Mein erster Festival-Besuch in unserem östlichen Nachbarland stand an, wo der Prog ebenso tief verwurzelt ist wie hierzulande, und dieses in Polens Nordosten in Inowrocľaw. Mir wurde im Vorfeld schon berichtet, dass das Teatr Letni eine ganz tolle Location in diesem Kurort sei, open air mit Bestuhlung und allem, was das Herz eines (schon leicht betagten) Proggers höher schlagen lässt. Doch etwa zwei Wochen vor dem Termin kam die erste kalte Dusche (die zweite kam am Tag des Konzerts, aber davon nachher mehr): der örtliche Bauaufsichtsinspektor hatte die Entscheidung getroffen, dass hier im Teatr Letni kein Festival stattfinden könne. Waren die polnischen Behörden etwa von ihren westlichen Nachbarn infiziert? Ein verstohlener Blick durch einen Torspalt des Geländes überzeugte aber in Sekundenbruchteilen, dass diese Entscheidung im Sinne der körperlichen Unversehrtheit der Festivalbesucher nicht nur vertretbar, sondern zwingend geboten war. Die dortigen Holzbänke waren nämlich in einem maroden Zustand, sodass eine Benutzung nicht empfehlenswert war. Der Veranstalter des Ino-Rock Festivals ließ sich jedoch nicht lange bitten und organisierte als neuen Veranstaltungsort eine Wiese, etwa 300 Meter vom Teatr Leni entfernt. Und alles war gut, bis auf den Mangel an Sitzgelegenheiten. Aber auch hier war schnell eine kleine Tribüne für rund 200 Festival-Besucher organisiert und der Eintritt mit Klappstühlen ohnehin zulässig. Hut ab vor so viel spontanem Organisationstalent!

Pünktlich um 15.30 Uhr wurde der Einlass zum Gelände eröffnet und pünktlich um 16.00 Uhr öffnete der Himmel seine Schleusen, nachdem in den letzten Wochen zuvor kein Tropfen Regen gefallen war. Im wahrsten Sinne verschwommen wurden Erinnerungen an das diesjährige Midsummer Prog Festival in Maastricht wach, aber ganz so schlimm wurde es dann doch nicht, denn bis zum Beginn des Festivals legte sich der Regen wieder. Dafür waren Gesänge zu hören, aber nicht auf dem Festival-Gelände, sondern aus dem gegenüber liegenden Stadion des fünftklassigen Fußballvereins Cuiavia Inowrocław, der an diesem Nachmittag sein Ligaspiel gegen Unia Gniewkowo bestritt. Infolge der anschließenden 0:1-Niederlage des ortsansässigen Vereins wechselten die Gesangsdarbietungen allerdings schnell auf das Festivalgelände.
Pünktlich um 16.30 Uhr beraten eine Ansagerin und ein Ansager die Bühne und eröffneten das Festival in fließendem Polnisch. Auf dem Gelände hatten sich etwa 1.000 Progger eingefunden, wobei es auffiel, dass der Altersdurchschnitt geschätzt 10 Jahre niedriger lag als bei Veranstaltungen hierzulande und Band- bzw. Festival-T-Shirts viel seltener getragen wurden als bei deutschen Prog-Veranstaltungen.
Toń
Den Auftakt machte die polnische Band Toń, eine recht junge fünfköpfige Formation aus Warschau, die ihre Stücke in polnischer Sprache vortrug. Die Band begeisterte mit einem psychedelischen Auftakt, der aus der Feder der frühen Pink Floyd hätte stammen können.

Insbesondere ins Ohr sprang der großartige Gesang der Frontfrau Monika Adamska-Guzikowska, deren Stimme bis in männliche Tiefen herab reichte und die damit die Stücke dominierte. Allerdings war die Dame auf eine Sitzgelegenheit angewiesen, da sie schwanger ist und dadurch ihren Auftritt im Wesentlichen sitzend auf einem Bürostuhl absolvierte.

Ihren Gesangsdarbietungen tat dies jedoch keinen Abbruch. Je länger das Konzert dauerte, desto mehr wandelte sich die Musik von Toń in Richtung Härte und damit in Richtung Folk Metal, Growls inklusive. Beim Publikum kam das gut an und so gab es für den 50-minütigen Auftritt einen ordentlichen, verdienten Applaus.

Pure Reason Revolution
Nach 20 Minuten Umbaupause, die der Himmel für eine Niesel-Zugabe nutzte, ging es international (aus polnischer Sicht) mit Pure Reason Revolution weiter. Jon Courtney gab in einer Fünferbesetzung ein Konzert, das einen Streifzug durch das Schaffenswerk dieser britischen Band bot. Hierzu leistete die Niederländerin Annicke Shireen an Keyboards und Stimmbändern einen vorzüglichen Beitrag.

Den Auftakt machte „Silent Genesis“ vom 2020er Album „Eupnea“, wobei hier schon die exzellente Aussteuerung der beteiligten Instrumente ins Ohr sprang. Nach „Dead Butterfly“ und „Useless Animal“, den einzigen Stücken aus den letzten beiden PRR-Alben, wurde nur noch einmal „Eupnea“ angezogen („Ghosts & Typhoons“), der Rest stammte von den ersten drei Alben.

Was die Band auch spielte, ihre Mischung aus melodischem und härterem Artrock funktionierte. Besonders eindringlich erklang einmal mehr „The Bright Ambassadors of Morning“ und beim abschließenden „Amor Vincit Omina“ gelang es Courtney sogar, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen. Mir war klar, dass ich hier den besten bisherigen Live-Auftritt der sympathischen Briten gesehen hatte.

Alex Henry Foster
Diesem entspannten Auftritt folgte ein spannungsgeladener. Gruppierten sich die Zuhörer und Zuhörerinnen bisher in eher lockerem Abstand vor der Bühne, so rückten sie nun enger zusammen vor der Bühnenabsperrung. Eine mit Händen zu greifende Spannung lag in der Luft, als Alex Henry Foster mit seiner Band The Long Shadows die Bühne betrat. Dabei hatte er noch Glück gehabt, denn wegen eines Streiks war der gebuchte Flug von Montreal nach Warschau ausgefallen. Glücklicherweise konnten er und seine Truppe noch einen Flug nach Frankfurt am Main ergattern, was aber eine ungeplante 14-stündige Busfahrt nach Inowrocław nach sich zog.

Von all dem war jedoch nichts zu spüren, als Foster und seine Band loslegten. Seine Musik war einmal mehr nicht nach einzelnen Stücken zu beurteilen, sondern nach Botschaften, die er wie weiland Patti Smith ins Publikum schrie: Botschaften von der Entstehung und Überwindung von Ängsten, von Gefühlen starker Zusammengehörigkeit. Dies alles begleitet von schweren Gitarren- und Keyboard-Klängen, die wie ein nicht enden wollender Anlauf auf ein vielleicht nie erreichbares Ziel wirkten. Das mochte diesen oder jenen im Publikum völlig kalt lassen, die meisten zog es mit Haut und Haaren an. Ich gehöre zu denjenigen, die mit jedem weiteren Konzertbesuch stärker in diese repetitiven, psychedelischen Klänge hinein gezogen werden.

Den Höhepunkt bildete das mystisch-suggestive „The Hunter (By The Seaside Window)“, das versehen mit unheimlichen Bildern auf der Bühnenleinwand den Abschluss eines großartigen Konzerts bildete. Dass Foster nachher am Merch-Stand noch über zwei Stunden lang Autogramme schrieb, Fans umarmte und mit ihnen Smalltalk abhielt, ist mittlerweile kennzeichnend für diesen äußerst sympathischen und nahbaren Künstler, der alles ist, außer gewöhnlich.

Crippled Black Phoenix
Der Unterschied zu dem Mastermind der nachfolgenden Band hätte nicht größer sein können. Denn Justin Greaves mit seinen Crippled Black Phoenix betraten als nächstes die Bühne. Diese Band blickt laut Wikipedia-Eintrag auf schon 27 ehemalige Mitglieder zurück, wobei viele Abgänge auf das Konto des bärbeißigen Greaves zurückgehen dürften. Musikalisch hatte dies jedoch keine gravierenden Auswirkungen an diesem Abend, an dem es nun mittlerweile dunkel und ziemlich schattig auf dem Gelände geworden war.

Dem wirkten Greaves an der Gitarre und seine Truppe, von der nur Sängerin Belinda Cordic auf eine längere Bandzugehörigkeit (14 Jahre) blicken kann, mit viel Druck, Drall und Geschwindigkeit entgegen. Im Mittelpunkt dieses Auftritts standen Stücke von den letzten beiden Studioalben „Banefyre“ (2022) und „Ellengæst“ (2020), die gewohnt rau und kraftvoll vorgetragen wurden. Man mag Greaves nicht mögen, aber der von seiner Band vorgetragene Stoner Rock sucht in diesem Genre immer noch seinesgleichen.

Und so wurde es ein musikalisch gutes Konzert, das nach Greaves’ Auffassung zu früh endete. Seine zweimalige Nachfrage nach Spielzeit für ein weiteres Stück wurde wegen drohender Zeitüberschreitung vom Veranstalter abgelehnt, worauf Greaves offenkundig missgelaunt seine politischen Botschaften ins Publikum bellte und die Bühne ohne weitere Worte ans Publikum verließ.
Quidam
Vor der letzten Band hatte der Himmel den Nieselregen eingestellt, aber die Temperaturen waren schon im Anmarsch auf den einstelligen Bereich und ein kräftiger Wind sorgte für weitere Erfrischung. Aber all dies war wie weggeblasen, als mit Quidam der Headliner dieses Festivals die Bühne betrat. Diese Band gab nämlich an diesem Abend ein nicht mehr erwartetes Live-Konzert und dies in der Stadt, in der sie gegründet wurde. Ihr letztes musikalisches Lebenszeichen hatte vor 13 Jahren in dem Studio-Album „Saiko“ bestanden. Nun gaben sie in einem vom Veranstalter als sensationell bezeichneten Line-up ihr vermutlich letztes gemeinsames Konzert überhaupt.

Damit nicht genug, habe ich eine ganz besondere Verbindung zu dieser polnischen Band. Ihr Album „Alone Together“ war vor 17 Jahren nämlich einer der beiden Hauptgründe, warum ich überhaupt zum Prog gekommen war. Und so steigerte sich meine Begeisterung, da das Album (in leicht veränderter Reihenfolge der Titel) komplett gespielt wurde und dies in einer Kunstfertigkeit und Spielfreude, wie man sie selten erlebt. Quidam eröffneten das Konzert in derselben Besetzung, die auch schon bei der 2010er Konzert-DVD „Strong Together“ zu sehen und zu hören war. Maciej Meller holte an diesem Abend aus seiner Gitarre Klangteppiche heraus, die die Fans fast niederknien ließen (dass sein Anteil an der Musik von Riverside ein höherer sein sollte, wurde hoffentlich auch Riverside-Mastermind Mariusz Duda klar, der sich im Publikum befand).

Aber auch alle anderen Musiker bekamen ihre Auftritte im musikalischen Vordergrund, sodass hier eine Team-Band aufspielte, die über keinen Schwachpunkt verfügte. Das Sahnehäubchen setzten Quidam diesem Aufritt auf, als in der Zugabe die Sängerin Emila Derkowska (heute Emila Nazaruk) die Bühne betrat und ihre wunderschöne, glockenklare Stimme zu dem Stück „Sanktuarium“ vom Debütalbum erklingen ließ. Dies war umso erstaunlicher, da sie vor über 20 Jahren die Band verlassen hatte.

Ebenso sensationell war der Auftritt der Flötistin Ewa Smarczyńska, die nur auf dem Erstling zu hören gewesen war. Zum Abschluss intonierten die zu diesem Zeitpunkt sieben Musiker auf der Bühne das wunderbare „Bajkowi“, ebenfalls vom Debütalbum, und entließen ihre Fans mit einer Gänsehaut, die diesmal nichts mit dem Wetter zu tun hatte, in die Inowrocławer Nacht.
Dies war somit das würdige Ende eines musikalisch wie organisatorisch großartigen Festivals, das Widrigkeiten trotzen musste und lange in Erinnerung bleiben wird.
Alle Bilder: Robert Świderski
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