Review II: Flying Circus – The Eternal Moment (2025)

Kann ein Moment zur Ewigkeit werden? Nun, wenn man ein Gespräch mit den Toten sucht, vielleicht schon. So jedenfalls beginnt das neue Werk von Flying Circus, das auf den schlichten, aber doppeldeutigen Titel The Eternal Moment hört. Schon der zu Beginn düstere Eröffnungstrack A Talk With The Dead (8:17) lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Band auch im 35. Jahr ihres Bestehens nicht nur auf bewährte Formeln beschränkt. Keyboard-Läufe und Gitarrenlinien verweben sich zu einem epischen Klangbild, pastorale Sequenzen, die jedem frühen YES Album zur Ehre gereicht hätten, verleugnen ihre Wurzeln im klassischen Progressive Rock nicht und wirken doch modern, frisch und lebendig.

Tracklist

01. A Talk With the Dead 8:17
02. Green 4:44
03. A Sweet Thing Called Desire 5:44
04. And You Run 5:58
05. Pilikua Akahai 3:10
06. What Remains 4:04
07. And You Rest 2:29
08. Movie Moments 7:51
09. The Time Machine 6:16
10. Bonus Track: The Dancing Stone 6:06

Die aktuelle Besetzung – Michael Dorp (Gesang), Michael Rick (Gitarre), Rüdiger Blömer (Keyboards, Violine), Ande Roderigo (Schlagzeug) und Roger Weitz (Bass) – agiert dabei so perfekt eingespielt, als hätten sie die letzten Jahrzehnte ausschließlich im Proberaum verbracht. Aufgenommen wurde The Eternal Moment in den legendären Dierks Studios in Stommeln, wo schon manch klangliches Schwergewicht seine Spuren hinterlassen hat. Das Resultat ist eine Platte, die sowohl ihre Vergangenheit respektiert als auch selbstbewusst nach vorn schaut. Michael Dorp mit seiner markanten Stimme in der Schnittmenge zwischen Geddy Lee, Robert Plant und Steve Marriot, besitzt diese Mischung aus kraftvoller Höhe, leicht rauem Timbre und doch mit dieser Spur spröder Emotionalität, ohne je ins Theatralische zu kippen.

Green (4:43), eine Hookline, die sofort ins Ohr geht, besonders getragen durch das veritable Bassspiel von Roger Weitz, der auf Eternal Moment mit 74 Jahren seine Abschiedsvorstellung gibt und den Staffelstab seit Oktober 2025 an Dietmar Berteld weitergegeben hat.

A Sweet Thing Called Desire (5:44) kraftvolle Drum-Breaks treffen auf härtere Gitarrenriffs, A Capella Parts wechseln zwischen klassischem Hard- und Artrock, mit Anklängen an Rush, Kansas und frühe Saga, Inhaltlich kreist der Song um körperliches Verlangen, entsprechend steigert sich die Musik Schicht für Schicht, bis sie in ein Finale mündet, in dem sich Sprache weitgehend auf vokale Ausrufe reduziert. Die wiederkehrenden „A sweet thing“-Chorpassagen und die aaahs und uuuhs am Schluss wirken wie das klangliche Abbild eines ekstatischen Höhepunkts.

And You Run (5:55), beginnt mit einer beinahe Stairway to Heaven-artigen Atmosphäre, bevor sich der Song in leicht folkige Passagen öffnet. Hier sorgt Rüdiger Blömer an Tasten und Violine für eine fast schwebende Leichtigkeit, während Michael Rick an der Gitarre zwischen elegischem Melodiespiel und kraftvoll-eingängigen Riffs pendelt.

Hinter dem zunächst rätselhaften Name Pillikua Akahai (3:11) verbirgt sich ein Instrumentaltitel mit filigranen Arrangements, Akahai ist hawaiianisch und bedeutet Sanftmut oder Zärtlichkeit, ein Ruhepunkt in der Mitte des Albums. Der Name stammt aus dem Hawaiianischen: Pilikua bedeutet „Riese“, Akahai „Sanftmut“. Der „Sanfte Riese“ also – ein liebevoller Hinweis auf die musikalische Inspiration durch Gentle Giant, Und genau das ist kein Zufall, denn das Stück ist hörbar von jener legendären Band beeinflusst. Ursprünglich trug es jahrelang tatsächlich den Arbeitstitel Sanfter Riese, doch um die Referenz nicht allzu direkt wirken zu lassen, ließ man den Namen in verschiedene Sprachen übersetzen – das Hawaiianische klang am schönsten und erhielt somit den Zuschlag.

What Remains (4:03) – Was bleibt – bündelt das Thema des Konzeptalbums in Reinform – Leben, Sterben, Erinnern und Loslassen, gewidmet all denen, die diesen Pfad bereits beschritten haben, ein menschlich berührendes Werk, das mit jedem Durchlauf wächst. Instrumental brilliert Rüdiger Blömer mit einem total abgefahrenen Lauf auf der Violine, bevor Michael Rick an der Gitarre übernimmt, dessen Solo in einzelnen Takten an die Hochgeschwindigkeitssequenz von Ritchie Blackmore in „Highway Star“ erinnert. Kurz Stille, dann ein Schrei …und weiter geht der wilde Ritt. Lediglich das abrupte Ende verstört etwas. Nach diesem Parcours braucht es dringend eine Verschnaufpause.

 And You Rest (2:26) passt perfekt in die Dramaturgie des Albums, eine instrumentale Reprise zu And You Run und eine Mandoline, gespielt von Roger Weitz, hört man im Rock Kontext ja auch eher selten.

Movie Moments (7:51) wirkt statisch, wie ein in den Raum gestellter Monolith, dessen hypnotischer Mittelteil erst unterm Kopfhörer seine Wirkung entfaltet. In jener Phase verlieren sich Rhythmus und Melodie, als würde die Zeit kurz ausgesetzt werden.

Mit Time Machine (6:23) nähern wir uns dem Höhepunkt des Albums, ein Stück voller Bewegung und Dynamik, getragen von mitreißenden Instrumentalpassagen und einer Atmosphäre, die an Birth Controls legendäre Backdoor Possibilities erinnert. Spätestens hier fällt ein weiterer Vergleich zu Michael Dorps Stimme ein, Bernd Noske. Im Finale wird der Song von einer  echten Kirchenorgel gekrönt – wuchtig, raumgreifend, und zugleich von einer Größe, die man so heute kaum noch hört. Zeitmaschine – alle ewigen Momente sind hier – mögen sie das sein, was bleibt.

The Dancing Stone (6:03) ist ein vielschichtiger Song mit prägnanten Basstönen, und greift jenes Dancing Stone-Paradox auf – das Phänomen, dass der Ort, aus dem man stammt, in einem weiterlebt, selbst wenn er längst nicht mehr Lebensmittelpunkt ist. Er wirkt hier keineswegs wie Füllmaterial und darf dennoch nur als Bonustrack auf der CD tanzen.

The Eternal Moment erscheint neben der regulären CD auch in zwei limitierten persönlichen Editionen („Eternity“ und „Personal Moments“), deren Inhalte in einem kurzen Video vorgestellt werden:

Darüber hinaus gibt es das Album auch als Vinyl-Version im Gatefold-Cover, mit erweitertem Artwork von Danny Rafaniello: gestapelte Polaroids der Bandmitglieder vor Kulissen diverser Lost Places, dazu rätselhafte tierische Motive wie ein überdimensionierter Kolibri und ein der Badewanne entschwebender Oktopus – surreal, poetisch, ein wenig entrückt, wie die Musik selbst..

Mit The Eternal Moment legen Flying Circus ein bemerkenswert reifes Werk vor, das den Blick in die Endlichkeit wagt – ohne Pathos, aber mit viel Seele Vor fünf Jahrzehnten wäre man mit so einem Album wohl in die Rockgeschichte eingegangen. Heute muss man hoffen, dass die Welt überhaupt noch hinhört.

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