Vorwort
Nachdem der Progressive Rock in den 1980er-Jahren praktisch tot ist, gibt es um 1995 eine knappe Handvoll Bands, die ihre verrückten musikalischen Ideen auf ein Album bannen – mit dem vollen Risiko, damit auch unterzugehen. Unerwarteterweise treffen sie damit einen Nerv des Publikums: Der Progressive Rock ist wiedergeboren. Eine dieser Bands ist damals Spock’s Beard. Ihre Art, Musik zu machen und diese auf der Bühne zu präsentieren, ist bis heute in der Szene ziemlich einzigartig. Das zeigt sich darin, dass sich im Vergleich zu anderen namhaften Musikvereinigungen der Szene trotz ihres Legendenstatus kaum nennenswerte Nachahmer dieses Stils finden. Neben vielen anderen Höhepunkten in der inzwischen über 30-jährigen Bandgeschichte ist die Aufführung ihres Albums „Snow“ auf dem „Night Of The Prog Festival“ 2016 mit allen ehemaligen Bandmitgliedern vielleicht das Highlight in der Geschichte von Spock’s Beard überhaupt. Nicht nur ich bezeichne dieses Ereignis als das beste Konzert aller Zeiten, das es in all den Jahren gegeben hat.

Nicht jedes ihrer Alben ist ein Knaller. Auch personell gibt es über die Jahre einige markante Einschnitte, von denen der völlig unerwartete Weggang von Neal Morse im Jahr 2002 der tiefste ist. Mit dem 13. Studioalbum „Noise Floor“ aus dem Jahr 2018 ist die Band nicht wirklich zufrieden. Nach der Tour mit den Flower Kings im Dezember 2018 (die ihrerseits zur Wiedergeburt der Flower Kings führt – aber das ist eine andere Geschichte) und insbesondere der Gründung von Pattern-Seeking Animals – einer Band mit drei aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Spock’s Beard sowie deren Kreativkopf John Boegehold – meint man, die Geschichte der Band sei geschrieben. Doch erneut packt man die Gelegenheit am Schopfe und bucht im Januar 2024 eine kleine Tour durch Großbritannien mit abschließendem Auftritt beim Midwinter Festival in Utrecht. Die Begeisterung, die ihnen hier entgegenschlägt, motiviert dazu, doch noch einmal an den Start zu gehen.

Im November 2025 erscheint dann etwas unerwartet ihr 14. Studioalbum „The Archaeoptimist“. Die Musik begeistert die Fans vor allem deshalb, weil sie voll in der Tradition der klassischen Spock’s Beard steht. Im Februar 2026 kommt die Band nun noch einmal für eine knappe Tour nach Europa. Elf Konzerte in fünf Ländern stehen auf dem Programm, von denen wir aufgrund der Umstände zwei besuchen können. Am Anreisetag zum 2026er Midwinter Festival in Utrecht (Bericht könnt ihr hier bei Stone-Prog nachlesen) fahren wir nach Uden, am Rückreisetag, gewissermaßen ebenfalls auf der Strecke, nach Markneukirchen.

Die Spielorte
In der Kleinstadt Uden finden wir den urigen Klub „De Pul“ in einer typisch niederländischen Wohngegend. Die Halle hat einen guten Namen; vieles, was in Prog und Rock Rang und Namen hat, macht hier halt. Professionell eingerichtet und kompakt gebaut mit einem großen Balkon fürs Publikum, können wir uns gar nicht vorstellen, dass der Laden mit 500 verkauften Tickets noch nicht ausverkauft sein soll. Der Klub hat alle Voraussetzungen, eine verschwitzte und hitzige Atmosphäre für ein Rockkonzert zu schaffen, in der es die Band gemeinsam mit dem Publikum krachen lassen kann. So empfinden wir die Konzertstimmung hier auch als besser, obwohl die Anspannung im ersten Konzert der Tour zu spüren ist und auch einige technische Kleinigkeiten für Probleme sorgen, was einem großartigen Konzertabend aber keinen Abbruch tut.

Markneukirchen liegt im südlichsten Zipfel von Sachsen, einen Steinwurf von der tschechischen Grenze entfernt. Warum Markneukirchen? Das fragen sich sicher unzählige jahrzehntelange Fans der Band in unmittelbarer Nähe namhafter Prog-Clubs nicht nur in Deutschland, die leer ausgegangen sind. Band und Veranstalter geben uns hierzu unterschiedliche Statements. Während Dave Meros auf Zufall und Umstände verweist (freier Termin, finanzielle Einigung), freut sich der Geschäftsführer der Musikhalle Markneukirchen, Andre Czinkewitz, uns von den Besonderheiten der Location zu erzählen: Die gewünschten Technik-Rider der Bands werden immer zu 100 % erfüllt, und die lokale Gastronomie erfüllt in vogtländischer Manier gern alle individuellen Wünsche der Künstler, weshalb sich hier Kulturschaffende aller Art wohlfühlen. Veranstaltungen jeder Couleur finden hier statt; Schlager-, Volksmusik- und Comedy-Plakate versuchen zum Ticketkauf zu motivieren. Die Spielstätte ist eine Multifunktionshalle; die Bereiche sind notdürftig voneinander abgehangen. Vergessen darf man aber auch nicht, dass in dieser Provinz das Herz des Musikinstrumentenbaus schlägt und entsprechend auch Geld in der Kommune vorhanden ist. Vor elf Jahren haben Spock’s Beard genau hier schon einmal ein Konzert gegeben, und Dave Meros schwärmt noch heute von der damaligen lokalen Werksführung bei Warwick, deren Bass er bis heute spielt.

Die Band hat hier mehr Mühe, sich ihr Publikum zu erspielen. Das liegt wesentlich an der Halle, die deutlich größer ist, in der sich die reichlich 200 Konzertgäste jedoch etwas verlieren. Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Wahl der Lichtshow mit unruhigem Licht von hinten und wenig Spots von vorn nicht glücklich gewählt scheint. Wie auch immer: Die Leute äußern sich nachher auch hier begeistert und glücklich über ein rundum zufriedenstellendes Konzert.
Die Konzerte
Spock’s Beard sind in der alten Klasse wieder da und begeistern viele Fans, die die Kapelle teilweise viele Jahre nicht mehr gesehen haben. Vor allem Alan Morse zieht die Aufmerksamkeit auf sich, wenn er mit großen Gesten und Grimassen zwischen seinen Bandkollegen pendelt und sich dabei die Gitarre vom Körper reißt. Ryo Okumoto, beim aktuellen Album erstmals kreativer Kopf des Ganzen, scheint älter geworden zu sein: Er konzentriert sich im Gegensatz zu früher mehr auf das Musizieren. Den Spaßvogel mimt er zumindest auf der Bühne deutlich seltener als früher. Seine Keyboard-Burg ist auf zwei Manuale geschrumpft. Geblieben ist natürlich das Leslie für einen großartigen Hammond-Klang. Nick Potters, der Neue am Schlagzeug, macht seine Sache hervorragend, aber eher still und der Musik dienlich. Damit beobachten wir eine neue spannende Bühnenstruktur: Ted, Ryo und Alan vorn machen die Show, während Dave (wie üblich großartig hörbar, aber optisch unauffällig) hinten links und Nick rechts daneben an Bass und Schlagzeug im Hintergrund das Fundament der Musik liefern.


Die Setlist ist bei beiden Konzerten deckungsgleich. Klar ist es schwierig, die Stücke aus 14 Studioalben für die zwei Stunden Konzert auszuwählen und dabei noch das neue Album in den Mittelpunkt zu stellen. Wir finden aber, dass dies hervorragend gelungen ist. Zu Beginn überraschen uns die Bärte gleich mit dem viertelstündigen „At The End Of The Day“ und damit einem der besten Songs der gesamten Bandgeschichte, um danach sofort nahtlos in den Opener des aktuellen Albums „The Invisible“ überzugehen. Dies kennzeichnet das gesamte Set: Die Stücke von „The Archaeoptimist“ stehen ohne Reibungspunkte neben den alten Bandklassikern in einem strukturell runden Konzert.


Alle Register ziehen Spock’s Beard bei der Zugabe „Go The Way You Go“. Bereits 2024 in Utrecht steht das Stück auf der Setlist und wird damals wie heute etwas aus dem Schatten des übergroßen Stückes „The Light“ herausgeholt (beide vom ersten Album der Bärte). Ted Leonards Gesang ist jenseits jeder Kritik; seine hohe, präzise und intensive Stimme überzeugt vollends. Ihn selbst belustigt wohl am meisten die Szene, als er in Markneukirchen einmal für seine Gitarrenarbeit sein Mikrofon auf dem Keyboard ablegt, dies vergisst und den leeren Mikrofonständer ansingt. Er ist auch heute der große Multiinstrumentalist in der Band. Während er uns vorher bereits mit ein zwei Soli gezeigt hat, dass er auch ein großartiger Gitarrist sein kann – und Alan Morse dies mit seinem besonderen Gitarrenspiel konsequent ohne Plektrum in fast jedem Song untermauert –, brillieren gegen Konzertende Nick Potters an den Drums und Ryo Okumoto an der Keytar mit richtig geilen Soli. Letzteren flankieren dann zum instrumentalen Schluss-Ballett noch Ted Leonard und Alan Morse. Schöner kann ein Prog-Rock-Konzert nicht sein.

Fazit
Nach beiden Konzerten geben sich die Jungs volksnah, unterschreiben alles, was der Fan möchte, und stehen für jedes Foto bereit. Hier ist auch Ryo dann wieder mit breitem Grinsen an Bord und für jedes Späßchen zu haben. Natürlich sind in Markneukirchen aufgrund weniger Leute die Umstände deutlich besser, um in Ruhe mit den Jungs entspannt ins Gespräch zu kommen. Spannend bleibt zu beobachten, ob und wie es mit Spock’s Beard nun weitergeht. Die Konsequenz der Absagen in den sozialen Medien, beispielsweise in den USA mit diesem Album zu touren oder zeitnah eine weitere Europa-Tour zu planen, lässt nichts Gutes ahnen. Dave Meros feiert hier in Markneukirchen seinen heutigen 70. Geburtstag. Er genießt die Gratulanten und ein kleines Ständchen aus dem Publikum, will dies aber nicht groß feiern. Alan Morse und Ryo Okumoto sind ebenfalls nicht mehr weit von diesem Datum entfernt. Wir können uns gut vorstellen, dass die in den sozialen Netzwerken spürbare Werbung um jeden Ticketkäufer zur Finanzierung der aktuellen Tour mürbe macht. Wie auch immer: Spock’s Beard haben sich in den Jahrzehnten immer wieder als Stehaufmännchen gezeigt. Ted Leonard meint im aktuellen Interview hier für STONE PROG, dass bereits wieder an neuen Songs geschrieben wird. So hoffen wir, auch weiterhin Konzerte dieser Prog-Rock-Legende voller Spielfreude und Spaß erleben zu dürfen.
Setlist
1. At The End Of The Day
2. Invisible
3. Crack The Big Sky
4. Electric Monk
5. On A Perfect Day
6. The Archaeoptimist
7. Walking On The Wind
8. Next Step
Zugabe
9. Go The Way You Go
