“Woodcut” ist eines der Highlights des noch relativ jungen Jahres geworden, das Stone Prog Team war jedenfalls begeistert. Folgerichtig unterhielt sich Renald exlusiv für Stone Prog mit Bandleader Gregory Spawton.

Zwischen dem aktuellen Studioalbum und dem Vorgänger habt ihr mit “A Flare On The Lens” und “Are We Nearly There Yet” gleich zwei Live-Alben veröffentlicht. Warum?
Live-Alben haben sich sehr verändert. In den Siebzigern hat man ein oder zwei Livealben in der Karriere einer Band veröffentlicht. Sie waren also relativ selten. Heute ist es so, dass Leute, die auf ein Konzert gehen, auch etwas von diesem Konzert haben wollen, etwas, an das sie sich erinnern können. Aber Livealben sind natürlich auch ein Teil des Musikgeschäftes, mit dem Bands Einnahmen generieren können. Touren werden dadurch finanzierbar. Ohne solche Verkäufe kann eine Tour schnell zu einem Verlust führen. Und die Livealben können auch eine Promotion für zukünftige Touren sein. Leute, die uns vielleicht noch nicht gut kennen, können dadurch ermutigt werden, Tickets zu kaufen. Du kannst dich heute nicht mehr einfach zurückziehen. In den Achtziger gab es große Bands, für die war es ausreichend, alle fünf Jahre ein Album zu veröffentlichen. Heute musst du regelmäßig aktiv sein, wie in den Siebzigern. Damals haben die Band jedes Jahr ein Album veröffentlicht und auch viel getourt. Du musst sicherstellen, dass deine Musik für die Leute verfügbar ist.
“Woodcut” ist euer erstes Konzeptalbum geworden!
Es ist zumindest das erste, das einem Narrativ folgt. Davor gab es ähnlich wie bei Pink Floyd schon Alben, die sich um ein spezielles Thema drehten, aber das ist das erste, das einer Geschichte folgt, wie „The Lamb Lies Down On Broadway“. Es mag etwas seltsam für eine Progband sein, die so lange aktiv ist, dass es so lange gedauert hat, aber es war der richtige Zeitpunkt dafür. Wir sind sehr stolz darauf. Es ist ein sehr durchdachtes Album, nicht nur zusammengefügte Teile. Wir mussten sehr kreativ sein, um am Ende ein großes Musikstück zu haben. Es war eine lange Reise bis ans Ziel, aber wir haben es genossen.

Im Vorfeld konnte man lesen, dass euer Manager die Idee für ein Konzeptalbum gar nicht so toll fand. Dabei sind doch gerade im Prog Konzeptalben alles andere als selten und oft auch sehr erfolgreich!
Ich denke, die beiden großen Konzeptalben der Siebziger waren Tales from Topographic Oceans von Yes und The Lamb Lies Down On Broadway von Genesis. Bei beiden Alben gab es damals durchaus negative Stimmung. Rick Wakeman mochte das Album nicht und das Echo auf The Lamb war gemischt. Und das letzte Konzert der Tour wurde sogar gecancelt, weil nicht genügend Tickets verkauft wurden. Das mag heute komisch klingen, beide Alben zeigen Yes und Genesis auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten und enthalten großartige Musik, aber damals warteten Punk und New Wave quasi um die Ecke und die Leute begannen, diese Musik vielleicht als zu überambitioniert zu empfinden. Ich glaube, daran hat unser Manager gedacht, als er sagte, muss das wirklich sein. Aber du hast recht. Ich glaube seit den Neunzigern hat jede Progband ein Konzeptalbum veröffentlicht und es ist etwas sehr Normales geworden.
Ist die Story von “Woodcut” für den Hörer klar erkennbar oder eher frei interpretierbar?
Bei uns ist die Geschichte ziemlich klar, aber es gibt auch Spielraum für den Hörer. Unser Protagonist, der Künstler, der Holzschnitte herstellt, wird zum Beispiel besessen von seiner Arbeit, und man weiß nicht, ist da etwas Übernatürliches im Spiel oder passiert alles in seinem Kopf. Wir haben ja auch einige Videos gemacht, wo wir auf die Story eingehen. Aber sobald du Musik veröffentlicht hast, gehört sie nicht mehr dir, sondern dem Hörer. Und er macht daraus, was er möchte.
Was kam zuerst? Texte oder Musik?
Es ist tatsächlich von beidem etwas. Alberto Bravin, der Sänger, hat die Musik zusammengefügt. Er kannte zunächst die grobe Geschichte. Er kam dann nach England und wir saßen mit Clare, die die meisten Texte geschrieben hat, zusammen und hörten seinen Backing Track und sagten, wo etwas geändert werden müsste und er lieferte dann ein Update. Also entstand die Musik vor den Texten, aber da wir das Konzept kannten, konnten wir sie beeinflussen, um einen Flow zu erzeugen. Gegen Ende des Albums gibt es diesen Song „Counting Stars“ und das ist ein Stück, wo der Künstler einen gewissen inneren Frieden findet. Dieser Text wurde klar durch die Natur der Musik geformt. Das Album ist relativ dunkel für Big Big Train, diese Einschätzung habe ich auch heute gerade auf Facebook gelesen, aber wir wollten kein Album mit einem trostlosen Ende, es sollte eher aufbauend sein. Es war also nicht einfach nur, hier ist die Musik, schreib die Texte. Die Texte bekam dann Alberto,und er gab uns Feedback, er muss sie ja auch singen können. Wenn du ein Gedicht schreibst, dann muss es sich gut lesen lassen und das war es dann. Bei einem Liedtext für einen Sänger kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Wie klingt der Text, wenn er ihn singt? Von allen Alben, die wir gemacht haben, ist das das Album, an dem wir am stärksten zusammengearbeitet haben, es ist wirklich die Leistung der gesamten Band.
Alberto hat das Album ja auch produziert..
Ich hatte das Gefühl, wir brauchten jemanden, der das Ganze steuert. Alberto war die natürliche Wahl. Er ist sehr kreativ, er ist aber auch in der Lage zu sagen, das gefällt mir nicht, lasst uns etwas anderes versuchen. Er ist eine starke Persönlichkeit. Er ist jetzt eine Weile in der Band und das ist das zweite Studioalbum mit ihm. Es nimmt auch eine Last von mir, ich bin viel älter. Zwölf Stunden am Tag am Control Desk arbeiten ist hart.

Das Album enthält all die verschiedenen Big Big Train Trademarks – Prog, etwas Härte, etwas Folk, symphonische und komplexe Elemente…
Der Vorteil von Big Big Train ist, dass wir so viele Bandmitglieder haben, die auch Songs schreiben. Jeder bringt das ein, was er am besten kann. Nick zum Beispiel ist wirklich gut darin, Instrumentalpassagen zu schreiben. Die Band kann zeigen, was sie kann, aber die Passagen sind auch sehr melodisch. Clare hat diesen Folk-Background, Alberto kommt mehr vom Heavy und Siebziger Rock, ich vom klassischen Prog und Oskar sorgt für eine gewisse nordische Komponente. Ich denke, wir haben uns mehr in Richtung einer Rockband entwickelt. Aber was ich am Prog so liebe, du hast die breiteste Spanne an Musik die eine Rockband nur haben kann. Und es ist der Job der Band, dafür zu sorgen, dass all diese Dinge zusammen passen. Aber es gibt keine Zwänge in eine bestimmte Richtung.
Ihr beginnt ja als UK – Band. Heute kommen eure Mitglieder auch aus Amerika, Skandinavien oder Italien. War das Absicht?
Es war eher Zufall. Aber es ist ein sehr kostspieliger. Wenn der Drummer aus den USA kommt und der Gitarrist aus Schweden. Wir sind eine Band, die es liebt, Dinge gemeinsam zu machen. Wir arbeiten nicht remote, wir nehmen zusammen im Studio auf, wir spielen Gigs zusammen, da sind wir eine altmodische Band. Aber die Harmonie in der Band ist großartig. Selbst wenn wir Wochen zusammen im Tourbus sind, mag jeder immer noch die Gesellschaft der anderen. Da sind unterschiedlich Altersgruppen, unterschiedliche Geschlechter. Ich bin ja eine Art Hippie, der es liebt, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen. Das ist sehr inspirierend für mich. Die Reise von Big Big Train ist schon sehr außergewöhnlich. Wir haben in der Vergangenheit gute Sachen gemacht, aber ich bin sehr zufrieden, wie die Dinge jetzt sind. Es ist das perfekte Umfeld für mich, um Musik zu machen.
Ihr wart Headliner der letzten NotP!
Leider hat es geregnet. Wir haben uns das Set von Steve Rothery angesehen und dann zogen die Wolken auf. Touren heißt eben, du spielst auf einer winzigen Bühne vor fünfzig Leuten oder vor ein paar Tausend auf der Loreley. Es war uns eine große Ehre, die letzte Band gewesen zu sein, die dort gespielt hat. Es ist schade, dass es das Festival nicht mehr gibt. Ich habe live viele positive Erfahrungen gemacht, aber auch einige negative. Aber so ist das Leben eben. Die letzten Worte auf „Woodcut“ sind „Keep Moving On“. Und das ist mein Motto und das der Band. Wenn du still stehst, wenn du aufhörst das Leben zu erfahren, das ist Zeit, die bekommst du nicht zurück. Mach weiter, mach was dir gefällt, genieße dein Leben und nimm die Herausforderungen an, wie sie kommen.
