Wie einfach ist es, eigene Songs, die man vor 30 Jahren geschrieben hat, neu einzuspielen? Die Antwort: schwieriger als gedacht. Jedenfalls wenn man Andy Tillison Glauben schenken darf. Dieser als Mastermind von The Tangent bekannte Komponist, Texter und Multiinstrumentalist hat genau dieses getan: er hat sich seiner in den Mitt-Neunzigern gegründeten Band Parallel Or Ninety Degrees erinnert und Stücke von den ersten drei Alben dieser Band neu bearbeitet und aufgenommen. Etwas Ähnliches hatte Tillison schon einmal vor rund 5 Jahren unternommen, als er Stücke der ehemaligen italienisch-albanischen Band Allium zusammen mit Jonas Reingold und dem italienischen Sänger Alberto Tiranti aus dem Gedächtnis heraus aufnahm.
Was diesmal anders ist: auf dem neuen Album „aftersometimelater“ werden nur Stücke gespielt, die kompositorisch auf das Konto von Tillison gehen, musste er die Stücke nicht aus dem Gedächtnis rezitieren und hat er sie (mit einer Ausnahme) im Alleingang erneut eingespielt. Und weil ihm wohl anderenfalls zu langweilig dabei geworden wäre, hat er das Album selbst abgemischt, produziert, gemastert und sich um Artwork und Layout gekümmert. Ob da genug Zeit für die Musik blieb?

Tracklist
1. The Afterlife Sequence (22:45)
2. Blues For Lear (8:37)
3. Unforgiving Skies (9:54)
4. Bedtime Routines (10:00)
5. The Sea (Parallel Or 90 Degrees) (9:59)
6. Run In Rings (7:15)
Und ob da Zeit für die Musik blieb! 68 ½ Minuten, um genau zu sein. Das geht gleich gewaltig los mit dem 23-Minüter „The Afterlifecycle Sequence“, der sich in 6 Kapitel unterteilt und jedem Tangent-Fan die Gehörgänge aufblühen lassen sollte. Noch nicht ganz zur Perfektion herangereift, stechen hier aber bereits die Trümpfe, die später einmal die Musik von The Tangent ausmachen sollen. Diese komplexe Mischung aus Progressive Rock und Jazz-Elementen ist bereits hier angelegt, diese Wechsel von Rhythmen und Stilen bereits hier prägend. Tillisons Stimme klingt angenehm wie immer, insbesondere die Keyboards tragen den Hörer durch diesen prae-Tangent-Kosmos. Die Texte sind hintergründig (das Auftaktstück beschreibt die Geschehnisse unmittelbar nach dem eigenen Ableben), es ist alles schon da. Das zweite Stück „Blues For Lear“ liefert entspannten Lounge-Jazz mit Basseinsatz des in der Prog-Szene nicht gänzlich unbekannten John Jowitt.
Dass Akustik-Gitarre und Prog-Symphonie durchaus zusammenpassen können, beweist „Unforgiving Skies“. Das folgende „Bedtime Routine“ klingt passend zum Titel weitgehend verträumt, wechselt aber mittendrin zu dramatischen Sequenzen. Das kann man aus dem Hause Tillison bekanntermaßen aber auch erwarten. Und auch wenn der gute Andy schon damals (fast) alles im Alleingang gemacht hat, so hat er sich doch beim Komponieren des Stückes „The Sea (Parallel Or 90 Degrees)“ bei einem Stück des schwedischen Keyboarders Bo Hansson bedient, das „The Sun (Parallel Or 90 Degress“) hieß und so en passant den Bandnamen lieferte. Dieses Stück mit seinem repetitiven Bass-Hintergrund und dem eher geflüsterten Gesang baut langsam aber sicher eine unglaubliche Spannung durch geschickte Gitarren- und Keyboardeinwürfe auf, bei denen auch Flöten- und Saxophon-Töne modelliert werden. Das abschließende „Run In Rings“ liefert eine dramatisch-gertragene Ballade mit einem furiosen Finale.
Im Fazit ist „aftersometimelater“ ein ernstes, musikalisch dramatisches Werk, das das Gegenteil von Hintergrundmusik zelebriert. Aber das sind wir von Andy Tillison ja schon gewohnt. Für The Tangent-Fans ist dieses Album ein absolutes Muss.
Musiker
Andy Tllison: alle Instrumente
außer
John Jowitt: Bass in „Blues For Lear“
Artwork | Layout: Andy Tillison Fotos: Chris Walkden | Dorothy Tillison
Label: White-Knight Records
