Interview: Scardust – Mehr als nur Prog-Metal

Und noch ein außergewöhnliches Prog-Metal-Album! Scardust kommen aus Israel und haben mit Souls gerade ihr drittes Album veröffentlicht. Renald Mienert sprach mit der Sängerin Noa Gruman

Auch wenn man euch primär dem Progressive Metal zuordnet, steckt in eurer Musik wesentlich mehr!

Uns inspiriert alles, was wir hören und was uns gefällt – und das ist eine Menge. Die Wurzeln liegen dabei in der klassischen Musik, viele Bandmitglieder haben eine entsprechende Ausbildung. Das Schöne an dem Genre Progressive Metal besteht ja darin, dass die praktisch keine Grenzen gesetzt sind bei dem, was du tust. Egal ob es atmosphärische Elemente sind und ein Kinderchor singt wie die Engel, wenn es der Song braucht, dann ist es OK. Wenn du schreist, dann ist das auch in Ordnung, dir steht halt die gesamte Palette an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung.

pic: (C) Promo Scardust

Aber besteht dabei nicht die Gefahr, dass ihr die Hörer überfordert?

Das ist ja zunächst eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich schreibe Musik, die ich auch gerne höre. Ich weiß, dass unsere Musik nicht jedem gefällt, aber das kann man von jeder Art von Musik sagen. Man muss sich treu bleiben. Ich mag es, wenn das Konzept bestimmt, in welche musikalische Richtung sich ein Song entwickelt.  Als Beispiel möchte ich „R.I.P.“  vom aktuellen Album nehmen, einen der komplexeren Songs. Es geht im Text darum, jemanden um seiner selbst willen zu verlassen. Das ist etwas, was man herausschreien möchte, aber auch weinen, und da ist der Schmerz den man dabei empfindet. Ein solcher Song muss komplex sein, der Hörer muss dieses Unbehagen fühlen. Und dann ist da ein Song wie „Dazzling Darkness“, der genau das Gegenteil ist. Er gibt dem Hörer mehr Raum, weil der Song das erfordert.

Glaubt man dem Internet gibt es euch seit 2013, ihr habt unter einem anderen Namen begonnen, musstet euch dann aber umbenennen.

Die Band gibt es genau seit zehn Jahren. Und unter dem anderen Namen spielten wir nur einige Monate. Ich weiß, dass im Internet andere Infos kursieren, aber das ist falsch und es ist eine gute Gelegenheit, das hier einmal richtig zu stellen. Ich habe zwar mit Orr Didi 2013 begonnen Musik zu schreiben, aber das hatte nichts mit Scardust zu tun. Erst gegen Ende 2014 haben wir über eine Band  nachgedacht und die ersten Musiker dafür gesucht. Wir haben eine EP gemacht und den Namen geändert, das war 2015 und der offizielle Start von Scardust.

Auch ihr seid von Besetzungswechseln nicht verschont geblendet. Orr Didi zum Beispiel ist zwar auf dem neuen Album noch dabei, ist aber mittlerweile ausgestiegen.

Wir haben zu den ehemaligen Bandmitgliedern immer noch ein gutes Verhältnis. Einige von ihnen kommen immer noch zu den Geburtstagen der anderen. Wir sind Freunde geblieben, es ist wie eine große Familie und man kann nichts dagegen tun. Aber Scardust ist eben auch eine sehr aktive und auch anspruchsvolle Band. Wir versuchen Menschen aus anderen Ländern zu erreichen mit einer Musik, die nicht jeder mag. Irgendwie ist Scardust für uns wie ein Fulltime Job, obwohl wir alle noch einen Fulltime Job haben. Das ist nichts für jeden. Ich habe großen Respekt für alle, die Teil dieser Reise waren, ohne sie wäre Scardust nicht da, wo wir jetzt sind.  Aber wir müssen uns immer weiterentwickeln und werden nie stoppen.

Ist es eigentlich sehr schwer, neue Mitglieder zu finden?

Das ist eine gute Frage. Je größer wir werden, umso leichter ist es für uns, Musiker zu finden, die bereit sind, der Band beizutreten. Die Leute werden aufmerksam, wenn eine Band sehr aktiv ist, Alben produziert und Live spielt. Als wir vor zwei oder drei Jahren einen Gitarristen gesucht haben oder auch erst kürzlich einen neuen Bassisten, haben sich recht viele Musiker vorgestellt. Sie bekommen dann ihre Parts, den sie bei den Auditions vorspielen sollen, und dann sagen schon viele, ok, aber das ist nichts für mich. Sie wollen in die Band, sie mögen die Musik, sie mögen die Leute, sie sehen sich selbst in einer Band, aber wenn sie dann das Material bekommen, das sie lernen sollen, sagen die meisten von ihnen, ok, lasst uns einfach nur Freunde bleiben. Und dann bleiben nur ein paar übrig, die wirklich zu uns passen. Dann ist die Entscheidung auch immer sehr schwer. Mit dem aktuellen Line Up bin ich super zufrieden, ich hoffe es hält für immer.

Ihr arbeitet mit einem Chor, einem Orchester, Ally Storch von Subway To Sally spielt Geige. Wie setzt ihr das live um?

Das hängt von der Art der Show ab. Wenn wir die Möglichkeit haben, eine lokale Headlinershow in einer großen Location zu spielen, wie zum Beispiel im Februar dieses Jahres, mit einer großen Bühne, da haben wir den Chor mit dreizehn Personen dabei gehabt und auch als Gast Ross Jennings. Nicht bei dieser Show, aber bei anderen Gelegenheiten hatten wir Musiker für Cello und Violine dabei. Wenn immer wir die Möglichkeit dazu haben, dann machen wir es auch. Sogar im Ausland – in Berlin und im UK – hatten wir die Chance, mit einem Chor zu arbeiten. Aber wenn du mit Blind Guardian auf Tour bist und jede Nacht irgendwo in Europa spielst, dann geht das natürlich nicht und wir müssen mit Backingtracks arbeiten.

Dein Gesang ist sehr außergewöhnlich, egal ob Klassik, aggressive Shouts oder voller Gefühl – du beherrscht das alles.

Beim klassischen Operngesang war ich erster Sopran, das passt am ehesten zu meiner Stimme. Aber außerhalb der Klassik habe ich keine Vorgaben. Wenn ich glaube, zum Lied passt Screaming, dann schreie ich, oder ich nutze eine tiefere Stimmlage. Als Teenager habe ich mit meiner Stimme experimentiert, nach dem richtigen Lehrer oder der richtigen Methode gesucht, die es mir erlauben würde, mich selbst auszudrücken. Viele Jahre habe ich viel probiert, viele Lehrer, viele Einrichtungen. Ich war im Ausland, habe viel gelesen. Ich habe lang gesucht, um herauszufinden, wozu die menschliche Stimme in der Lage ist, einfach um in der Lage zu sein, mich selbst auszudrücken.

Siehst du in Souls eine Weiterentwicklung verglichen mit den ersten Alben?

Wir wollen in jedem Punkt immer besser werden, der Musik, dem Sound, Artwork oder Fotos. Ich sehe jedes Album wie ein Kapitel in unserem Leben. „Souls“ repräsentiert das Kapitel der letzten  drei Jahre unseres Lebens.

Und wie sieht es mit dem Songwriting aus?

Auch das hat sich über die Jahre weiterentwickelt. In der Vergangenheit haben die Songs vor allem Orr, unser ehemaliger Bassist, und ich geschrieben. Die Band war damals noch nicht stark in das Songwriting involviert. Auf „Souls“ war das anders.  Es ist hier deutlich mehr das Arbeit einer Band, wen auch immer noch basierend auf Piano und Gesang. Aber die Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil wir Dinge nicht immer auf die gleiche Art machen. Am wichtigsten sind die Lyrics und die Melodien, dann kommen die Harmonien und der Groove, dann der Rest. Weil die Musik so komplex ist, muss sie fast wie ein Orchester in der klassischen Musik betrachtet werden. Es ist eher ein Komponieren als ein Jammen.

Bei Frontiers erscheinen nun nicht gerade viele Veröffentlichungen aus dem Prog-Sektor, aber wenn, dann haben sie es durchaus in sich, Vanden Plas, DGM oder kürzlich auch Majestik. Wie kam ihr zu dem Label?

Ich glaube, sie haben unser Management kontaktiert. Das war um die Zeit als wir unser Disney-Prinzessinen-Cover-Video auf Youtube veröffentlicht haben.  Wir nennen es „Die Evolution der Disney-Prinzessinen“, aber eben als Metalversion, gedreht als One Shot Video.. Es kommen nicht alle, aber immerhin dreizehn dieser Figuren darin vor, und zwar in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit Schneewittchen.  Wir haben das gemacht, weil unser Publikum unsere Musik ursprünglich Disney-Metal nannte. Wenn ich mich nicht irre, sind Frontiers dadurch auf uns aufmerksam geworden.

Nicht nur deine Stimme ist außergewöhnlich, dir scheint auch die Optik wichtig zu sein…

Outfits und Mode haben mich immer fasziniert. Die meisten meiner Outfits entwerfe ich selbst, das ist eine Art Hobby von mir. Ich experimentiere gerne damit und es interessiert mich, wie die Leute darauf reagieren, wenn ich dies oder jenes trage, mit oder ohne Make Up.

Wie kam es zum Gastauftritt von Ross Jennings von Haken bei einem Song?

Wir haben diesen dreiteiligen Song „Touch Of Life“ geschrieben. Es geht dabei um Pygmalion aus der griechischen Mythologie. Es st wie eine Art Theaterstück, es gibt verschiedene Charaktere und eine Story. Wir brauchten dafür einen Sänger, und als wir die Musik schreiben, dachten wir sofort an Ross Jennings. Wir kannten ihn noch nicht persönlich, glaubten aber, er würde die Herausforderung annehmen. Über gemeinsame Freunde haben wir ihn dann kontaktiert. Er hat aber nicht sofort zugesagt, und wollte erst die Musik hören. Aber dann war er einverstanden.

pic: (C) Lahav Levi

Wir hatten kürzlich ein Interview mit Seventh Station. Du bist vor kurzem zusammen mit ihnen aufgetreten!

Ja, am 13. August haben wir zusammen mit meinem Chor gespielt, Hells Choire. Die Show war ausverkauft, die Energie war super. Der Chor und Seventh Station spielten jeweils ein komplettes Set und ich hatte das Vergnügen zusammen mit Seventh Station einen Song zu singen. Es war ein Dream Theater Cover und eines meiner Lieblingslieder von einer meiner Lieblingsband – Fatal Tragedy von Scenes From A Memory. Das Album hat einen Platz in den Top Three meiner Lieblings Prog Metal Alben.

Mit deinem Hells Choire hast du ja auch schon mit Arjen Lucassen gearbeitet…

Ja, auf Transitus und auf einem Star One Album. Mein gesamter Chor ist ein großer Fan seiner Musik. Ich glaube, ihm gefällt das Konzept eines Heavy Metal Chores, ein Chor, der nur aus Metalheads besteht. Auf Transitus ist unser Gesang nicht nur klassisch, wir arbeiten auch mit Screamin und Mitteln, die für das Genre typischer  sind.

Wie sieht ein Konzert deines Chores aus?

Der Chor spielt eine Stunde Heavy Metal Songs A Capella. Metal nur mit menschlicher Stimme. Wir haben einen Beatboxer, der sozusagen für die Drums verantwortlich ist und wir verwenden viele Effekte, wobei ich keine digitalen Effekte meine, sondern eher Gesangstechniken. Wir wollen damit nicht die Gitarren imitieren, aber dafür sorgen, dass es sich mehr nach Metal anhört. Ich möchte so viele Subgenres des Metal abdecken wie nur möglich. Natürlich die Klassiker wie Judas Priest und Iron Maiden. Aber auch Metallica und System Of A Down. Aber wie interpretieren auch modernere Stücke von Avange Sevenfold oder Linkin Park. Dann gibt es den symphonischn Metal mit Bands wie Nightwish und Epica und sogar für die Party Piraten Metal von Alestorm. Es ist einfach Spaß und man findet viel davon auf YouTube.

Gab es auf euren Touren im Ausland Probleme wegen eurer Herkunft?

Nicht auf unseren Konzerten, da gab es nie Proteste.  Die Leute kommen und wollen eine gute Zeit haben, Musik hören und Spaß haben. Aber dieses Thema schmerzt uns sehr. Aber das ist eine Situation, über die wir keine Kontrolle haben. Das hat schon unsere Tourneen beeinflusst. Krieg ist etwas Furchtbares, jeder normale Mensch wird dem zustimmen. Wir sind Künstler, wir sind hier um Menschen zusammenzubringen und nicht, um sie zu trennen.

Ein besseres Schlusswort lässt sich nicht finden!

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