir durchlaufen ein Spalier von Cheerleadern und fühlen uns dabei wie Stars. Die kleine Ehrenrunde erweckt den Eindruck des Einmarsches von Sportlern bei den Olympischen Spielen. Nur, dass man selbst unter diesen „Sportlern“ ist! Diese Ehrenrunde wird geordnet beendet, wir gehen entspannt zu den aus den letzten Tagen schon vertrauten Plätzen an unsere Mikrofone. Nun können wir es kaum erwarten, dass für das Publikum mit den ersten Tönen von „It’s My Life“ von Bon Jovi der klangtechnische Hammer rausgeholt wird, der jeden auf den Rängen von Beginn an in die Sitze drücken wird.

Musik-Sternchen performen im Laufe des Abends mit uns, so Felix Räuber von Polarkreis 18 bei „Allein Allein“ oder André Schnura am Saxofon (bekannt geworden über die Fußball-EM 2024 als „Typ mit dem Saxofon“) bei Tina Turners „Simply The Best“.

Wir zeigen das, was wir vorbereitet haben, und genießen dabei die Atmosphäre. Irgendwann in den zweieinhalb Stunden Konzert stupst mich ein Nachbar an: „Nimm mal Deine Kopfhörer ab …“: Das Publikum ist echt aus dem Häuschen und macht einen ohrenbetäubenden Lärm! Die Showleitung liegt uns begeistert in den Ohren und meint, heute das Beste aller bisher dagewesenen fünf Editionen von The Grand Jam zu erleben. Die Begeisterung auf den Rängen und offenbar auch beim Management können wir uns nicht als vorgetäuscht vorstellen – die ist echt!

Schaut man sich die Setlist der für diesen Abend ausgewählten und lange geprobten Songs an, so ist diese wohl durchdacht: Sie ist auf Party und Stimmung ausgelegt und darauf, dass die Stücke von einer derartigen Mega-Band eine entsprechende Wirkung erzielen. Wir präsentieren ein ausgewogenes Konzert alter und neuer, recht bekannter Stücke zwischen Pop und Rock; ja, auch die Rubrik Schlager wird nicht ganz ausgespart. Der Rockfan freut sich natürlich darauf, Bon Jovi oder Guns N’ Roses zu singen. Bei letzteren dürfen wir Vocals uns als Performance an extra bereitgestellten aufblasbaren Gitarren austoben. Auch der Prog-Rock wird mit Queen zart berührt. Alles ist stimmig zusammengestellt. Die intensive Arbeit mit bestimmten Stücken führt im Laufe der Vorbereitungszeit bei mir als Freund des Progressive Rock dazu, dass die Achtung für einzelne Songs aus dem Bereich des jüngeren Pop und ihre Interpreten gestiegen ist, die ich ohne das heutige Event bisher immer links liegen gelassen habe.

Am Sonntagmorgen danach haben wir ein eigenartiges Gefühl: Wie? Heute geht es nicht ins Stadion? Auch finden wir beim Frühstück ein Video in der internen Community, im leeren Stadion aufgenommen, garniert mit dem Spruch: „Jammers where are you?“ Wir in unserer Freundesgruppe fühlen uns nun in einer Art Erinnerungsrausch, der noch Tage anhalten wird. Schon direkt nach der Show fällt die Entscheidung, am Termin 2026 wieder teilzunehmen. Den 25. Juli haben wir bereits in unseren Kalendern vermerkt. Das Erlebnis war so unbeschreiblich großartig, wir können gar nicht anders, als es zu wiederholen. Jedem, dem vielleicht die zahllosen Videos im Netz oder diese Zeilen gefallen, können wir nur empfehlen, sich die Show anzusehen oder gar selbst mitzumachen wie wir. Für die, die nicht aus der Region sind und denen Dresden zu weit ist: Am 18. Juli 2026 findet The Grand Jam auch wieder in Frankfurt am Main statt.

Setlist

Teil 1

It´s My Life (Bon Jovi)

Blinding Lights (The Weekend)

Narcotic (Liquido)

Summer Of 69 (Bryan Adams)

Ladies Mashup (Madonna/Beyonce/Helene Fischer)

Simply The Best (Tina Turner)

Don´t Stop Believing (Journey)

Shake It Off (Taylor Swift)

Alt wie ein Baum (Puhdys)

Beautiful Day (U2)

Teil 2

Let „Us“ Entertain You (Robbie Williams)

Love Yourself (Justin Bieber/Ed Sheeran)

Sweet Child O´Mine (Guns ´n´Roses)

Mr Brightside (The Killers)

Just Can´t Get Enough (Depeche Mode)

Tage wie diese (Die Toten Hosen)

Dopamine (Purple Disco Machine)

Don´t Stop Me Now (Queen)

Allein Allein (Polarkreis 18)

Let It Be (The Beatles)

Zugabe

Alt wie ein Baum (Puhdys)

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