Review: NMB – L.I.F.T. (2026)

Als im Herbst 2023 die Nachricht einschlug, dass Mike Portnoy zu Dream Theater zurückkehren würde, saß der Schock tief – nicht nur bei der Neal-Morse-Gemeinde. Für viele schien damit auch das Schicksal der Neal Morse Band besiegelt. Portnoy zurück bei seiner „Stammband“, die Prog-Welt elektrisiert – und die NMB? Geschichte?

Zumal Neal Morse keineswegs stillstand. Der notorisch umtriebige Multiinstrumentalist versammelte jüngere Musiker um sich, arbeitete mit Mitgliedern von The Resonance, nahm No Hill for a Climber auf und ging 2025 mit neuem Line-up auf Tour. Alles deutete auf einen klaren Schnitt hin. Das Kapitel Neal Morse Band schien abgeschlossen.

Tracklist

1. Beginning (6:48)
2. Fully Alive (5:02)
3. I Still Belong (3:33)
4. Gravity’s Grip (2:03)
5. Hurt People (8:05)
6. The Great Withdrawal (5:08)
7. Contemplation (2:20)
8. Shame About My Shame (5:51)
9. Reaching (7:32)
10. Carry You Again (5:02)
11. Shattered Barricade (1:26)
12. Fully Alive, Pt. 2 (6:19)
13. Love All Along (11:19)

Doch nun die Überraschung: Portnoy ist für Morse eben nicht „verloren“. Trotz Hauptamt bei Dream Theater bleibt Raum für Neals Herzensprojekt. Mit Bill Hubauer, Randy George, Eric Gillette und Portnoy ist die NMB wieder komplett – und meldet sich mit L.I.F.T. als eine bemerkenswerte Rückbesinnung zurück. Mit Neal Morse und Mike Portnoy steht faktisch die halbe Besetzung von Transatlantic im Studio. Dass Roine Stolt hier fehlt, fällt weniger ins Gewicht, als man zunächst vermuten könnte: Eric Gillettes Gitarrenarbeit ist technisch wie klanglich absolut auf Augenhöhe – präzise, melodisch, zugleich druckvoll. Auch stimmlich ist er seit Jahren so eng an Morse herangerückt, dass sich ihre Stimmen stellenweise kaum unterscheiden lassen.

Gerade im kompositorischen Gefüge wird deutlich, wer bei Transatlantic stets als Hauptarchitekt fungierte. Die harmonischen Wendungen, die hymnischen Refrains, die dramatischen Spannungsbögen tragen unverkennbar Morses Handschrift. Portnoys Schlagzeugspiel setzt dabei nicht nur Akzente, sondern strukturiert die Dynamik mit der ihm eigenen Mischung aus Energie und Detailverliebtheit.

Auffällig ist die Balance zwischen kammermusikalischer Reduktion und progtypischem Bombast. Zarte Keyboardflächen, akustische Instrumente, intime Passagen und mehrstimmige a-cappella-Satzgesänge – an denen neben Morse auch Bill Hubauer und Mike Portnoy beteiligt sind – stehen im bewussten Kontrast zu kraftvollen, rhythmisch komplexen transatlantischen Ausbrüchen. Gerade diese Wechsel verleihen dem Album seine Spannung.

Dass diesmal kein 20-Minuten-Epos den dramaturgischen Mittelpunkt bildet, wirkt dabei nicht wie ein Mangel, sondern wie ein Statement: Konzentration statt Überlänge. Die Songs sind kompakter, aber nicht weniger ambitioniert. L.I.F.T. ist dabei ein typisches Neal Morse Konzeptalbum und erzählt die innere Geschichte eines Menschen, der aus einer verletzten Kindheit kommt – geprägt von emotionaler Abwesenheit, familiären Brüchen und dem Gefühl, nicht wirklich gewollt oder gesehen zu sein.

In „I Still Belong“ und „Fully Alive“ erscheint zunächst die kindliche Perspektive: ein intuitives Wissen, dass man „dazugehört“, obwohl das Umfeld brüchig ist . Dieses frühe Empfinden steht im Kontrast zu dem, was folgt.

Mit „Hurt People“ und „The Great Retreat“ wird das Muster klar: Verletzte Menschen verletzen weiter . Die familiären Risse, das emotionale Vakuum, das Vergraben von Tränen führen zum „großen Rückzug“ – einem inneren Schutzmechanismus, der jedoch zur Gefangenschaft wird.

Der Tiefpunkt liegt in „Shame About My Shame“: Hier ist nicht nur Scham da, sondern Scham über die eigene Scham. Ein Kreislauf aus Selbstverurteilung, Angst und dem Gefühl, dauerhaft befleckt zu sein. Das ist der psychologische Nullpunkt des Albums.

Von dort beginnt die Wende. In „Reaching“ wird erstmals aktiv ausgestreckt – nach Veränderung, nach einem „Mehr als ich bin“. Es taucht die Metapher des Amphibiums auf: Leben in zwei Welten – der alten verletzten Identität und einer neuen, noch ungewohnten Wirklichkeit der Gnade.

Mit „Carry You Again“ verschiebt sich die Perspektive: Eine tragende, bedingungslose Liebe tritt ins Zentrum. Nicht Leistung, sondern das getragen werden ist die Antwort. Der Abschluss in „Fully Alive (Part 2)“  und  „Love All Along“ und formuliert schließlich die Auflösung: Es war „Liebe da von Anfang an“ Die ursprüngliche Wahrheit – „Ich gehöre dazu“ – war nie verloren, sondern nur negativ überlagert.

Das Cover von L.I.F.T. zeigt einen Mann in Anzug, der in einer kargen, felsigen Landschaft steht. Vor ihm ragt eine frei im Raum stehende, geöffnete Tür auf. Durch diese Tür blickt er – unterstützt von einem Fernglas – auf einen helleren Himmel, in dem mehrere Heißluftballons aufsteigen. Außerhalb des Türrahmens bleibt der Himmel grau und leer. In der Hand hält er eine zerfetzte weiße Fahne.

In Verbindung mit dem Albumkonzept lässt sich das Bild als visuelle Verdichtung der inneren Reise deuten. Die steinige Landschaft spiegelt einen emotional ausgedörrten Zustand wider – Rückzug, Selbstschutz, Isolation. Die Tür steht nicht für einen Ortswechsel, sondern für einen Perspektivwechsel: Sie ist ein Durchgang in eine andere Sicht auf die eigene Realität. Dass die aufsteigenden Ballons nur durch diese Öffnung sichtbar sind, unterstreicht, dass Hoffnung und „Erhebung“ nicht außerhalb existieren, sondern durch eine neue innere Haltung wahrgenommen werden.

Überlegen wir am Ende, was das Akronym des Albumtitels eigentlich bedeutet, man kann es durchaus verschieden interpretieren. Vielleicht steht L.I.F.T. am Ende gar nicht für eine fest definierte Formel – und doch könnte man es nach dieser Reise als „Life Is Faith & Trust“ lesen. Ein Leben, das sich nicht selbst tragen muss, sondern getragen wird, denn: You still belong – Du gehörst schon immer und auch immer noch dazu.

pic: (C) Nick Magnuson

Neal Morse Band

 Neal Morse / vocals, keyboards, guitars
Eric Gillette / guitars, vocals
Bill Hubauer / keyboards, vocals
Randy George / bass
Mike Portnoy / drums, vocals

Label: Radiant Records | Inside Out

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