Der Titel des Abends war treffend gewählt: „An Evening with Uli Jon Roth“ war weniger ein klassisches Rockkonzert als vielmehr eine persönliche musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte. Schauplatz war der kleine Saal des Neuberinhauses in Reichenbach – eine Location, die Roth bereits kennt, denn im großen Saal des Hauses war er schon früher im Rahmen des Artrock Festival aufgetreten. Ursprünglich war das Konzert im Bergkeller Reichenbach geplant, doch der große Zuspruch ließ die Kapazität der dortigen Location schnell an ihre Grenzen stoßen. Nachdem der Bergkeller bereits frühzeitig als ausverkauft gemeldet war, wurde der Auftritt schließlich in den kleinen Saal des Neuberinhauses verlegt. Der Beginn des Konzerts fiel bewusst minimalistisch aus. Auf der Bühne standen lediglich ein Mikrofonständer, ein Laptop und zwei Gitarren – Roths berühmte Sky Guitars. Während auf einer großen Projektionsfläche im Hintergrund kosmische Bilder von Sternen, Galaxien und fliegenden Objekten vorbeizogen, begann der Gitarrist zu spielen. Die orchestralen Begleitungen kamen aus dem Laptop, während Roth seine Gitarrenparts live dazu ausführte – ein Konzept, das zwar ungewöhnlich wirkt, ihm jedoch ermöglicht, auch komplexe Arrangements als Solokünstler umzusetzen.

Wer den Musiker noch von früheren Auftritten mit Schnauzbart und Stirnband in Erinnerung hat, dürfte sich zunächst verwundert die Augen gerieben haben. Stattdessen erschien Roth mit stattlichem Vollbart, rotem Barett, roter Samtjacke und schwarzer Samthose. Sein Erscheinungsbild erinnerte eher an einen Renaissance-Künstler oder wandernden Minnesänger als an einen klassischen Hard-Rock-Gitarristen – ein Eindruck, der erstaunlich gut zu seinem heutigen Programm passt.
Im Zentrum des Abends stand Roths selbst entwickelte Sky Guitar, ein Instrument, das sich deutlich von herkömmlichen E-Gitarren unterscheidet. Neben den auffälligen leuchtenden Stern-Inlays im Griffbrett und dem ebenfalls sternverzierten Headstock besitzt die Gitarre vor allem konstruktive Besonderheiten.
Der Hals ist deutlich verlängert und ermöglicht einen Tonumfang von rund sechs Oktaven – ein Bereich, der ungefähr zwischen den Registern von Violine und Cello liegt. Die besondere Form des Korpus erlaubt es dem Gitarristen, auch in den höchsten Lagen Töne noch bequem zu greifen. Gerade für Roths Interpretation klassischer Stücke ist dieser erweiterte Tonumfang entscheidend.
Hinzu kommt eine Vielzahl von Reglern und Effektpotentiometern, mit denen sich unter anderem Echoeffekte und deren Geschwindigkeit steuern lassen. Roth demonstrierte einige dieser Funktionen auf humorvolle Weise und bemerkte lachend, dass selbst er gelegentlich überlegen müsse, welcher Regler gerade welchen Effekt auslöse.
Ein weiteres Detail sorgte im Publikum für Verwunderung – Die Saiten der Gitarre würden sich – so Roth – weitgehend selbst stimmen, lediglich die Basssaite bilde eine Ausnahme. Die technische Funktionsweise der automatischen Abstimmung sei allerdings schwer zu erklären.

Mittlerweile existieren mehrere Exemplare dieses Instrumententyps. Roth besitzt selbst verschiedene Sky Guitars und wechselte im Verlauf des Abends auch zwischen ihnen. Zwar seien diese Gitarren inzwischen auch frei erhältlich, erzählte er, doch manche Käufer würden sie lediglich als dekoratives wenn auch recht teures Sammlerstück erwerben – nicht zuletzt, weil sie ausgesprochen anspruchsvoll zu spielen seien.
Der erste Teil des Programms war stark von klassischer Musik geprägt. Besonders eindrucksvoll gerieten Roths Bearbeitungen von Werken des österreichischen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. So interpretierte er etwa den berühmten Türkischen Marsch aus Mozarts Klaviersonate A-Dur auf der Sky Guitar und übertrug die rasanten Läufe des Klavierstücks mit erstaunlicher Leichtigkeit elegant auf die Saiten. Einen weiteren Höhepunkt bildete die Arie der Königin der Nacht aus der Oper Die Zauberflöte. Die virtuosen Koloraturen dieser Arie verwandelte Roth in eine beeindruckende Gitarrenetüde, bei der die hohen Tonläufe scheinbar mühelos über das Griffbrett flossen.
Erst nach dem zweiten Stück begrüßte Roth das Publikum offiziell – danach entwickelte sich jedoch schnell eine sehr persönliche Atmosphäre. Zwischen den Stücken plauderte er ausführlich aus seinem Leben, erzählte von Tourneen in den USA und erinnerte sich an seine großen Erfolge in Japan während der 1970er-Jahre mit den Scorpions. Besonders sprach er über Auftritte in Städten wie Hiroshima und Tokio – geschichtsträchtige Orte, an die er später im Rahmen seiner ‚Return to Japan‘ Tour erneut zurückgekehrt ist.
Nach dem Mozart-Block kündigte Roth augenzwinkernd an, man werde nun „ein paar Jahrhunderte zurückgehen“. Gemeint war die Musik des italienischen Barockkomponisten Antonio Vivaldi. Den Auftakt bildete der berühmte Frühling aus Vivaldis Zyklus Die vier Jahreszeiten. Roth übertrug das bekannte Violinthema erstaunlich originalgetreu auf die elektrische Gitarre. Sommer und Herbst ließ er dann bewusst aus. Mit einem Lächeln erklärte er dem Publikum, man wolle sich stattdessen direkt dem Winter widmen – schließlich sei dieser im Monat März gerade erst vorbei. Nach der Interpretation des Winter-Motivs ging Roth nahtlos in sein eigenes Werk Metamorphosis über. In diesem Stück verarbeitet er Motive aus Vivaldis Musik und entwickelt sie weiter zu einer modernen Gitarrenkomposition, in der barocke Strukturen und rockige Klangfarben miteinander verschmelzen.
Gerade dieser Übergang zeigte deutlich, dass Roth klassische Musik nicht einfach nur interpretiert, sondern sie zu einer eigenen musikalischen Sprache weiterentwickelt.

Doch ‚An Evening with Uli Jon Roth‘ bestand nicht nur aus musikalischen Grenzgängen, sondern auch aus vielen persönlichen Momenten und direkten Begegnungen mit dem Publikum. In sein Programm baute Roth auch eine Fragerunde mit dem Publikum ein. „Ihr könnt mich alles fragen“, kündigte er augenzwinkernd an, „außer zwei Dinge – was es heute zum Frühstück gab – und warum ich bei den Scorpions ausgestiegen bin.“ Gerade diese Frage, so erklärte er, sei er inzwischen leid, immer wieder gestellt zu bekommen. Natürlich ließ ein Witzbold im Publikum nicht lange auf sich warten und fragte ausgerechnet danach. Roth nahm es mit Humor und beantwortete die Frage schließlich doch: Seine eigene künstlerische Entwicklung sei mit dem weiteren Werdegang der Scorpions nicht mehr vereinbar gewesen – ein Verbleiben in der Band hätte für ihn Stillstand bedeutet.
Ein weiterer unterhaltsamer Moment entstand, nachdem ein Zuschauer aus Thüringen wissen wollte wissen, ob Roth mit dem DDR Volksmusik-Star und Akkordeonspieler Herbert Roth verwandt sei. Die Frage sorgte für große Heiterkeit im Saal, denn dieser war seinerzeit der erklärte Antichrist zur Rockmusik der 70 er Jahre. Vom Alter her hätte er durchaus sein Vater sein können, eine Verwandtschaft sei ihm jedoch nicht bekannt. Der Name Roth sei früher recht häufig gewesen, meinte er, verschwinde aber zunehmend – er selbst sei daher so etwas wie ‚der letzte Mohikaner‘.
Auch auf die Federn, die seine Gitarrenhälse schmücken, ging er nach einer entsprechenden Frage ein. Zum einen wirkten die Hälse ohne solche Verzierungen etwas leer, zum anderen möge er schlicht alles, ‚was Federn hat und fliegt‘. Diese Vorliebe spiegelt sich auch in seinen Gemälden wider, in denen häufig Vögel, Engel, Pegasus oder Einhörner auftauchen – Motive, die sich auch in den kosmischen Videoprojektionen des Abends wiederfanden.
Im Verlauf des Konzerts stellte Roth außerdem sein Buch vor – ‚In Search of the Alpha Law‘. Das über 600 Seiten starke Werk – rund vier Kilogramm schwer – präsentierte er dem Publikum mit sichtbarem Stolz. Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um eine Autobiographie, sondern um eine Sammlung seiner philosophischen Gedanken über das Leben, die Musik und deren Gesetzmäßigkeiten. Seit seiner Zeit bei den Scorpions ist Roth nicht nur seit über 40 Jahren überzeugter Vegetarier, sondern sieht sich auch als eine Art ‚versteckten Philosophen‘. Die Gesetze der Musik, mit denen er sich beschäftige, könnten seiner Ansicht nach sogar grundlegende Naturgesetze widerspiegeln. Das Buch ist reich bebildert und enthält zahlreiche seiner eigenen Ölgemälde. Der vergleichsweise hohe Preis sei dabei vor allem auf die enormen Produktionskosten zurückzuführen, die bei einem so aufwendig gestalteten Werk in kleiner Auflage entstünden.

Im zweiten Teil des Abends wurde das Programm schließlich rockiger und Roth wechselte dafür auf eine zweite Sky Guitar, um auch Stücke aus seiner Vergangenheit zu präsentieren. Mit Instrumentalversionen von Klassikern aus seiner Zeit bei den Scorpions erinnerte Roth an seine musikalischen Wurzeln. Besonders gefeiert wurde dabei The Sails of Charon, ein Stück, das bis heute als eines der markantesten Gitarrenwerke der frühen Scorpions-Ära gilt.
Zum Abschluss interpretierte Roth schließlich noch den Bob Dylan Klassiker All Along the Watchtower, der in seiner Version deutlich stärker an die berühmte Interpretation von Jimi Hendrix erinnert. Nach dem Konzert zeigte sich Roth schließlich noch einmal von seiner besonders sympathischen Seite.
Am Merchandising-Stand signierte er geduldig alles, was ihm die Fans reichten – darunter auch alte Scorpions-LPs – und nahm sich Zeit für Fotos und Gespräche. Ein nahbarer Abschluss eines Abends, der deutlich machte, dass Uli Jon Roth weit mehr ist als nur ein ehemaliger Rockgitarrist, sondern ein vielseitiger Künstler zwischen Klassik, Rock, Philosophie und einer ganz eigenen kosmischen Bilderwelt.
