Lunatic Soul ist das Soloprojekt von Riverside-Mastermind Mariusz Duda. Mit dem Doppelalbum “The World Under Unsun” beendet er den Zyklus “The Circle Of Light And Death”. Renald Mienert wollte mehr wissen.
Alle acht Alben von Lunatic Soul erzählen ja eine Geschichte, wie kam es dazu?
Quentin Tarantino und Christopher Nolan sind schuld daran, neben anderen Regisseuren. Ich mag es immer, wenn ein Plot nicht linear verläuft, wenn man mit dem Ende beginnt, zum Anfang oder zur Mitte springt. Der Held in der Geschichte stirbt, ist dann in der Welt nach dem Leben, hat die Chance, wieder geboren zu werden, er lebt erneut, stirbt wieder, und das wiederholt sich wieder und wieder. Die Hauptfigur ist ein Künstler, er kreiert etwas und will sich an das erinnern, was er in seinem Leben gemacht hat, und er steckt in dieser Art Schleife. Das neue Album spielt in der Welt der Lebenden und liegt zeitlich zwischen “Fractured” und vor “Walking On A Flashlight Beam”.

Aber war denn schon von Anfang an klar, dass sich das Konzept auf acht Alben ausdehnen würde?
Nein, dieser Plan entstand nach dem vierten Album. Ursprünglich hatte ich vor, zwei Alben zu machen. Ein schwarzes und ein weißes, inspiriert durch die Nahtoderfahrung eines engen Familienmitglieds. In vielen Ländern ist weiß ja auch die Farbe der Trauer. Ich hatte dann für beide Alben jeweils vier Bonustracks, aber der Chef von Kscope, bei denen ich damals unter Vertrag war, meinte, ich sollte sie als separates Album veröffentlichen. So entstand “Impressions”, das dritte Album. Damit hatte sich der Plan für zwei Alben erledigt, und ich entschied mich, weiterzumachen und alle zwei, drei Jahre ein weiteres Puzzleteil zu veröffentlichen. Die Story ist jetzt abgeschlossen. Es ist ein Doppelalbum geworden, weil ich möglichst viele der offenen Stellen schließen wollte.
Aber ist es nicht riskant, heute ein Doppelalbum zu veröffentlichen? Viele nehmen sich heute nicht mehr die nötige Zeit….
Das stimmt, und ich habe ja auch viele Lunatic Soul Alben gemacht, die eher kurz waren, um die fünfunddreißig Minuten. Das letzte war neununddreißig Minuten lang, “Under The Fragmented Sky” fünfunddreißig. Auch meine Electronic-Alben haben eine Laufzeit von knapp vierzig Minuten. Aber ich hatte noch keine Veröffentlichung mit neunzig Minuten. Ich habe das Album gemacht für die Leute, die das Hören von Musik feiern. Ich glaube, es gibt immer noch Leute, die sich die Zeit nehmen, ein solches Album vom Anfang bis zum Ende zu hören, im Zimmer, mit Kopfhörern, die Augen geschlossen – wie eine Art Meditation.
Die Unterschiede zwischen Riverside und Lunatic Soul sind aber manchen Hörern doch zu groß!
Ich habe erkannt, dass Progfans oft ein Problem mit Lunatic Soul haben. Riverside ist eine typische Prog- oder Progmetalband. Die Kompositionen kann man oft in verschiedene Abschnitte einteilen. Viel in einem Song ändert sich, weil die Progfans viele verschiedene Elemente in einer Komposition haben möchten. Lunatic Souls basiert hauptsächlich auf Trance, einem Groove, auf Wiederholungen. Wenn es in einem Song aber immer wieder diese wiederkehrenden Elemente gibt, dann ist das für viele Progfans wie ein langes Intro, und sie fragen, geht der Song jetzt los? Nein, das war er schon! Allerdings sind auf dem neuen Album auch Songs, die eher progressiv sind, „Hands made of Lead“ zum Beispiel.
Lunatic Soul bedeutet ja so viel wie “Verrückte Seele”. Der Held deiner Geschichte ist ein Künstler. Bist du das?
Ja, es ist mein Alter Ego. Ich liebe ja diese versteckten Hinweise. Lunatic hat genauso viele Buchstaben wie Mariusz und Soul wie Duda. Lunatic Soul ist ein sehr persönliches Projekt, auch wenn es Fantasy-Elemente hat, stecken doch viele eigene Erfahrungen darin.

Bei einer solchen komplexen und nichtlinearen Geschichte, ist es doch gut möglich, dass viele Hörer zwar die Musik mögen, ihnen der Sinn dahinter gar nicht bewusst wird.
Ich habe heute mit einem Freund Kaffee getrunken und er meinte, nach diesem Album sollte ich mir die Mühe machen und den Leuten erklären, wie das alles zusammenhängt. Vielleicht in Interviews oder Videos. Vielleicht mache ich es auch. Mir ist bewusst, dass den Leuten heute die Zeit fehlt, außer, du bist ein Die Hard – Fan. Aber die Geschichte verdient es, angemessen erzählt zu werden. Vielleicht ein Artbook mit der Story und Fotos von allen acht Alben, das könnte interessant sein.
Du hast gesagt, Lunatic Soul ist dir mindestens genauso wichtig wie Riverside.
Ich habe schon vor Riverside Musik gemacht. In meiner Heimatstadt hatte ich eine Band namens Xanadu, den Namen habe ich von Rush. Ich hatte also schon Erfahrung mit dieser Art von Musik. Aber auch in einer Prog-Band hast du Grenzen. Und ich wollte etwas machen, dass man keinem Genre zuordnen konnte, etwas wo alles enthalten ist, was ich mag – Ambient, Electronic, Metal, Rock, Folk, Oriental. Und das habe ich in Riverside nicht gesehen, also brauchte ich ein weiteres Projekt. Künstlerisch betrachtet ist es sogar wichtiger, weil ich viel mehr Dinge machen kann, ich muss mich zum Beispiel nicht darum kümmern, ob ein Song live gespielt werden kann. Es ist mein Projekt, ich muss keine Kompromisse schließen und kann machen, was ich will.
Wie üblich spielst du das meiste selbst, es sind aber drei Gastmusiker vertreten, alle kommen aus Polen.
Ich bevorzuge es, mit lokalen Künstlern zusammenzuarbeiten. Natürlich wäre es für die Promotion besser, mit bekannten Namen aus der Prog-Society zu arbeiten.
Auch die Aufnahmen und die Produktion fanden in deiner Heimat statt, nicht in irgendwelchen etablierten Studios im Ausland.
Es mag Leute geben, für die das wichtig ist, nicht für mich. Ich habe talentierte Freunde, ich bin der Co-Produzent, ich lerne die ganze Zeit dazu. Ich bin einer der Künstler, die eine Vision davon haben, wir ihre Musik zu klingen hat. Ich kann nicht einfach die Musik aufnehmen und dann jemandem geben, um zu mixen und zu mastern, ich muss dabei sein. Ich bin immer in alles involviert, auch Artwork und Videos. Das hat nichts mit Patriotismus zu tun. Es ist einfach nicht nötig, das Album in Kanada zu mixen und in Holland zu mastern.

Du bist ein sehr kreativer und produktiver Künstler….
Musik ist meine Selbsttherapie. Ich kann nicht einfach nur alle drei oder vier Jahre ein Album veröffentlichen. Ich muss etwas dazwischen machen, das ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bin Künstler, ich möchte etwas schaffen, nicht nur mit einer Band. Immer, wenn Riverside eine Pause machen, nutzte ich das für Lunatic Soul. In meinem Kopf bin ich immer etwa drei Jahre voraus. Nach dem Motto, die ersten fünf Monate nehmen wir etwas mit Riverside auf, dann im Herbst gehen wir auf Tour, dann folgt eine Pause und ich kann etwas für Lunatic Soul machen. Aber wenn ich beginne, etwas für Riverside zu komponieren, dann fokussiere ich mich darauf. Wenn eine Idee nicht zu der Band passt, dann passt sie vielleicht zu Lunatic Soul. Über die Jahre kam es immer wieder vor, dass ein Song, der ursprünglich für Riverside geschrieben wurde, auf einem Lunatic Soul Album landete und umgekehrt.
Mit “The World Under Unsun” ist die Story ja nun abgeschlossen. Ist das Kapitel Lunatic Soul damit beendet?
Wenn Lunatic Soul zurückkehrt, dann in einer anderen Form, so wie es King Crimson viele Male gemacht haben. Lunatic Soul verzichtet ja auf elektrische Gitarren, vielleicht setze ich zukünftig welche ein. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich sage nicht, das ist das Ende von Lunatic Soul, es das Ende der Story “The Circle Of Light Of Death”. Der Ansatz von Lunatic Soul wird sich ändern, vielleicht bleibt es nicht beim Studioprojekt.
Wir sind gespannt!
