Mostly Autumn – die beste Band, von der du noch nie gehört hast. Seit 30 Jahren erschaffen sie wundervolle Musik, gefeiert von einer treuen Fangemeinde, aber vom Rest der Welt oft übersehen. Mit jedem neuen Album stellt sich die Frage: Kann die Band den hohen Standard ihrer Vorgänger halten oder sogar übertreffen? Wer Bryan Josh und seine Mitstreiter kennt, weiß genau, was ihn erwartet: stilvoller, floydiger Prog mit einer Prise Folk, eingängige Melodien, tiefsinnige Texte und epische Gitarrensoli.
Wir besprechen hier die auf 2000 Exemplare limitierte Doppel-CD-Version von Seawater, die ausschließlich über die Band selbst oder renommierte Mailorder wie Just for Kicks erhältlich war.

Tracklist
CD1
1. Let’s Take a Walk (9:09)
2. Remember All the Rain (4:53)
3. Be Something (4:43)
4. When We Ran (9:17)
5. If Only for a Day (6:37)
6. When Nations Collide (5:52)
7. My Home (4:30)
8. Mars (5:04)
9. Future Is a Child (7:19)
10. Seawater (19:09)
CD2
1. Connected (4:58)
2. Whisky And Golden Sun (4:41)
3. Winter Dreaming (4:07)
4. 300 Spartans (4:22)
5. Yippee A.I. (Rise Of Metal) (7:49)
6. Hideaway (3:34)
7. We’ve Got To Be Something (4:57)
8. When The Sun Rises (4:43)
Während der typische Progressive-Rock-Sound von Mostly Autumn im Kern über die Jahre hinweg weitgehend konstant geblieben ist, zeigt sich doch jedes Album mit seiner eigenen Weiterentwicklung. Seawater bietet einen ganz anderen Ausgangspunkt als Graveyard Star. Letzteres war aus Gründen der Corona Phase größtenteils düster, während Seawater eine Mischung aus Emotionen und Stimmungen bietet, welche die verschiedenen Phasen ihrer Karriere erneut reflektieren aber auch düstere Zukunftsaussichten nicht verschweigen.
„Seawater“ beginnt mit Vogelgezwitscher und Naturgeräuschen, die sanft in den ersten Song überleiten. In Let’s Take a Walk (9:08) entwickelt sich zunächst eine zarte Gitarrenmelodie, zu der nach und nach musikalische Ebenen hinzugefügt werden. Bald lösen härtere Gitarrenakkorde die sanften Melodien ab. Der Song braucht einige Zeit, um sich zu entfalten. Erst ab der zweiten Minute setzt Bryans markante Stimme ein, die singt, dass er beim besten Willen kein Tänzer sei, aber mit dir, Mädchen, würde selbst er tanzen … und in deine Augen abtauchen. Ab diesem Moment kippt die anfänglich statische Stimmung des Songs und er entwickelt sich zu einem dynamischen, flotten Rocksong, unterstützt durch Flöten- und Tin-Whistle-Klänge von Dauergast Troy Donockley.
Why Do We Remember All The Rain, eines der folkigsten Werke der Band seit langem, beginnt mit einem Flötenintro von Angela Gordon, die auf der gesamten Scheibe endlich wieder mehr Präsenz zeigt als in jüngerer Vergangenheit. Be Something entwickelt sich spannend, mit dominierenden Akustikgitarren zu Beginn und einem bluesigen Touch, der ihn besonders macht. Bryans rauer Gesang verleiht ihm Charakter, und die harmonischen Refrains fügen sich gut ein. Der Song kommt jedoch erst richtig in Fahrt, als der Refrain von einer Hammondorgel begleitet wird – ab diesem Punkt nimmt die Musik an Intensität zu, mit einem flüssigen Gitarrensolo und einem hymnischen Abschluss.
Auf der Bonus CD erscheint das Thema als We’ve Gotta Be Something erneut.
When We Ran, (9:17) das mit ungewöhnlich pulsierenden Synthesizer-Tönen überrascht, reflektiert in einem Rückblick die Geschichte der Band und Bryans Inspiration, ausgelöst durch den frühen Tod seines Vaters Robert, diesen Verlust zu verarbeiten. „Zu wissen, dass ich jetzt älter bin als damals, als Robbie starb“ – als wäre er nun an einem Punkt, an dem sein Vater nie sein konnte. „Die Zeiten tief in sich wieder abspielen“ zeigt, wie präsent die Erinnerungen an diese verlorene Zeit sind, fast wie ein Film, der sich immer wieder abspielt. Die Zeile „Es gibt Kinder in meinem Leben, und ich sehe in diesen kleinen Augen dich und mich für immer“ verdeutlicht, dass er seinen Vater in den nächsten Generationen weiterleben sieht – als ob seine Essenz in den Kindern weiterexistiert. Vielleicht deshalb taucht gegen Ende sogar ein vertrautes musikalisches Motiv aus Spirit of Autumn Past und Half the Mountain erneut auf – wie eine leise Stimme aus der Vergangenheit, die kurz noch einmal zu ihm spricht.
My Home beginnt ruhig, fast meditativ, mit Bryans Stimme im Vordergrund, während Olivia sanft im Hintergrund harmoniert. Doch hinter der scheinbaren Gelassenheit verbirgt sich eine tiefe Melancholie – die Geschichte eines unwiederbringlichen Verlusts. Musikalisch erinnert das Stück an Bruce Springsteen, doch inhaltlich geht es weit über eine bloße Rückbesinnung hinaus.
Hier singt jemand von einer Heimat, die nicht mehr existiert. Die vertrauten Straßen, die einst unter der Sonne glänzten, sind nur noch eine Erinnerung. Sein Zuhause – einst ein sicherer Ort – ist zerstört, in Stücke geschossen, brennend im Regen. Was bleibt, ist das Echo einer Vergangenheit, die sich nicht mehr zurückholen lässt.
Die musikalische Zurückhaltung verstärkt diese Stimmung – My Home ist kein wütender Protest, sondern eine stille, fast resignierte Klage über das, was unwiederbringlich verloren ist.
Mars setzt die Thematik von My Home konsequent fort, aber mit einer noch stärkeren metaphysischen Dimension. Der Song beginnt ruhig und melancholisch, mit einer von Keyboards getragenen Atmosphäre, die sich erst mit Olivias Stimme zu einem orchestralen Klangbild ausweitet.
Lyrisch verstärkt sich das Gefühl der endgültigen Trennung – diesmal nicht nur als Verlust des physischen Zuhauses, sondern als eine fast kosmische Entfremdung. Die Vorstellung, auf dem Mars zu liegen, während die Heimat unerreichbar in weiter Ferne liegt, symbolisiert die Unvereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart. Die Wiederholung von „Ich würde dich nie wiedersehen“ und „Ich könnte dich nicht mehr vermissen, als ich dich jetzt schon vermisse“ intensiviert die emotionale Wucht des Songs – es gibt kein Zurück, keine Möglichkeit der Wiedervereinigung.
Ein tieftrauriger, fast resignativer Song, der das zentrale Motiv des Albums – Verlust und Sehnsucht – eindringlich weiterführt.
Nach all der Traurigkeit und Resignation, die My Home und Mars durchziehen, öffnet sich mit Future Is a Child ein neuer Horizont. Die ersten akustischen Klänge wirken fast zerbrechlich, als würden sie sich vorsichtig an eine neue Möglichkeit des Lebens herantasten. Doch dann bricht die Hammondorgel mit aufheulender Intensität herein, gefolgt von Streichern und Angela Gordons verträumter Flöte – ein kraftvolles Erwachen aus der Melancholie. Der Song entfaltet seine volle Wirkung, als Olivia den Refrain übernimmt und mit ihrer Stimme den erhebendsten Moment des Albums erschafft. Hier klingt zum ersten Mal eine echte Aufbruchsstimmung an – laut und triumphierend. Die Hammond bleibt das dominierende Element, rumpelnd und drängend, als würde sie die Zweifel wegfegen. Später gesellt sich Bryans Gitarre dazu, fast schreiend, als ob sie das Leben in seiner ganzen Wucht zurückfordert. Die Naturbilder verstärken diese Atmosphäre: goldene Morgensonne, glühende Waldränder, Flügel, die sich für ein Abenteuer ausbreiten. Die Vergangenheit mag unwiederbringlich sein, doch hier beginnt etwas Neues, ein Lächeln in der Sonne – als hätte die Musik selbst das Licht zurückgebracht.
Mit Seawater (19:08) erreicht das Album seinen absoluten Höhepunkt – ein monumentales Werk, das sich in der Tradition von Sight of Day und White Rainbow bewegt und eine spirituelle Fortsetzung beider Stücke darstellt. Der Song ist deutlich dreigeteilt, beginnt sanft, steigert sich zu einem überwältigenden Mittelteil und findet schließlich in einem gewaltigen Finale seinen Abschluss. Die ersten Minuten gehören dem Klavier – eine fragile, fast schwebende Melodie, die von Olivias Stimme getragen wird. Es ist eine ruhige, melancholische Einleitung, in der bereits eine unterschwellige Dramatik mitschwingt. Doch langsam kommt der Song wirklich in Fahrt. Das Klangbild verdichtet sich, das anfängliche Solo-Piano weicht einem volleren Band-Arrangement, das nach und nach an Dynamik gewinnt. Hinter der scheinbaren Schönheit lauert eine düstere Bedrohung, die sich in den Lyrics widerspiegelt: „Die Sirenen mit Dolchen in den Augen, ziehen die Seefahrer nach unten und ertränken sie mit ihren Schreien.“ Dann, nach einem großen Gitarrensolo, kippt die Stimmung abrupt. Ein Sturm bricht los, das Meer tost, Donner grollt, Sirenengesang. Im Hintergrund erklingen ferne Seemannslieder – verzerrt und geisterhaft, als wären sie Überbleibsel einer versunkenen Welt. Immer wieder durchbrochen von Sirenengeheul, das sich unheilvoll durch die Szenerie schneidet. Dann folgt eine Sequenz, die White Rainbow fast eins zu eins aufgreift: Olivia spricht mit der Stimme von Mutter Natur – eine apokalyptische Ankündigung, eindringlich und kompromisslos. „Die Ozeane erheben sich. Welt-Tsunami!“ – „Ich bin gekommen, um dieses verrottete Land zu beanspruchen, dieses verrottete Land, nur second hand, um diese irdische Haut zu waschen und euren Zorn und eure Sünde zu verdammen.“ Es ist ein erschütternder Moment. Die Musik bäumt sich auf, das dynamische Schlagzeugspiel von Henry Rogers verstärkt die Spannung, sirrende Keyboards, flirrende Synthesizer und orchestrale Klangwellen treiben das Geschehen voran. Geflüsterte Worte: „Don’t Be scared – It’s Just A Dream“. Echolot – Piano, ein kurzes, eindringliches Solo von Iain Jennings bahnt sich seinen Weg durch das Chaos. Dann erhebt sich Bryan erneut – und rezitiert mit gespenstischer Stimme, während die Musik im Hintergrund immer rasanter wird:
„All deine Städte mit all deiner Geschichte. Alle deine Raketen tief in deinem Bauch. Doch eure sieben Weltwunder bedeuten mir nichts.“
Die gruselige Intensität steigert sich ins Unerträgliche, als er schließlich die letzten Zeilen herausstößt – „The last Drinks on me, just shut up and dieeee…“ geschrien wie von einem Wahnsinnigen. Ein letzter gewaltiger Sturm bricht los, dann – Stille.
Nur kurz, denn es setzt eine akustische Gitarre ein, zart, beruhigend. Olivia singt mit fast tröstender Stimme:
„Wir beteten um Regen, aber das Meerwasser kam vom Himmel, stürzte aus den Wolken – doch diesmal war es meilenweit zu hoch.“ Es ist ein Moment des Innehaltens, eine resignierte Erkenntnis. Das grandiose Finale beginnt: ein sich unaufhörlich steigerndes symphonisches Crescendo, lässt Erinnerungen an Steve Hacketts Shadow of the Hierophant aufleben. Die Klangmassen türmen sich auf, bis ein abrupter Schnitt alles verstummen lässt. Zurück bleibt nur eine einsame Klaviermelodie. Seawater, das beim ersten Hören vielleicht unscheinbar erschien, wächst mit jedem Durchlauf. Es ist eines der stärksten Stücke aus der Feder von Josh & Sparnenn – eine epische Klanglandschaft, die sich mit White Rainbow messen kann, auch wenn sie vielleicht nicht ganz dessen überbordende Intensität erreicht. Der Song endet wie die CD begann: Vogelgesang, das Summen von Insekten, der Kreislauf beginnt von vorn. Ein Schluss, der unausweichlich dazu auffordert, das Album erneut zu hören – diesmal mit neuen Ohren, mit erweitertem Bewusstsein.
Sprach ich anfangs von der limitierten Doppel-CD, so sei noch erwähnt, dass auf CD 2 mit 36 min. Spiellänge bei weitem nicht etwa Bonus-Songs und Füllmaterial zu finden sind, sondern echte Perlen, die dem Hauptalbum in nichts nachstehen. Connected, wir sind alle verbunden, ist ein beeindruckendes Stück – nicht zuletzt wegen eines außergewöhnlichen Echohall-Effekts, der am Ende ein besonders fesselndes Klangbild erzeugt. Whisky and the Golden Sun erinnert stilistisch an Lana Lanes Ghost Beside My Bed, wahrscheinlich wegen der ähnlichen Thematik und der melancholischen Atmosphäre. Winter Dreaming spielt mit dem Kontrast zwischen Kälte und Geborgenheit und vermittelt eine sanfte, fast träumerische Stimmung, wobei eine deutliche Reminiszenz an die eigene Vergangenheit zutage tritt – dieser „Hab ich doch schon mal gehört“-Effekt zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht, als begegnete man einem alten Bekannten. Man muss dazu nicht lange überlegen, White Rainbow heißt er.
300 Spartans greift die berühmte Legende von den 300 Spartanern auf, die für ihre Freiheit und Ehre kämpften, beginnt mit einem eindrucksvollen Stereoeffekt von Iain Jennings Keyboards, überhaupt ist der Song sehr ungewöhnlich flott rhythmisch und von perkussiven Keybords bestimmt. Der Text beschwört Zusammenhalt, Mut und Gemeinschaft – ein motivierender, fast martialischer Ton der sich auch in Yippie A.I. (7:50) fortsetzt, der Name könnte an eine fröhliche Westernballade erinnern, beschreibt aber das ganze Gegenteil. Die düstere Vorstellung einer Zukunft, in der die Menschheit von einer überlegenen künstlichen Intelligenz ersetzt oder gar ausgelöscht wird. Die KI, die ursprünglich zur Verbesserung des Lebens geschaffen wurde wird schließlich zu einem grausamen Herrscher, der die Menschheit als Bedrohung sieht und beseitigen wird. Dünnes Glockengeläut einer Beerdigung, der wiederholte Ausruf: „Oh Lord, what have we done?“ reflektiert die Reue und die Frage nach den Folgen menschlicher Schöpfung. Die Zeilen „Mother Nature, we’re down on our knees“ zeigen das verzweifelte Flehen der Menschheit, zurück zu einer natürlichen, ursprünglichen Ordnung zu finden, bevor es zu spät ist. Ein meisterhaftes Stück, das gleichermaßen fesselt und beunruhigt. We’ve Got To Be Something greift das ‚Be Something‘-Thema von CD 1 erneut auf, doch diesmal wird es flotter, lebendiger und mehr von Keyboards dominiert. Erst gegen Ende übernimmt Bryans Gitarre wieder die Führung, wobei sie unheimlich hoch und fast schrill klingt.
When the Sun Rises beginnt sanft mit dem beruhigenden Zirpen von Grillen, als würde die Natur den neuen Tag einläuten. Akustische Instrumente – ruhig und klar – begleiten das Erwachen der Hoffnung. Die Lyrics verkünden eine verheißungsvolle Botschaft: „Cause it’s gonna be a good day“ Ein Gefühl von Frieden und Erneuerung macht sich breit, das durch die poetischen Bilder des tiefen Sonnenaufgangs und des blauen Himmels verstärkt wird, der den Blick schärft und den Geist weitet. Der Song entfaltet sich zu einem versöhnlichen Höhepunkt und bildet einen perfekten Abschluss für die Bonus-CD – ein musikalischer Ausklang, der im Gegensatz zur Grundstimmung von Seawater Hoffnung und Optimismus in die Zukunft trägt.
Lassen wir am Ende Bryan selbst zu Wort kommen: „Seawater ist ein instinktives Album mit einer charismatischen Energie, die das Herz durchdringt und gleichzeitig erleuchtet, es aber am Ende völlig überwältigt – zweifellos ein massiver Sound.“ Das kann ich mit bestem Gewissen bestätigen, unbedingte Kaufempfehlung an alle, welche Mostly Autumn, die als die am meisten unterschätzte Band der Welt gelten, schon immer für sich zu schätzen wussten.
