Anna von Hausswolff ist eine körperlich nicht allzu große, nicht unattraktive und noch relativ junge Musikerin (Jahrgang 1986) aus dem schwedischen Göteborg. Diese äußerlichen Attribute werden aber schnell uninteressant, wenn man ihre Musik hört. Sie geht hier schon recht lange eigene Wege abseits des Mainstreams. Seit über zehn Jahren bestimmt die Kirchenorgel ihre Alben; in Kirchen wurden die Alben entsprechend auch aufgenommen. Die Musik ist gewaltig, düster und voller eigenwilliger musikalischer Strukturen. Das Ganze gipfelte in ihrer „All Thoughts Fly“-Tour Ende 2021, die sie konsequent als Solo-Tour in Kirchen absolvierte und die ihr hier und da auch entsprechenden Ärger kirchlicher Fundamentalisten einbrachte. Danach wurde es etwas ruhig um Anna.

Nun lädt uns die schwedische Ausnahmemusikerin am Beginn ihrer aktuellen, über 30 Konzerte umfassenden „Iconoclasts“-Tour in Huxleys Neue Welt nach Berlin ein. Der Saal ist nach offiziellen Angaben mit 1.600 Personen voll bis zum Rand gefüllt. Wir sehen dabei ein überwiegend jüngeres Publikum. Dieser Mega-Zuspruch ist überregional und überrascht; über die Hälfte ihrer ganzen großen Tour ist schon ausverkauft. Die Sogwirkung ihrer Musik hat sich offenbar weit außerhalb der Szene herumgesprochen.
Die Vorfreude auf das Konzert hält noch etwas an, denn pünktlich um 20 Uhr betritt erstmal die japanische Musikerin Hinako Omori die Bühne. Sie nimmt hinter einem Tisch Platz, auf welchem sich offenbar verschiedene elektronische Instrumente und Mixer befinden. Ihre zarte Frauenstimme erhebt sich als Vocalise über den von ihr erzeugten bzw. gesteuerten Klangteppich. Die erzeugte Atmosphäre ist gut, die Musik ist aber stellenweise zu laut, die Bässe dröhnen und wirken phasenweise übersteuert. Trotzdem gelingt es ihr, Stimmung aufzubauen und den Hauptact entsprechend gut zu supporten.

Es dauert dann immer noch eine Weile, bis um 21 Uhr Anna von Hausswolff und ihre Band die Bühne betreten. Das Konzert beginnt mit „Consensual Neglect“ vom neuen „Iconoclasts“-Album. Das heißt, man verzichtet auf einen initialen Fetzer, um die Erwartung des Publikums aufzufangen, sondern beginnt mit einer vom Saxofon getragenen elegischen Stimmung. Dieses von Otis Sandsjö gespielte Saxofon sorgt für eine auffällige Klangfarbe an diesem Abend: Gespielt wird es nicht als das klassische Solo-Instrument, sondern ist mit dem Gesamt-Sound der Musik verwoben und sorgt an manchen Stellen für das gewisse knarzige Etwas in den Stücken.


Die Bühne bleibt dunkel, Anna und ihre Band sind fast das gesamte Konzert nur in ihren Umrissen zu sehen. Das kennen wir bereits von den Konzerten, die wir vor mehr als fünf Jahren mit ihr erleben durften. Das neue Album „Iconoclasts“ steht klar im Mittelpunkt des Konzerts; bis auf drei Ausnahmen stammen alle gespielten Stücke von diesem Album. Nach der mehrjährigen Pause hat sich ihre Musik verändert. Die Extreme sind reduziert zugunsten von mehr Ausgewogenheit. Die typische Anna von Hausswolff ist aber geblieben: eine unverwechselbare Mischung aus monumentalen Orgelklängen, experimenteller Klangkunst und einer Stimme, die gleichermaßen verletzlich wie überwältigend wirkt. Sie bewegt sich auf der Bühne zwischen ihrem Nord C2D (mit dem sie die Kirchenorgel-Klänge auf die Bühne bringt), einem Organetto (einer analogen Mini-Orgel mit richtigen Orgelpfeifen) und ihrem Mikrofon, mit dem sie auch mal zum Bühnenrand kommt. Durch das Licht von hinten bleibt sie aber auch in diesen Szenen immer im Geheimnisvollen und Verborgenen.

Die Band arbeitet zurückhaltend und erzeugt einen besonderen Sound, in welchem kein Instrument in den Mittelpunkt gerückt wird. Dieser Sound liegt irgendwo zwischen der hohen, kräftigen und vielfach expressiven Stimme von Anna von Hausswolff und enormen, in die Magengegend hauenden Basswänden. In ihren Moderationen zeigt sich Anna bewegt und überwältigt, hier in Berlin vor so vielen begeisterten Leuten spielen zu können. Die Tour ist noch lang, auch mit etlichen Konzerten hier in Deutschland. Sicher ist ihre Musik nicht unbedingt für jedermann. Wer aber auf den Musik-Kosmos von Anna von Hausswolff steht und noch ein Ticket ergattern kann, sollte sich diesen faszinierenden Konzertabend nicht entgehen lassen.
Setlist
Consensual Neglect | Facing Atlas | The Mouth | The Whole Woman | The Iconoclast | An Ocean Of Time | The Mysterious Vaníshing Of Electra | Stardust | Aging Young Woman | Ugly And Vengeful
Zugaben
Funeral For My Future Children | Struggle With The Beast
