Man kann schon von einer einer kleinen Tradition sprechen, wenn man das dritte Mal in Folge zum selben Festivaltyp fährt. Das seit 2024 stattfindende Midwinter-Festival glänzt als Eintags-Edition mit fünf Bands, die vom Veranstalter jedes Jahr mit Gefühl und Erfahrung gezielt ausgewählt werden. Etliche Kapellen reisen auch in diesem Jahr extra für den Auftritt in Utrecht an und spielen ein besonderes und auch für sie selbst unübliches Set. Das Besondere des Midwinter-Festivals ist aber auch das Datum inmitten der tristen Winterzeit. Dieses Paket spricht sich langsam unter den Fans herum: 2026 treten erstmalig etliche befreundete deutsche Musikfans mit uns die weite Reise nach Utrecht an. Rob Palmen, Veranstalter des Festivals, teilt uns im Foyer freudestrahlend mit, dass das TivoliVredenburg heute zum ersten Mal ausverkauft ist. Beste Voraussetzungen also, um es mit Freunden und tollen Bands wieder einmal richtig krachen zu lassen.

Ihlo
Als um 13.30 Uhr alle ihren Platz im Rund des TivoliVredenburg gefunden haben, beginnt der Reigen pünktlich mit Ihlo. Auch wenn die jungen Briten bereits 2019 ihr Debüt „Union“ veröffentlichen, kommt ihre Karriere erst jetzt richtig in Schwung. Der Nachfolger „Legacy“ erscheint im August 2025. Außer Einzelkonzerten hier und da waren Ihlo noch nirgends groß zu sehen; aktuell sind sie als Support für Leprous und Between The Buried And Me unterwegs und machen damit gerade die erste größere Runde durch die europäischen Prog-Schuppen. Uns gefällt der rhythmisch variable und energiegeladene Prog-Metal mit guten melodischen Strukturen in den Songs, der gleich jetzt beim Opener rüberkommt.

Das Licht ist variabel, wirkt überwiegend von hinten und unterstützt die Jungs richtig gut. In der Mitte der Bühne steht ein Podest, welches schon für den heutigen Headliner Leprous mit Aufbauten für Keyboards, Schlagzeug und Licht vorbereitet ist. So ergeben sich teils eigenartige Präsentationen der anderen Bands; zumeist steht das Schlagzeug links vor diesem Podest. Platz ist genug vorhanden, also kein Problem. Ihlo nutzen dieses Podest und gehen zum Posen auch mal die Treppe hoch. Uns überzeugen die jungen Briten vollends. Ihren finalen Song „Legacy“ performen sie nur heute mit Unterstützung von Romain Jeniaux. Ihlo ist die einzige Band des Festivals, die später keine extra ausgewiesene Signing-Session hat. Sie stellen sich dafür aber einfach an ihren Merch-Stand, freuen sich über die vielen Interessenten an ihrem Material und stehen dort ihren neuen Fans Rede und Antwort.


Setlist
Haar
Replica
Source Wraith
Starseeker
Cenotaph
Union
Legacy
Green Carnation
Älteres Fachpublikum erinnert sich an diese norwegische Band, die Anfang der 2000er beim deutschen Label Prophecy Records unter Vertrag stand und auf ihrem zweiten Album mit dem 60-minütigen Track „Light Of Day, Day Of Darkness“ das längste Einzelstück in der Geschichte des Prog-Metal veröffentlicht. Nach der zeitweisen Auflösung von Green Carnation in den Jahren 2007 bis 2014 greifen sie aktuell eindrucksvoller denn je in die Szene ein.

Zwischen ihren zwei intensiven und hochpersönlichen Alben „The Dark Poem Part I“ (veröffentlicht im September 2025) und „The Dark Poem Part II“ (Veröffentlichung angekündigt für den 3. April 2026) werden die Schwermetaller für ihren Gig heute aus ihrer südnorwegischen Heimatstadt Kristiansand nach Utrecht eingeflogen. Sie spielen ebenfalls ein besonderes Set: „The Dark Poem Part I“ wird komplett präsentiert, ergänzt durch die Live-Weltpremiere von „Sanguis“ vom neuen Album „The Dark Poem Part II“.

Green Carnation kleckern nicht – sie klotzen. Mit einer siebenköpfigen Band inklusive drei Gitarren stehen sie auf der Bühne. Einheitlich schwarze Hemden als Auftrittskleidung sind sicher auch kein Zufall. Imposant wie der letzte Wikinger steht dabei Sänger Kjetil Nordhus im Mittelpunkt: barhäuptig, mit langem grauen Vollbart und kräftiger Statur. Genau wie er wirkt die Musik: großer, weiter Prog-Metal als schwerer, düsterer Fels für die Sinne. Sie klingen weniger vertrackt als zuvor Ihlo, haben aber eine große Wucht, die sie auf das Publikum loslassen. Das Ganze ist höchst beeindruckend und muss dann erst einmal mit einem Pausenbier verarbeitet werden.

Setlist
As Silence I Took You
In Your Paradise
Me, My Enemy
The Shores Of Melancholia
Too Close To The Flame
The Slave That You Are
Sanguis

Pure Reason Revolution
Die Beziehung der niederländischen Fans zu Pure Reason Revolution scheint eine besondere zu sein. Nach ordentlichen Erfolgen in der Prog-Szene gibt die Band 2011 ihre Auflösung bekannt. Genauso überraschend wie ihr Verschwinden ist ihr Reunion-Konzert im Juni 2019 auf dem Midsummer-Festival in Valkenburg, dessen Zeuge wir damals ebenfalls sind. Die Niederländer zeigen sich begeistert. Das motiviert Jon Courtney und Kollegen damals zum Weitermachen. Inzwischen sind fast sechs Jahre vergangen, und die Szene ist um drei interessante Alben der Band reicher. Ihr Debüt-Album „The Dark Third“ aus dem Jahr 2005 spielte für die Fans und auch für die Band selbst über die Jahre immer eine besondere Rolle. Aktuell ist Pure Reason Revolution unterwegs, um in einer fünf Konzerte umfassenden Mini-Tour das 20. Jubiläum dieses Albums mit ihren Fans zu feiern. Der Gig heute in Utrecht stellt dabei den Auftakt dieser Mini-Tour dar.

Als durchaus spannend kann man die Besetzung beschreiben, die auf der Bühne steht. Chloe Alper, Gründungsmitglied, Sängerin und Multi-Instrumentalistin, stieg irgendwann nach 2020 aus und wurde durch Annicke Shireen ersetzt. Auf den aktuellen Konzerten sind überraschenderweise beide Frauen an Bord! Klar bilden Jon Courtney und Greg Jong das musikalische Herz der Band, aber den Frauen gebührt die besondere Aufmerksamkeit des Publikums. Zurück zu den Niederländern: Sie feiern Pure Reason Revolution und sind auch heute von dem Konzert begeistert. Wir allerdings zucken wie 2019 in Valkenburg mit den Schultern; uns erreicht der eher einfache Elektronik-Pop-Prog von „The Dark Third“ erneut nicht. Dies steht übrigens im Gegensatz zur veränderten Musik der drei neueren Alben. Da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind und das Publikum glücklich und zufrieden ist, haben die Band und der Veranstalter alles richtig gemacht.




Setlist
Aeropause
Goshen´s Remains
Apprentice Of The Universe
The Bright Ambassador Of Morning
Nimos & Tambos
Voices In Winter / In The Realms Of The Divine
Bullitts Dominae
Arrival /The Intention Craft
He Tried To Show Them Magic!/Ambassador´s Return
Ghosts &Typhoons
Deus Ex Machina
Fight Fire
Gazpacho
Die verrückteste Geschichte des gesamten Festivals ist dieser Gig von Gazpacho. Der Sänger Jan Henrik Ohme verkündet gleich am Anfang auf der Bühne, dass das Konzert bereits zweimal im Laufe des Tages von der Band abgesagt wurde, womit sie beim Cheforganisator Rob Palmen für ein kreidebleiches Gesicht sorgen mussten. Der Flug des Bassisten Kristian Torp ist witterungsbedingt gecancelt. Das kann leider passieren, wenn man mitten im Winter eine Band aus Norwegen Just-in-time einfliegen läßt. Aber wie soll man unvorbereitet ohne Bassisten spielen? Kristian hat von zu Hause aus die Idee, schlicht und schnell die gesamte Basslinie des geprobten Konzertes einzuspielen und die Dateien nach Utrecht zu schicken, damit diese dann auf die Backline gelegt werden können. Das Konzert scheint gerettet. Im Konzert ist Jan Henrik hier und da sichtlich amüsiert, die ihm vertrauten Basslinien intensiv zu vernehmen, ohne seinen Musikerkollegen auf der Bühne zu entdecken.

Doch damit sind die Probleme noch nicht beseitigt: Kristian hat die gesamte In-Ear-Monitor-Technik der Band bei sich. Ohne Monitor-Technik ist für keine Band ein Konzert spielbar. Allerdings kann diese Technik durch die Kontakte des Veranstalterteams kurzfristig lokal beschafft werden.


Okay, nun alle mal kräftig durchschnaufen und die Musik genießen. Und die hat es heute wirklich in sich. Das aktuelle Gazpacho-Album „Magic 8-Ball“ gilt für manchen Konsumenten als Geheimtipp unter den besten Alben des Jahres 2025. Etwa die Hälfte des Gigs nehmen die vier davon ausgewählten Songs ein. Wir lauschen den bewährten Stilmitteln der Band: getragener Sound zum Genießen, progressiv-melodische, aber unrunde Songstrukturen sowie eine teils kräftige Dynamik mit ordentlichem Wumms vom Schlagzeug an exponierten Stellen.


Alles steht aber im Schatten dessen, was nun am Ende des Konzertes passiert. Ich muss zurückspringen in das Jahr 2009: Das erste Mal beim „Night Of The Prog“ ließen mich Gazpacho nach dem kompletten Abspielen ihrer Alben „Tick Tock“ und „Night“ (mitgeschnitten und später auf DVD veröffentlicht) emotional überwältigt und sprachlos zurück. Dieses Konzert hallt damals Jahre nach. Dass ich 20 Minuten „Tick Tock“ noch einmal live im Konzert erleben darf, habe ich mir in den kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Das 20-minütige Auf- und Abschwellen der Musik um dieses Ticken begeistert nicht nur mich. Einspiel-Videos unterstützen dieses hoch-emotionale Szenario.

Fans fallen sich nach dem Konzert, bewegt von dieser hochemotionalen Achterbahnfahrt, in die Arme. Auch wenn gleich Leprous definitiv liefern werden – wir haben soeben das Highlight des Festivals erlebt.
Setlist
We are Strangers
Soyuz One
Golem
Gingerbread Men
Magic 8-Ball
Upside Down
Sky King
Tick Tock Parts 1-3
Leprous
Die norwegischen Prog-Metaller von Leprous befinden sich seit einigen Jahren in einer eigenen Liga. Die Musik und die Live-Performance heben sich klar von der breiten Masse anderer Bands ab. Unvergessen ist mein erstes Leprous Konzert im November 2013 vor 25 anwesenden Zuschauern, in welchem die gleiche Energie von der Bühne herabstrahlte wie heute, wenn sie als Headliner 1600 Leute im Rund des TivoliVredenburg beherrschen. Dieses Gefühl bekommt man, wenn die Jungs auf ihren Podesten am Bühnenrand stehen und ihre Emotionen und Energie in den Saal werfen. Der hohe, präzise und ausdrucksstarke Gesang von Einar Solberg sucht seinesgleichen in der Szene. Er hat eine enorme Entwicklung durchlaufen. In den ersten Jahren stand er immer etwas schüchtern zentral hinter seinem Keyboard und wußte nicht, wohin mit seiner Energie. Offen spricht er vor einigen Jahren in den sozialen Medien über seine Depression. Heute hilft er nur noch ab und zu hinten an den Tasten aus, konzentriert sich voll auf seinen Gesang, springt herum, moderiert und scherzt sogar mit dem Publikum.

Heute fällt das besonders auf, als er (scheinbar?) das Publikum zweimal über den nun zu spielenden Song abstimmen lässt. Das Publikum ist amüsiert und letztlich begeistert, als die Band den Pop-Welthit „Take On Me“ ihrer Landsleute von a-ha in ureigenster Manier als Prog-Metal-Monster-Werk performt. Natürlich muss noch Drummer Baard Kolstad herausgestellt werden. Heute ist er rechts auf dem beschriebenen Podest positioniert – also alle im weiten Rund sehr gut zu sehen. Für uns ist er einer der absoluten Top-Drummer überhaupt. Aktuell gibt er sich gar nicht mehr die Mühe, seinen Oberkörper zu bedecken und ihn erst in der Konzertmitte vom Hemd zu befreien – er lässt dieses Hemd gleich zu Konzertbeginn in der Garderobe.

Neben seiner Genialität wirkt er so wie ein Tier an den Fellen und trägt zur enormen energetischen Wirkung der Show bei. Wie gesagt: Leprous liefern, und wie. Als genialer Schlusspunkt ist der instrumentale Schlussteil von „The Sky Is Red“ gewählt: lang, hypnotisch und rhythmisch vertrackt wird er mit unglaublicher Energie gespickt vorgetragen. Dem Publikum, welches diese Energie nun aufgenommen hat, fällt es schwer, diese selbst wieder abzubauen. Und es fällt ihm schwer zu begreifen, dass das Festival nun schon zu Ende ist.

Setlist
Silently Walking Alone
Illuminate
Nighttime Disguise
My Specter
Below
Take On Me (a-ha – Cover)
Alleviate
The Price
Like A Sunken Ship
Forced Entry
Slave
Distant Bells
From The Flame
Zugaben
Atonement
The Sky Is Red
Fazit
Statistiker resümieren für das Festival drei Prog-Metal-Acts sowie drei norwegische und zwei britische Bands. Trotzdem empfinden wir das Festival als musikalisch ausgewogen, denn zum Beispiel die drei Prog-Metal-Acts verfolgen doch recht unterschiedliche musikalische Ansätze. Zum ersten Mal findet 2026 ein kleines Rahmenprogramm mit zusätzlich zwei kleinen Konzerten in den Umbaupausen statt. Marcel Singor und Kristoffer Gildenlöw sind angekündigt. Wir wollen zu Kristoffer Gildenlöw, allerdings suchen wir den Spielort in einer Ecke eine Etage höher recht lange, sodass das kurze Konzert schon halb vorbei ist, als wir ankommen. Suchen muss man auch die Schlange für die angekündigten Autogrammstunden und den Band-Merch. Den Verkaufsstand für die Festivalartikel finden wir gar erst unmittelbar nach Ende des letzten Konzertes. Dies ist anders als in den Editionen davor, und wir finden die gewählten Orte für diese Dinge als nicht glücklich gewählt. Ja, die Pläne von Merch, Signing-Sessions und Rahmenprogramm sind auf den Bildschirmen im Haus abgebildet, allerdings nicht permanent, sondern als laufendes Bild. Auch der Online-Ticketkäufer hat die betreffenden Infos im Posteingang. Trotzdem wäre es hilfreich gewesen, z. B. Flyer mit diesen Plänen am Eingang auszulegen, damit man als Fan weniger umherirren muss und seine Zeiten in den Pausen besser nutzen kann. Hier sehen wir nach der 2026er-Edition Optimierungsbedarf.
Die Umbaupausen sind mit 45 Minuten von Band zu Band eigentlich recht lang. Trotzdem ist die Zeit kurz, wenn man zwischen Bier und Gastronomie, zwischen Merch und Rahmenprogramm pendelt. Entsprechende Angebote gibt es jedenfalls zuhauf. Ein Schwatz mit Musikfreunden, die man selten trifft, oder gar mit heute aufgetretenen Musikern im Foyer lässt vergessen, dass das nächste Konzert schon wieder anfängt. Der Tag vergeht wie im Flug, und man will nach den Konzerten eigentlich das Haus nicht schon wieder verlassen. Die Tradition Midwinter-Festival wird fortgesetzt; der nächste Termin ist für den 30. Januar 2027 bereits angekündigt. Anwesende Freunde berichten bereits, das Ticket für diesen Tag schon erworben zu haben, ohne dass es bereits einen Hinweis auf die dort spielenden Bands gibt. Das ist eigentlich das größte Lob, welches ein Veranstalter für sein Festival bekommen kann. Auch wir haben den Termin bereits in unseren Kalender eingetragen und sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch im kommenden Jahr wieder an Bord.
