Interview mit Michael Dorp von Flying Circus

Mit ihrem aktuellen Album The Eternal Moment setzt die Band aus Grevenbroich ein starkes Ausrufezeichen und den bisherigen Höhepunkt in ihrer 35-jährigen Karriere. Conny Kökert sprach mit Michael Dorp über Momente der Unendlichkeit.

The Eternal Moment klingt zunächst fast abstrakt – zugleich ist das Album sehr konkret, sehr menschlich. Gab es einen Moment im Entstehungsprozess, an dem klar war: Das wird kein loses Song-Album, sondern ein zusammenhängender Gedankengang über Zeit, Erinnerung und Endlichkeit?

Ja, und dieser Moment war ganz am Anfang. Es stand nach 1968 von vornherein fest, dass wir erneut ein Konzeptalbum machen wollten. Der Tod meiner Mutter im Jahr 2016 hatte mich stark beschäftigt, und so habe ich der Band früh die Idee eines Albums über Vergänglichkeit vorgestellt; als thematisches Dach über allem. Wir sind dann direkt sehr strukturiert gestartet, mit einem gemeinsamen Brainstorming aller fünf Bandmitglieder, und haben zentrale Motive herausgearbeitet, aus denen sich später die Unterthemen und einzelnen Songs entwickelt haben. Es war von Beginn an als zusammenhängender Gedankengang gedacht, nicht als lose Sammlung von Stücken.

Der Opener A Talk With The Dead ist kein Schockeffekt, sondern eher ein stilles Öffnen einer Tür. Du hast schon einmal angedeutet, dass hier eine sehr persönliche Geschichte mitschwingt.
Wie schwierig – oder vielleicht auch befreiend – ist es, so private Bezüge in eine Bandkomposition zu überführen?

Tatsächlich empfinde ich das eher als befreiend und fast sogar als einfacher. Zum ersten Mal habe ich mich über ein ganzes Album hinweg wirklich getraut, so offen mit persönlichen Bezügen zu arbeiten.


Bei 1968 war das durch das historische Konzept natürlich anders gelagert. Auch dort haben wir zwar versucht, emotionale Perspektiven einzunehmen, etwa beim Stück über den Prager Frühling, indem wir uns in die mentale Situation der Menschen nach der Niederschlagung hineinversetzt haben. Aber wenn die eigenen Gefühle so unmittelbar einfließen wie bei The Eternal Moment – unter anderem bei A Talk With The Dead, das sich auf meine eigenen Vorfahren, vor allem meine Großmutter mütterlicherseits, bezieht –, dann ist man dem Thema natürlich noch einmal sehr viel näher. Diese Nähe hat mir letztlich geholfen, eindringlicher und vielleicht auch ehrlicher zu schreiben als zuvor.

What Remains endet abrupt, fast verstörend, nach einem hochintensiven instrumentalen Ritt. Ist dieses Ende als Bruch gedacht – als bewusste Verweigerung eines „sauberen Abschlusses“ – oder war genau dieses Unbehagen Teil der Aussage?

Das hast Du mit der bewussten Verweigerung eines sauberen Abschlusses sehr treffend formuliert! Genau das war die Absicht. Auf die Frage, was von uns als Menschen und von unserer Existenz bleibt, gibt es ja keine klare Antwort. Weder Philosophie noch Religion liefern letztlich befriedigende Erklärungen. Niemand weiß, was nach dem Tod geschieht, auch nicht, wie lange wir in der Erinnerung anderer weiterleben. Irgendwann ist es einfach vorbei. Diese radikale Zäsur wollten wir musikalisch spiegeln: ein abruptes Ende aus vollem Lauf heraus, das bewusst Unbehagen erzeugt.

Movie Moments wirkt wie ein in sich ruhender Monolith, besonders im hypnotischen Mittelteil. Hat dieses Stück für dich eine besondere Funktion im Albumfluss – vielleicht als Moment, in dem Zeit tatsächlich kurz außer Kraft gesetzt wird?

Auch hier triffst Du es sehr genau. Der Mittelteil ist vermutlich der Moment auf dem Album, an dem es uns musikalisch am besten gelungen ist, dieses Gefühl der „ewigen Momente“ einzufangen, die man im Leben erlebt. Sie stehen einfach da, sind nicht auszulöschen und bleiben unabhängig von äußeren Ereignissen bestehen. Dass Du dafür das Bild eines Monolithen verwendest, gefällt mir sehr. Schöner kann man es kaum beschreiben.

Flying Circus zitieren auf The Eternal Moment hörbar Prog-Traditionen (YES, Gentle Giant, Birth Control), ohne sich jemals nostalgisch anzufühlen. Wie wichtig ist euch heute der Balanceakt zwischen Verbeugung und Eigenständigkeit?

Eigenständigkeit ist uns deutlich wichtiger als jede bewusste Verbeugung. So großartig die genannten Bands – und viele andere – auch sind: Wir haben nie gezielt versucht, bestimmte Vorbilder zu zitieren oder gar zu imitieren. Manchmal fällt uns im Nachhinein auf, dass ein Part an Band X oder Y erinnert, aber das ist nie geplant. Unser Fokus liegt immer darauf, etwas Eigenes zu schaffen. Alles andere ergibt sich, wenn überhaupt, unbewusst.

Pillikua Akahai ist nicht nur musikalisch ein Ruhepol, sondern auch begrifflich spannend – der „sanfte Riese“ als verschlüsselter Verweis in einer für uns nicht wirklich bekannten Sprache.
Ist das Stück eher als Hommage gedacht oder als Teil eurer eigenen musikalischen DNA, die solche Einflüsse längst verinnerlicht hat?

Da hast Du uns tatsächlich erwischt: Das ist die große Ausnahme. Pillikua Akahai ist bewusst als Hommage an Gentle Giant entstanden. Wobei ich gar nicht sicher bin, ob Roger das von Anfang an so geplant hatte, als er die Grundidee entwickelte. Rüdiger hat den Faden auf jeden Fall aufgenommen, fühlte sich stark an Gentle Giant erinnert und hat das Stück dann konsequent in diese Richtung ausgearbeitet.

Abgesehen davon ist es aber genau so, wie Du es beschreibst: Diese Einflüsse sind Teil unserer musikalischen DNA. Manchmal treten sie deutlicher hervor, werden aber immer neu zusammengesetzt, sodass am Ende klar Flying Circus entsteht. Ganz ähnlich wie bei menschlichen Nachfahren: Sie sind keine Kopien ihrer Ahnen, sondern eine individuelle Mischung aus Herkunft und eigenen Erfahrungen.

Violine, Mandoline, Kirchenorgel – das Album lebt stark von besonderen Klangfarben.
Geht ihr bei solchen Instrumenten eher kompositorisch vor  ‚Was braucht der Song?‘ – oder emotional – ‚Was fühlt sich richtig an?‘ Wie könnt ihr das alles in einen Live-Kontext übertragen – arbeitet ihr hier mit Samples?

Für mich ist das kein Gegensatz: Komposition und Emotion gehen optimalerweise Hand in Hand. Rüdiger kann als ausgebildeter Komponist und studierter Tonsetzer sehr zielgerichtet arbeiten, gleichzeitig achten wir aber immer darauf, dass die Musik emotional stark bleibt. Und wie können natürlich mit mehreren Multi-Instrumentalisten auch viele Ideen selbst umsetzen. Rüdiger ist eben nicht nur Keyboarder, sondern auch Geiger, und Roger nicht nur Bassist, sondern auch Mandolinspieler. Diese Instrumente lassen sich live problemlos integrieren. Und bei Keyboards ist es ja ohnehin gängige Praxis, hochwertige digitale Sounds für Orgel, E-Piano oder Mellotron zu nutzen. Da macht auch eine Kirchenorgel dann keine Ausnahme.

Deine Stimme ist seit Jahrzehnten das konstante Element von Flying Circus – sie wirkt auf diesem Album gleichzeitig reifer und verletzlicher. Warum siehst du dich eher in der Tradition von Steve Marriott als den klassischen Hardrock Shoutern? Hat sich dein Zugang zum Singen über die Jahre verändert, gerade bei Texten, die so stark um Vergänglichkeit und eigene Emotionen kreisen?

Oh: „reifer und verletzlicher“? Das gefällt mir sehr. Wenn dieser Eindruck rüberkommt, dann ist das absolut in meinem Sinne.

Wobei für mich Steve Marriott ja eigentlich der Prototyp des Hardrock-Shouters war. Er hat diese Art zu singen quasi erfunden, allerdings zu einer Zeit, als sie noch kein Klischee war. Seine Stimme konnte mühelos zwischen verletzlicher Intensität und purer Kraft wechseln.
Ich habe es auch in 35 Bandjahren nie geschafft, meinen Zugang zum Singen irgendwie analytisch zu erfassen. Ich mache es einfach. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Texte auf diesem Album eine Rolle spielen. Sie verlangen mehr Offenheit. Und das spiegelt sich sicher automatisch in der Stimme wider. Am Ende singt man ja immer mit dem ganzen Körper, und gerade bei eigenen Texten dringt die Aussage hoffentlich so tief durch, dass sie emotional hörbar wird.

Der Abschied von Roger Weitz verleiht The Eternal Moment im Nachhinein eine zusätzliche Bedeutungsebene. Wie sehr beeinflusst ein solcher Einschnitt das Selbstverständnis einer Band, die auf Kontinuität gebaut ist?

Das war für uns zunächst ein Schock, als Roger uns sagte, dass er sich zur Ruhe setzen will. Die Eternal-Moment-Besetzung war die stabilste, die wir je hatten, und Roger gehörte – nach Michael Rick und mir – zu den dienstältesten Mitgliedern. Dennoch würde ich sagen, dass sich unser Selbstverständnis dadurch nicht grundlegend verändert hat: Gerade in den Jahren mit Roger ist uns sehr klar geworden, wofür Flying Circus stehen soll. Rüdiger sagt immer, die Stärke der Rockmusik liege in der Individualität. Und genau das haben wir gelebt, indem jede musikalische Persönlichkeit ihren Raum hatte. Dieses Konzept führen wir nun mit Dietmar Berteld am Bass weiter. Natürlich wird sich die Band dadurch verändern, denn auch Dietmar soll sich einbringen können. Aber das Grundprinzip – fünf Menschen, fünf Persönlichkeiten – bleibt bestehen.

Flying Circus existieren seit 35 Jahren – eine Zeitspanne, in der viele Bands entweder erstarren oder sich irgendwann selbst kopieren. Was hält euch kreativ beweglich: Neugier, Disziplin, Freundschaft – oder vielleicht gerade die Akzeptanz von Endlichkeit?

Vermutlich eine Mischung aus allem. Neugier ist unerlässlich, um immer wieder neu anzusetzen. Disziplin ist ein wichtiges Werkzeug, ohne das vieles nicht umsetzbar wäre. Freundschaft ist die Grundlage, um offen kommunizieren zu können. Und respektvolle aber ebenso klare Kommunikation ist in einer Band absolut elementar.

Über Endlichkeit im musikalischen Kontext habe ich bisher wenig nachgedacht. Aber der Wechsel von Roger zu Dietmar zwingt uns genau dazu: Rogers Entscheidung zu akzeptieren, hilft uns letztlich, mit etwas Vergangenem abzuschließen und mit etwas Neuem weiterzumachen. Vielleicht gilt das auch für jedes Album. Mit der Fertigstellung endet immer ein Abschnitt, und genau deshalb haben wir nie versucht, ein vorheriges Werk zu kopieren, sondern immer nach neuer Inspiration gesucht.

Die limitierten Editionen und das Vinyl-Artwork mit Lost Places, Polaroids und surrealen Motiven wirken wie eine visuelle Verlängerung der Musik. Wie seid ihr an Danny Raffaniello als Grafiker gekommen?

Das war tatsächlich umgekehrt: Danny Raffaniello ist auf uns zugekommen, nachdem er unsere Musik durch einen Artikel in der eclipsed kennengelernt hatte. Unaufgefordert schickte er uns einen grafischen Entwurf. Und der hat uns sofort überzeugt. Seitdem arbeiten wir  von beiden Seiten wirklich sehr gerne zusammen.

Wie wichtig ist euch heute noch das physische Album als Erinnerungsobjekt – gerade bei einem Werk, das sich so stark mit dem Thema „Was bleibt?“ beschäftigt?

Das ist uns enorm wichtig. Anfangs fand ich es noch charmant, wenn Freunde einem ein neues Album einfach auf die Festplatte kopierten. Aber ich habe schnell gemerkt, dass diese randvollen Festplatten kaum gehört werden. Wir sind überzeugt, dass rein digitaler Musikkonsum Musik entwertet und sie im schlimmsten Fall zum Wegwerfprodukt macht. Das Haptische ist viel bedeutender, als man denkt. Deshalb haben wir mit unserer digitalen „Albumentdeckung“ auf unserer Website, die sich bewusst um das klassische Vinyl-Erlebnis dreht, versucht, dieses alte Gefühl des konzentrierten Albumhörens zurückzuholen.
Ein Album von vorne bis hinten zu hören, ohne Ablenkung: das ist etwas, das seit dem Siegeszug des Streamings zunehmend verloren gegangen ist. Ganz abgesehen davon, dass physische Tonträger für uns finanziell natürlich auch eine ganz andere Bedeutung haben als die bekannt „minimalistischen“ Streaming-Einnahmen.

Wenn The Eternal Moment in ein paar Jahren von jemandem gehört wird, der euch vielleicht gar nicht kennt: Was hoffst du, bleibt hängen – die Musik, die Geschichten dahinter oder einfach ein Gefühl?

Ideal wäre natürlich alles zusammen. Musik und die Geschichten dahinter müssen ja gemeinsam und im Zusammenspiel wirken, und wenn sie das wirklich gut tun, entstehen auch starke Gefühle. Vielleicht ist aber genau dieses Gefühl das Entscheidende: Wenn man Titel wie Dark Side of the Moon, Close to the Edge, Foxtrot, A Night at the Opera, Made in Japan oder Led Zeppelin IV hört, hat man sofort etwas im Kopf – oder auch im Bauch: kein konkretes Riff oder eine Textzeile, sondern ein Gefühl oder fast noch mehr: einen Zustand. Genau das wäre mein Wunsch: dass The Eternal Moment bei Menschen irgendwann genau so ein inneres Echo auslöst.

Danke für das Gespräch!

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