Livereport: „Balladen aus einem Land vor unserer Zeit“ – Zöllner | Schmid | Arnold | Gensicke, Pirna Kleinkunstbühne Q24, 18.02.2026

Schon länger beobachten wir mit Freude dieses Projekt, auch wenn es kein Prog ist. Nicht nur wegen unseres ureigenen „Stone-Prog-Podcast-Mareks“ in dieser Band, sondern auch, weil hier die bekannten alten Songs von diesseits in neuem Gewand präsentiert werden. In der Corona-Zeit bietet Dirk Zöllner wie viele andere Musiker verschiedene Online-Streamings an, um Kontakt zum Publikum zu halten. In einer dieser Sendungen performt er gemeinsam mit Manuel Schmid ein paar Songs, was beim Publikum super ankommt. So wird die Idee geboren, dies zu erweitern und in einer kleinen Band auszuprobieren. Manuel holt seinen musikalischen Busenfreund Marek Arnold an Bord und Dirk seinerseits seinen langjährigen Kumpan André Gensicke.

Ab Ende 2023 wird aktiv an diesem Projekt gearbeitet: Titel werden ausgewählt, speziell für diese vier Musiker ausarrangiert und Anfang 2024 in fünf mittelgroßen Locations zur Aufführung gebracht. Überraschenderweise sind gleich vier dieser fünf Konzerte ausverkauft, was quasi als Aufforderung zum Weitermachen verstanden wird. Ein Mitschnitt dieser Konzerte wird von den Profis für Doppel-CD und Dreifach-Vinyl bearbeitet und in der nun zehn Konzerte umfassenden Tour 2025 zum Verkauf angeboten. Auch diese Tour ist weitgehend ausverkauft. Bereits hier wollen wir ins Q24 nach Pirna gehen, was uns aufgrund des hohen Andrangs nicht gelingt. Für 2026 können wir das besser planen, und es gelingt uns, Karten für eines der zwei ausverkauften Konzerte in Pirna zu ergattern. Wie schon erwartet, gehen die aktuellen Tickets für die nun schon 22 stattfindenden Konzerte weg wie warme Semmeln. Das Projekt trifft definitiv einen Nerv des Publikums, und eine gewisse Magie, die diese Musik versprüht, ist nicht zu leugnen.

In Pirna kommt definitiv der Veranstaltungsort als magisches Momentum hinzu. Die Kleinkunstbühne Q24 ist ein kleiner, feiner, ehrenamtlich geführter Club etwas abseits in der Pirnaer Altstadt. Mit 150 Stühlen ist der Laden voll gestellt. Ein kleiner Club für diese intime Musik – besser geht’s nicht. Natürlich sind auch wesentlich größere Spieltheater ausverkauft, aber ich denke, die Musiker haben ganz bewusst gewählt, hier im zweiten Jahr nacheinander wieder zu spielen.

Das Vergangenheits-Kopfkino fängt gleich mit einem großen, leisen Moment an. Der Titel „Sommernacht“ beginnt bekanntermaßen mit Solostimme ohne jegliche Begleitung. Manuel Schmid steht hinten an der Publikums-Eingangstür, beginnt ohne jegliche Verstärkung zu singen und läuft so zur Bühne. Eine Strophe weiter folgt ihm Dirk Zöllner genauso. Bereits von diesem ersten Moment an ist das Publikum von der Darbietung der vier Herren berührt. Die beiden Stimmen von Manuel und Dirk harmonieren großartig miteinander.

Die begleitenden Arrangements sind eher balladesk ausgearbeitet, die für die jeweiligen Songs verwendeten musikalischen Mittel treffen genau auf den Punkt. Das darf auch mal als Drums-Ersatz ein rhythmisches Klatschen auf den Bauch von Dirk („Wer die Rose ehrt“) oder auf die Knie von Manuel („Tagesreise“ – der Prog-Song des Abends!) sein. Ansonsten übernimmt Manuel die Arbeit am Cajon als rhythmische Begleitung, besonders mit zunehmender Konzertdauer. Manuel und André ergänzen sich in der Keyboard-Arbeit, wobei bei André die Verantwortung auf dem Bass-Groove liegt – dort, wo er gebraucht wird. Mareks Saxofone sind das Salz in der Suppe. Immer irgendwie gegen die Melodien gebürstet, lässt dies auch beim kitschigsten Song keine Langeweile aufkommen.

Die Songs sind zurückhaltend arrangiert, aber es wird an musikalischen Mitteln trotzdem nicht gespart. Da nimmt Dirk Zöllner schon mal die Akustikgitarre in die Hand oder Marek Arnold die Blockflöte. Plötzlich taucht aus dem Off Tobias Hillig für eine Begleitung an der E-Gitarre auf, um danach gleich wieder von der Bühne zu verschwinden. Klasse ist die Party, die Dirk und Manuel bei „Heute bin ich allein“ aufkommen lassen. Das Publikum ist vom ersten Ton an so textsicher und laut, dass Manuel auf der Bühne beinahe erschrickt. Das Projekt ist 2026 im dritten Jahr unterwegs und präsentiert mit „Das Lied aus einem Land vor unserer Zeit“ und „Das blaue Lied“ erstmals zwei neue, selbst komponierte Songs, die nahtlos zu den Klassikern in das Konzert passen.

Man mag sich fragen, woher die Wirkung und damit der Erfolg dieser Konzerte kommen mag. Natürlich verbreiten die Songs ein Stück weit Nostalgie. Aber schnell merkt man, dass nicht nur Hits von damals ausgewählt sind, um zu gefallen. Auch unbekanntere Stücke zieren die Setlist. Oder die beiden neuen Stücke. Es ist aber kein Ausfall dabei. Alle Stücke werden mit Begeisterung, Authentizität und einer gewissen balladesken Inbrunst vorgetragen. Die Musik wird ernst genommen, und das Publikum spürt das.

Ein weiterer Grund ist die bewusst intim und schlank gehaltene Bandstruktur. Zwei Sänger, zwei Keyboarder, ein Saxofonist. Natürlich sind es auch die Songs „aus dem Land vor unserer Zeit“. Die enthalten eben nicht bloß drei Harmonien. Sie stammen aus einer Zeit, in der ein Pop-Song nicht selten noch ein Kunstwerk war. Die Texte waren damals ganz häufig doppeldeutig gesetzt; denn nur so konnten damals Botschaften transportiert werden, die nicht offen gesagt werden durften. Ein absolutes Meisterwerk ist hier „Nach Süden“, dessen einfache Worten man mindestens in drei Richtungen interpretieren kann: Sehnsucht nach Wärme im Winter, Sehnsucht nach anderen unerreichbaren Ländern und/oder Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Harmonie. Die Stücke mit im Ursprung oftmals opulenten Arrangements, welche in den 70ern und auch 80ern modern waren, sind entschlackt sowie auf das musikalisch Wesentliche reduziert und entfalten damit eine hochintensive Wirkung.

Uns begeistert besonders der Erfolg dieses Projektes. Klar ist der Abend für das Publikum ein Trip in die eigene Vergangenheit, aber auch Menschen, die nicht hier groß geworden sind, staunen über die Qualität dieser Lieder. Steve Hackett kommt uns als Analogon in den Sinn. Seit 15 Jahren feiert er weltweit Erfolge auf den Konzertbühnen, besonders mit dem Performen von alten Genesis-Stücken, und das Publikum scheint nicht müde zu werden, diese erleben zu wollen. Dirk Zöllner, Manuel Schmid, Marek Arnold und André Gensicke machen es genauso, nachdem sie einen Bedarf beim Publikum erkannt haben, welches diese Stücke von vor 1989 in dieser Form im Konzert hören möchte. Für 2027 wird die Tourvorbereitung erstmals aus privaten Händen in die Hände eines professionellen Tour-Managements gelegt. Das Projekt hat eine Größenordnung erlangt, dass es als Hobby wie bisher nicht mehr zu stemmen ist. Wir freuen uns sehr mit den Jungs und freuen uns schon wieder auf die ausverkauften Häuser im kommenden Jahr.

Setlist

Teil 1

Sommernacht (im Original von Lift)
Wer die Rose ehrt (im Original von Renft)
Guten Tag (im Original von Veronika Fischer) 
Nach Süden (im Original von Lift)
Am Abend mancher Tage (im Original von Lift)
Dein Gesicht (im Original von Holger Biege)
In uralter Zeit (im Original von Veronika Fischer)
Nachtigall (im Original von 4PS)
Schnee und Erde (im Original von Stern Meissen)
Das Lied aus einem Land vor unserer Zeit

Teil 2

PS (im Original von Silly)
Asyl im Paradies (im Original von Silly)
 Wind trägt alle Worte fort (im Original von Lift)
Mein Herz soll ein Wasser sein (im Original von Stephan Trepte)
Es gibt Momente (im Original von Hansi Biebl Band)
Heute bin ich allein (im Original von Reinhard Lakomy)
Reichtum der Welt (im Original von Holger Biege)
Als ich wie ein Vogel war (im Original von Renft)
Abendstimmung (im Original von Karat)
Viel zu weit (im Original von Die Zöllner)

Zugaben

Das blaue Lied
Käfer aufm Blatt (im Original von Die Zöllner)

Text: Gunter Dreßler | Bilder: Andreas Tittmann (Tivoli Freiberg)

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